18.08.2009 · Irgendwann kommt alles einmal wieder: Harley-Davidson guckt zum Modelljahr 2010 mal wieder bei sich selber ab. Fans der Big Twins meinen: Ist auch gut so. Wir haben die Neuheiten des nächsten Jahres gefahren.
Von Walter WilleSchon Großmutter Emilie wusste: Irgendwann, mein Junge, kommt alles einmal wieder. Sie hatte von Motorrädern keine Ahnung, war weder Produktplanerin von Harley-Davidson noch Marketingmanagerin, sondern eine bodenständige waldeckische Landfrau, die im Leben kaum jemals über die Gemarkungsgrenze hinausgekommen war. Aber als solche verstand sie eine Menge vom Lauf der Dinge allgemein und unbewusst auch vom Zauber des Motorradbaus nach amerikanischer Art. Als Oma Emilie vor langer Zeit jene Worte sprach, war sie über 70 und ungefähr im selben Alter wie Willie G. Davidson heute. Der Enkel eines der Unternehmensgründer von 1903 ist als „Chief Styling Officer“ nach wie vor in die Designgebung in Milwaukee eingebunden.
Läuft ein Modell nicht mehr so recht - gemessen an den Verkaufszahlen -, verschwindet es tief in der Geschichte des Konzerns. Früher oder später taucht es wieder auf, technisch erfrischt und in der Gestalt so weit verändert, wie die Tradition es zulässt. Harley-Davidson betreibt also einen sprudelnden Jungbrunnen, dessen Wirkung sich nicht selten auch auf den Motorradbesitzer überträgt. Das Baukastensystem aus Motoren, Rahmen, Lenkern, Kotflügeln und dergleichen sowie das nicht nachlassende Wirken von Willie G. sorgen dafür, dass das, was beim Modellwechsel herauskommt, meistens wieder nach klassischer Harley aussieht. Nichts anderes will die Fangemeinde.
Jegliche Opulenz wurde abgestreift
Aus dem Programm entfernt hat man hierzulande für 2010 die Modelle Night Train, Softail Rocker, Softail Custom, zwei Sportster und die Standard-Version der Road King. Als Rückkehrerin ist drei Jahre nach ihrem Verschwinden die Dyna Wide Glide zu begrüßen. Anlass ist der 30. Geburtstag der ursprünglichen Wide Glide, und natürlich kann man die Neue mit einem gelb-orangefarbenen Flammendekor am Tank bestellen, wie es schon der Urtyp von 1980 trug. Weil aber auch Flammen mit der Zeit gehen müssen, sind sie heute einen Tick moderner gezeichnet.
Die neue Wide Glide ist ein Chopper im Geist der Siebziger, radikaler als ihre Vorgängerinnen. Jegliche Opulenz wurde abgestreift, besondere Merkmale sind: geduckte Silhouette, magere Radabdeckungen, immens langer Radstand (1,715 Meter), stark nach vorn gereckte Telegabel, weit auseinander stehende Gabelholme, schwarze Räder mit Chromspeichen, schmales, großes 21-Zoll-Vorderrad, breiter 180er-Hinterreifen unter dem „gechoppten“ Heckkotflügel, tiefer Sitz, knapper Soziusplatz mit einem Bügel, der eine Sissy Bar darstellen soll.
Bald in der internen Hitliste vor Fat Bob und Street Bob?
Viele Bauteile sind in Schwarz gehalten. Die Fußrasten, weit vorverlegt, setzen beizeiten auf, und wenn man es übertreibt mit der Schräglage, darf man sich nicht wundern, wenn einem der Asphalt den Stiefelabsatz wegfräst. Somit erzeugt das Motorrad echtes Choppergefühl, was sich durch den Tausch des niedrigen Drag-Bar-Lenkers gegen einen hohen „Ape Hanger“ noch steigern ließe.
Aber die schöne Wide Glide, von deren lässiger Art jeder Fahrer angesteckt wird, soll nicht nur die Easy-Rider-Fraktion ansprechen. Mit knapp 15.000 Euro Standardpreis liegt sie soeben noch unterhalb jener Schwelle, bei der auch eingefleischte Big-Twin-Fans zum Schlucken den obersten Kragenknopf öffnen müssen. Die Harley-Strategen trauen ihr zu, dass sie sich in der internen Hitliste vor Fat Bob und Street Bob schiebt, die zurzeit beliebtesten Modelle in Deutschland. Der luftgekühlte Zweizylinder präsentiert seine 57 kW (78 PS) samtweich und ohne jeglichen Lastwechselärger, gibt aus 1585 Kubikzentimeter Hubraum ein sattes Drehmoment von 126 Newtonmeter ab. Das Sechsgangetriebe meldet sich beim Einlegen des ersten Gangs mit einem metallischen Schlag zum Dienst, was wohl so sein soll, und arbeitet ansonsten butterweich.
Schwarzeneggers ehemaliges „Terminator“-Motorrad
195 km/h Höchstgeschwindigkeit sind eine Ansage für einen Chopper, auf amerikanischen Straßen ließ sich das nicht ausprobieren, was auch gar nicht erstrebenswert ist. Die Einzelbremse vorn braucht einen kraftvollen Händedruck am Hebel und ist dankbar für jede Unterstützung von hinten. Das nicht gerade bissige System reicht aus für ein Land, in dem man schon mittags sieht, wo man abends stoppen muss. Na gut, das war unfair: Bei angepasster Fahrweise - mit einem Chopper fährt man im Grunde immer angepasst - kann man auch hierzulande gut zurechtkommen. Aber eine Offenbarung ist die Bremse nicht, ABS fehlt im Angebot. Wenn die Straße Buckel und Löcher aufweist, geht das Wide Gleiten in ein Wild Hoppeln über, ansonsten bewegt sich der Chopper flüssig mit der typischen Neigung des Langgablers, in langsamen Kurven das Vorderrad nach innen zu klappen.
Mit 310 Kilogramm Leergewicht ist die Wide Glide nicht die Schwerste des Neuheiten-Trios für 2010, das wir schon probefahren konnten und von Herbst an erhältlich sein wird, sondern die Leichteste. In dieser Hinsicht steigern wir uns jetzt. Die bullige Fat Boy Special, ein 330-Kilo-Mitglied der Softail-Familie (Starrheck-Design mit verdeckt angebrachten Federelementen) betritt die Bühne zum 20. Geburtstag der ersten Fat Boy. Schwarzeneggers ehemaliges „Terminator“-Motorrad ist heute eine 20.000-Euro-Ikone, trotz höchster Fettstufe eine feine Fahrmaschine, mit der man munter drauflosbollern kann, bis die ersten Teile aufsetzen - in diesem Fall nicht die Stiefel oder Fußrasten, sondern die „Nostalgic“-Trittbretter.
Hochglänzende Augen und einen Satin-Blick
Das Spezielle der faszinierend düsteren Special-Version sind die Satin-Chromteile und vor allem die großzügige Verwendung der Farbe Schwarz in hochglanz und matt vom Rahmen über die Räder bis zum Luftfilterdeckelzierring. Luftfilterdeckelzierringe sind keine Peanuts für Harley, da geht es immer ums Detail. Jeder Biker mit Herz bekommt beim Anblick der Komposition nostalgic Anwandlungen, hochglänzende Augen und einen Satin-Blick. Technisch ist die Special mit dem Standard-Modell identisch, der 56 kW (76 PS) starke, fest im Rahmen verschraubte Twin Cam 96B arbeitet mit Ausgleichswellen. Auf dem neuen Flachsitz, hinter der Brechstange von Lenker kauert man tief und cool. Das Fahren ist geprägt vom Gefühl der Masse, die sich in Rauch auflöst, sobald sie in Bewegung kommt, und schon deshalb darf man sich auf den 20. Jahrestag des 20. Geburtstags der Fat Boy freuen, der bestimmt mit einem Sondermodell Special Fat Boy Special gewürdigt wird.
In der Touring-Baureihe fährt Harley-Davidson ein neues Spitzenmodell auf: Die (bitte auswendig lernen!) Electra Glide Ultra Limited verdrängt die Ultra Classic Electra Glide, die weiterhin angeboten wird. Der wesentliche Unterschied: In der Ultra Limited kommt statt des Twin Cam 96 der etwas stärkere Twin-Cam-103-Motor mit 1690 Kubikzentimeter Hubraum (statt 1585) zum Einsatz. Dieses Aggregat war bisher den Harley-Polizeimotorrädern vorbehalten, hat mit 62 kW (84 PS) gegenüber 60 kW (82 PS) eine geringfügig größere Nennleistung und ein üppigeres Drehmoment (136 statt 129 Nm). Bei 413 Kilogramm Leergewicht zählen jedes PS und jedes Newtonmeterchen.
Das Handling ist tadellos
Die Ausmaße sind gigantisch, die Ausstattung ist es ebenfalls. Zum ohnehin prallen Komfortpaket der Ultra Classic Electra Glide kommen bei der Electra Glide Ultra Limited (na, sitzt das schon?) beheizbare Lenkergriffe, Gepäckträger auf dem Topcase, Innentaschen für die Hartschalenkoffer und Zusatz-Zierat. Seit der grundlegenden Überarbeitung der Tourer-Fahrwerke und -Bremsen (ABS serienmäßig) vor einem Jahr ist das Handling tadellos, das Verzögern ebenso.
Aber 56.000 D-Mark oder 28.000 Euro für ein Motorrad mit elektronischer Geschwindigkeitsregelung und 80-Watt-Musikanlage? Das hätte Oma Emilie sich niemals vorstellen können.