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Liegedreiräder Nicht nur Kettcar für Erwachsene

18.09.2010 ·  Hase „Klimax“, HP Velotechnik „Gecko“ und ICE „Sprint“: Drei aktuelle Modelle einer Fahrrad-Spezies, die auf der Straße noch immer höchst exotisch wirkt. Eines vorneweg: Diese Dinger machen einen Heidenspaß.

Von Hans-Heinrich Pardey
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Zunächst mal nur dies: Diese Dinger machen einen Heidenspaß. Man steigt nicht auf, man setzt sich - im Rückwärtsgang, eben wie auf einen niedrigen Hocker - und findet neben seinem Sitz die Lenkergriffe mit Brems- und Schalthebeln und vor sich, nicht unter sich die Pedale. Man sitzt entspannt, muss nicht balancieren, man kann so langsam oder schnell anfahren, wie man möchte, weil man das Ding nicht mit ein, zwei Kurbelumdrehungen auf den ersten Metern stabilisieren muss wie einspurige Fahr- und Liegeräder. Gesetzt, man hat nicht versucht, mit der größten Übersetzung loszutreten, gewinnt das Ding rasch an Fahrt, wird sehr schnell überraschend flott und läuft mühelos geradeaus.

Man tritt aus Po und Schenkeln heraus schiebend in die Pedale und merkt bald, dass sich dabei nicht nur das Körpergewicht einsetzen lässt, dass auch ganz andere Muskelpartien der Beine und des Oberkörpers in Anspruch genommen werden, als auf einem üblichen Fahrrad. Und spätestens wenn man mit ordentlicher Querbeschleunigung in die erste Kurve geht, wenn das Ding driftet und seitwärts über die schmalen Reifen schiebt, begreift man: Dieses Ding, solch ein Liegedreirad hat jenseits aller vernünftigen Kategorien einen derart enorm hohen Spaß-Faktor, dass er allein als Existenzberechtigung genügen würde.

Dass uns Liegeräder im Allgemeinen und speziell Liegedreiräder als exotisch vorkommen, dass wir sie als „das Ding“ bezeichnen, weil die korrekten Namen der Typen nicht gleich zur Hand sind, dass kaum ein Unterschied gemacht wird zwischen verschiedenen Bauformen, kurz, dass sie uns so fremd sind, das hat man dem internationalen Radsportverband UCI zu verdanken. Der hat um die Mitte der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts - offiziell um Vergleichbarkeit der Wettbewerbsleistungen zu erreichen - definiert, was als Fahrrad an Wettbewerben teilnehmen dürfe und was nicht: nämlich jene flachen Bauformen, mit denen wegen ihrer günstigeren Aerodynamik etliche Rekorde aufgestellt worden waren, die erst nach Jahren mit klassischen Rennrädern erreicht und übertroffen werden konnten.

Spinnerei für technophile Sonderlinge

Für die Liegeräder hatte das zur Folge, dass sie nach und nach verschwanden und nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Ende der siebziger Jahre als eine Spinnerei für technophile Sonderlinge galten. Erst danach setzte eine Renaissance des Liegerads ein: erst kamen die Bastler, dann die Konstrukteure. Mit ihnen und in den letzten Jahren haben sich die noch aufwendigeren Liegedreiräder als feste Größe im Markt etablieren können. Der deutsche Marktführer HP Velotechnik aus Kriftel am Taunus liefert ein Gutteil seiner Manufaktur-Produktion (die bei diesen Rädern die Regel ist) in die ganze Welt.

Und wenn sich im April in Germersheim zur „Spezi“ die internationale Szene der Anbieter und Liebhaber von Spezialrädern in geradezu familiärem Rahmen trifft, gehört das traditionell vor allem mit Rädern von Hase und HP bestrittene Trike-Rennen zu den Höhepunkten der Veranstaltung. Da kann auch der bloß Zuschauende in der Staubwolke über dem Parcours die sportlichen Qualitäten dieser Fahrzeuge hautnah erleben: hohes Tempo, Power Slides, wie man sie nur von Motorfahrzeugen zu kennen glaubt, und bei Spurwechseln eine Wendigkeit, die der Laie diesen Exoten nicht anzusehen vermag.

Es findet ein solcher Wettbewerb in Germersheim zwar nicht statt, aber die Vermutung sei gewagt: Auf dem unbefestigten Kurs hätte ein übliches Rennrad gar keine Chance und ein Mountainbike es wohl nicht eben leicht, die Nase mit vorn dabei zu behalten. Dass trotz vieler Vorzüge für das Liegerad und erst recht fürs Liegedreirad die Bezeichnung „Spezialrad“ eine freundliche Einkleidung für dass schulterzuckende Wort „Exot“ ist und wohl auch bleiben wird, hängt mit etlichen systemgegebenen Nachteilen zusammen (siehe Kasten links), die unbestreitbar vorhanden sind und kaum grundsätzlich veränderbar erscheinen.

Das Dreirad ist faltbar

Dass etliches, was lange als Manko angesehen werden musste, jedoch ingenieurmäßig lösbar ist, zeigen die aktuellen Modelle dreier Hersteller, die nun etwas eingehender dargestellt werden. Ein Liegedreirad muss zwangsläufig noch sperriger als ein Fahrrad sein? Im Falle des zur Eurobike vorgestellten „Gecko fx“ von HP Velotechnik trifft das nicht zu, denn das Dreirad ist faltbar. Es ist weder das erste noch das einzige faltbare Liegedreirad dieser Marke oder gar des ganzen Marktes, aber die erste Konstruktion der Krifteler, die nicht ein vorhandenes Fahrzeug faltbar gemacht, sondern ihren Ausgangspunkt bei möglichst problemloser und schneller Faltbarkeit genommen hat. Die Werbeaussage, das „Gecko“ lasse sich, ohne irgendeinen Teil des Rades zu demontieren, in zehn Sekunden zu den Maßen 82 × 52 × 83 Zentimeter gefaltet auf seine Kunststoffpuffer stellen, ließ sich auf der Messe auch von nicht speziell geschulten Besuchern nachvollziehen: Man löst die Verriegelung der Rückenlehne und einen gesicherten, zweiten Schnellspanner im Zentrum des Rahmens, und der Hinterbau klappt zwischen die Vorderräder.

Das „Gecko“ lässt sich so in der Wohnung oder in einem Auto eher leichter verstauen als ein zweirädriges Fahrrad mit starrem Rahmen und ist mit unter 2000 Euro in der knapp 16 Kilogramm wiegenden Grundversion auch nicht abschreckend teuer. Der Fahreindruck des - für die Liegeräder von HP Velotechnik höchst ungewöhnlich - völlig ungefederten „Gecko“ ist nicht zuletzt durch den auf 4,25 Meter verringerten Wendekreis geprägt von hoher Agilität und Wendigkeit. Man sitzt 33 Zentimeter hoch und bei einer Tretlagerhöhe von 43 Zentimeter in eher sportlicher Haltung und genießt die exzellente Straßenlage und Beschleunigung des „Gecko“. Trotz des günstigen Einstiegspreises darf es nicht als Sparmodell missverstanden werden: Die Liste der möglichen Ausstattungsvarianten umfasst an die vierzig Positionen. Beispielsweise mit einem Elektromotor von BionX aufgerüstet klettern das Gewicht des „Gecko“ auf rund 23 Kilogramm und der Preis auf mindestens 4410 Euro.

Ein besonders sportliches Dreirad vorzugsweise für die Straße

Die individuelle Ausstattung kennzeichnet auch das in Deutschland von Icletta vertriebene „Sprint“ von Inspired Cycle Engineering (ICE) aus Cornwall. Ein besonders sportliches Dreirad vorzugsweise für die Straße mit gerade mal acht Zentimeter Bodenfreiheit, einer Sitzhöhe von 20 Zentimeter und einer Tretlagerüberhöhung zwischen 11 und 19 Zentimeter. Man kann, man muss aber nicht in einem Carbon-Schalensitz, der einem weich um die Hüften greift, sitzen und hat die Wahl, ob das Dreirad vollgefedert und reisetauglich mit Schutzblechen, Licht und Gepäckträger für große Seitentaschen ausgestattet sein oder eher ein fürs Schnellfahren optimierter Roadster bleiben soll. Von der Kopfstütze über den - bei dieser Fahrzeugart nötigen - Rückspiegel bis zum extra Halter für den GPS und Fahrradcomputer fehlt in der Zubehörliste von Icletta nichts. Und die eigentlichen Feinheiten wie angepasste Kurbellängen, auf den Fahrer abgestimmte Elastomere in den Federelementen oder mit Titanritzeln getunte Kettenleitrollen von TerraCycle entdeckt auch das kundige Auge erst mit mehrfachem Hingucken.

Auch das ICE „Sprint“ (Basispreis vollgefedert knapp über 3000 Euro, ungefedert ab 2400 Euro) ist übrigens faltbar und passt gefaltet in einen VW Golf, wenn man die Rücksitzlehne umklappt. ICE hat eine lange Tradition, im kommenden Jahr ist es ein Vierteljahrhundert her, dass die Briten das erste Liegedreirad bauten. 2011 soll es dann auch die Karosserie aus glasfaserverstärktem Kunststoff „Borealis“ für das Sprint geben, die aus dem Dreirad ein vollverkleidetes Velomobil macht. Wobei der Hinweis nicht fehlen darf: Anders als bei den meisten Velomobilen ist die Entscheidung für die Karosserie mit wenig Montageaufwand realisiert - vor allem aber auch zeitweise wieder rückgängig zu machen.

Die federnden Schirmstreben werden links und rechts vom Fahrersitz angeklipst

Noch schneller auf- und abbauen lässt sich der Wind-und-Regenschutz des „Klimax K2“, das Hase Spezialräder aus Waltrop auf der Eurobike präsentierte. Man stelle sich vor: ein leichtes Gestell, ähnlich dem eines Regenschirms, das vorn an das als Kurvenwetzer wohlbekannte Hase-Dreirad „Kettwiesel“ gesteckt wird. Dieses Dreirad mit einem gelenkten, aber nicht angetriebenen Vorderrad hat hinten unter dem Sitz zwischen seinen beiden über ein Differential angetriebenen Hinterrädern erstens Platz für einen 180-Watt-Motor und den dazugehörenden 9Ah-Akku sowie die Tasche, in der die Stoff-Karosserie verschwindet, wenn ihr Schirm zusammengefaltet wurde. Die federnden Schirmstreben werden links und rechts vom Fahrersitz angeklipst; löst man einen der Clips, schwingt der Wetterschutz nach rechts oder links Ein- und Ausstieg ermöglichend hoch. Die Verkleidung schützt nach oben und nach den Seiten hin; der Fahrer des „Klimax“ kann ihr einen Poncho ankletten, um auch seinen Oberkörper zu schützen. Das „Klimax“ ist ein rund 30 Kilogramm wiegendes Pedelec, das seinen Benutzer bis 24 km/h in drei wählbaren Graden motorisch unterstützt und dabei laut Hersteller eine Reichweite von knapp 50 Kilometer haben soll (bei 50 Prozent Muskelkrafteinsatz und mit mittlerer Motor-Unterstützung).

Als Dreirad ist es nicht nur prinzipiell anders konstruiert als die „Tadpoles“ („Kaulquappen“ - zwei gelenkte Vorderräder, ein angetriebenes Hinterrad) der beiden anderen Hersteller: Man sitzt auf ihm 46 Zentimeter hoch und blickt locker über das 47 Zentimeter hoch montierte Tretlager hinweg. Der Wendekreis des „Kettwiesel“ ist linksherum mit 3,30 Meter noch 20 Zentimeter geringer als rechtsherum. Die Wendigkeit des Dreirads ist geradezu phänomenal, und man hat mit ihm vor allem auf Slalomkursen besonders viel Fahrspaß. Als „Klimax“ soll aus dem kurvengierigen Spaßmobil „Kettwiesel“ nun ein unter allen Wetterbedingungen alltagstaugliches Fahrzeug beispielsweise für Berufspendler werden. Die Gesamtlösung hat ihren Preis: ausstattungsabhängig bei rund 5600 Euro beginnend. Die Nachrüstung des - beim Fahren absolut leisen - Faltverdecks, das abgebaut in seiner Tasche mit den Maßen 67 × 29 Zentimeter immer dabei sein kann, kostet rund 900 Euro.

Von Vorurteilen, Vorteilen und Nachteilen

Das Killerargument gegen das Liegerad an sich betrifft auch die Dreiräder: Durch tiefes Sitzen verliert man die beim herkömmlichen Fahrrad angenehme Übersicht im städtischen Verkehr. Als Liegeradfahrer sieht man selbst schlechter, man wird aber auch - trotz Wimpel - schlechter gesehen: Im Kreuzungsbereich parkende Autos werden zur Gefährdung, je nach Modell des Liegerads hat man seine Augen etwa in der Höhe der Seitenscheibenunterkante eines Kleinwagens wie des VW Polo: Vor der Ampel in der Fahrspur neben einem VW Touareg wartend, kommt man sich vor wie eine Ameise. Dem widerspricht nicht, dass viele Autofahrer einen großen Bogen um Liegeräder, zumal um zweispurige, machen: Offensichtlich sind ihnen die auffallend schnellen flachen Dinger unheimlich. Auf der Landstraße wird der Radreisende mit dem Liegedreirad wesentlich respektvoller überholt als Benutzer herkömmlicher Räder.

Das niedrige Sitzen ist zwar körperlich angenehm, Schultern, Handgelenke und Wirbelsäule werden mehr geschont als auf dem üblichen Fahrrad. Es gibt aber höhenbedingte Nachteile: Morgens und abends wird man von der tiefstehenden Sonne und nachts von den Scheinwerfern entgegenkommender Autos gnadenlos geblendet; und außerdem sitzt man bei Nässe genau in Höhe des Spritzwassers hinter und neben von Motorfahrzeugen.

Mit dem Liegedreirad zu stürzen ist fast, aber nicht völlig unmöglich: immerhin ist die Fallhöhe weniger gravierend. Der Geschwindigkeitsvorteil dank reduzierter Stirnfläche, sprich besserer Aerodynamik, und Annehmlichkeiten wie das bequeme Essen oder Fotografieren während des Fahrens enden auf schlechten Radwegen: Der wahre Horror für Dreiräder sind ausgefahrene Wirtschaftswege - ein Rad hoppelt dort immer. Auch das Rangieren ist mit dem Normalrad einfacher, weil das Liegedreirad einen größeren Wendekreis hat. Das Passieren von Schikanen auf Fußwegen hingegen setzt nur Beherztheit und Gewusst-wie voraus. Nachteil Gewicht: Wer sein Rad treppauf, treppab tragen muss, wird kein Liegedreirad mögen. Und für alle Sparbrötchen: Auch bei Serienfertigung machen kleine Stückzahlen und konstruktiver Aufwand (alle) Liegeräder teuer; das gilt beim Kauf und auch bei manchen Reparaturen.

Bezugsquellenhinweise: Hase „Klimax K2“: Hase Spezialräder, Waltrop, Telefon: 02309 / 93770, Fax: 9377201, Internet: www.hasebikes.com; HP Velotechnik „Gecko“: HP Velotechnik, Kriftel, Telefon: 06192 / 979920, Fax: 06192 / 910218, Internet: www.hpvelotechnik.com; ICE „Sprint“: Icletta GmbH, Weiterstadt, Telefon: 06150 /5922966, Fax: 5922968, Internet: www.icletta.com.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1949, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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