27.07.2009 · Die Motorradindustrie kämpft mit Verkaufsrückgängen von bis zu 50 Prozent. Auch BMW spürt die Auswirkungen der Wirtschaftskrise. Hendrik von Kuenheim, Leiter BMW Motorrad, sieht im Interview aber schon wieder Licht am Ende des Tunnels.
Die Motorradindustrie kämpft mit Verkaufsrückgängen von bis zu 50 Prozent. Auch BMW spürt die Auswirkungen der Wirtschaftskrise. Hendrik von Kuenheim, Leiter BMW Motorrad, sieht im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aber schon wieder Licht am Ende des Tunnels.
Die Stimmung bei BMW Motorrad scheint nicht schlecht zu sein. 30.000 Besucher bestaunten kürzlich beim BMW-Festival in Garmisch-Partenkirchen das neue, erstmals der Öffentlichkeit präsentierte Superbike S 1000 RR. Kennt man bei BMW Motorrad das Wort Krise nicht?
Na ja, auch wir müssen jeden Euro zweimal umdrehen. Der Absatz von BMW-Motorrädern in aller Welt ist bis Ende Juni im Vergleich zum Vorjahr um 16 Prozent rückläufig. Damit sind wir noch einer der Besten. Die asiatischen Wettbewerber hat es in einer Größenordnung von 40 bis 50 Prozent minus massiver erwischt. Auch Harley-Davidson ist mit rund 20 Prozent rückläufig. Allein die drei Europäer Ducati, Triumph und BMW Motorrad sind bisher am besten durch die Krise gesegelt. Der Motorradmarkt über 500 Kubik ist 28 Prozent rückläufig, das heißt, wir sind vergleichsweise wirklich gut unterwegs. Allerdings gehen wir davon aus, dass der Welt-Motorradmarkt von Ende 2007 bis Ende 2009 von 1,5 Millionen Einheiten auf rund eine Million Fahrzeuge geschrumpft sein wird. Ein Drittel weniger in zwei Jahren, das ist natürlich besorgniserregend.
Also doch Krise?
Das Wort mag ich eigentlich nicht mehr hören. Ich habe fast 25 Jahre im Ausland gelebt, da geht man anders damit um. Für einen Amerikaner ist das halb gefüllte Glas immer fast voll, für den Deutschen dagegen fast leer. Die Miesmacherei und das ständige Übertrumpfen mit negativen Meldungen in den Medien erzeugt beim Verbraucher nur mehr Unsicherheit. Ich kann Ihnen dagegen mal eine gute Botschaft bieten: Der Auftragseingang von BMW für neue Motorräder war im Juni das erste Mal seit neun Monaten im positiven Bereich. Wir hatten einen massiven Auftragseinbruch im Januar, auch noch im Februar, aber jeden Monat hat sich das kontinuierlich verbessert. Da ist also Licht am Ende des Tunnels. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie lang der Tunnel noch ist, aber ich sehe das erste Mal Licht. Das ist zumindest ein klares Zeichen, dass die Talsohle erreicht ist.
Gibt es im BMW-Modellprogramm Fahrzeuge, die von der Krise weniger betroffen sind als andere? Beispielsweise das Dauer-Erfolgsmodell R 1200 GS?
Die GS ist dieses Jahr deutlich weniger nachgefragt, als wir es erwartet haben. Allerdings kommen wir auch von einem Rekordniveau im letzten Jahr. Es war klar, dass man das extrem hohe Absatzniveau nicht halten konnte. In den ersten Monaten war der Absatzrückgang bei der GS überproportional, aber er hat sich inzwischen wieder eingependelt. Das Überraschende ist, dass gerade hochpreisige Motorräder weiterhin gut gehen. Wir haben ja die K-Serie überarbeitet und Anfang des Jahres eingeführt. Die K 1300 R, S und GT verkaufen sich toll. Da sind wir ausverkauft und haben von einigen Märkten sogar Anfragen, ob wir nicht mehr produzieren können.
Wer Geld hat, den stört die Krise nicht?
Das Kaufverhalten hat sich stark verändert. Früher ist der Kunde im November, Dezember in den Laden gekommen und hat das Motorrad für Mai bestellt. Das hat deutlich nachgelassen. Heute kommt der Kunde am Freitag rein und fragt: „Welches Motorrad kann ich am Montag fahren?“ Die Leute sind spontaner geworden. Was übrigens auch gut geht, ist unsere neue F 800 R. In Deutschland, Italien und Spanien sind wir praktisch ausverkauft. Sie ist sehr wettbewerbsfähig gepreist. In Italien kommen 80 Prozent der Käufer von Fremdmarken. Das ist einfach genial. Das ist genau das, was wir beabsichtigt haben.
Hat der deutsche Markt an Bedeutung verloren?
Die Zeiten, als 25 Prozent unserer Motorräder in Deutschland verkauft wurden, sind längst vorbei. Wir wollen auch nicht nur von einem Markt abhängig sein. Im letzten Jahr haben wir noch 18.000 Motorräder in Deutschland abgesetzt bei insgesamt rund 100.000 Einheiten, also rund 18 Prozent. Dieses Jahr wird die Zahl sogar eher bei 16 bis 17 Prozent liegen bei ungefähr 90.000 Einheiten, die wir verkaufen werden.
Verändert das die Strategie in der Modellpolitik?
Ja und nein. Eine GS ist sowohl in Deutschland als auch in Italien das meistverkaufte Motorrad über 500 Kubik. In Italien kommen zuerst Scooter, Scooter, Scooter und dann als erstes Motorrad die R 1200 GS. Beim neuen Superbike S 1000 RR haben wir natürlich ganz genau geschaut, wo die Märkte sind. Die Superbikes machen etwa 15 Prozent des für BMW Motorrad relevanten Motorradmarktes aus, mit in der Vergangenheit steigender Tendenz und einem deutlich jüngeren Publikum als die traditionelle BMW-Kundschaft. Wir haben die wichtigen Märkte wie Vereinigte Staaten, England, Italien, Spanien beobachtet und gemeint, es passe auch für Deutschland. So gesehen haben Sie schon recht, dass die Exportmärkte deutlich mitsprechen. Wir exportieren 83 Prozent unserer Produktion, und wir müssen exportieren und andere Märkte erschließen, weil der deutsche Motorradmarkt konstant rückläufig ist.
Welche Bedeutung hat dann der chinesische Markt? Wollen Sie dort nur verkaufen oder eventuell dort auch in Zukunft BMW-Motorräder produzieren?
China hat eine Bevölkerung von 1,3 Milliarden Einwohnern, das sind 20 Prozent der Weltbevölkerung. Allein deshalb ist es die unternehmerische Pflicht, dort einen Fuß im Markt zu haben. Wir produzieren dort, bei der Firma Loncin, den 650er-Einzylinder-Motor. Es war eine Herausforderung, diesen relativ einfachen Motor dort bauen zu lassen, aber wir haben das gemeistert. Verglichen mit Österreich, von wo wir den Motor vorher bezogen haben (Rotax), sind die Produktionskosten nur etwa halb so hoch. Dem gegenüber stehen allerdings die sogenannten Befähigungskosten, die Zölle und Transportkosten etc. Aus heutiger Sicht werden wir dort keine kompletten BMW-Motorräder bauen lassen. Allerdings haben wir eine Partnerschaft mit Kymco in Taiwan. Das ist ein Unternehmen mit hoher Effizienz und viel Know how. Es ist aber schon deutlich teurer, bei Kymco in Taiwan zu produzieren, als bei Loncin. Kymco hat eine hohe Kompetenz bei Rollern und Motoren mit kleinen Hubräumen. Am Motor der BMW G 450 X, einem echten Hochleistungstriebwerk, haben sie sich zunächst allerdings auch die Zähne ausgebissen. Kymco ist für BMW Motorrad auf lange Sicht ein strategischer Partner. Dabei muss es nicht immer um Motoren gehen, sondern vielleicht auch um einzelne Komponenten.
Kymco wurde Ende letzten Jahres auch genannt als Produzent eines BMW-Rollers. Seitdem ist es ruhig geworden um das Thema.
Das haben Sie gesagt. Es gibt bei uns konkrete Überlegungen zu dem Thema Roller. Die Frage der urbanen Transportation beschäftigt BMW Motorrad sehr intensiv. Ob das ein Fahrzeug mit zwei, drei oder vier Rädern sein wird, mit Überrollbügel oder ohne, mit konventionellem Antrieb oder elektrisch, wird man sehen. Dem wird sich BMW Motorrad auf jeden Fall nicht verschließen. In unseren Gedanken sind wir sehr weit fortgeschritten.
Das heißt, die Roller sind bereits im Einsatz?
Sagen wir mal so, ich bin das Fahrzeug noch nicht gefahren.
Werden wir das Fahrzeug schon auf der Mailänder Messe bestaunen können?
Ganz sicher nicht. Auf der nächsten EICMA in Mailand möchten wir die Weltöffentlichkeit mit etwas anderem überraschen. Das Thema urbaner Transport hat im Haus BMW aber einen sehr hohen Stellenwert, im Bereich Motorrad als auch bei den Autos.
Der deutschen Fahrzeugindustrie wirft man vor, sie reagiere in Sachen alternative Antriebe zu langsam.
Das ist ein völlig unbegründeter Vorwurf. Der Stand der Technik ermöglicht es heute nicht, Fahrzeuge mit alternativem Antrieb zu einem wettbewerbsfähigen Preis zu produzieren, die der Kunde dann auch bereit ist in großen Stückzahlen zu kaufen. Die Batterie-Technik ist heute noch nicht so weit. Akzeptable Autos oder Motorräder, die auch die Kundenerwartungen erfüllen, gibt es noch nicht. Vielleicht wird es 2013 oder 2014 so weit sein, nicht vorher. Fahrzeuge, die es heute gibt, sind Insellösungen oder unausgereifte Bastellösungen. BMW hat Tausende Ingenieure, die alle nach dem Besten streben. Glauben Sie wirklich, dass diese Leute nicht wollen?
Aber Piaggio stellt gerade einen Serien-Hybrid-Roller vor, der 10.000 Euro kosten wird . . .
. . . das ist das Thema. Die Hybrid-Idee ist nicht neu. Unsere Marktforschung besagt, dass der Kunde mit einem Elektroantrieb mindestens 100 Kilometer weit fahren möchte. Batterietechnik in einem Zweirad erlaubt das heute noch nicht. Es sei denn, sie haben einen Roller, der dann 300 Kilogramm wiegt. Also gehen die jetzt den Weg, eine Verbrennungsmaschine und einen Elektromotor in einem Zweirad zu verwenden. Das heißt, sie haben Gewicht, sie haben Kosten. Der Kunde ist nicht bereit, das zu bezahlen. Wenn sie dieses Produkt für 5000 Euro auf den Markt bringen können, dann haben sie Erfolg damit.
. . . und sicherlich mehr ein Prestige-Projekt - wie vielleicht auch eine S 1000 RR?
Nein. Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen, wir haben 3300 Mitarbeiter bei BMW Motorrad. Es ist unsere Pflicht, Produkte zu entwickeln, die auf dem Markt erfolgreich sind und nicht nur Umsatz, sondern auch Ertrag erwirtschaften. Dieser Erfolg ermöglicht uns, weiterhin in die Zukunft zu investieren und Arbeitsplätze zu sichern.
Fehlendes Original
Dr. Andreas Frick (Hephaistos)
- 27.07.2009, 19:06 Uhr
Falsche Modellpolitik
Peter Kelm (Museumsdirektor)
- 27.07.2009, 21:20 Uhr
Roller? Kabinenroller
R. Lettow (r.lettow)
- 27.07.2009, 23:34 Uhr