22.08.2006 · Mit der Hybrid-Technik für alle Modelle löst Lexus das Ticket in die Auto-Zukunft. Zudem fordert die Luxusmarke im Toyota-Konzern mit dem LS 460 die europäischen Nobelmarken heraus.
Von Wolfgang PetersDurchaus ernsthaft diskutierten die Lexus-Manager (Luxusmarke im Toyota-Konzern) vor knapp vier Jahren, ob die Marke künftig nur noch Hybrid-Technik anbieten sollte. Sie entschlossen sich dann für zwei Gleise: Konventionelle Verbrennungsmotoren auf einer, diese kombiniert mit Hybrid-Antrieb, auf einer anderen Schiene.
So wird auch die Strategie für den neuen, überzeugend ausgefallenen LS 460 gefahren. Er löst zum Jahreswechsel den seit 1997 (mit einem Facelift im Jahr 2000) offerierten LS 430 ab, der noch der üppigen Vergangenheit angehörte. Zunächst wird er in Europa ausschließlich mit einem brandneuen, laufruhigen und durchzugstarken 4,6-Liter-V8 (280 kW/380 PS) zu einem Preis von knapp 90 000 Euro offeriert. Voraussichtlich 2007/2008 schiebt Lexus den bereits als Prototypen existierenden LS 600 nach, der aus der Kombination von V8 und Hybrid-Technik entsteht: Lexus sagt, das ergebe Kraft und Kultur wie bei einem Zwölfzylinder. Bei diesem Vergleich lächeln die japanischen Ingenieure, fast ein wenig verlegen, so als müßten sie sich dafür entschuldigen.
Selbstbewußt wie seine fülligeren Vorgänger tritt auch der LS 460 auf. Allerdings haben die japanischen Designer seinen Auftritt weniger massig, eher mit strafferem Körperbau, gestaltet. Sehr langer Radstand (fast 3 Meter), eine Gesamtlänge von 5 Meter und die starke Design-Betonung von Proportionen und Details (bündige Endrohre der Abgasanlage, kurzer Überhang hinten und skulpturähnlich herausmodellierte Kotflügel) heben ihn deutlich ab von den älteren Typen. Im Innenraum der auf vier (sehr großzügig dimensionierten) Sitzplätze ausgelegten Limousine dominiert ungeachtet der verborgenen High-Tech eher konservativer Luxus. Leder, Hölzer und wertvoll wirkender Kunststoff sollen den technologischen Anspruch auf die Führerschaft unterstreichen. Die Japaner sehen ihren LS 460 als direkten Konkurrenten zur S-Klasse, zum 7er-BMW und zum Audi A8.
Solitäre Offerte
Allerdings tritt der LS 460 als solitäre Offerte an. Es gibt ihn nur in einer einzigen Version, freilich mit komplettester Ausstattung, und erstmals wird eine Achtgang-Wandler-Automatik aufgeboten. Die S-Klasse fährt dagegen komplett mit Siebengang-Automatik vor und das mit mehr als einem Dutzend verschiedener Versionen mit V6 oder V8 oder V12, als Benziner oder Diesel, als AMG, mit langem oder kurzem Radstand, mit Hinterrad- oder mit Allradantrieb. Lexus hält mit High-Tech-Fortschritt im LS 460 dagegen: Achtgang-Automatik, extrem geringe Fahrgeräusche, modernste Elektronik im Dienste der Fahrsicherheit. Außerdem will man in naher Zukunft mit einer Lang-Version kontern und eben mit der immer reifer werdenden Hybrid-Technologie.
Die vor knapp zehn Jahren noch mit einer gewissen Unbeholfenheit im Toyota Prius I gestartete Hybrid-Technik hat jetzt einen Zustand der alltagstauglichen Geschmeidigkeit erreicht, der viele Meilen vor den Anstrengungen der (deutschen) Konkurrenten liegt. Das demonstriert zur Zeit vor allem die Toyota-Luxusmarke Lexus, mit ihrem Geländewagen RX 400h und dem neuen GS 450h. Dieser ist eine Etage unter dem LS 460 angesiedelt und soll vor allem der E-Klasse und dem 5er-BMW Paroli bieten.
Auf dem deutschen Markt entwickelt die Marke Lexus nicht nur auf der Straße eine neue Dynamik. Mit einem ausgeweiteten Modellangebot und scharf kalkulierten Preisen soll nach Angaben von Dietrich Hartmann, bei Toyota Deutschland als PR-Chef auch zuständig für Lexus, das Jahr 2006 neue Verkaufsrekorde bringen: "Die Auftragsbücher sind gut gefüllt, wir werden für dieses Jahr die geplanten 5100 Zulassungen erreichen." Das liegt auch an den neuen Modellen: Der jüngst präsentierte IS (eine schlanke, viertürige Stufenheck-Limousine) kostet in der Version 220d Sport Line mit dem aus diversen Toyota-Typen bekannten Diesel-Vierzylinder (130 kW/177 PS und ein maximales Drehmoment von 400 Newtonmeter) 35 100 Euro, die Basisvariante kommt auf 29 600 Euro. Der eher auf Langstrecken-Komfort als auf maximale Geländetauglichkeit getrimmte RX 350 mit permanentem Allradantrieb kostet 44 600 Euro, das Ausstattungspaket Executive Line kommt auf 5050 Euro. Hier geht der neue 3,5-Liter-V6 (variable Ventilsteuerung für niedrige Schadstoffwerte im Abgas und ein hohes Drehmoment) mit 203 kW (276 PS) und 342 Nm bei 4700/min ans Werk. Im Vergleich zu seinem schwächeren Vorgänger mit 3,3 Liter Hubraum liegt der mit einer Fünfgang-Automatik verbundene neue V6 beim genormten Durchschnittsverbrauch um acht Prozent günstiger: Der Normwert liegt bei 11,2 Liter Superbenzin.
Preis liegt an Grenze zur Oberklasse
Für den neuen Hybrid-Lexus GS 450h verspricht die Marke: die Leistung eines V8 wird mit dem Verbrauch eines Mittelklasseautos kombiniert. Der Preis liegt allerdings an der Grenze zur Oberklasse: 57 600 Euro sind für die Basisvariante fällig, mit der sahnigen Ausstattung Luxury Line kommt der GS 450h auf 66 000 Euro. Dafür gibt es eine füllige Stufenheck-Limousine mit kompletter Ausstattung, hohem Leergewicht (gut zwei Tonnen), einem kleinen Kofferraum (280 Liter), sehr guten Fahrleistungen (aus dem Stand in 5,9 Sekunden auf 100 km/h und eine Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h) sowie eine ungewöhnlich hohe Geräuscharmut. Dafür sorgen der neue 3,5-Liter-V6 (ohne Hybrid-Abteilung im RX 350 tätig) und der gleichfalls neu konfigurierte Elektro-/Elektronik-Antrieb: der Sechszylinder alleine bietet 218 kW (296 PS) auf, und dazu gesellt sich der Drehstrom-Synchronmotor mit 147 kW (200 PS). Er hat aufgrund seines Charakters vom Start weg ein Drehmoment von 275 Nm, der Benziner kommt auf 368 Nm bei 4800/min, wobei der Elektromotor für seine Zugkraft nur bis 3840/min gut ist. Bis 50 km/h fährt der Hybrid-GS ausschließlich mit Elektro-Antrieb, darüber schaltet sich der Benziner sehr sanft dazu. Daß der GS 450h nach Herstellerangaben mit 7,9 Liter Super auf 100 Kilometer unterwegs sein kann, gleicht einer lautlosen Sensation. Diese basiert auch auf Fortschritten in der Zusammenarbeit der beiden Antriebsarten, wie das funktioniert, werden wir später erklären.
Bei ersten Probefahrten kamen wir mit dem GS 450h nach zügig durchmessener Strecke auf einen Verbrauch von 8,9 Liter: Damit kann sich diese Limousine durchaus schmücken und tritt als durchaus ernsthafte Alternative zu den europäischen Diesel-Offerten auf.
Wenn Hybrid die Technik der Zukunft ist, dann fahren Toyota und Lexus schon jetzt auf der Überholspur.