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Veröffentlicht: 19.08.2010, 10:14 Uhr

Husqvarna TE 630 Nachbars Lumpi

Wettkampfmaschine gezähmt für den Boulevard: Aber die Husqvarna TE 630 steht zu ihren sportlichen Wurzeln. Sie sieht aus, als könnte sie Sachen, die man niemals ausprobieren möchte als einer, der nur gelegentlich durchs Gelände hoppelt.

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© Wille Die Husqvarna TE 630 bringt einen überall hin

Ein einziger Zylinder und 57 PS sind genug. Genug jedenfalls, um einem schon im Stand Respekt einzuflößen. Wenn 57 Krafteinheiten derart aufreizend vor einem stehen - langbeinig, grobstollig, gefährlich rot selbst am Zylinderkopf -, dann kann man schon ins Grübeln kommen, ob man ihnen wohl gewachsen ist. Die Husqvarna TE 630 sieht aus, als könnte sie Sachen, die man niemals ausprobieren möchte als einer, der nur gelegentlich durchs Gelände hoppelt.

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In die Handprotektoren, mit denen man einen Elch aus dem Weg schubsen könnte, hat irgendwer schon Kratzer hineingestürzt. Ein Zeichen von Tapferkeit. Im Übrigen ist die Testmaschine makellos und im Zustand höchster Unternehmungslust. Ihr Balken von Sitzbank plaziert den Fahrer in einer Höhe, in der die Luft allmählich dünn wird: 930 Millimeter. Unfallfreies Aufsitzen ist die erste Herausforderung. Die zweite besteht darin, im Sitzen mit der Fußspitze den Boden zu erreichen. Mit gut einsachtzig gelingt das, ist man der Husqvarna zumindest von der Größe her gewachsen. Man sollte allerdings darauf achten, beim Anhalten nicht aus Versehen in ein Loch zu treten, sonst schlägt Ihre Hoheit schneller um, als man "Huch!" denken kann.

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Eine Sport-Enduro wie diese TE 630 für 7500 Euro, die mit größter Ernsthaftigkeit auf Spaßvogel macht, ist natürlich nicht nach jedermanns Geschmack. Sie hat ein Aroma von Trassierband, Strohbündel und offenem Erdreich, sie stammt schließlich von der mehr als 100 Jahre alten, einst schwedischen, seit langem in Italien beheimateten, neuerdings zu BMW gehörenden Marke, die sich ihren Ruf in der Offroad-Szene nicht mit Milde erarbeitet hat. 21 und 18 Zoll groß sind die Räder, wie es sich gehört, gezackt die Metallfußrasten, der Abgas-Trakt endet in einem spektakulären Doppelauspuff. Und dann erst dieser Zylinderkopfdeckel! Hatten wir schon erwähnt, dass er, schluck, feuerrot lackiert ist?

Weiterentwicklung der TE 610

Die Husqvarna ist nicht mild. Aber auch nicht wild, wie man alsbald feststellt, nicht das kompromisslose Wettkampfgerät, vor dem sich normale Leute fürchten müssten. Als Weiterentwicklung der TE 610 ist die TE 630 stärker auf Straßengebrauch und Alltagsnutzen ausgerichtet, und es dauert nicht lange, bis man merkt, wie freundlich dieses Motorrad zu einem sein kann. Das Polster fühlt sich straff, aber erstaunlich komfortabel an, der breite Lenker liegt perfekt zur Hand, die Sitzposition insgesamt ist eine sehr sympathische. Man genießt einen Überblick wie der Waidmann auf seinem Hochsitz. Treffsicheres Getriebe, butterweich flutschende Gänge, leichtgängige hydraulische Kupplung, geringes Gewicht (vollgetankt gut 160 Kilo), Beweglichkeit - das sind feine Tugenden für Stoppelfeld wie Stadtverkehr. Die Federung ist dermaßen schluckfreudig, dass man sich über jeden Kanaldeckel freut, über jeden übel zugeklecksten Frostschaden im Asphalt. Oder zumindest darüber lächelt. Nach diesem Kriterium ist Deutschland ein Land des Lächelns.

Für Kreuz und Gesäß keineswegs eine Unzumutbarkeit ist es, den Zwölf-Liter-Tank am Stück leerzufahren. Nach rund 180 Kilometer meldet die Warnleuchte in der kompakten Digitalschachtel vorm Lenker niedrigen Pegelstand. Der Motor verlangte von uns 4,5 bis 5,2 Liter für 100 Kilometer, man gewährt ihm das gern, denn der flüssigkeitsgekühlte 600-Kubik-Viertakter (42 kW/57 bei 7500/min, 57 Nm bei 6500/min) ist ein talentierter Unterhalter: unruhiger Leerlauf und gelegentliches Konstantfahrruckeln zwar, aber ruckfreie Gasannahme in den kleineren Gängen schon bei knapp 2500/min, sauberes Hochdrehen im sechsten ab 3000/min, überdies kräftiger Durchzug in der Drehzahlmitte bei 4000 bis 5000/min, begleitet von wunderbar bollerigem Einzylinderklang. Darüber hinaus legt der Vierventiler noch ein Weilchen weiter zu, jedoch um den Preis nun deutlich spürbarer Vibrationen. Über 135 km/h wird es wegen des Winddrucks auf der Brust zäh und anstrengend, doch 120 bis 130 ist ein angenehmes Autobahntempo.

Ja, man kann flott vorankommen mit der Husqvarna. Allerdings ist sie wie Nachbars Lumpi niemals zufrieden mit dem kürzesten, dem direkten Weg: Will an diesem Busch schnüffeln, an jener Laterne das Bein heben, zieht Herrchen hierhin und dorthin, möchte durchs Gelände federn, im Stile der Bergziege Anstiege erklimmen. Der Fahrer wird von der Unruhe angesteckt, wälzt den Gedanken, ob er ein Stück des Weges durch den Straßengraben zurücklegen sollte, hält nach Pfützen Ausschau, schielt auf Baustellen-Erdhaufen. Manchmal geht es mit ihm durch, er streift dann zum Beispiel auf der Landstraße im Affekt mit einem Schlenker die Einmündung eines Feldwegs, lässt für zwei Radumdrehungen die Husqvarna Dreck und Steinchen fühlen, bringt mit einem Gasstoß den hinteren Pneu zum Driften. Dankbar seufzt sie auf. Innerlich jodelt sie. Da macht sich der neue bayerische Einfluss schon bemerkbar.

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Von Holger Appel

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