29.06.2007 · Der neue Cinquecento verspottet den Lauf der Jahre. Fiat hat die Sehnsucht nach einer heilen Autowelt in eine Karosserie aus Zitaten gepackt - und etwas Technik ist auch dabei.
Von Wolfgang PetersDie Liebe ist eine Himmelsmacht. Das gilt auch für die Beziehung zu einem Automobil: Ein Stein sei der Autofreund, der sich vom Anblick des neuen Fiat 500 (Cinquecento klingt besser) nicht rühren lasse. Höchstens der Mini reicht an diese Sympathievorgaben heran, der New Beetle von VW hatte sie sehr rasch verspielt und ist erst jetzt dabei, sie wieder (aufgrund des reizvoll-dekadenten Cabrios) aufzubauen.
Wie weit diese sentimentale Bewegung in das Portemonnaie hineinreicht, das wird sich bald zeigen: Am 6. Oktober ist Verkaufsstart für den Nuova Fiat Cinquecento auf dem deutschen Markt. Auf den 4. und den 5. Juli sind ziemlich große Feierlichkeiten (neue und alte Modelle in vereinter Prozession) rund um den neuen Fiat bei seiner ersten, offiziellen Präsentation in Turin terminiert. Denn vor exakt 50 Jahren wurde dort der erste Fiat 500 nach dem Kriege vorgestellt. Die Preise für den neuen 500 beginnen sehr vernünftig bei etwa 10.500 Euro und geraten bei 15.000 Euro in gewisse Turbulenzen. Doch Fiat plant für die polnische Fabrik eine Produktion von 120.000 Einheiten im Jahr. De neue Ford Ka wird zudem die Technik des 500er nutzen, bei ähnlicher Produktionskapazität.
Unter den Vorgaben des Mangels
Schon im Vorfeld der Wiedergeburt ist es zu erstaunlichen Sympathiebekundungen gekommen. In der wunderbaren Welt des nicht alltäglichen Automobils tauchte unvermittelt vor zwei Jahren die Studie Trepiuno auf. Das war auf dem Genfer Salon, da stand ein herrliches Auto, klein und knuffig und unkompliziert wie eine Bastflasche mit Chianti, und es wirkte wie der junge 500er für die Neuzeit. Ältere Männer weinten bei seinem Anblick, erinnerten sich der Capri-Fischer und der Weiblein im Reisfeld, und junge Frauen prüften die Länge des Rocks. Spontane Beifallsbekundungen folgten, per Handschlag sicherte man sich noch während der Autoausstellung die ersten Exemplare, so dieser Prototyp denn je in Serie gehen sollte.
Dabei darf im Taumel der sich ausbreitenden 500er-Begeisterung eine kleine Überlegung nicht vergessen werden: Das Original war nach seiner Geburt vor 50 Jahren entscheidend an der Vermassung des Automobils beteiligt. Es war alles andere als ein individuelles Fahrzeug, es entstand unter den Vorgaben des Mangels, hatte aber im Vergleich zum ähnlich gestarteten VW Käfer einen unschätzbaren Vorteil: Der alte 500er entstand und fuhr unter der Sonne Italiens, dort, wo die Zitronen blühen. Und er war keineswegs das perfekte Auto seiner Zeit: Der alte 500er hatte einen asthmatisch keuchenden Motor im Heck, und er machte mit dubiosen Fahreigenschaften auf sich aufmerksam.
Deutscher Techniker mit Ferrari-Vergangenheit
Dass seine Neuauflage nun von (berechtigter) Sympathie begleitet wird, hat mehrere Gründe: Das Design ist ein Beleg für das unschlagbare Formengefühl italienischer Stilisten; irgendwo hat eine große, schweigende Mehrheit von Automobilisten (oder solchen, die es mangels Alter noch nicht sind) eine tiefe Sehnsucht nach jener Aufbruchstimmung von einst, die untrennbar mit dem Original verbunden ist; und kein anderes Auto aus Italien steht ähnlich intensiv für den Mut der Bevölkerung dieses Landes, sich in vierrädrigen Rudeln den Gefahren einer neuen Zeit auszusetzen. Beim Cinquecento, da schwingt mehr mit als Autotechnik, da erhebt die unsterbliche Liebe zu Italien ihren Kopf, auch wenn dort eine neue Frisur in Unordnung gerät. Und den älteren Autofahrern muss der neue Cinquecento erscheinen wie ein Traum aus jenen Jahren, da sie selbst jung und der Ansicht waren, unzerstörbar zu sein.
Für Fiat war die Entscheidung zum Bau eines Nuova Cinquecento kein einfacher Vorgang. Man hatte in diesen Jahren andere Sorgen, als sich der Liebe zu einem Kleinwagen, der erkennbar einstigen Erfolgen huldigte, hinzugeben. Aber dank neuer Organisation nach der Scheidung von General Motors und dem Erfolg des Grande Punto war man in Turin wieder wer, und schließlich wollten die Italiener der Welt auch zeigen, wie man wirklich hübsche und praktische Kleinwagen baut. Dann existierte der Trepiuno als mögliches Versprechen auf einen neuen 500er im Internet, dort „chattete“ und „bloggte“ die Jugend mit unerwarteter Begeisterung, und die Sache beschleunigte sich unter Fiat-Chef Sergio Marchionne plötzlich. Und Harald Wester, deutscher Techniker mit Ferrari-Vergangenheit, drückte dann für den 500er bei Fiat auf das Tempo. Man hatte als mögliche Basis rasch den neuen Fiat Panda ausgemacht, konnte auf dessen Plattform aufbauen und perfektionierte seine Technikgene nun für das neue Modell.
„Bei Fiat ist fast jeder Luxus vorstellbar“
Entstanden ist ein moderner Fiat 500 aus der Vergangenheit, mit einer Karosserie der gestrafften Kugeligkeit und einer Technik von heute mit der Liebe zum Automobil von morgen. Das Design zitiert das Original dort, wo es nötig ist, und beschreitet dort, wo es möglich und verträglich ist, eigene Wege. Natürlich ist das Original nicht einfach durchgepaust worden. Dafür sind die technischen Voraussetzungen zu unterschiedlich, und auch die Wünsche der verehrten Kundschaft haben sich geändert. Niemand wollte die Original-Abmessungen übernehmen, aber die Proportionen führten wieder zur spannenden Harmonie von einst. Mit einem kleinen Kraftakt wurden die Sicherheits- und Elektroniktechnik (bessere Crash-Sicherheit, die üblichen Airbags, ABS, man erhebt Anspruch auf die fünf Sterne des Euro-Ncap-Crashtests) des Panda erhöht; die Abmessungen des Cinquecento (Radstand 2,30 Meter) entsprechen den Vorgaben des viertürigen Kleinwagens.
Von der Technik des einstigen 500ers ist nichts mehr übrig, was verständlich ist, wo wäre sonst der Fortschritt geblieben. Deshalb gibt es auch Frontmotor und -antrieb, und im Heck sitzt nicht ein luftgekühlter Vierzylinder, sondern eine große Klappe. Sie öffnet weit über Stehhöhe, und dahinter gibt es Stauraum oder zwei Sitze, ganz vorne sitzt man großzügiger, aber auch hinten ist man nicht wirklich schlecht untergebracht. Bei Fiat sagt man, es sei fast jeder Luxus vorstellbar, der 500er soll zum Lebensgefühl der neuen Auto-Genießer passen, er wird aber nicht nur der Schickeria gefallen.
Schon 2008 könnte ein Kombi kommen
Technisch bietet der neue 500er Start-Stopp-Automatik, zwei Benziner und einen Diesel, es gibt Fünf- oder Sechsgangschaltboxen, später soll noch ein Otto-Turbo (unter dem Stichwort Abarth!) offeriert werden. Noch in der Hinterhand hält die Fiat-Motorenentwicklung einen 900er-Zweizylinder-Benziner, der mit raffinierter Aufladung auf 90 bis 100 PS kommt und mit wundersamen Mini-Verbräuchen (Downsizing) aufwarten soll. Damit der 500er keine solitäre Erscheinung bleibt, arbeitet man bei Fiat schon an der Fortsetzung der Legende. Schon 2008 könnte ein Kombi (wieder als Giardinetta mit Dachträger) auf die Räder gestellt werden, denkbar sind Versionen im Off-Road-Look und ein schnuckeliges Cabrio mit Stoffverdeck.
Dann schlagen wir mit der leichten Beweglichkeitseinschränkung des Alters das Dach zurück, bummeln auf der Amalfitana dahin, verspotten den Lauf der Jahre und fangen damit an, auf einen VW Käfer zu sparen.
neuer Fiat 500
kurt schupp (Platino99)
- 02.07.2007, 16:25 Uhr
Abjelutscht . . .
Achmed Dybe (a-we)
- 03.07.2007, 18:33 Uhr