28.02.2008 · Warum zieht es Motorradfahrer wie dich und mich auf die Rennstrecke von Almería? Sie wollen ausprobieren: ihr Können und die neue Honda Fireblade. Der japanische Konzern zählt zu den Einfallsreichen, wenn es um Kundengewinnung geht.
Von Walter WilleEs fühlt sich gut an und macht chrrr. Das Chrrr ist das, worum es geht. Nicht ausschließlich, aber doch ganz wesentlich. Ohne dieses Geräusch fehlt etwas, wer es niemals hört, den beschleicht vielleicht das Gefühl der Unvollkommenheit wie den Pfadfinder ohne Halstuch, den Seemann ohne Äquatortaufe, den Olympiafavoriten ohne Medaille. Der Sportfahrer trägt seine Auszeichnung am Knie, in Gestalt des Plastikknubbels, der in tiefer Schräglage bei ausgeklapptem Bein über den Asphalt schrabbelt. Dabei bekommt der Knieschleifer Kratzspuren, Nachweis eines gewissen Muts und Könnens.
Natürlich schauen sich die 140 Motorradfahrer aus ganz Deutschland, die sich im milden andalusischen Vorfrühling an der Rennstrecke von Almería versammeln, gegenseitig aufs Knie. Aber es gibt noch andere Indizien für Fahrkünste. Eine gut eingetragene Lederkombi mit Schürfspuren weist auf intensive Rennstreckenerfahrung hin, ein Einteiler mit Racing-Höcker und Namen wie „Franky“ oder „Hubbel“ hintendrauf auf Selbstbewusstsein. Wer mit Textilklamotten oder Klapphelm anrückt, verrät Gleichgültig- oder Ahnungslosigkeit. Rennstrecken-Neulingen ist anzusehen, dass sie das alles sehr beeindruckt und sie sich fragen, ob sie hier, beim „Fireblade Event 2008“, wohl mithalten können.
Alle zwei Jahre eine neue Fireblade
Manche Männer lassen sich alle zwei Jahre an der Prostata untersuchen, andere kaufen sich alle zwei Jahre eine neue Fireblade. Wie der schwäbische Rainer, der sich selten Urlaub gönnt, dafür aber im Internet ein Fireblade-Forum betreibt. Es treffen Leute, die fünf Sportmaschinen zu Hause stehen haben, auf solche, die mit ihrem schmalbrüstigen, versicherungsgünstigen Allrounder keine 1000 Kilometer im Jahr zusammenbekommen. Das Durchschnittsalter dürfte bei Mitte vierzig liegen, die große Gruppe ist bis auf wenige weibliche Einsprengsel sehr maskulin. Drahtige, junge Kerle Seite an Seite mit agilen Rentnern sowie einigen der schnellsten Bäuche Deutschlands.
Georg, siegreicher R1-Cup-Fahrer mit seiner vom Stürzen löchrigen Kombi, ist da. Rainer aus Mainz, Hobbyracer mit nagelneuer Gesamtkörperausstattung in Känguruleder und vier Schrauben im Unterarm, war voriges Jahr einmal Erster - im Krankenhaus. Harald, der fröhliche Franke, tritt nach neun Jahren Motorradpause mit geborgtem Helm und antiker Kluft an, in der er auf der Suche nach einem Kaugummi 1,20 Mark entdeckt. Sieben Groschen und einen Fünfziger.
Die Währung hat sich geändert, der Preis fürs Dabeisein bei diesen Tagen der lockeren Gashand ist höher, aber fair. Subventioniert von Honda, dem Hersteller, der im tiefen Süden Spaniens Kundenbindung der aufwendigen Art betreibt. 1299 Euro kosten zwei Tage Rennstreckenfahren, einschließlich Flug, Unterkunft, Vollverpflegung, Motorradbenutzung, Benzin, Reifen, Vollkasko. Die meisten haben knapp 300 Euro draufgelegt für zwei zusätzliche Tage des gemeinschaftlich-schneidigen Landstraßenfahrens. Damit ist alles abgegolten, bis auf die 1000 Euro Selbstbeteiligung, die bei einem Abflug fällig werden. So was passiert, wie das Vorjahr gezeigt hat. Honda-Sprecher Aaron Lang rechnet mit ungefähr fünf Stürzen am Tag. Nicht schlecht geschätzt, wie sich erweisen wird.
Renntechnik mit Straßenzulassung
131 kW (178 PS) bei nur 199 Kilo mit vollem Tank sind viel Holz, nicht nur für den Wiedereinstieg nach neun Jahren ohne Motorradberührung. Die neue Fireblade (Fahrtbericht in der F.A.Z. vom 19. Februar) ist Renntechnik mit Straßenzulassung: 0 bis 100 in gut 3 Sekunden, im zweiten Gang (von sechs) bis knapp 200 km/h und die theoretische Möglichkeit, in einer Minute fünf Kilometer zurückzulegen.
Die ungeheure Dynamik eines solchen Brennapparats lässt sich am besten auf einer abgesperrten Piste kennenlernen: kein Gegenverkehr, keine Bäume am Fahrbahnrand, weite Sturzzonen, Streckenposten und Sanitäter in Bereitschaft. 50 fabrikfrische Exemplare des 1000-Kubik-Supersportlers hat Hondas in Offenbach beheimatete Nordeuropavertretung herbeigeschafft plus zehn 600er. Neun Mechaniker, drei Bridgestone-Reifenleute sowie Fotografen und Kameraleute stehen zu Diensten. Nicht zu vergessen die 15 Instruktoren: Das sind die Skilehrer auf zwei Rädern, sie fahren nicht nur schöner, sondern auch schneller und sicherer als die allermeisten Gäste.
Die Anschaffung der vielen Maschinen, die später als Gebrauchte in den Handel kommen, fließt nicht einmal in die Preiskalkulation ein. Das Motorradgeschäft braucht Impulse, Honda zählt zu den Einfallsreichen, wenn es um Kundengewinnung geht. Die Intensiv-Probefahrten von Almería dienen als Verkaufsförderung, als Instrument zur Bildung einer „Honda-Familie“, deren neue Mitglieder anschließend ihren Biker-Stammtischen berichten sollen. Einige Händler sind gemeinsam mit treuen Kunden angereist. Etwa 20 Prozent der Anwesenden sind Wiederholer, die fahrerischen Fertigkeiten sind extrem breit gestreut, ein Viertel der Teilnehmer war noch nie zuvor auf einer Rennstrecke.
Blau, gelb, grün, rot
Deswegen gibt es eine Gruppeneinteilung: Die Blauen sind die Flottesten, für sie ist das Knieschleifen so normal wie das Gehen mittels Benutzung der Füße. Es folgen die Gelben und die Grünen. Die Roten bilden die Krabbelgruppe der Neulinge und der Langsamen. Sie alle rollen immer im Wechsel mit ihren Instruktoren für 20 Minuten auf den anspruchsvollen Vier-Kilometer-Kurs. Das System der Einteilung hat eine Schwachstelle: Es basiert auf Selbstein- und somit nicht selten auf Selbstüberschätzung. Demütig gesteht T., er habe vermutet, einer der Besten zu sein, bis einer auf dem Hinterrad an ihm vorbeigedonnert sei. Es macht auch nicht unbedingt der die eleganteste Figur, der zu Hause eine Ducati für 22.000 Euro in der Garage stehen hat.
Die meisten fahren verantwortungsbewusst, der eine oder andere scheint ein wenig gaskrank, manche sind schnell, aber es sieht unmöglich aus. Hier und da wird krampfhaft versucht, mangelnde Kurvengeschwindigkeit durch hektische Beschleunigung auf den Geraden auszugleichen, bis endgültig der Anschluss an die Gruppe verlorengeht. Dadurch ergibt sich ein anhaltendes Sortieren mit Auf- und Abstieg, bis alles einigermaßen passt. So werden vermeintliche Gelbe schließlich zu den Roten durchgereicht, wo sie auf rasante Landstraßenfahrer treffen, die sie nach kurzer Eingewöhnung mit schleifendem Knie abhängen. So was muss man erstmal verdauen. Die Zaghaften landen beim Einzelinstruktor.
Duzen und das kumpelige Wir-Gefühl
Eine Schande ist das nicht und allemal besser, als überfordert oder übermotiviert 13.760 Euro zu vernichten. Das passiert auf der Landstraße einmal. Am ersten Rennstreckentag werden sieben Hondas verklumpt, am zweiten vier, einige davon irreparabel. Schlimmeres als Knochenbrüche ist bei denen, die im Kiesbett absteigen, zum Glück nicht zu beklagen, was dazu beiträgt, dass die Veranstaltung des handfesten Gasgebens, unkomplizierten Duzens und kumpeligen Wir-Gefühls als Erfolg in die Honda-Geschichte eingehen kann: Kaufabsichten werden registiert, die meisten haben mit Hilfe von Profis wie Martin Bauer ihre persönliche Ideallinie gefunden. Zwar wird ein Teil der Knieschleifer noch jungfräulich daheim ankommen, aber vielleicht ist das den Besitzern egal. Und wenn nicht? Man kann so was auch gebraucht erwerben.