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Liegeräder Schnelles Dreirad: Das Tiefgeschoß

23.05.2006 ·  Die Radtour zum Cappuccino in der nächsten Stadt dauere gewöhnlich etwa eine Stunde, sagte der Freund. Aber mit diesem Ding da, meinte er und deutete auf unser Dreirad, plane man wohl besser anderthalb ein. Weit gefehlt.

Von Hans-Heinrich Pardey
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Die Radtour zum Cappuccino in der nächsten Stadt dauere gewöhnlich etwa eine Stunde, sagte der Freund. Aber mit diesem Ding da, meinte er und deutete auf unser Dreirad, plane man wohl besser anderthalb ein. Knapp vierzig Minuten später ließ sich der Gute japsend im Eiscafe nieder, orderte Wasser und erklärte: Er habe ja nicht geahnt, daß man „wie die Verrückten bolzen“ wolle. Das allerdings hatte allenfalls er getan; der Dreirad-Pilot war von seinem Gefährt genauso entspannt aufgestanden, wie er dem anderen permanent das Hinterrad von „diesem Ding da“ gezeigt hatte.

Geschwindigkeit, das ist der erste Grund, warum das Liegedreirad Scorpion von HP Velotechnik in Kriftel auch jemand gefallen kann, der kein ausgesprochener Liegerad-Liebhaber ist und für den zweispurige Fahrräder eher Behindertenfahrzeuge oder Kinderkram sind. Geschwindigkeit ist beim Fahrrad mit körperlicher Anstrengung verbunden, je schneller, desto mehr. Generell jedes Liegerad kann dadurch überraschen, daß es viel schneller ist, als es aussieht. Das hängt mit der Physik zusammen: Beim flotteren Fahrradfahren ist die Überwindung des Luftwiderstands kräftezehrend. Hierauf wirkt sich eine Reduzierung der sogenannten Stirnfläche, wie in der Aerodynamik der Maximalquerschnitt eines durch die Luft bewegten Körpers heißt, stark aus: Deshalb fahren Rennfahrer vornübergebeugt. Was niedriger ist, kann bei gleichem Krafteinsatz schneller bewegt werden.

Oder andersherum: Um genauso schnell wie ein aufrecht sitzender Radfahrer mit entsprechend großer Stirnfläche zu fahren, muß der Benutzer eines Liegerads wegen seiner geringeren Stirnfläche weniger Kraft aufwenden. Und um dieser schreienden Ungerechtigkeit die Krone aufzusetzen: Er sitzt auch noch unvergleichlich bequemer dabei. Komfort, das macht die Geschwindigkeit des Scorpion zum lässigen Erlebnis. Und zwar auf einem Liegerad, das obendrein ein altes Vorurteil ausräumt: Angeblich sind Liegeräder viel kippliger als herkömmliche Fahrräder. Das Scorpion aber steht und rollt bei langsamstem Tempo gleichermaßen sicher auf drei 20-Zoll-Rädern: zwei gelenkten vorn, einem angetriebenen hinten.

Dazwischen sitzt der Fahrer auf einer gepolsterten und mehrfach in Länge und Neigung verstellbaren Sitzschale namens „Bodylink“ ungefähr so niedrig über dem Boden wie die vier Spalten dieses Artikels breit sind: 24 Zentimeter. Das Tretlager mit den Pedalkurbeln befindet sich 10 bis 15 Zentimeter höher; man liegt mehr auf dem Scorpion, als daß man darauf sitzt, und bekommt vom Bodylink auch noch eine Nackenstütze. Nur das Platznehmen ist untypisch für ein Fahrrad: Man setzt sich - mit dem Zentralrohr des Rahmens zwischen den Beinen - rückwärts wie auf einen besonders niedrigen Stuhl.

Die beiden Vorderräder haben eine Spurweite von 78 Zentimeter, die Gesamtbreite von 83 Zentimeter paßt haarscharf durch Normtüren. Daß man als Lenker die größte Breite stets im Blick hat, ist psychologisch wie praktisch höchst nützlich. Nach hinten ist das Fahrzeug mit einem Radstand von 1,09 Meter und einer zwischen 1,70 und 2 Meter variierenden Gesamtlänge kürzer, als man anfangs meint. Durch Auszug des Zentralrohrs läßt sich das Scorpion an unterschiedliche Fahrergrößen anpassen: Binnen 30 Sekunden war das Dreirad für einen Zwei-Meter-Mann umgerüstet. Und da wir bei den Maßen sind: Der Wendekreis beträgt 3,90 Meter.

Wenn man weiß, wo anpacken, ist das Tragen der knapp 16,5 Kilogramm Dreirad kein Problem; die Nutzlast beträgt 120 Kilogramm. 25 vollgefederte Kilo kann der Gepäckträger über der Heckschwinge (Federweg 70 Millimeter) verkraften. Schön niedrig rechts und links sein Gepäck unterzubringen empfiehlt sich. Ein durch falsches Beladen hochwandernder Schwerpunkt macht in der nächsten Kurve aus dem Drei- ein umkippendes Zweirad. Da, wo die Hände automatisch hinlangen, wenn man sich gesetzt hat, findet man den Lenker, in dessen Enden die Schalthebel stecken. Die Handbremshebel wirken auf die Scheibenbremsen der Vorderräder; fürs Parken gibt es außerdem eine aufs Hinterrad wirkende V-Brake als Feststellbremse.

Am überzeugendsten wirkt das von rund 2500 Euro an zu habende Scorpion bei abrupten Richtungswechseln auf einem Slalomkurs, bei hohen Kurvengeschwindigkeiten und Bremsmanövern mit höchstmöglicher Verzögerung. Da darf man ruhig am Lenker reißen oder nur einseitig in die Eisen steigen; bis man soweit ist, die kurveninnere Bremse gezielt einzusetzen, um schneller um die Ecken zu kommen, verzeiht einem das ausgezeichnete Fahrwerk, daß man mit dem Scorpion vor allem eins haben möchte: Spaß. Der hört da auf, wo man im Verkehr einfach übersehen wird, weil man so niedrig daherkommt, oder wo einem die schöne Übersicht im Sattel eines herkömmlichen Fahrrads fehlt. Das wird uns in ein paar Wochen auf einer Radreise mit dem Scorpion noch beschäftigen.

Bezugsquellenhinweise: HP Velotechnik, Kriftel, Internet: www.hpvelotechnik.com

Quelle: F.A.Z., 23.05.2006, Nr. 119 / Seite T6
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Jahrgang 1949, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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