Home
http://www.faz.net/-gya-abk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kultur des Tankens Die Archäologie des Kraftstofftempels

18.07.2011 ·  Vom Waschbenzin zum Wasserstoff: Mit dem Treibstoff hat sich auch die Kultur des Tankens verändert - in den Tankstellen spiegelt sich dieser Wandel über die Jahrzehnte.

Von Peter Thomas
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Benzin war blau, damals in den 1970er Jahren. So hatte es jedenfalls der Knirps in den kurzen Hosen begriffen, der von seinem Kindersitz aus durchs Autofenster in die weite Welt blickte und fröhlich krähte, sobald sich Vaters Auto einer Tankstelle mit dem bekannten Rhombus näherte. Schuld an der frühkindlichen Fixierung war aber nicht die Markentreue des Herrn Papa, wenn es um das Zapfen von Betriebsstoff für den Ottomotor der Familienlimousine ging.

Schuld daran war vielmehr Juniors eigener Fuhrpark mit Autos von Siku und Corgi, Märklin und Matchbox. Zu diesem gehörten nämlich auch drei prachtvoll blaue Siku-Lastwagen im Dienste jener Benzinmarke, die der Benzol-Verband aus Bochum unter dem Namen Aral etabliert hatte: Ein Tankzug als Sattelauflieger, ein Renn-Tankwagen und schließlich der von einer dreiachsigen Zugmaschine bewegte Tankstellen-Bauzug, mit dem sich im Handumdrehen eine Tankstelle aus Kunststoffsegmenten bauen ließ.

Gebaut wurde am Tankstellennetz damals auch in Wirklichkeit. Es ging dabei nicht mehr darum, die Fläche zu erschließen, sondern das Geschäft mit dem Treibstoff zu bündeln und zu professionalisieren. Damit endete endgültig jene Zeit, da Benzin und Diesel auch in der Dorfschmiede oder am Ausflugshotel verkauft wurden. Die Statistik der deutschen Treibstoff-Versorgungspunkte spiegelte diese Entwicklung wider: Um das Jahr 1970 erreichte die Zahl der Tankstellen ein Rekordniveau von mehr als 46.000 Betrieben allein in Westdeutschland. Heute sind in der gesamten Republik noch etwa 14.500 Tankstellen aktiv: größer als früher und vielfältiger im Sortiment, aber auch ohne den Charme der Kombination aus Zapfsäulen und kleiner Werkstatt, in welcher sich der Tankwart um die kleinen Alltagsprobleme des Autos kümmerte.

Von den Träumen der Menschen, von Ästhetik und Stilbewusstsein

Wer sich dem Bild der Tankstelle seit ihrem Aufkommen in Deutschland vor knapp 100 Jahren mit dem Blick des Industriearchäologen zuwendet, entdeckt in ihr nicht nur einen stationären Ausdruck der sich wandelnden Automobilität. Jenseits von Bau- und Anlagentechnik erzählen Tankstellen im Lauf der Jahrzehnte auch etwas von den Träumen der Menschen, von Ästhetik und Stilbewusstsein der Zeit, vom Wandel der Konsumgewohnheiten hin zum Selbstbedienungsgeschäft und dem modernen Anspruch des Kunden, rund um die Uhr an allen Tagen der Woche auf ein möglichst großes Sortiment zugreifen zu können.

Christof Vieweg nimmt sich vielen Facetten dieser Technik- und Kulturgeschichte des Tankens in seinem Buch "Volltanken, bitte!" ausführlich an (Delius Klasing 2011, 144 Seiten mit vielen Fotos und Zeichnungen, 29,90 Euro). Insbesondere die zahlreichen Abbildungen erlauben es dem Leser des 21. Jahrhunderts, sich auch in jene Epochen hineinzudenken, in welcher die Tankstelle ein Leuchtturm des Fortschritts war: Sie galten als Tempel des Kraftstoffes und wurden als Orte eines von Tankwarten vollzogenen automobilen Kundenservices geschätzt. Dem Thema widmet sich auch der Titel "Super, voll! Kleine Kulturgeschichte der Tankstelle" von Joachim Kleinmanns (Jonas Verlag 2002), der allerdings nur noch antiquarisch erhältlich ist.

Unauffälliger Kiosk im Straßenbild

Kühn geschwungene Vordächer aus Stahlbeton mit Leuchtstoffröhren, dahinter ein kompakter Pavillon mit großen Glasflächen: So sah die prototypische Tankstelle der 1950er und 1960er Jahre aus. Mal war die Verglasung gewölbt wie die Panoramascheibe eines Opel Olympia, mal saßen die Fenster in einer von weiß glänzenden Kacheln verkleideten Wand. Vorläufer dieser Typen waren schon in den 1920er und 1930er Jahren entstanden und in großen Städten gebaut worden. Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Autofahren endgültig zu einem Phänomen der Masse, was den Bedarf nach Tankstellen ansteigen ließ.

Die Anfänge der Energieversorgung des von einem Ottomotor angetriebenen Automobils waren dagegen viel bescheidener: Benzin gab es in Auto- und Fahrradwerkstätten, in Hotels und Drogerien, getankt wurde zunächst aus Kannen und per Handpumpe aus Fässern. Zapfpistolen mit Sicherheitsventilen, über einen Schlauch an die Tanksäule angebunden, waren eine Zäsur hinsichtlich Sicherheit und Ergonomie. Diese Technik wurde 1923 auch für die erste Tankstelle im modernen Sinn verwendet, die Olex 1923 in Hannover eröffnete. War dieser Pionierbetrieb noch ein eher unauffälliger Kiosk im Straßenbild, entstanden bald darauf erste Großtankstellen, und von 1936 an wurden die Kraftfahrer auch auf den neuen Autobahnen mit Treibstoff versorgt - an vom NS-Staat kontrollierten Benzinstationen.

Oft nur ein Schulterzucken

Ein neues Phänomen waren in den 1960er Jahren die sogenannten Freien Tankstellen - von den etablierten Mineralölfirmen unabhängige Stationen, die Benzin und Diesel oft deutlich billiger anboten als die Markenbetriebe. Gleichzeitig wurde aus Nordamerika die Idee nach Europa importiert, dass der Autofahrer seinen Wagen selbst betankt: In den 1970er Jahren verschwand der Tankwart in immer mehr Betrieben. Tankwart, das war ein anerkannter Lehrberuf. Nun aber hatte das damit verbundene Geschäftsmodell keine Chance mehr in der Fläche. Denn gleichzeitig nahm die Zahl der kleinen Stationen ab und neue Großtankstellen mit wachsenden Sortimenten von Spielzeugen bis Nahrungsmitteln entstanden auch im ländlichen Raum. Bier am Samstagabend und Brötchen früh am Sonntag spielen für viele Betriebe längst eine unentbehrliche wirtschaftliche Rolle - davon zeugen die entsprechenden Schlangen an der Kasse. Auf kompliziertere Fragen wie jene nach passenden Scheibenwischern für das französische Cabriolet dagegen erhält der Kunde oft nur noch ein Schulterzucken.

Und wie sieht die Zukunft der Tankstelle aus? In der Vision der batterieelektrischen Mobilität hat sie keinen Platz. Der mündige Kraftfahrer wird sich schließlich kaum an der Kaffeebar bei mittelprächtigem Koffeingebräu zum erhöhten Satz aufhalten wollen, bis die Akkumulatoren des Autos wieder Lebenszeichen zeigen. Anders dagegen sieht es beim Thema Wasserstoff aus. Die Versorgung der Autofahrer mit Erdgas und Autogas haben viele klassische Tankstellen in ihr Sortiment aufgenommen. Und sollte sich die Brennstoffzellentechnik durchsetzen, dann wäre die Erweiterung um den Energieträger Wasserstoff - hochkomprimiert als Gas - nur konsequent. Tanken wird damit eine neue technische Facette bekommen. Unsere eigene Siku-Tankstelle wird diesen Umstieg aber nicht mehr mitmachen. Sie hat zwar einige Bauteile eingebüßt, steht aber heute dennoch zusammen mit den beiden Tankwagen stolz hinter Glas im Büro: Als Erinnerung an eine Zeit, als Benzin blau war und Neuwagen aus dem Spielzeugladen kamen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Vom Profi für Profis

Von Hans-Heinrich Pardey

Auf kaum einem anderen Gebiet der Technik spielt das Präfix „Profi-“ solch eine gewaltige Rolle wie bei der Fototechnik. Es hält sich seit analogen Zeiten bis zum digitalen Workflow von heute die verkaufsfördernde Ansicht: Profiwerkzeug macht Profibilder. Mehr