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„i:SY“ Dieses kompakte Reiserad sorgt für Verblüffung

06.07.2009 ·  „i:SY“, die zweite Vorstellung: Nichts ist dem Fortschritt beim Fahrrad so hinderlich gewesen, wie das Beharrungsvermögen von Experten und Handel. Hoffentlich wird das bei dem Kompaktrad von Martin Kuhlmeier nicht der Fall sein.

Von Hans-Heinrich Pardey
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Der Fahrradsachverstand in Person begegnete uns in einer Ebbelwei-Wirtschaft des Landkreises Offenbach. (Wo denn sonst, wenn nicht da, sagt sich der gelernte Frankfurter.) Kaum dass wir zügig mit dem gut befrachteten Zwanzig-Zoll-Kompaktrad „i:SY“ von Räderwerk angelangt waren und den ersten Sauergespritzten geordert hatten, trat ein großgewachsener Mann mitleidig lächelnd an den Tisch: Das sei ja wohl ein recht mühevolles Radeln, eine Gepäcktour mit einem Klapprad?

O nein, erwiderten wir fröhlich, dieses Rad sei keineswegs ein Klapp- oder Faltrad und es fahre sich ausgesprochen leicht und flott. Aber die kleinen Räder und die Ballonreifen, beharrte der Fachmann, da sei der Rollwiderstand erheblich, und außerdem sehe er da eine Nabenschaltung, da quäle man sich ja noch zusätzlich herum mit dem bekannt niedrigen Wirkungsgrad. Nun hätten vielleicht wir mitleidig lächeln sollen, sagten aber stattdessen eifrig: Die dicken Reifen – jawohl 60 Millimeter Schwalbe „Big Apple“, viel Volumen, eher niedriger Druck: In denen steckt der Federweg des Rades, sehr komfortabel. Und bei der Schaltung handele es sich um die bekannte 14-Gang-Nabe von Rohloff, und etwas Besseres wüssten wir nicht fürs Tourenfahren, verschmutzungssicher, unerreichter Übersetzungsspielraum, gleichmäßige Gangsprünge, sehr empfehlenswert, bloß ziemlich teuer.

Vorurteile, die das i:SY umgehend Lügen straft

Ob er, um sich selbst zu überzeugen, vielleicht eine kleine Runde ums Haus drehen wolle? Aber, aber dieses Rad passe ihm doch nicht, wehrte der Grosse müde ab. Worauf wir noch eifriger wurden: Kein Problem, ein Aufhebeln am Speedlifter-Vorbau, 14 Zentimeter Spielraum zum Verstellen, ein Lösen der Klemme an der Sattelstütze, und das i:SY passt zwischen 1,60 und 1,85 Meter Körperlänge. Worauf der Fachmann erwiderte: „Nein, das muss ich mir nicht antun.“ Sprachs und schwang sich auf einen dem Ermüdungsbruch entgegenknackenden Klepper mit Rennlenker aus den frühen achtziger Jahren, auf dessen Rahmen mit Mühe noch Spuren eines Schriftzugs wie „Alu-Rad“ zu erkennen waren.

Dies Erlebnis ist so ausführlich geschildert worden, weil es wie unter dem Brennglas bündelte, womit das Konzept von Martin Kuhlmeier sich im Alltag auseinandersetzen muss – oder auch der, der sich als Händler für dieses Kompaktrad stark macht: mit lauter Vorurteilen. Vorurteile, die das i:SY umgehend Lügen straft, und zwar überzeugend – wenn ihm denn die Chance der praktischen Widerlegung geboten wird. Dass ein Fahrrad, kompakt wie Klappräder von anno dazumal aussehend, das auf 20-Zoll-Laufrädern rollt, noch dazu auf Ballonreifen und mit einer Nabenschaltung im Antriebsstrang schwerfällig sein muss – das sitzt fest in den Köpfen.

„Räderwerk“ ist ein ziemlich gängiger Name

Und man kann nur erwidern: Ausprobieren, es ist nicht so. Gut, wir haben mit dem zum Reiserad aufgebauten i:SY eine Luxusversion für – wenn wir die Sonderposten der Zubehörliste richtig addiert haben – rund 3100 Euro bewegt: Angefangen von der Sonderlackierung (alle RAL-Farben sind möglich) über die MKS-Steckpedale, den Brooks-Ledersattel, die Ergon-Griffe mit der breiten Handauflage bis zur Lichtanlage mit SON-20R-Dynamo und -Scheinwerfer sowie die erwähnten Details Rohloff-Nabe und Speedlifter-Twist-Vorbau war an diesem Rad alles dran, was gut ist und etwas mehr kostet.

Eine Basisversion des i:SY mit Acht-Gang-Nabe und Hydraulikbremsen ist bereits für 1275 Euro bei Räderwerk zu haben. Eine Anmerkung: „Räderwerk“ ist ein ziemlich gängiger Name für Fahrradläden quer durchs Land; wer nur mit dem Herstellernamen eine Internet-Suchmaschine anwirft, stößt womöglich nicht gleich auf das hier gemeinte Rad.

Wie sperrig 26-Zoll-Fahrräder doch sein können

Der Grundgedanke bei jedem, nach individuellem Kundenwunsch zu ganz verschiedenen Rädern aufgebauten i:SY ist der gleiche: kompakte Abmessungen mit der Bequemlichkeit eines 48 Zentimeter niedrigen Durchstiegs so zu verbinden, dass man beim Fahren wie auf einem herkömmlichen Fitness-, Reise- oder Alltagsrad sitzt. Auf ein Staumaß von 1,53 Meter Länge lässt sich das i:SY mit herumgedrehter Vorderrad-Gabel bringen – was so beim vom i:SY abgeleiteten elektrifizierten Flyer-Modell von Biketec (F.A.Z. vom 11. April) nicht möglich ist. Klappt man noch mit dem Twist des Speedlifter-Vorbaus den Lenker in die Richtung der Rahmenrohre und zieht die Pedale ab, wird auch das Reiserad mit seinen Trägern für die Gepäcktaschen zu einem weitaus leichter wegzuräumenden Gegenstand als es die meisten Fahrräder sind. Mit einem Griff zu der kleinen Triangulation am Sitzrohr hat man es genau im Schwerpunkt gepackt und hebt es ohne jeden Umbau in die Bahn, allenfalls darüber verwundert, wie sperrig selbst 26-Zoll-Fahrräder neben dem i:SY wirken.

Wir sind mit der Reiserad-Version des i:SY rund 400 Kilometer in Tagesetappen zwischen knapp 40 und etwas mehr als 80 Kilometer und meist mit 15 Kilogramm Gepäck in zwei schön niedrig hängenden Seitentaschen unterwegs gewesen. Mit – angeblich leichter laufenden – 28-Zoll-Trekkingrädern mitzuhalten, ist keineswegs anstrengend. Mit gleichem Krafteinsatz erreicht man mühelos das gleiche Reisetempo. Und wendiger als ein beladenes 28-Zoll-Rad ist das i:SY allemal. Es gibt nur zwei Ausnahmen, bei denen sich das 20-Zoll-Rad deutlich anders anfühlt: Tiefe Schlaglöcher muss man mit den kleineren Rädern meiden. Steigungsstrecken im stehenden Wiegetritt gefahren bekommen durch das andere Pendelverhalten des i:SY einen zunächst ungewohnten, weil unruhiger wirkenden Rhythmus: Mit Unsicherheit hat das nichts zu tun, auch wenn die Ausschläge heftiger wirken; man gewöhnt sich schnell daran.

Die erstklassigen Komponenten bürgen für Zufriedenheit

Obwohl wir keineswegs bedingungslose Anhänger der dicken „Big Apple“-Reifen sind – je nach Untergrund schmieren sie in schnellen Kurven oftmals schwer kontrollierbar weg –, haben wir sie auf Kopfsteinpflaster sehr genossen. Die gefederte Sattelstütze in der Aufpreisliste des i:SY wurde nicht vermisst. Von den Verstellmöglichkeiten des Speedlifter-Vorbaus haben wir hingegen reichlich Gebrauch gemacht: Je nach Tempo, Topographie und Tagesform wirken ein, zwei Zentimeter Höhenunterschied beinahe Wunder. Schaltungskomfort, Bremsleistung (Magura HS 33) und Lichtanlage – da war schon vor dem ersten Losfahren klar: Die erstklassigen Komponenten bürgen für Zufriedenheit, und so war es auch. Ausdrücklich zu loben: das reisetaugliche Fahrlicht des Scheinwerfers SON Edelux, dem allerdings haarscharf der Bügel des Frontgepäckträgers im Wege war.

Das Fazit ist einfach: Ein durch die formale Gestaltung wie mit der Qualität der Ausführung überzeugender Entwurf, ein vorzügliches, voll für den Alltag wie die flott zurückgelegte Tour taugliches Kompaktrad, das sich besonders leicht in der Wohnung verstauen und im Auto oder in der Bahn mitnehmen lässt, ohne dass man wie bei den meisten Falträdern Kompromisse eingehen muss.

Bezugsquellenhinweise: Räderwerk, 32609 Hüllhorst, Telefon 05744/5454, Fax 5469, Internet www.raederwerk.net

Quelle: F.A.Z.
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