Neuheiten zwischen Traum und Wirklichkeit: Das gilt auf der IAA auch für die E-Autos. Auf der einen Seite stehen Supersportwagen, die elektrisch vehement von einer Ampel bis zur nächsten oder am liebsten blitzschnell bis hinter den Horizont beschleunigen wollen. Auf der anderen Seite findet man Alltagsfahrzeuge, die eher eine genügsame Mobilität bieten und dabei oft auch ein freundliches Ökozwinkern in den Scheinwerfern haben.
Ins zweite Lager gehört etwa Mia, ein Mikrobus. Er ist aus dem Projektstadium heraus, die Fertigung läuft in Frankreich im ehemaligen Heuliez-Werk zurzeit an. Die Preise stehen fest, Mia ist von 19.500 Euro an zu haben, inklusive Batterie. Das Fahrzeug sei von vornherein als Stadtauto erdacht worden, sagt der Designer Murat Günak, der früher für Peugeot und Mercedes-Benz Autos entwarf. Die Schiebetüren des Mia sorgen für kommoden Einstieg auch in engen Parklücken, ein weiterer Pluspunkt ist der Wendekreis von nur 8,50 Meter. Die Fahrdaten bewegen sich im üblichen Bereich solcher elektrisch betriebenen Stadtautos: Je nach gewählter Batteriekapazität betragen die Reichweite gut 80 oder 120 Kilometer und die Höchstgeschwindigkeit 100 km/h.
Aus gleichem Holz geschnitzt sind zwei Prototypen deutscher Forschungs-Provenienz, die beide auf der IAA sozusagen zur Produktion bereitstehen: Sowohl der Mute von der Technischen Universität München als auch der Streetscooter von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, seien so weit, dass sie in vielleicht zwei Jahren in die Fertigung gehen könnten. Entsprechende Interessenten könnten zugreifen, und in beiden Fällen erhielten sie ein Stadtfahrzeug, das leicht ist (der Mute wiegt 500 Kilogramm inklusive Batterien) und deshalb mit einer vergleichsweise kleinen Batterie auskommt. Für den Streetscooter sorgt sogar schon ein Preis für Gesprächsstoff: 5000 Euro waren Teil der Fahrzeug-Vorgaben, denn es ging schließlich um kostengünstige Elektromobilität.
Rückbank lässt sich in Chaiselongue verwandeln
Sportlichkeit und Elektroantrieb schließen sich aber nicht aus. Denn das hohe Drehmoment eines Elektromotors vom Stand weg gibt jedem, auch dem kleinsten Stromer, eine enorme Beschleunigungskraft - was in speziellen Fahrzeugen kräftig ausgenutzt wird. Eine Messeneuheit in diesem Segment liefert Brabus: Der Bottroper Tuner stellt eine E-Klasse von Mercedes-Benz mit vier Radnabenmotoren mit zusammen 320 kW (435 PS) Leistung aus, somit ein Allradfahrzeug, für das der Hersteller eine Höchstgeschwindigkeit von 220 km/h nennt sowie 6,9 Sekunden für den Spurt von 0 auf 100 km/h. Die maximale Reichweite liegt angeblich bei 350 Kilometer. Eine Kleinserie ist geplant. Wir sind gespannt.
Eine zweite Messeneuheit war der Rimac Concept One. Der aus Kroatien stammende Supersportwagen peilt über ebenfalls vier Motoren eine Leistung von 800 kW (1088 PS) und daraus resultierende 305 km/h als Höchstgeschwindigkeit an. Der Spurt von 0 auf 100 km/h soll in 2,8 Sekunden erledigt sein, wird versprochen. Erstaunt hat das hohe Maß an eigenständig entwickelten Komponenten, beispielsweise die Motoren und Achsantriebe. Zugleich zeigt der Prototyp, wohin das Unternehmen will: Von dem aus leichtesten und edelsten Materialien hergestellten Fahrzeug sollen nur 88 Stück gebaut werden, 10 bis 15 Exemplare jedes Jahr, und als Preisreferenz werden die Boliden von Pagani oder Koenigsegg genannt. Sprich, ein Rimac soll eine Million Euro oder mehr kosten.
Aus der Zukunft brachte Mercedes-Benz das Forschungsfahrzeug F 125 nach Frankfurt, das einen deutlichen Blick in die Zukunft des Elektroautos wagt, bis ins Jahr 2025. Es bezieht seine Antriebskraft für wiederum vier Elektromotoren aus einer Brennstoffzelle, und als mögliche Reichweite des fahrfähigen Mobils werden 1000 Kilometer genannt. Das wäre ein Wort - und zugleich auch das Karosseriekonzept, welches das Thema Luxuslimousine der Zukunft spielt. Platz ist opulent vorhanden, die Rückbank lässt sich gar in eine Chaiselongue verwandeln.
Infrastruktur drumherum schaffen
Und weitere Elektroneuheiten auf der IAA? Über diverse Weltpremieren wurde schon berichtet, fast alle Hersteller warteten mit etwas auf. Eine Novität in Frankfurt ist der Renault Frendzy, ein Minivan mit Elektroantrieb. Pfiffig leuchtet er auf dem Stand und transportiert zugleich die Hoffnung, dass er möglichst viel von seiner Frische in eine Serienfertigung retten kann.
Kommen werden sie, die Elektroautos, es ist nur eine Frage der Zeit und der Preise. Wobei Deutschland und Nordamerika laut einer auf der IAA veröffentlichten Studie des TÜV Rheinland nicht so euphorisch auf sie warten: Die Kaufbereitschaft liege mit 57 Prozent in beiden Nationen nur im unteren Mittelfeld. Führend seien Indien (92 Prozent), China (88 Prozent) und Italien (85 Prozent).
Und kommen können sie jetzt auch aus anderen Gründen. Denn abgesehen von den Elektrofahrzeugen, die alltagstauglich sein müssen, ist auch Infrastruktur drumherum zu schaffen, und da ist man jetzt offenbar ebenfalls am Ziel: Smart hat für den flächendeckenden Start der E-Version seines Cityflitzers im kommenden Jahr die Händler und Werkstätten entsprechend geschult, und auch von anderen Herstellern hört man, dass genau diese Vorbereitung unerwartet viel Einsatz gekostet habe.
Die Zeichen stehen auf Elektromobilität, könnte man meinen. Stimmt - doch so richtig leuchten werden die Zeichen erst in vielen Jahren. Bis dahin, auch das hat die IAA gezeigt, sind Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor nach wie vor das Maß der Dinge.
Wenn Sie sich da mal nur nicht irren...
Marcus Ballmer (Allbecon)
- 23.09.2011, 00:46 Uhr
Allen Unkenrufen zum Trotz...
Uwe Wagner (view)
- 22.09.2011, 12:49 Uhr
@ werter Marcus Ballmer (Allbecon) (Sinnhaftigkeit von Elektroautos)
Bertram von Steuben (Elim_Garak)
- 22.09.2011, 12:20 Uhr
Benziner sind noch älter
Marcus Ballmer (Allbecon)
- 21.09.2011, 21:56 Uhr
Ankündigungen und Luxusspielzeuge
Marvin Parsons (mapar)
- 21.09.2011, 20:30 Uhr
