http://www.faz.net/-gy9-8vtov
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 19.03.2017, 08:17 Uhr

Kia Optima Plug-in-Hybrid Mit dem Doppelmotor wird nicht jeder glücklich

Der Kia Optima Plug-in-Hybrid überrascht mit Mini- und Maxi-Verbräuchen. Ideal ist er für den Pendler geeignet, dessen Weg vom Bungalow zum Büro und zurück von einer Ladepause während der Arbeitszeit begleitet wird.

von
© Hersteller Der Kia Optima Plug-in-Hybrid wird wohl eine vorübergehende Erscheinung sein.

Ob irgend jemand noch ein Hybridauto kauft, wenn das alternative, ausschließlich mit Strom bewegte Elektro-Ding zum Diesel-Preis kommt, dann 600 Kilometer Reichweite hat, in fünfzehn Minuten wieder ziemlich proppenvoll ist, und an jeder Ecke das Laden klappt? Vielleicht wird dann klar, dass auch der Kia Optima Plug-in-Hybrid eine vorübergehende Erscheinung ist. Ohne Zweifel ist er eine teure Erfahrung: In der wohltemperierten Spirit-Ausstattung kostet er 44 490 Euro. Für 32 940 Euro fährt der Optima in vergleichbarer Ausstattung mit 165 PS (121 kW) aus konventioneller Motorisierung vor. Da wird rasch klar: Rechnen kann sich die Hybridvariante in einem einzigen Autofahrerleben nicht.

Wolfgang Peters Folgen:

Das muss sie wohl für viele Kunden nicht. Denn sie fahren ab auf diese Zweimotortechnik mit Benziner und Elektro-Aggregat, erfreuen sich am niedrigen Verbrauch und der deshalb geringen Emission von Kohlendioxid (37 g/km) nach Normmessung von 1,6 Liter auf 100 Kilometer. Allerdings gibt es da nach unserer Erfahrung nicht unbedeutende Abweichungen: Denn insgesamt war für alle unsere Fahrten ein Durchschnittsverbrauch von 8,5 Liter zu errechnen. Ein Wert, der nicht als Argument für die Hybridtechnik spricht. Aber gleichzeitig kamen wir für Teilabschnitte von zehn bis 30 Kilometer Länge auf Werte von 1,0 bis 2,3 Liter Superbenzin. Dann aber gab es Strecken mit einem erschreckenden Konsummittel von 9,5 Liter: Wie passt das alles zusammen? Die Antwort liegt im Zusammenspiel der Hybridtechnik, im Ladezustand der Fahrbatterie, in der Möglichkeit von häufigeren Ladevorgängen und in den Anforderungen der Reisestrecken.

45362057 In der wohltemperierten Spirit-Ausstattung kostet er 44.490 Euro. © Hersteller Bilderstrecke 

Denn für kurze Wege ab Steckdose und zurück, da kommt die Fahr-Energie fast nur aus der Batterie. Rein elektrisch durften wir maximal etwa 50 bis 55 Kilometer absolvieren, dann wirft die beaufsichtigende Elektronik im Interesse einer elektrischen Restmenge den Benzinmotor an. Kia verspricht als Höchstgeschwindigkeit 120 km/h ausschließlich mit dem E-Motor, wir schafften nur 110 km/h, aber mit mehr Gasfuß-Training ist der Kia-Wert wohl realistisch. Erscheint aber unnötig: Denn die Aufgabe des Elektromotors im Hybridbetrieb liegt in der Handreichung für den Benziner, damit dieser im Fenster der besten Spritverwertung bleiben kann. Gegenwärtig sind größere Elektro-Reichweiten am einfachsten mit größeren Batterien zu erreichen. Zudem unterbindet die Regelelektronik bei frostigen Außentemperaturen den reinen Elektrobetrieb und schreibt den Hybrideinsatz vor. Das liegt an der Heizung, die erst mit der Abwärme des Benziners für einen molligen Innenraum sorgen kann.

Im Hybridbetrieb bleibt die Batterie leidlich bei Kräften, ihr Energieinhalt wird etwas gestützt von der Rekuperation im Schiebebetrieb und beim Bremsen. Aber Elektrokraft in größeren Mengen muss an der Steckdose gebunkert werden. In der heimischen Garage darf der Akku (ohne Wallbox) auch ans Netz, nach viereinhalb Stunden erreichte er bei einer Restmenge von 19 Prozent wieder seinen vollen Energiegehalt. Daraus erklärt sich der Benzin-Spatzendurst: Weil der Optima für die allermeisten Fahrten im kleinstädtischen Umfeld immer mal wieder bei Pausen mit der gewohnten Steckdose verbunden wird, läuft und schnurrt er mit Benzin-Verzicht. Aber dabei blieb es nicht. Denn die Wirklichkeit unter den Bedingungen des mitleidlosen Alltags, begleitet von winterlichen Gemeinheiten, sieht anders aus.

Dass Kia mit einer gewissen Liebe zu den normiert ermittelten Werten neigt (wie alle anderen auch), zeigt der Prospekttext: 1,6 Liter für 100 Kilometer soll der „Kraftstoffverbrauch, kombiniert“ betragen, und dazu addiert sich der „Stromverbrauch, kombiniert“ von 12,2 kWh je 100 Kilometer. Dieser erfährt in etwa eine Bestätigung bei unseren Prüfungen, die über mehrere Tage hinweg bei Dauerfrost gefahren werden mussten. Da steigt auch der Stromverbrauch, etwa 25 Cent sind je kWh zu zahlen, für 100 Kilometer ergeben sich bei 13-kWh-Verbrauch eine Stromrechnung von 3,25 Euro, plus die Spritkosten. Wer den Anschaffungspreis verdrängen kann, der erfreut sich jeden Tag an dieser Rechnung.

Mehr zum Thema

Jedoch ist es noch kein Ende mit der Hybrid-Betrachtung. Denn vor allem auf zügig absolvierten längeren Strecken gerät die Benzin-Sparbereitschaft rasch an ihre Grenzen. Das liegt vor allem auch am Akku, der auf der Autobahn bei hohem Tempo alsbald seinen Energiegehalt (aber nicht sein Eigengewicht von 120 Kilo) reduziert hat. So stößt der mit Fahrer fast 1,9 Tonnen wiegende Optima Hybrid häufig an seine Leistungsgrenzen: 156 PS (115 kW) bietet der Zwei-Liter-Vierzylinder auf, mit der E-Maschine zu 68 PS (50 kW) wird gar eine bullige Systemleistung von 205 PS (151 kW) ausgewiesen. Aber diese Leistung wird subjektiv vom Fahrer weder im Nacken noch an den Unterarmen gefühlt: Der Kopf bleibt in Ruheposition, und die feinen Härchen von Handrücken bis Ellenbogen richten sich nicht auf. Zwar werden nach längerem Anlauf 195 km/h erreicht und mit beträchtlichem Getöse aus dem Maschinenraum 100 km/h aus dem Stand in knapp zehn Sekunden realisiert, doch souverän bewegt sich die fast 1,9 Tonnen wiegende Limousine dabei nicht vorwärts. Wobei die Sechsgang-Automatik im Grundcharakter auf ruhiges Fahren und sanfte Übersetzungswechsel ausgerichtet ist, es gibt aber einen Sportmodus.

Konstant hohes Tempo auf freier Autobahnstrecke war mit bis zu neun Liter auf 100 zu honorieren, daraus folgt: Die teure Plug-in-Hybridtechnik bietet den beruflichen Langstreckenrennern beim Überwinden von Zeit und Raum kaum Vorteile. Ideal ist sie für den Pendler geeignet, dessen Weg vom Bungalow zum Büro und zurück von einer Ladepause während der Arbeitszeit begleitet wird.

Steuerfrei

Von Holger Appel

Was benötigt die Automobilindustrie künftig für das autonome Fahren, von dem sich so viele eine erstrebenswerte Zukunft versprechen? Mehr 1 2

Hinweis
Die Redaktion
Zur Homepage