09.06.2008 · Der Lexus IS F ist die stärkste und schärfste Japan-Limousine. Er zielt direkt auf BMW M3 und Mercedes C63 AMG. Der Kraftprotz verfügt über überzeugende Fahrleistungen und enttäuscht nur in Sachen Lenkung und Federung.
Von Wolfgang PetersDie Ideale der Samurai sind nicht vergessen. Ihre Bereitschaft zum Sieg und zum Kampf um die Ehre der Leistung auf den deutschen Autobahnen hat unter dem Druck der Hybrid-Stimmung nicht gelitten. Das Gegenteil ist der Fall: Mit dem IS F nimmt Lexus im Geiste einer eleganten Geste jeden Handschuh der Fehde auf und stellt sich den deutschen Platzhirschen von BMW (M3) und Mercedes-Benz (C 63 AMG).
Für 69.600 Euro rollt die derzeit stärkste japanische Kompakt-Limousine heran. Das ist in etwa die Preisregion der deutschen Konkurrenten, allerdings ist der Lexus komplett ausstaffiert, man kann überhaupt nur drei Extras ordern: für 3500 Euro kommt ein Geschwindigkeitsregelsystem, für 1010 Euro gibt es ein elektrisch betätigtes Schiebedach und für 720 Euro eine Metallic-Lackierung.
Beeindruckende Mühelosigkeit
Ohne Aufpreis werden vor allem Emotionen geliefert. Diese beginnen beim Design und führen über den Klang des Motors bis zu den Fahrleistungen. Wie die anderen Muskeltiere wurde der Lexus IS F von einer durchaus bürgerlich orientierten Baureihe kompakter Limousinen abgeleitet. Das hat sich offenbar bewährt: In der für ihre Hinwendung an Hybrid-Technik bekannten Marke lebt das Rennschwein im Lexus-Latex. Das sehr körpernah geschnittene Kleid trug bei unserem Testwagen den Ton des Blutes eines toten Stieres, der aber zuvor in der Arena noch jeden Matador in den Staub geschickt hatte. Selbst in dunkler Nacht glühte das Auto, aber das ereignete sich vielleicht auch nur in den Sinnen des Fahrers. Der 4,66 Meter lange und 1,42 Meter hohe Lexus kommt fast ohne jeglichen Chromschmuck aus. Nur das Kühlerschild prunkt ein bisschen, rundum ist nur Lack und Körper, und dadurch wirkt der Lexus noch stärker, konzentrierter, und er ähnelt einem hochwertigen Instrument, mit dem man sich die Macht des Windes untertan machen kann. Dafür sorgen schöne Portionen von Hightech.
Dazu gehören vor allem der V8 mit fünf Liter Hubraum, das Getriebe mit acht Gängen, und ein mit raffinierter Härte arbeitendes Fahrwerk. Aus dieser Kombination ist eine Lexus-Limousine mit Hinterradantrieb entstanden, die ein europäischer Sportwagen ist. Das Zusammenspiel dieses Trios funktioniert am Rand der Perfektion, ohne deshalb von seelenloser Funktion geprägt zu sein. Eher das Gegenteil ist der Fall: Der Motor bietet nicht nur exzellente Fahrleistungen, sondern auch eine akustische Ekstase, der man sich nur schwer entziehen kann. Das Getriebe arbeitet mit einer Wandlerüberbrückung im manuellen Schaltmodus, vermeidet also Leistungsverluste und sorgt mit beeindruckender Mühelosigkeit jederzeit für den passenden Gang. Das Fahrwerk mit Gasdruckdämpfer, aufwendiger Radaufhängung vorn und hinten, mit geschwindigkeitsabhängig geregelter Servolenkung und innenbelüfteten Scheibenbremsen an allen vier Rädern tut alles, um eine möglichst dichte Kommunikation von Fahrer und Auto zu vermitteln.
Kraftprotz mit harter Federung
Der V8 bietet alles auf, was Tradition und Zukunft zur Hervorbringung gleichermaßen ultimativer wie alltagstauglicher Leistung bereithalten: Kombination aus Saugrohr- und direkter Benzineinspritzung, variable Ventilsteuerung, elektronische Steuerung der Drosselklappen und minimierte innere Reibung. Alles ausgerichtet nicht nur auf Hochleistung, sondern gleichzeitig auf bestmögliche Leichtfüßigkeit. Ohne Zögern erwacht die Maschine, dreht ganz kurz mit dem milden Brüllen eines angreifenden Samurai hoch und verfällt danach sofort in eine etwas hysterisch klingende Atmung, die sich je nach Drehzahl und Leistungsforderung bis zum Siegesschrei des Kriegers steigern kann.
Im Reagieren auf Gaspedalbewegungen und in der Art des spontanen, offensichtlich von Massenkräften nicht negativ beeinflussten Hochdrehens gehört dieser Lexus-V8 zu den besten Maschinen, keiner ist flinker und freier von Verzögerung mit der Leistung bei der Hand: Es gibt bei 6600 Umdrehungen in der Minute 311 kW (423 PS) und ein maximales Drehmoment von 505 Nm bei 5200/min. Das genügt für Fahrleistungen jenseits des Punktekontos: Aus dem Stand kamen wir in knapp fünf Sekunden auf 100 km/h, auf freier Strecke läuft der Lexus IS F mit gut spürbarer Vehemenz erst bei Tacho 285 (gemessene 273 km/h) in eine weiche Mauer aus Fahrtwiderständen. Bei vollem Beschleunigen klopft das Getriebe im Automatikmodus die Gänge mit der Entschlossenheit eines alternden Zimmermanns hinein. Über die Schaltwippen kann sich der Fahrer aber aktiv ins Wechselgeschehen der Schaltstufen einmischen. Nach unserer Erfahrung ist das nicht nötig.
Kritik trifft die sehr hart ausgelegte Federung, die zu leicht und zu wenig direkt arbeitende Lenkung sowie die unnötig kompliziert auftretenden Bedientasten am Fahrerplatz. Der Verbrauch von 14 bis 17 Liter Super Plus auf 100 Kilometer erklärt sich aus dem Leistungsangebot und dem Leergewicht von gut 1,7 Tonnen, der Tank ist mit einem Volumen von 64 Liter zu klein. Wie sich der Lexus IS F gegen die deutschen Platzhirsche behauptet, klären wir in den kommenden Wochen. Und zwischendurch fahren wir dann untermotorisierte Kleinwagen.