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Holzboot-Liebe Das Schweigen der Planken

11.11.2009 ·  „Marga IV“ ist ein knapp 20 Meter langes, ganze 2,70 Meter breites Geschoss und einer der längsten 95-Quadratmeter-Schärenkreuzer. Es geht aber auch um Maria und Henrik, das Haus am Wasser, den Hund und den Schatz in der Bretterbude.

Von Erdmann Braschos
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Es ist für Mitteleuropäer nicht immer nachvollziehbar, was der Schwede den ganzen Tag so macht. Man erfährt da wenig, was an seinem wortkargen Wesen liegt. Glaubt man der Reklame eines schwedischen Möbelhauses, gehen irgendwann im neuen Jahr ziemlich synchron die Fenster auf, und die Weihnachtsbäume fliegen raus. Dann hört und sieht man wieder lange nichts. Wer mal unter einem Vorwand privater oder geschäftlicher Natur einen Schweden sprechen möchte, bekommt die Störung des häuslichen oder beruflichen Friedens bei der Entgegennahme des Telefonats mit einer Art indigniertem Schweigen zu spüren, als hätte man aus nichtigem Grund an einem Sonntagmorgen um halb acht angerufen.

„Jo - ho“, heißt es dann, wobei zwischen dem Jo und dem Ho eine Pause liegt, in der bis vor kurzem zwei unterschiedlich profitable Firmen in eine große, wirklich unprofitable zusammengelegt wurden. Also, eine Flatrate lohnt schon beim ersten Telefonat nach Schweden. Natürlich hegt der Schwede gegenüber dem Mitteleuropäer jene unüberwindbare Scheu und Skepsis, wie sie der Deutsche einem geschwätzigen levantinischen Teppichhändler entgegenbringt.

„Wir sind doch nicht zum Quatschen hier“

Der Schwede ist dermaßen introvertiert, dass er auch mit Landsleuten bloß kommuniziert, wenn es unbedingt sein muss. Wir erinnern bei dieser Gelegenheit an den von etwas gesprächigeren Dänen und gemeinen Norwegern erzählten Witz über zwei schwedische Angler auf einer einsamen Schäre. Nach dem Austausch jeweils eines sparsam hervorgebrachten „Hey“ hocken sie stundenlang neben ihrer Angel, bis sich der eine zaghaft erkundigt: „Hast du schon was gefangen?“ Da empört sich sein Landsmann: „Wir sind doch nicht zum Quatschen hier.“

Leider sind wir dem Mysterium, was der Schwede so den lieben langen Tag eigentlich macht, keine Idee näher gekommen. Also sind wir neulich mal nach Stockholm geflogen und von Arlanda über kleine gewundene Straßen und Sträßchen, über Schotterpisten und Waldwege in den Stockholmer Schärengarten zu Maria und Henrik in der Nähe von Åkersberga gekurvt. In Skandinavien duzt man sich pauschal und präventiv, auch wenn man bloß ein bisschen herumgemailt und sich noch nie gesehen hat. Anrufen wollten wir aus schon dargelegten Gründen nicht. Maria Torsell und ihr Mann Henrik Widstrand haben zwei Kinder, ein paar Tiere und bewohnen ein Haus am Wasser. Wahrscheinlich das prototypisch schwedische Familienglück. Natürlich unternahmen wir die Recherche verdeckt, unter dem Vorwand, wir interessierten uns bloß für die Boote von Maria und Henrik.

Plötzlich meinte das Navigationsgerät, wir wären da

Fotograf Ulf war schon einige Tage mit seinem aufgemotzten Mini Cooper in Schweden unterwegs gewesen, was leider kaum auf seinen Tourenwagenmeisterschaftsfahrstil abgefärbt hatte. Kein Anflug dieser senilen Apathie der gemächlich nordischen Straßenverkehrsteilnahme war zu spüren, die sich soeben noch vom Parken unterscheidet. Ulf fuhr wie eine gesengte Sau, blieb dabei aber mit sämtlichen Rädern auf der Piste, all das immerhin mit eingeschaltetem Licht. Plötzlich meinte das Navigationsgerät, wir wären da.

Ratlos standen wir in der Lichtung eines Kiefernwaldes und atmeten tief durch. Zum Wasser hin ein Holzhaus. Die im Garten gehisste Fahne in den Landesfarben signalisierte Bewohntsein. Hätte eine Schar blondschöpfiger Kinder mit dem faul in der Wiese lümmelnden Hund gespielt, es wäre wie in der Reklame für diese Zusammenbaumöbel gewesen, die wie „Billy“ oder „Björn“ auch alle zwangsgeduzt werden.

Der Mini Cooper kühlte knisternd ab, Vögel zwitscherten, doch niemand erlöste uns von der Ungewissheit, ob wir hier richtig, bei Maria und Henrik waren. Anrufen? Um Himmels willen! Wir guckten noch mal aufs Display des satellitengestützten Pfadfinders. Tatsächlich, am Kardinalvägen 14 steckte diese Rallyefahne am Ziel.

Die Tür zum Holzhaus war offen. Wir klopften. Keine Antwort. Wir klopften noch mal und fragten „Maria?“ „Hey“, rief es drinnen. Wir warteten. Keine Maria, kein Henrik. Nur der Hund war herangetrottet und schnüffelte an unseren Waden. Entgegen allem mitteleuropäischen Benimm gingen wir einfach rein, querten zögernd die Diele und standen im Wohnzimmer. „Hey“, rief eine junge blonde Frau aus der Küche. Geschirr klapperte. „Maria?“ „Yesss, I am Maria, coffee?“

Der Laptop summte, das Handy klingelte

Natürlich machten wir nicht den Anfängerfehler, jetzt einfach loszuquatschen. Es war die Stunde des zweiten Frühstücks, und als Projektleiterin für Handysoftware hatte Maria zwar frei, aber etwas Homeoffice für unaufschiebbare Dinge. Der Laptop summte, das Handy klingelte, mit „Hey“ und „Jo - ho“ wurde das Nötigste besprochen. Schweigend saßen wir am Tisch. Ulf hantierte mit seinen Kameras und bekam Ungeduldspickel. Wir blieben cool, guckten in den Garten und runter aufs Wasser, wo Marias und Henriks herrliche Holzboote schwammen. Wir beneideten den abwesenden Gatten ein wenig. Eine so sympathische Frau, das Grundstück und - ach - die Boote erst. Wir zwangen uns, so gut wie nichts zu sagen, und versanken ein wenig in dieser generell skandinavischen Apathie.

Es gab noch mal Kaffee, und bei zögernd tastenden Fragen warteten wir ab, was der Schwede eigentlich so den ganzen Tag macht. Nach einer Weile rief Henrik von der Arbeit an und erkundigte sich, ob die „tyska“ da seien, mit Sicherheit auch, ob die Deutschen okay und zum Aushalten seien und ob Maria nicht zu viel reden müsse. Nach einer Weile erfuhren wir, wie Maria 1990 als Studentin 10.000 Schwedenkronen in „Lilla Spjut“, einen kleinen 15-Quadratmeter-Schärenkreuzer von anno 1920, steckte, statt das Geld bei einem Sommerurlaub mit einer Freundin am Mittelmeer zu verbraten. „Lilla Spjut“ war günstig. Auch bot sie einen abwechslungsreichen Segelsommer. Doch so reell wie das Gefährt war, so viel gab es auch daran zu tun.

Dann wechselten Maria und Henrik zusammen Planken

Die Ratschläge zur Renovierung kamen von Marias heutigem Mann Henrik, der als gelernter Tischler und tief in der Materie steckender Bootsbastler mit skandinavischer Zurückhaltung und Seriosität, dennoch nicht ungern bei Marias Bootsbaustelle erschien, teils aus Interesse am aparten Schiffchen, zunehmend an der Besitzerin des Boots selbst. Dann wechselten Maria und Henrik zusammen Planken. Während eines elftägigen Segelurlaubs auf dem Mälarsee fügte sich Weiteres. „Das Boot ist zehn Meter lang und mit 1,45 recht schmal. Man muss sich mögen, um damit einen Segelurlaub zu machen. Es war herrlich, wir sind zu sämtlichen Schlössern am Mälarsee gesegelt.“ Maria lächelt ihr einnehmendes Schwedinnenlächeln und guckt eine Weile aus dem Fenster.

Dann steht Henrik im Wohnzimmer. Es ist Nachmittag und die Zeit vergangen wie im Flug. Ein knappes „Hey“. Skeptisch flinke Blicke scannen die sichtbaren Ergebnisse der ganz und gar unschwedischen Gesprächigkeit, die Kaffeebecher, Teller, Krümel, aufgeschlagenen Bücher, Fotoalben und Notizen, als ahne der Gatte die verdeckte Recherche. Jetzt bloß nichts sagen, fragen oder erklären wollen. Ulf hantiert immer noch oder schon wieder mit Gehäusen und Objektiven.

Zwecks Entspannung der Lage gehen wir durch die nasse Wiese den Hang zum Wasser hinab. Die weiße „Lilla Spjut“ schwebt mit ihrem filigranen Peitschenmast wie eine Gondel über dem spiegelnden Resaröström. Wir denken an Marias Erklärung der Zehn-Meter-Regel, wonach es langt, wenn ein altes Holzboot aus etwa diesem Abstand makellos aussieht. Alles andere wäre pedantisch und ruinös hinsichtlich der vielfältigen Anforderungen, die das Berufs- und Landleben sonst noch so stellt, wahrscheinlich „tysk“ oder - noch schlimmer - schweizerisch, was Maria höflichkeitshalber so nicht gesagt, aber gemeint hat.

Er hegt und pflegt, segelt und behält „Miranda“ einfach

Henriks Schärenkreuzer entstand für die olympischen Segelregatten von 1912 und ist als frühes Exemplar mit 12 mal 2,50 Meter vergleichsweise breit und flach. Wie ein Stumpf ragt der kurze kräftige Mast der gaffelgetakelten Antiquität über das braun glänzende Gefährt. Er kaufte es vor 23 Jahren gemeinsam mit einem Freund, hegt und pflegt, segelt und behält „Miranda“ einfach.

Nach einem Probeschlag mit „Lilla Spjut“ ist noch etwas Zeit bis zum Abendessen. Er habe da „noch ein Boot, vielleicht ganz interessant“, meint Henrik, der jetzt beinahe gesprächig geworden ist. „Ein paar Minuten zu Fuß, nicht weit.“ Okay, gehen wir mal gucken. Nach einer Weile queren wir einen Bootslagerplatz und gehen auf eine schmale, lange Bretterbude zu. Die Behausung ist mit gebrauchter Lastwagenplane und verspakter Dachpappe abgedeckt. Eine improvisierte Kegelbahn oder ein Schießstand gar für seltsame Vögel, die es in Schweden ja auch geben soll? Sprach Henrik nicht von einem Boot? „Yesss“, meint Maria. Henrik schließt auf und knipst das Licht an. Mit zögerndem Flackern, nacheinander blinkend beleuchten die Neonröhren ein Gefährt, das wie die sichtbare Hälfte eines aufgetauchten U-Boots in den Schuppen ragt. Wir ringen um Fassung. „Was ist das denn?“

„Marga“, meint Henrik und präzisiert: „Marga IV.“ Das knapp 20 Meter lange, ganze 2,70 Meter breite Geschoss ist einer der längsten 95-Quadratmeter-Schärenkreuzer. Eine federleichte, damals wie heute kostspielig große Rennklasse, in der seinerzeit wenige Boote entstanden und von der es heute noch eine Handvoll gibt. Es wurde 1921 nach einem Entwurf von Tore Holm für Konsul Fredrik Forsberg gebaut, einen vermögenden Segelconnaisseur, dessen Haus mitten in Göteborg neulich für einen sensationellen Preis den Besitzer wechselte. Dort, wo U-Boote üblicherweise ihr Sehrohr ausfahren, muss man sich den Bleikiel dazudenken.

„Wenn ich fertig bin“

Nach etwa einem Dutzend verschiedener Besitzer im 20. Jahrhundert und zunächst schleichendem, dann unübersehbarem Verfall kaufte Widstrand das Boot 1997 mit dem Ziel, es 2001 segelfertig restauriert zu haben. Dieser Plan ist längst aufgegeben, und Fragen nach dem Stapellauf beantwortet Henrik mit: „Wenn ich fertig bin.“ Es gibt ja noch den Beruf als Möbeltischler, Maria, die Kinder, die unten vor dem Bootshaus vertäuten Antiquitäten, das Holzhaus, den Hund. Manche Planke hat Henrik das vergangene Jahrzehnt schon gewechselt. Jeder, der mal eine Tapete unter einer Zimmerdecke angebracht hat, weiß, wie unangenehm Überkopfarbeit ist. Weil das Wechseln von Planken an einem Holzboot etwas mühsamer ist, hat Henrik „Marga“ gedreht und mit dem Deck auf Böcken abgelegt.

Henrik denkt in Vierteljahresschritten. Jahraus, jahrein geht er zweimal abends nach der eigentlichen Arbeit und dem Abendessen mit der Familie und einen Tag am Wochenende zu „Marga IV“. Im Sommer über den kollernden Schotter, im Winter durch den schnurpsenden Schnee und sonst durch den Regen. Das den Bootskörper quer aussteifende Gerippe der Spanten, die Bleche der Bodenwrangen für die Kielaufhängung sind repariert oder durch neues Material ersetzt.

Und wenn es unbedingt sein muss, erzählen sie sogar was

Ja, aber hat er denn nach der handwerklichen Arbeit tagsüber dann am Abend nicht mal den Hals voll? Über eine derart blöde Fragte staunt Henrik: „Die Regale, die ich tagsüber in irgendwelche Häuser tischlere, das mache ich für andere, die Arbeit an ,Marga' mache ich für mich.“

Ulf, jetzt bitte mal ein Foto, sonst glaubt das keiner. Henrik kriecht zwischen dem Hallenboden und dem Deck zu einer Luke. Nach etwas levantinischer Animation von Ulf, der jetzt endlich mit seinen Gehäusen, Bajonettverschlüssen und Objektiven zum Zuge kommt, huscht ein Grinsen durch das ernste Gesicht des Zweiundvierzigjährigen. Und noch eins mit Weitwinkel oder Fischauge mit Maria und dem Kirchenschiff der Spanten ringsum. Da ist Henrik wieder ernst. Dann laufen wir über das mit Pappe ausgelegte Kajütdach nach achtern, winden uns durch die Einstiegsluke in den Deckausschnitt, der mal das Cockpit mit den Sitzgelegenheiten aufnehmen wird, und folgen dem endlos langen, zu einem handtaschengroßen Heckspiegel verjüngten Achterschiff, wo eine Halterung für die Landesflagge auf den Rumpf geschraubt ist. Da bringt Widstrand dann an nationalen Feiertagen die Schwedenfahne an. Eigentlich ganz sympathische Leute, solche Schweden. Und wenn es unbedingt sein muss, erzählen sie sogar was.

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