03.03.2010 · An diesem Donnerstag beginnt der Genfer Automobilsalon. Schon zum 80. Mal trifft sich die automobile Welt am Lac Léman. Noch nie war die Messe so grün wie 2010. Ein Streifzug durch die wichtigsten Neuheiten.
Von Boris SchmidtAuch beim diesjährigen Internationalen Automobilsalon (4. bis 14. März) werden nur die wenigsten der ausgestellten Fahrzeuge einen rein elektrischen Antrieb haben. Dass aber die Messe, die traditionell das Autojahr eröffnet und 2010 der wichtigste Autosalon des Jahres ist, einen grünen Anstrich hat, ist eine Tatsache. Längst haben die Autohersteller die Zeichen der Zeit erkannt und unterbieten sich gegenseitig mit verbrauchsarmen, verbrauchseffizienten oder besonders schadstoffarmen Fahrzeugen. Man darf sich auf das neue Autojahr freuen.
Die Messedirektion spricht offiziell und werbeträchtig von 100 Welt- oder Europa-Premieren, immerhin 16 davon seien Fahrzeuge mit Elektro- oder Alternativantrieb (Hybridtechnik, Erdgas, Brennstoffzelle). Im Gegensatz zu den Messen in Frankfurt und Tokio im Herbst 2009 sind alle großen und wichtigen Hersteller vertreten, den Auftritt auf neutralem Boden will niemand verpassen. 205 Aussteller aus 30 Ländern sind angemeldet, die 78.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche sind komplett ausgebucht. Erwartet werden zwischen 650.000 und 700.000 Besucher.
Mehr als 700.000 Autofans an den Lac Léman zu locken, wie einst 2008, ist der Traum der Organisatoren, und bei der Fülle von wichtigen Neuheiten könnte es durchaus gelingen. Einige vom Absatz her äußerst volumenträchtige Fahrzeuge haben ihre Premiere auf dem Palexpo-Messegelände am Flughafen.
BMW könnte sich ganz auf den taufrischen 5er konzentrieren
Den A1 von Audi an den Anfang zu stellen liegt mehr als nahe. Im August wird der neue kleine Audi auf den Markt kommen, der Basispreis soll sich auf rund 16.000 Euro belaufen. Für das andere Ende der Skala hat Audi den brandneuen A8 parat, dazu darf wieder mit einem elektrisch angetriebenen Showcar gerechnet werden. Das wird auch Mutter Volkswagen auf die Räder stellen, ins Herz der bodenständigen Kundschaft treffen im Übrigen der neue VW Polo GTI (180 PS!) sowie der Cross Polo. Premiere haben zudem der Touareg (jetzt auch mit Hybridantrieb), und der nächste VW Sharan (Ablösung nach 15 Jahren!) soll ebenfalls in Genf zu sehen sein. BMW könnte sich ganz auf den taufrischen 5er konzentrieren (jetzt mit Hybridvariante) oder auf das leichte Facelift für den 3er hinweisen. Heutzutage reicht das aber nicht, obwohl man mit dem „Efficient Dynamics“-Motoren (mehr Leistung bei weniger Spritbedarf) als Erster die Segel im Wind hatte. Neben den bekannten E-Auto-Prototypen und einer Hybridvariante des 5er GT könnte BMW sein neues Stadtauto „Megacity“ zeigen. Dass es in Leipzig gebaut wird, ist diese Woche beschlossen worden.
Ganz bestimmt in Genf steht der Mercedes-Benz F 800, das nächste Stück der Stuttgarter in ihrer Forschungsauto-Trilogie. Besonders interessant machen den 4,75-Meter-Prototyp nicht nur die zwei Antriebsalternativen (Plug-in-Hybrid oder Brennstoffzelle), sondern die Ansage, dass der F 800 die neue Design-Philosophie des Hauses verkörpere. Somit könnte es sich bei der schnittigen Karosse um das neue Kleid der C-Klasse handeln.
Konkurrenz aus Köln will ebenfalls einen potenten Beitrag schicken
Opel hat dem Elektroauto Ampera (kommt 2011 auf den Markt) gleichfalls ein schickes Kleid verpasst und zeigt mit dem Flextreme GT/E, dass sich Strom und Sturm nicht ausschließen. Schon das geschichtsträchtige Kürzel GT/E deutet auf einen Sportwagen hin, der den gleichen Ansatz wie der Ampera verfolgt: elektrischer Antrieb mit Batterie oder einem Benzinmotor, der den Generator speist. Aktuell wichtiger ist freilich auch der Meriva II mit seinen gegenläufigen Türen.
Die Konkurrenz aus Köln will ebenfalls einen potenten Beitrag zum Thema Elektromobilität nach Genf schicken, Details werden noch nicht verraten. Dazu kommen der neue Ford Focus (Marktdebüt aber erst 2011), wohl auch als Turnier (Kombi), und die neuen Minivans C-Max und Galaxy. Bei Porsche hat man dem 911er zumindest in einer Prototypen-Rennversion elektrische Hilfsmotoren verpasst, kurz vor dem Serienstart ist zudem die zweite Generation des Cayenne (dann auch mit Hybridtechnik).
Renault zeigt seine E-Auto-Stärke mit den bekannten Modellen
Und die anderen Hersteller? Sie spielen ebenfalls auf der grünen Klaviatur. Nissan will mit dem Leaf eines der ersten Serien-E-Autos realisieren und verblüfft mit dem SUV-Knubbel Juke, der wahrlich kein Scherz ist. Renault zeigt seine E-Auto-Stärke mit den bekannten Modellen, hat aber auch noch konventionell zuzulegen: Der Mégane kommt als Cabriolet, und der Twingo ohne Dach heißt einfach Wind. Warum auch nicht. Citroën wird immer mutiger und hat mit dem DS High Rider eine Studie vor Ort (mit Diesel-Hybrid), die auf ein weiteres Prosperieren der Marke mit dem Doppelwinkel hoffen lässt. Die Mutter Peugeot überrascht nicht nur mit dem sportlichen Prototyp SR1, sondern zeigt mit einer weiteren Studie, die schlicht „5“ heißt, dass man vielleicht doch noch in der oberen Mittelklasse mitspielen will. Alfa Romeo will mit der Wiedergeburt der Giulietta in der Golf-Klasse wieder mehr zu sagen haben, und Volvo versteht den S60 als viertüriges Coupé. Mazda hat die neuen Mazda 5/6 dabei. Dazu freut man sich über 20 Jahre MX-5-Roadster.
Toyota will gewiss über alles reden, nicht aber über klemmende Bremspedale. Vor allem eine hinreißend schöne Studie mit dem Tarnnamen F8-86 lässt aufhorchen. Das dürfte die neue Celica sein. Dagegen muten der Auris Hybrid und das Facelift für den RAV4 wie eine Pflichtübung an. Um Mitsubishi ist es in jüngster Zeit etwas still geworden, nur das Elektrowägelchen i-Miev sorgte für Schlagzeilen. Der marktreife ASX, ein kleines SUV, soll dies nun ändern. Honda lässt mit dem CR-Z (auch als Hybrid) den unvergessenen CR-X wiederaufleben und hat zwei E-Auto-Studien im Gepäck: ein futuristisches Dreirad und einen winzigen Stadtwagen. Infiniti (von Nissan) wird nicht müde, jetzt auch Lexus (von Toyota) in Europa Konkurrenz zu machen. Die Modellpalette wird um die M37-Limousine erweitert.
Neben den großen Herstellern ist die Fülle von kleinen und exotischen Marken der Reiz, der Genf so spannend macht. Auch Ferrari, Lamborghini, Rolls-Royce und alle anderen, denen es um die pure Lust am Auto geht, sind dabei. Aston Martin verdient sich mit Stadtflitzer Cygnet besonderen Beifall. Die Liste der Exoten reicht von Artega (Sportwagen aus Delbrück) über Hispano-Suiza (die Marke soll wiederauferstehen) bis zu Spyker, den Saab-Rettern aus Holland.