09.10.2006 · Groß sind die Erwartungen, groß ist die Spannung. Mit einer Welle neuer Modelle wollen die Motorrad- und Rollerhersteller in diesem Herbst neue Kaufanreize setzen. Die Branche braucht Impulse, die Intermot in Köln soll sie ihr geben.
Von Walter WilleNach acht Jahren in München kehrt die Leitshow in ihre frühere Heimat zurück. Auf mindestens 200000 Besucher hoffen die Veranstalter, sie locken mit einer „Eventmesse“, bei der Kraft und Kleinkraft auf zwei Rädern nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören, zu fühlen, zu fahren sein werden (siehe Kasten auf dieser Seite). Deutschland ist das Land des Hubraums, nirgendwo in Europa ist der Anteil der dicken Maschinen so groß wie hier. Doch mehr und mehr entdecken anscheinend auch die Deutschen Rollerchen und Moped als Verkehrsmittel, die einen Weg aus Parkplatznot und städtischer Verstopfung weisen. Kleinkrafträder und leichte Scooter waren dem Industrieverband Motorrad zufolge im Verlauf des Jahres bisher besonders gefragt.
Stauraum kann man nicht genug haben auf einem Alltagsroller, Winter- und Schlechtwettertauglichkeit sind durchaus noch steigerungsfähig. Schön wäre es, wenn auch in dieser Hinsicht von der Intermot neue Impulse ausgingen. Oder Ideen, wie sich die Sicherheit auf zwei Rädern allgemein steigern ließe. Besondere Faszination mag von Superbikes und Supersportlern ausgehen, die vor Kraft schier bersten, mit Grand-Prix-Fahrwerken extrem tief in Kurven tauchen und mit Ankergewalt bremsen - die gibt es aber schon zuhauf. Gleichwohl wird man in Köln die nächsten Schritte des Wettrüstens in dieser Hinsicht begutachten können.
Auf Messeständen, die im Fall von Schwergewichten wie Honda, Suzuki oder BMW Rekordgröße erreichen sollen. Was im einzelnen dort ins Scheinwerferlicht getaucht wird, ist bisher nicht ganz klar. Die Hersteller lassen sich noch nicht in die Karten schauen. Aufgedeckt wird das Blatt in der kommenden Woche. BMW reist mit „vier faszinierenden Weltpremieren“ an, ein Superbike, über das viel spekuliert worden ist, wird nicht darunter sein. Vielleicht aber eine Supermoto oder weitere Varianten des F-800-Reihenzweizylinders.
Neuheiten für 2007
Verschiedene Neuheiten für 2007 indes sind schon sicher. Ducati rüstet in der Monster-Baureihe die S4R jetzt mit dem 96 kW (130 PS) starken Testastretta-Triebwerk aus, die Multistrada 1000 wird durch eine äußerlich unveränderte, aber stärkere 1100er abgelöst. Die Sportclassic-Familie wächst dem Vernehmen nach um zwei Modelle, die schon in Köln präsentiert werden, während sich die Italiener mit der Vorstellung ihres neuen Supersportbikes bis zur Mailänder Eicma Mitte November Zeit lassen. Harley-Davidson fährt neben nicht näher bezeichneten Novitäten seine neue Motorengeneration auf, Twin Cam 96 genannt. Mehr Hubraum (1584 Kubik), gemäßigt mehr Leistung, mehr Drehmoment heben das V2-Gefühl auf ein anderes Niveau, wir haben das gerade im Sattel des wunderbar gezeichneten neuen Choppers Softail Custom erfahren und werden demnächst darüber in „Technik und Motor“ der F.A.Z. berichten. Überarbeitet wurde die Fat Boy, die Night Rod schickt Milwaukee nun auch in einer pottschwarz bösen Spezialversion herüber.
Bei Honda kommt in der Supersportklasse eine umwälzend renovierte CBR 600 RR mit kompaktem 600er-Reihenvierzylinder mit nochmals gesteigerter Leistung und Drehzahl (88 kW bei 13 500/min), einem schlankeren, leichteren Aluminiumgußrahmen, kürzerem Radstand, längerer Schwinge und einem um acht auf 184 Kilogramm verringerten Leergewicht. Die Shadow Spirit mit 750-Kubik-V2-Motor verstärkt die Riege der flachen Cruiser. Für den vor Monaten angekündigten Reisedampfer Gold Wing in der Ausführung mit Fahrer-Airbag - das gibt's sonst nirgends - sollen nun erstmals die Preise genannt werden.
Kawasaki hat vorab schon einige Bekanntmachungen ausgesandt, zum Beispiel über die im Vergleich zur Vorgängerin rundum zackigere Z 1000, ein Kraftpaket im Streetfighterlook. Etwa 130 PS sind zu erwarten, mehr Durchzug, sportlicheres Fahrwerk, ABS-Option. Alles neu auch in der Supersportliga: Die Entwicklung der nächsten Ninja ZX-6R begann mit einem weißen Blatt Papier, wie es heißt. Extreme Drehfreude, eine steile Leistungskurve und ein verbessertes Handling standen im Lastenheft. Mit der sportlich-vielseitigen Versys erweitert Kawasaki die von der ER-6n begründete Modellfamilie mit 650er-Reihenzweizylindermotor. Die VN 900 Custom zeigt die typischen Cruiser-Merkmale mit dem Anspruch der Ausstrahlung eines Custom-Bikes. Bei Suzuki soll die schon fast legendäre B-King nun tatsächlich kommen, wie die Zeitschrift „Motorrad“ meldet, mit 1300er-Hayabusa-Vierzylinder, ferner der Sportler GSX-R 1000 mit Euro-3-tauglichem und obendrein auf elektrisierende 186 PS erstarktem Vierzylinder-Kraftwerk. Die beiden Bandit-Typen, preisgünstige Allrounder, werden demnach mit wassergekühlten Motoren ausgestattet.
Tiger für Asphaltierte
Bei Triumph mutiert die Tiger von einer Reiseenduro zu einem Sport-, Spaß- und Tourenfahrzeug allein fürs Asphaltierte. Der 84 kW (115 PS) starke, aus Speed Triple und Sprint ST bekannte 1050er-Dreizylinder übernimmt die Rolle des Antreibers. Das kantige Design wird dem Namen eher gerecht als das brave Gewand des bisherigen Modells. Von Yamaha ist der Mittelklasse-Cruiser XVS 1300 A Midnight Star mit kurzhubigem V-Twin mit gut getarnter Flüssigkeitskühlung - „ein modernes Motorrad in klassischem Look“ - zu erwarten und darüber hinaus einiges mehr: im Supersport- sowie im Allroundersegment. Die von manchem herbeigesehnte Vmax schafft es 2007 offenbar noch nicht ins Modellprogramm.
Wer nun Namen vermißt wie Aprilia, Moto Guzzi, Derbi, Gilera, Vespa - richtig, sie sind nicht da, obwohl sie (im Fall Aprilia etwa eine nackte 750er mit neu entwickeltem 90-Grad-V2) durchaus etwas zu zeigen hätten. Das werden sie in wenigen Wochen in Mailand nachholen, wo man sich entschieden hat, die italienische Messe auf einen Jahresrhythmus umzustellen, den Kölnern in die Quere zu kommen und die Aussteller doppelt zu fordern. Der Mutterkonzern Piaggio setzt in einem Akt nationaler Pflichterfüllung ganz auf die heimatliche Veranstaltung und läßt sich die Chance auf ein frisches Kölsch entgehen. Wobei - ein kleines bißchen Piaggio wird doch da sein: Der neuartige Dreiradroller MP3 mogelt sich irgendwie auf den Stand der Zeitschrift „Motoretta“. Na, immerhin.