Home
http://www.faz.net/-gya-12wdv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Freude und Funktion Nur Kreativität hilft aus der Krise

13.06.2009 ·  Vernunft und Vergnügen sind keine Gegensätze auf Rädern. Freude und Funktion finden zueinander, das zeigen vier Beispiele jenseits der traditionellen Prestigewerte: Renault Be Pop, Toyota Urban Cruiser, Citroën DS Inside und Kia Soul.

Von Wolfgang Peters
Artikel Bilder (9) Lesermeinungen (2)

Der Umbau der Autowelt hat begonnen: Neben die großen Schlitten, die scharfen Hobel und neben die braven Kutschen sowie langweiligen Brötchen fahren immer häufiger die frechen Dinger mit dem intelligenten Innenleben. Wir haben uns den Citroën DS Inside, den Kia Soul, den Renault Be Pop und den Toyota Urban Cruiser näher angesehen. Jeder eine Persönlichkeit für sich, aber gleichzeitig verbunden über den exaltierten Auftritt, den Multi-Talent-Innenraum und jener Portion an Frechheit, die vor dem Gewöhnlichen bewahren soll.

Gleichzeitig hat sich eine neue Klientel herausgebildet. Für die Kunden dieser neuen Extra-Mobile ist nichts schlimmer, als mit der grauen Einheitsware angetroffen zu werden. Immer mehr Menschen definieren sich nicht mehr über die traditionellen Prestige-Werte (PS, Topspeed, breiter und tiefer) ihres Autos, sondern über die eher verfeinerten Werte eines Lebensstils, der eher an transpirationsfreien Genüssen orientiert ist. Und da haben die etwas anderen Autos einiges zu bieten.

Bewährte Schwestermodelle

Die technischen Konzepte werden aus der Großserie von bewährten Schwestermodellen transferiert und dann mit speziellem Design, pfiffigen Details oder luxuriösem Innenleben veredelt. Man könnte auch sagen: die Hersteller betreiben mit diesen Versionen ein auf sehr hohem Niveau angesiedeltes "Tuning" der anderen Art, und lassen aus ihren Nischenmodellen neue Varianten entstehen, die dann in die noch feiner definierten Lücken der Nischen rollen sollen. Offenbar gibt es in den Zeiten der allmählich aufweichenden Kaufzurückhaltung eine Kundschaft, die andere Werte jenseits von überbordender Leistung goutiert.

Sparsame Motoren ohne exotische Technik, in der Regel kombiniert mit Frontantrieb oder gegen Aufpreis mit Allradtraktion, eine Bodengruppe aus der Verwandtschaft zur Großserie und High-Tech für aktive und passive Sicherheit sind die technischen Gemeinsamkeiten. Das wird verpackt in einer Hülle aus Design und Wunscherfüllung und mit Heckklappen, Fächern im Boden, aus variablen oder flink demontierbaren Sitzen entstehen neue Profile der Einsatzarten für das Automobil. Aber immer ist es noch deutlicher als bisher: die rollende Visitenkarte des Fahrers.

Das Auto als mobile Verlängerung des Heims

Der Citroën DS Inside (der Name ist durchaus Programm) soll nicht nur mit seinem exaltierten Äußeren überzeugen. Designer und Konzeptingenieure wissen über alle Marken hinweg längst, dass die Menschen künftig zwar nicht längere Strecken mit dem Auto zurücklegen, aber länger in ihren Autos verweilen werden. Das Auto als mobile Verlängerung des Heims. Oder auch als mobiles Büro mit einer Vielzahl von Kommunikationsmöglichkeiten. Der Inside ist der Vorläufer einer kleinen, aber feinen DS-Familie (der Name ist abgeleitet vom legendären DS-Modell und wird nicht von jedem Citroën-Freund als Typenname relativ profaner Hervorbringungen goutiert) und sein robustes Auftreten im Stile eines sportlichen Geländewagens steht im krassen Gegensatz zu seinem edlen Innenleben: Flächendeckende Verlegung von Leder, feiner Kunststoff, dicke Bodenteppiche, üppig geformte Sitze, und Instrumente, die nicht nur informieren - alles Ausweise nicht nur einer besonderen, sondern einer bewussten Lebensart. Das erste DS-Modell der Citroën-Neuzeit kommt Ende 2009 und Anfang 2010 auf den Markt, die Technik orientiert sich am neuen C3, es gibt Benziner und Diesel, am Preis wird noch gefeilt, wir rechnen mit rund 24.000 Euro. Es kann aber auch weniger werden.

Für den koreanischen Autohersteller Kia ist der Soul das zur Zeit wichtigste Modell. Damit definiert die von Chefdesigner Peter Schreyer neu einzukleidende Marke ihren künftigen Weg: individueller Auftritt innerhalb der Großserie in Verbindung mit pragmatischen Eigenschaften. Dafür sorgt der Soul, ein schnittiger Quader mit langem Radstand und hohem Aufbau sowie erhöhter Sitzposition und Karosserie, die von Kia und vom Kunden eine gewisse Menge Selbstbewusstsein fordert. An einen Soul gerät niemand zufällig, man muss sich für ihn bewusst entscheiden: So will die Marke auch die Bindung der Kunden fördern. Markante Linien und die stark betonte Gürtellinie mit darunter sich wölbenden Radhäusern sorgen für die Botschaft das Soul, die über modische Aussagen hinausgeht: den Soul wirft kaum etwas um, er gibt sich robust und doch anders als die eher modisch gekleideten SUV-Exemplare. Für die Kia-Skulptur auf Rädern werden an der Basis rund 15.000 Euro gefordert, es gibt weitere Versionen, deren Preise bis in die Nähe von 21.000 Euro reichen.

Klotzige Kaleschen in den urbanen Regionen

Auf der Basis des konventionellen Denkens baut Toyota seinen Urban Cruiser auf. Aber das an die Geländewagenmode erinnernde Design ist - wie die Modellbezeichnung - eher eine ironische Botschaft. Denn die Japaner wissen besser als alle anderen, dass sich mit klotzigen Kaleschen in den urbanen Regionen nur wenig angenehm leben lässt. Deshalb ist der Cruiser auch nur 3,93 Meter lang, er ist aber 1,53 Meter hoch und statt mächtiger Maschinen gibt es unter der Haube jeweils relativ kleine High-Tech-Motoren: vergleichsweise schmächtige Leistungen führen zu Norm-Verbräuchen um fünf oder sechs Liter, und die Preise liegen bei 17.000 bis etwas heftigen 24.000 Euro (mit Allradantrieb). Die Toyota-Strategen peilen damit junge Leute an, die dem Einerlei der Steilheck-Kompaktmobile entrinnen wollen.

Mit einer Geste des Charmes führt Renault seinen Be Pop heran. Er ist in der eher nüchtern definierten Kangoo-Reihe heimisch und wird als Hervorbringung der Pop-Art präsentiert. In seinem inneren Wesen ist er ein pfiffiges Automobil mit vier Einzelsitzen, viel Platz, etlichen pfiffigen Details (Heckklappe seitlich angeschlagen, von hinten zu öffnendes Schiebedach, ungemein wendiges Fahrverhalten), einer papageienähnlichen Farbgestaltung und sparsamen Motoren, von denen der Benziner zum Dröhnen neigt. Den 3,87 Meter langen Renault Be Pop gibt es für knapp 17.000 Euro und er sieht aus, als könne er das Leben in einer Großstadt gut wegstecken.

In der Krise entwickelt sich die neue Kreativität. Das Auto wird noch vielfältiger und individueller und seine Möglichkeiten der Mobilität sind noch längst nicht ausgeschöpft. Vernunft und Vergnügen finden zusammen. So entsteht das Auto zum Leben.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Mit Mazda ein Romeo

Von Wolfgang Peters

Wenn sich zwei leidlich gesunde Automarken, ohne eine Hochzeit im Himmel zu zelebrieren, miteinander ins Bett legen, dann kommt ein Roadster dabei heraus. Alfa Romeo und Mazda haben genau diese Autoform im Sinn. Mehr