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Horex Aus der Tiefe der Vergangenheit

22.06.2010 ·  50 Jahre nach dem Niedergang steht Horex, die legendäre deutsche Motorradmarke, vor einem Neuanfang. Mit klassischen Zitaten und einem außergewöhnlichen Motorenkonzept.

Von Ulf Böhringer
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Der Ort war mit Bedacht gewählt: Die Flugwerft Oberschleißheim bei München ist eine Außenstelle des Deutschen Museums und beherbergt zahlreiche Luftfahrt-Exponate aus vergangenen Zeiten, Zeugnisse technischer Höhenflüge. Das passt ganz gut zur vor 50 Jahren verblichenen Motorradmarke Horex. Die hatte, wie BMW, ihre Wurzeln im Flugmotorenbau, denn ihr Vorläufer, die Flugmotorenwerke Oberursel, fertigte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Flugzeug-Antriebe. Als Folge des Versailler Vertrags musste man sich dann anders orientieren. Von 1923 bis 1960 wurden in Oberursel Motorräder gebaut. Unvergessen ist vor allem das 1950 präsentierte Horex-Modell "Regina". An jene Zeiten will ein kleiner Kreis von Überzeugungstätern um den Initiator Clemens Neese (51) anknüpfen, der im Verlauf einiger Jahre unter höchster Verschwiegenheit die Horex-Wiedergeburt vorbereitet und jetzt das Projekt vorgestellt hat - in der Flugwerft Oberschleißheim.

Seit Anfang Mai hatte die Motorradwelt, neugierig gemacht durch eine Internet-Kampagne mit nur dürren Andeutungen ("das-neue-motorrad.de"), gerätselt: Horch, Münch, Piëch - wer oder was verbirgt sich hinter dem heimlichen Tun? Was jetzt bei der Enthüllung zum Vorschein kam, verblüffte: Denn die Entwickler um Unternehmens-Chef Neese sind dabei, ein äußerst kompaktes Motorrad im Stile eines Roadsters zu schaffen, das vom ersten VR6-Motor der Motorradgeschichte angetrieben wird. "Anfang dieses Jahrzehnts habe ich mich mal gefragt, warum man dieses Bauprinzip nicht bei Motorrädern findet", gab Neese zu Protokoll. Bei geschickter Architektur vereint es die Vorzüge des V-Motors mit denen des Reihenmotors. Schließlich ist ein Reihen-Sechser recht lang, während ein V-Motor mit seinen zwei Zylinderbänken recht breit ist und zudem viel Bauaufwand bedeutet. Ein kurz bauendes VR-Triebwerk kommt bei engem Zylinderwinkel mit einem Block und einem Zylinderkopf aus. Neese forschte gründlich nach, ließ sich das Ergebnis patentieren. Das war 2007. Da gab er auch seine Stelle in der IT-Branche auf.

Die bisherige "Undercover-Entwicklungsfirma" Compact Bike trägt nun den Namen Horex GmbH und residiert in Garching bei München. Das Institut für Verbrennungsmotoren an der Hochschule München um Professor Martin Doll entwickelte das Triebwerk, Professor Peter Naumann von derselben Uni ist verantwortlich für das Design. Zum "Kompetenzteam" gehören weiterhin Vertriebs- und Finanzexperten sowie verschiedene "alte Hasen" aus der Motorradszene, unerlässlich beispielsweise für den Aufbau eines Händlernetzes. Schon in weniger als eineinhalb Jahren soll es aktiv sein, denn die neue Horex soll vom vierten Quartal 2011 an in einer 70-Mann-Manufaktur in Deutschland hergestellt und anfangs hierzulande, in der Schweiz und in Österreich verkauft werden.

"Unser Alleinstellungsmerkmal ist der VR-Sechszylindermotor, den wir zugunsten einer extrem fülligen Leistungskurve zusätzlich mit einem radialen Kompressor ausrüsten", sagt Neese. Die Spitzenleistung wird irgendwo zwischen 129 und 147 kW (175 und 200 PS) liegen, das maximale Drehmoment oberhalb von 150 Newtonmetern angesiedelt sein, die Höchstgeschwindigkeit elektronisch auf 250 km/h begrenzt. Als "Premium-Motorrad" für ungefähr 20 000 Euro bekommt die Horex standesgemäße Technik in Form von Alu-Brückenrahmen mit Stahl-Lenkkopf zugunsten leichterer Variierbarkeit bei weiteren Modellen, Aluguss-Einarmschwinge, Upside-down-Telegabel, Riemenantrieb, Serien-ABS.

Das Design soll die Tradition der Marke respektieren, wie es heißt. Man findet dezent gehaltene Zitate aus der Vergangenheit, doch wirkt die neue Horex nicht wie ein Retro-Motorrad. "Sie ist in ihrem Bekenntnis zu klaren Formen geradezu radikal - damit unterscheiden wir uns deutlich von aktuellen Motorradstylings, die häufig ultra-aggressiv oder extrem überladen wirken," meint Neese. Der nur 429 Millimeter lange, quer eingebaute Motor ermöglicht eine schmale Silhouette. Das Motorrad mag zwar markenhistorisch ein Schwergewicht darstellen, praktisch ist es ein Beweis gelungenen Leichtbaus: 240 Kilogramm fahrfertiges Leergewicht sind für ein Sechszylinder-Bike nicht viel.

Das Projekt Horex ist offenbar auf eine gehörige Modell-Vielfalt angelegt. Ganz offensichtlich schwebt den Machern eine Revitalisierung im Stile von Triumph vor. Die englische Traditionsmarke war 1990, nach allerdings nur zwanzigjährigem Dornröschenschlaf, von John Bloor wieder auf den Markt gebracht worden. Mit Einsatz vieler Millionen, aber mit Erfolg, wie man weiß. Einigen anderen ist das nicht gelungen: Genannt seien nur MZ oder Münch. Die Horex-Enthusiasten machten den Eindruck, dass sie es schaffen werden, Ende 2011 ihr neues Motorrad auf den Markt zu bringen. Wo in Deutschland es gebaut wird, ist noch offen, aber die Finanzierung scheint gesichert. Private Investoren sind die Hauptgeldgeber, allesamt in der Firma aktiv, ein paar öffentliche Fördermittel gibt es auch.

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