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Lamborghini Aventador Tiefflug im Gewitter der Nemesis

Lamborghini ist Urgewalt, Ehrlichkeit, Kompromisslosigkeit. Und wenn du denkst, du hast schon alles erlebt, dann fliegt der Aventador heran.

© Schmitt, Felix Sportwagen: Lamborghini Aventador

Sauerstoffmasken?, fragt der Mitfahrer. Junge, Junge, du hast wirklich keine Ahnung. Die fallen nur im Falle eines Druckverlusts aus der Decke. Aber doch nicht in Flughöhe null. Und Druckverlust ist nicht zu befürchten, solange die 700 Stiere im Heck ausreichend zu saufen bekommen. Oder sind es nur stramme Pferde? In 2,9 Sekunden stürmen sie aus dem Stand auf 100 km/h, was sich recht flott anfühlt. 200 dauert 8,9 Sekunden, 300, ja das ging auch schön flink, wo sind eigentlich all die anderen geblieben? Viele trauen sich nicht an den Aventador heran, aber ein paar aufmüpfige Emporkömmlinge mit ihren, was man so nennt, Sportwagen gibt es doch, die meinen, sie müssten die Stiere zum Spielen reizen. Das geht immer gleich aus: leichtes Drängeln, weil der Lamborghini mit 220 km/h über die Autobahn schleicht. Die linke Spur wird frei bis zum Horizont. Bei 260 km/h lässt sich durch entschlosseneren Gasbefehl noch mal zurückschalten, das klingt eindrucksvoll, rollt einige Lagen des Asphalts von der Decke, und der Auspuffstrom brennt dem Hintermann zum Abschied rechteckige Löcher in den Lack. Vollgas, die Anzeige meldet 50,5 Liter Momentanverbrauch, das Getriebe entschließt sich, den nächsten Gang erst um 8500/min einzuwerfen, im Lagezentrum wird Tsunami-Warnung ausgelöst. Dem Vernehmen nach gibt es eine Höchstgeschwindigkeit, aber 350 km/h lassen sich auf öffentlichen Straßen nur erreichen, wenn nichts und niemand unterwegs ist. Also vernünftigerweise nie.

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Die letzten Aufmüpfigen sind ohnehin verschwunden, in den Verkehrsnachrichten ist zu hören, dass auf einem nahegelegenen Parkplatz von Weinkrämpfen geschüttelte Möchtegernpiloten der psychosozialen Nachsorge bedurften. Tja, tragisch. Aber die Tempobolzerei macht auf Dauer den kleineren Teil der Faszination aus. Die Landstraße ist der Ort der Wahl, sie bereitet stierisches Vergnügen, hier wird der Lamborghini eins mit den Elementen, hier geht jede Kurve mit 100 km/h, und allzeit reicht die Kraft, um ein Stück Erde herauszureißen.

Wer mit dem Aventador unterwegs ist, muss mehrere Dinge berücksichtigen. Zunächst, vor dem Start Bedienungsanleitung lesen, dann weiß man schon, worauf es ankommt. Erster Satz auf Seite 1: „Ein Sound, der 8000 Stunden harte Arbeit erfordert hat.“ Letzter Satz auf Seite 1: „Ein aufregendes, unvergleichliches Fahrerlebnis wartet auf Sie.“ Wohl wahr. Der Fahrer hat keine ruhige Minute mehr. Bei jedem Tankstopp, an jeder roten Ampel ist er im Gespräch. In anderen Autos werden Fotohandys gezückt, manche fallen fast aus den Fenstern, andere vergessen vor lauter Aufregung das Weiterfahren. Passanten umlagern ihn und fordern Bilder von sich und dem Auto. Eine Woche Aventador in Zahlen: 426 ausgeklappte Unterkiefer, 1732 verrenkte Hälse, 89 Daumen hoch (auch von Motorradfahrern, das ist der Ritterschlag), 4286 Fotos, 14 Taxifahrten, falls wir uns nicht verzählt haben. Und einmal vom Zoll mit Blaulicht herausgewinkt, „nein, Sie sind nicht zu schnell gefahren, allgemeine Verkehrskontrolle, aber wenn Sie schon mal da sind, können wir bitte Motor, Kofferraum, Innenraum sehen?“

Illustration / Lamborghini / Aventador © Michael Stirm Vergrößern

Die meisten begegnen dem Aventador mit der eines wilden Stieres gebührenden Zurückhaltung. Manche fragen, ob sie ihn vorsichtig berühren dürfen. Nur einmal greift einer direkt an die nach oben aufgeschwungen stehende Tür und weicht erst nach unserem vorwurfsvollen Blick zurück: „Keine Angst, ich setze mich nicht rein, ich will nur ein Foto machen lassen.“ Vor dem Eigenheim parken und mit dem Zweitwagen zum Supermarkt fahren gehört in die Kategorie grob fahrlässige Pflichtverletzung. Uns erreicht der Anruf der Gattin am Milchregal: „Komm bitte sofort nach Hause und fahr den Lambo in die Garage. Hier ist der Verkehr zusammengebrochen.“ Drittens: Anfahren. Dazu an dem in Ameisenkniehöhe wartenden Griff ziehen, die Tür nach oben schwenken, sich in den Schalensitz einfädeln, die rattenscharfe rote Klappe in der Mittelkonsole öffnen, den darunter wartenden Knopf drücken und den 6,5-Liter-Zwölfzylinder-Sauger im Heck zum Leben erwecken. Mit kurzem Gebrüll auf knapp über 3000 Umdrehungen meldet sich das Triebwerk zum Dienst, der Brustkorb bebt. Ein Zug an der Schaltwippe, in der kunterbunten TFT-Anzeigentafel erscheint die Ziffer 1. Der Rest ist Gewitter.

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