Home
http://www.faz.net/-gy9-7440l
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Lancia Time to say Arrivederci?

Der Fiat-Chef spricht und das Publikum versteht: Lancia ist am Ende. Halt, so war das nicht gemeint, sagt Fiat nun. Ein sehnsuchtsvoller Blick auf eine Tragödie mit Tradition.

© Hersteller Vergrößern Als Lancia ist der Chrysler 300 einfach eine Mogelpackung, wenn auch eine mit Charme

Noch liegt das Summen des V8 in der Luft. Aber die einzige Serienlimousine mit einem Ferrari-Motor ist von kaltem Staub bedeckt. Ihr Bild aus innerer Eleganz und behutsam vorgetragener Kraft ist nur noch Erinnerung. Dunkles Rot im Karosseriekleid, ein seitlicher Pinselstrich an den Flanken, zart wie das Flirren einer Libelle im Dunst des Lago di Bracciano, und im Innern schon etwas brüchiges, blaues Leder mit einer Fältelung, die nicht unter dem Gesäß des Fahrers entstand. Beim Abkühlen knackte der vornehm-scharfe Lancia Thema 8.32 einst wie die Knie eines alten Mannes. Sein automatisch ausfahrender Spoiler demütigte vor 25 Jahren auf der Autostrada jeden Porsche.

22016213 Er bleibt noch ein Weilchen, der Lancia Y, hier von 1987 © Hersteller Bilderstrecke 

Wolfgang Peters Folgen:

Der Lancia Delta HF Integrale wird vor der Kurve von seinem Fahrer zusammengestaucht wie ein Hund, der wieder den Briefträger niedergerissen hat. Dann hält die rechte Fußspitze noch die Bremse, links wird gekuppelt, Hacke rechts kurz auf dem Gas, links wieder die Kupplung, zweiter Gang knallt rein, rechter Fuß voll aufs Gas, der bis an die Grenze zum Platzen belastete Vierzylinder schreit unter dem Druck des Turboladers, irgendwo wimmert ein Ritzel, aus dem Auspuff prallen die heißesten Gase in diesem Universum, und dann presst die Motorkraft alle vier Räder mit ganz geringem Traktionsverlust in die Risse der Straße, der Lancia bockt und arbeitet um die Längsachse, gewinnt den Kurvenausgang, fliegt in die nächste Kurve, erreicht das Drehzahllimit und geht auf der Kuppe bei 180 kaum aus den Federn. Es war vor 20 Jahren ein hartes Leben in dem viertürigen, kompakten ultra-übermotorisierten Lancia, der als geheimes Zeichen seiner Möglichkeiten im Kühlergrill die gelben HF-Buchstaben mit einem roten Kleinelefanten trug, der mit erhobenem Rüssel ungeachtet von Sport und Speed noch Zeit zum Lächeln fand. Jetzt lächelt bei Lancia niemand und nichts mehr.

Die Liste der Lancia-Erlebnisse ließe sich beinahe beliebig verlängern. Nicht nur mit herrlichen Abenteuern an Bord von charakterstarken Mobilen, die wohltuend ins Bild der Marke passten. Da gab es den Trevi, eine schon bei der Präsentation zum Beginn der achtziger Jahre wie ein Altersheim auf Rädern wirkende Limousine oder den noch früher gescheiterten Beta Berlina mit einem plumpen Heck und einer Frontpartie aus den drückenden Träumen bewegungsarmer Designer. Mit einer Armaturentafel, die wegen ihrer unzähligen Vertiefungen aussah wie alter Schweizer Käse und ab 1976 den Gamma, eine herrlich unnötige Oberklassenlimousine, die den ganzen Starrsinn der Marken-Oberen dokumentierte: ein schräges Heck und einen kleinen Vierzylinder-Boxer mit Frontantrieb wollte eigentlich keiner in dieser Klasse. Das Gamma Coupé von Pininfarina trug eine Karosserie aus der Harmonie einer unglücklichen Ehe und jener feinen Noblesse, die Lancia vergebens versuchte später auf seine Kleinwagen, den hübschen, aber anfälligen A 112 (Autobianchi atmete noch) und lästerlich simpel gezeichneten Y10, zu übertragen. Wenig gelungene Limousinen wie Kappa und Thesis, deren Designbotschaft nur mit einer Flasche vom besten Barolo in Reichweite zu begreifen war, führten die Marke an den Abgrund. Und es war nicht zu erkennen, dass die verschiedenen Heilsbringer an der Spitze des Fiat-Konzerns überhaupt noch an Lancia dachten.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Bayrisches Erfolgsmodell Seit 40 Jahren der Kern von BMW

Der Erfolg des 3er BMW ist einfach erklärt: Er fährt so gut. Und jeder kann sich in ihm pudelwohl fühlen. Das gilt seit 1975, und ein Ende ist nicht abzusehen. Aber warum ist das so? Mehr Von Wolfgang Peters

23.05.2015, 11:57 Uhr | Technik-Motor
Fahrbericht Mercedes S500 Coupé

Mercedes häutet sich. Unter dem Diktat des Designs und dem Druck des Digitalen rücken alte Markenwerte in den Hintergrund. Immer mehr Modelle verwässern den Kern der Marke. Aber es gibt das S Coupé - nicht billig, doch notwendig. Und so schön. Mehr

16.04.2015, 10:30 Uhr | Technik-Motor
Oldtimer-Rallye Mille Miglia Von einem Auto muss man träumen

450 Oldtimer auf der Fahrt von Brescia nach Rom und zurück erinnern an das legendäre Straßenrennen Mille Miglia. Die Fahrer schwelgen in Nostalgie und verzichten auf moderne Mobilität, was ihnen aber auch einige Probleme bereitet. Mehr Von Don Alphonso

21.05.2015, 23:01 Uhr | Feuilleton
Jeep Renegade Spiel mir das Lied vom Jeep

Der Renegade ist das erste gemeinsame Produkt von Fiat und Chrysler. Das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen. Mehr

24.04.2015, 11:05 Uhr | Technik-Motor
Lexus 25 Jahre in der Nische

Im Frühjahr 1990 wurde die Lexus Automobile Deutschland GmbH gegründet. Über Achtungserfolge ist der Toyota-Ableger seitdem nicht hinausgekommen. In Amerika sieht das ganz anders aus. Mehr Von Boris Schmidt

20.05.2015, 09:39 Uhr | Technik-Motor
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 06.11.2012, 10:01 Uhr

Krrrr...

Von Boris Schmidt

Ein Kofferradio aus der DDR war jahrelang nicht mehr als ein Schmuckstück. Doch es funktioniert tatsächlich – wenn auch nicht so, wie ein Radio es normalerweise tut. Mehr 2

Hinweis
Die Redaktion