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Intermot 2006 Nichts wäre schlimmer als eine Spaßbremse

17.10.2006 ·  Auf der Intermot 2006 in Köln war wenig Innovatives zu entdecken. Die Zukunft des Motorrads bleibt konventionell, auf Experimente wird verzichtet. Die wichtigste Erkenntnis: ABS ist keine Spaßbremse mehr, sondern ernstzunehmender Standard.

Von Walter Wille und Michael Kirchberger
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Nein, der Rhein stand nicht in Flammen, wenngleich man den Eindruck hatte, beim Anlassen der neuen Suzuki B-King würde genau das passieren. Das große Spektakel des motorisierten Zweirads hat nach vier Veranstaltungen in München sein Comeback in Köln gegeben. Die Branche wäre froh, wenn die Intermot, zu der gut 187 000 Besucher kamen, jene Impulse geben könnte, die dringend gebraucht werden. Ob das gelungen ist, ob die Hersteller mit ihren Neuvorstellungen, die es vorige Woche in großer Zahl zu sehen gab, den Nerv der Biker getroffen haben, werden die Zulassungszahlen des kommenden Jahres zeigen. Eine Botschaft von Köln lautet: Das Motorrad bleibt erst einmal so, wie wir es kennen. Keine Experimente.

Unkonventionelle Anstöße für die Zukunft der Mobilität auf zwei Rädern waren nicht zu entdecken. Hybridantrieb, Brennstoffzelle? Die Zeit sei noch nicht reif, hört man. Die schon vor Jahren angedachte Verschmelzung von Motorrad und Roller zu einem urbanen Vielzweckwesen? Im Moment kein großes Thema. Der Roller bleibt Roller (über die Neuigkeiten hier werden wir in der nächsten Ausgabe von „Technik und Motor“ berichten), beim Motorrad verhält es sich ebenso. Wobei es sich natürlich weiterentwickelt und hierbei klare Tendenzen zu erkennen sind.

ABS auf dem Weg zur Selbstverständlichkeit

Die vielleicht wichtigste: ABS wird nicht mehr als Spaßbremse betrachtet, es ist auf dem Weg zu einer Selbstverständlichkeit, die Zahl der mit Antiblockiersystem ausgestatteten Modelle wächst kontinuierlich. Nach BMW und Honda gehen nun auch Suzuki (nicht mehr ohne ABS: Bandit-Reihe, SV 650, GSR 600, V-Strom 650) und Yamaha (alle FZ6-Modelle serienmäßig) konsequent diesen Weg. Bei BMW wird auf Wunsch sogar die brandneue Einzylinder-Baureihe mit (abschaltbarem) ABS ausgestattet - einzigartig.

Daß Einspritzung und geregelter Katalysator sich flächendeckend durchsetzen, ist nicht allein dem Umweltdenken zu danken, sondern auch der neuen Euro-3-Abgasnorm. Die Einsteigerklasse belebt sich, denn die Industrie hat gemerkt, daß es höchste Zeit ist, in der alternden Motorradzunft für Nachwuchs zu sorgen. Und daß es Möglichkeiten gibt, Frauen für die Sache zu begeistern. Das Modellangebot verästelt sich in alle Richtungen, Spezielles wird noch spezieller, Extremes extremer: In der Supersport-Fraktion werden die Möglichkeiten ausgereizt, daß Normalfahrern schwindelig wird. Mehr als 180 PS sind jetzt das Maß der Dinge. Auf der Suzuki GSX-R 1000 (136 kW/186 PS) ist per Knopfdruck am Lenker die Leistungscharakteristik dreistufig einstellbar von volles Rohr bis etwas zahmer.

Smarte Allrounder für den Straßenverkehr

Die Yamaha R1 ist ebenfalls scharf wie eine Rasierklinge, mit neuem Fahrwerk, Motor mit elektronisch gesteuertem Ansaugsystem, 189 PS Nennleistung mit Staudruckeffekt und „dramatisch verbesserter Leistungsentfaltung“. Hondas CBR 600 RR kommt noch kompakter, noch aggressiver als das „weltweit mit Abstand leichteste 600er-Serien-Supersportmotorrad“. Kawasaki verspricht für die radikal rennsportlich abgestimmte, gleichwohl für den Straßenverkehr zugelassene ZX-6R neben viel Leistung die „Handling-Eigenschaften leichtgewichtiger GP-Rennmaschinen mit kleinem Hubraum“. Reiseenduros, Luxustourer, Supermoto-Maschinen, Chopper, Powercruiser, Geländemotorräder, moderne Klassiker - alle bedienen ihre ganz bestimmte Zielgruppe.

Daneben gibt es eine frische Sorte smarter Allrounder für jene, die sich ein möglichst vielseitiges Motorrad zulegen wollen für Stadtverkehr im Alltag, Landstraße in der Freizeit und Langstrecke im Urlaub. Die Kawasaki Versys ist ein Vertreter dieser Spezies, eine Preisklasse darüber die überarbeitete und erstarkte Ducati Multistrada (siehe Seite T4) sowie die Triumph Tiger 1050. Die ist Haus-, Nutz- und Raubtier zugleich, gegenüber der Vorgängerin kaum wiederzuerkennen, läßt alle Geländeambitionen sausen, ist dafür aber auf Asphalt universell einsetzbar. 84 kW (115 PS) gibt ihr Dreizylinder ab, ABS wird auf Wunsch eingebaut.

Attraktive BMW-Neuheiten

BMW macht weiter Dampf, geht mit dem umfangreichsten und jüngsten Modellprogramm aller Zeiten ins Jahr 2007. Nach sechs neuen Typen 2006 legen die Bayern jetzt in der unteren Klasse nach. In überarbeiteter Form (weniger Gewicht, mehr Leistung, mehr Spritzigkeit) wird der Einzylinder der F 650 das treibende Element der neuen G-Baureihe, die bei Aprilia in Italien montiert wird und im Frühjahr mit drei Modellen kommt: Xchallenge (eine Sportenduro), Xmoto (ein Supermoto-Funbike) und Xcountry (ein Scrambler für Straße und leichte Geländegänge). Vollgetankt weniger als 160 Kilogramm bei 39 kW (53 PS) sind eine Fahrspaß-Ansage. Zwei weitere BMW-Neuheiten finden sich in der Oberklasse, die K 1200 R Sport (eine Variante der K 1200 R mit Halbschale) komplettiert das Programm der Vierzylinder, die Boxerriege wächst um eine HP2 im Supermoto-Stil, schön schräg und eine echte Attraktion.

Harley-Davidson hat in Köln einen Versuchsballon gestartet, will mal sehen, was die Leute von der XR 1200 halten, und dann entscheiden, ob sie angeboten wird. Der Prototyp sieht schon verdächtig seriennah aus, es handelt sich um eine Maschine auf Sportster-Basis, die an Harleys Dirt-Track-Racer aus dem amerikanischen Rennsport erinnern soll. Mit dem Konzept (1,2-Liter-V2 mit 85 bis 90 PS, hochwertige Bremsen, sportliches Fahrwerk, agiles Handling) richtet sich die Motor Company speziell an die Europäer und hier besonders an jüngere Fahrer. Klassische Harleys sind die Dyna-, Softail- und Touring-Modelle, sie bekommen nun die neuen Twin-Cam-96-Triebwerke mit knapp 1,6 Liter Hubraum, 52 kW (71 PS), bis zu 17 Prozent mehr Drehmoment und Sechsganggetriebe. Wir werden den Chopper Softail Custom in Kürze ausführlich vorstellen.

Z 1000 als optischer Straßenkämpfer im Muskelhemd

Hondas Hingucker war die stark überarbeitete Hornet 600, deren Motor auf dem Supersporttriebwerk der kommenden CBR 600 RR basiert. Die Hornet wandelt sich von einem recht konventionell anmutenden Motorrad zu einem scharf gezeichneten Streetfighter, Markenzeichen: markant-stummelige Vier-in-eins-Auspuffanlage, modisch übereinander angeordnete Klarglasscheinwerfer. Kante auch bei Kawasaki. Die Z 1000 wurde optisch auf grimmigen Straßenkämpfer im Muskelhemd getrimmt. Der Einliter-Reihenvierzylinder bringt es auf 96 kW (130 PS) und soll nun mehr Durchzug bieten sowie viel laufruhiger arbeiten als bisher.

Die breitesten Schultern auf zwei Rädern - das ist Suzukis gewaltige B-King. Ihre eigentliche Bestimmung ist die des Dienstfahrzeugs für Oberfieslinge aus Science-fiction-Comics, ihre überdimensionierten eckigen Blasrohre unter dem Sitz sehen aus wie die Booster eines interstellaren Gleiters. Voraussichtlich von August an kommt sie zu bodenständigen Händlern, mit dem 1300er-Vierzylinder der Hayabusa, der in der Spitzenleistung etwas gekappt wird (auf etwa 160 bis 165 PS) zugunsten einer fülligeren Drehmoment-Ausbeute. Gewohnt unauffällig-gefällig und äußerlich unverändert sucht sich die Bandit-Reihe ihr Publikum. Komplett neu sind die Motoren der 650 und der 1250: wasser- statt luft-/ölgekühlt, eingespritzt und abgasmäßig auf der Höhe der Norm. Bei Yamaha wächst die FZ6-Mittelklassefamilie um eine S2-Version der FZ6 Fazer mit Halbverkleidung. Sie hebt sich ab durch einige hochwertigere Komponenten (Schwinge, Bremse, Cockpit) und eine sportlichere Frontverkleidung.

Morini 9 1/2: Mix aus Chromspeiche und Moderne

KTM schmeckt den Eintopf neu ab. Mit dem LC4-Motor tritt die nächste Generation eines Einzylinder-Viertakters aus Österreich an, leichter als der Vorgänger und 47 kW (63 PS) stark. Als erstes Modell wird die 690 Supermoto damit ausgerüstet, ein höchst bewegliches, vollgetankt nur rund 165 Kilogramm wiegendes Straßenmotorrad.

Jenseits der Alpen glüht Ducati mit der 130 PS starken S4R Testastretta aus der Monster-Reihe, bei den nostalgischen Sportklassikern nimmt die Vielfalt durch zwei weitere Varianten der Sport 1000 (Zweier- statt Einzelsitzbank, erhöhte Lenkerstummel) zu. Moto Morini stellt mit dem Mut des unerschrockenen Zwergs seinen zweiten Typ mit selbstentwickeltem 1200-Kubik-V2 auf die Räder: Die Morini 9 1/2 (86 kW/17 PS) ist eine gelungene Mischung aus Chromspeiche und Moderne. Recht italienisch wirkt auch der knallrote Prototyp GT 650 X, er stammt aber von Hyosung und kommt aus Korea, wo man die Modellpalette um den 650er-V2 kontinuierlich erweitert, sogar von einer Tausender wird gesprochen.

Benelli soll durch und durch italienisch bleiben mit Entwicklung und Produktion in Pesaro, wenngleich dort nach einem Besitzerwechsel sicherlich auch chinesisch gesprochen wird. Die Marke strebt, so wird verkündet, einen Aufstieg an zum Komplettanbieter vom 50er-Roller bis zum Sechszylinder-Motorrad. In Köln wurde der „due“ genannte Prototyp einer kompakten, futuristisch geformten Mittelklasse-Maschine mit 756 Kubikzentimeter großem Reihen-Zweizylinder (80 bis 85 PS) und ambitioniert hochwertiger Ausstattung gezeigt. Für italienische Verhältnisse soll sie ausgesprochen preisgünstig angeboten werden. Aber erst von 2008 an.

Quelle: F.A.Z., 17.10.2006, Nr. 241 / Seite T1
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