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Veröffentlicht: 04.04.2017, 17:01 Uhr

Gravelbike Wer braucht die Renner fürs Grobe?

Nun gibt es noch einen Fahrradtyp, der nicht leicht von bereits gängigen zu unterscheiden ist. Was soll, was will das Gravelbike?

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© Hersteller Ein Renner auf Abwegen: Koga Colmaro

In grauer Vorzeit, als das Straßenrennrad noch auf geklebten Schlauchreifen rollte, deren Karkasse aus Seide sein konnte, lernte man im Radsportclub einen besonderen Handgriff: Während der Fahrt ließ man die Reifen zwischen Daumen und Zeigefinger des Handschuhs durchlaufen und streifte so Splitt oder Schlimmeres ab, sobald man eine Stelle passiert hatte, wo sich derlei ins Gummi drücken konnte. Nie wäre jemand auf die Idee gekommen, mit seiner Straßenrennmaschine durch den Wald zu fahren. Gewiss, es gab im Winter den Querfeldeinsport und für die dabei verwendeten Spezialräder auch grobere Schlappen. Aber das war nur etwas für die Wintersaison, und vom Frühling an blieb der Rennradler wieder hübsch auf der Straße.

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Und heute? Nach dem Endurance Bike und dem modernisierten Cyclocrosser (nicht zu verwechseln mit dem Mountainbike, von dem es längst knapp ein halbes Dutzend Spezialversionen gibt) rollt als neueste Hybrid-Sau des Fahrradmarketings mit Rennlenker und Scheibenbremsen das Gravelbike (wörtlich: Schotter-Rad) durchs Dorf und verschwindet ganz schnell hinter dem Ortsschild in den Wald. Dort will es nicht nur auf Asphalt schnell sein, sondern genauso auf Forst-, Feld-, Wald-, Wirtschafts- und Wiesenwegen. Überall da eigentlich, sagt sich der schlichte Radlerverstand, wo man auch das Mountainbike bewegt. Ja doch, sagen die Apologeten des Gravelbike, das natürlich aus Trumpland kommt, gewiss, aber eben viel schneller, mit Rennlenker, Scheibenbremsen und ganz anderer Sitzposition. Und außerdem mit Bike-Packing. Hähh?

Was kann das Gravelbike heute mehr bieten?

Blicken wir noch mal ungefähr 30 Jahre zurück. Da hinderte einen niemand daran, einen durch seine Länge und die weiten Rahmendurchlässe gekennzeichneten Cyclocross-Rahmen mit allem aufzubauen, was während einer Wanderfahrt abseits der Straßen von Nutzen sein konnte. Selbst ausprobiert: dicke Profilreifen, mit Schellen befestigte Gepäckträger, auch im Schmutz standfeste Cantilever-Bremsen, Lenkerend-Schalthebel und verdeckt verlegte Züge. Perfekt. Was kann das Gravelbike heute mehr bieten? Gut, gut, die Scheibenbremsen, die es damals noch nicht fürs Rennrad gab. Und sonst? Anlöt-Teile. Ja, die Rahmen der neuen Rennräder fürs Grobe sind von Haus aus für einen sozusagen nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch ausgerüstet.

Und der sieht so aus, ganz und gar andersartig als das Rennradfahren bislang war: Man lädt dem Rad mit dem Rennlenker eine bewusst minimalistische Campingausrüstung auf. Einen auf Faustgröße knautschbaren Schlafsack nebst Thermomatte im Format einer Küchenrolle sowie einen kleiner als eine Tafel Schokolade faltbaren Kocher aus Titan. Minimalistisch heißt ja nicht billig, sondern nur klein, leicht und von supereingeschränktem allgemeinen Gebrauchswert. Das ist in etwa auch die Umschreibung des Gravelbikes abseits der Wege durchs Abseits. Verglichen mit einem echten Rennvelo fährt sich so ein Ding auf Asphalt wie ein getunter Traktor: nicht lahm, aber auch nicht wirklich schnell. Im Gelände möchte man allemal ein gutes Mountainbike und für die Übernachtung am Lagerfeuer ein Rucksäckchen vorziehen.

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Und ehrlich gesagt: Wenn es richtig holprig wird, ist der breitarmig balancierende Griff, mit dem man das Mountainbike lenkt, dem schmaleren Rennlenker des Gravelbikes allemal vorzuziehen. Aber die Geschmäcker sind nun mal verschieden: Für den Rennlenker sprechen in erster Linie die verschiedenen möglichen Greifpositionen, speziell wenn sich die Tour etwas in die Länge zieht. Denn während beim Mountainbike die Fahrtechnik, um nicht zu sagen eine gewisse Artistik der Geländebewältigung, im Vordergrund steht, ist der Reiz beim Gravelbike, ob mit oder ohne Gepäck, wie beim Rennrad überhaupt das Touren – nur eben ohne sich großartige Gedanken über den Fahrbahnzustand machen zu müssen.

Die Übergänge werden fließend sein

Nächster Verwandter des auch Allroad oder Road-Plus genannten Gravelbikes ist das Endurance-Rennrad. Dem hatten seine Schöpfer neben breiteren Reifen mehr Bequemlichkeit mitgegeben durch einen höher angeordneten Lenker und eine gedrängtere Rahmenform. Noch dickere, 35 oder 40 Millimeter breite Schlappen werden dem Gravelbike aufgezogen. Trotz der breiten Durchlässe, wie sie an dem hier beispielhaft gezeigten Koga Colmaro zu erkennen sind, kann die Sitzposition eines Gravelbikes wesentlich sportlicher sein als die eines Endurance-Renners. Also Lenker wieder tiefer und mit einem Oberkörper in deutlicher Vorlage ab in den Wald. Von Fall zu Fall wird man unter den radelnden Pfarrerstöchtern heftig darüber diskutieren können, was mit dicken Reifen vor einem steht: noch Endurance- oder schon Gravelbike? Die Übergänge werden fließend sein, und je nach Hersteller werden die Räder mal so und mal anders genannt werden. Aber das kennt man ja schon.

Das Colmaro von Koga hat einen Aluminium-Hauptrahmen und eine Karbongabel. In vier Rahmenhöhen zwischen XS und XL soll es im Mai für rund 1800 Euro in den Handel kommen. Das Rad wiegt unter zehn Kilogramm und ist mit der Elffach-Gangschaltung Rival 1 von Sram sowie hydraulischen Scheibenbremsen ausgestattet. Man kann es – wie abgebildet – mit 35 Millimeter breiten Reifen (Schwalbe G-One) auf den Novatec-30-Laufrädern fahren. Oder aber man bringt an den besonders dezent versteckten Montagepunkten Schutzbleche an. Unter die passen dann allerdings nur noch 30-Millimeter-Reifen.

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Von Holger Appel

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