01.06.2009 · Festrumpf-Schlauchboote eröffnen rasante Möglichkeiten. Man kann sie sogar mieten: Zum Beispiel zum super-beschleunigten Inselhüpfen in Griechenland. 30 Seemeilen sind mit einem Rib nämlich ein Katzensprung. Wer da noch segelt, ist selber schuld.
Von Walter WilleUnser göttlicher Ausflug nimmt seinen Lauf. Wir versäumen nicht, uns dafür Gunst und Beistand der höchsten Instanzen zu sichern. Nach der nur ganz leicht verspäteten Ankunft am Athener Flughafen, zu dem uns Lufthansos sicher geleitet hat, führt unser erster Weg auf griechischem Boden zu Poseidon. Es kann auf keinen Fall schaden, der für das Meer zuständigen Macht - sei sie noch im Amt oder nicht - die Aufwartung zu machen.
Nach einem kurzweiligen Stündchen Autofahrt - Takis, unser Gastgeber, führt das Steuer - erreichen wir Kap Sounion an der Südspitze der Halbinsel Attika und den Tempel des Meeresgottes. Wir bringen kein Tieropfer, wir zahlen Eintritt. Vier Euro sind nicht zu viel, um den antiken Marmorsäulen nahekommen zu dürfen.
Wir benötigen Poseidons Wohlwollen: milde Umstände, bitte nicht zu viel Seegang, Chef. Bei der Gelegenheit können wir gleich noch seinen Kollegen Aiolos - Fachgebiet Wind - bitten, sich zurückzuhalten. Wir sind zum Motorbootfahren gekommen, nicht zum Segeln. Wind stört da nur.
Segler sind selbst schuld
Schon vor zweieinhalbtausend Jahren hatten die Hellenen einen Sinn für anbetungswürdige Immobilien in 1a-Lage. Im Schatten der Reste des Heiligtums auf Sounion, 60 Meter über dem Meeresspiegel, überblicken wir in Richtung Südwesten weite Teile des Saronischen Golfs, im Südosten liegen uns die Kykladen zu Füßen.
Wasser und Inseln, so weit das Auge reicht: Makronisos, Patroklou, Kea, Kythnos, Georgios, Hydra, Poros, Ägina. Die Segler da unten, die in der schwachen Brise dahintreiben, haben ganz offensichtlich versäumt, mit Aiolos zu reden. Jetzt müssen sie, kaum vorankommend, in der Sonne braten. Selber schuld.
Für uns sind die Bedingungen perfekt. Das Meer schimmert türkisfarben bis dunkelblau, je nach Tiefe und Grund, und - das ist entscheidend - es bewegt sich an seiner Oberfläche kaum. Weil wir mit Booten der Sorte Schlauch in See stechen wollen, bitten wir Poseidon noch darum, uns mit seinem Dreizack nicht zu nahe zu kommen.
„Rent a Rib“
Schlauchboote? Richtig, diese aufblasbaren Dinger. Es gibt, daran muss erinnert werden, solche und solche. Die Bandbreite reicht vom nicht grundsätzlich knallroten Gummiboot im Kompaktformat bis zur 25-Meter-Poweryacht mit festem, von Schläuchen umrandeten Rumpf.
Was uns erwartet, ist ungefähr in der Mitte davon einzuordnen. Takis, der Geschäftsführer, bringt uns zu ihnen nach Anavissos, ein halbes Stündchen entfernt an der Küste zwischen Sounion und Athen. Dort ist „Rent a Rib“ beheimatet, die Charterstation für Schlauchboote.
Einzigartig ist Schlauchbootcharter nicht, aber etwa so selten wie ein gut erhaltener Tempel aus der Antike. Vor allem ist nicht jedes Schlauchboot eine aufgeblasene Lächerlichkeit, wie manch einer meint. Auch keine Arme-Leute-Lösung; für die Typen, die „Rent a Rib“ verleiht, sind Anschaffungskosten in höherem fünfstelligem Bereich einzukalkulieren. Sie sind zwischen 7 und mehr als 8 Meter lang, werden von Suzuki-Außenbordern mit bis zu 300 PS geschoben.
Ein Rib (Rigid inflatable boat) hat einen festen Kunststoffrumpf mit robuster Schlauchumrahmung, einen Steuerstand mit Radlenkung, diverse Sitz- und Liegegelegenheiten sowie Stauraum satt. Die Flotte besteht zurzeit aus 14 Booten der Marken Skipper und Skorpion, die alle drei Jahre gegen neue getauscht werden. Das Unternehmen ist auf Wachstum ausgerichtet.
30 Seemeilen, ein Katzensprung
Es kann schlau sein, ein Schlauchboot zu wählen, je nachdem, was man vorhat im Urlaub. Man nutzt es als Tauchbasis oder Angelplattform, zum Baden oder Inselhüpfen. Ein Rib ist übersichtlich, handlich, einfach zu manövrieren, dank geringen Tiefgangs flachwassertauglich und einigermaßen sparsam. Man fährt per Knopfdruck den Außenborder hoch und zieht es auf den Strand. Beim Anlegen lässt sich das leichte Boot notfalls mit der Hand in Position bringen. Bei Hafenmanövern beruhigen die Schläuche die Nerven zusätzlich, denn sie schützen selbst bei derben Remplern, auf See gewährleisten sie eine hohe Stabilität.
25 bis 30 Knoten Reisegeschwindigkeit, gut 40 Knoten Höchsttempo lassen Distanzen dramatisch schrumpfen. Wer die Ägäis vom Segeln kennt und gewohnt ist, für einen Ortswechsel einen Tag einzuplanen, wundert sich, was für ein Katzensprung 30 Seemeilen sein können.
Ein hochmotorisiertes Rib ist ebenso Tourer wie Sportler, schnell und wendig. Wird der Gashebel energisch nach vorn gerückt, reagiert es spontan, springt an und ist im Nu in Gleitfahrt. Bei glattem Wasser macht es am meisten Spaß, ein halber Meter Welle ist auch in Vollgasfahrt noch zu ertragen. Vor mehr Seegang muss man sich ebenfalls nicht fürchten, dann allerdings mit gebremstem Schaum agieren und die Schläge stehend mit den Beinen ausfedern.
Eine Stunde geradeausdonnern reicht unter jeglichen Umständen, dann wird's ermüdend und langweilig, dann hat man aber zum Beispiel vom Festland aus schon Poros erreicht. Viel Schutz vor dem Fahrtwind darf man nicht erwarten.
Nicht als Unterkunft gedacht
Ein Rib wie das auf den Fotos abgebildete Skipper 780, zugelassen für zwölf Personen, akzeptabel für sechs bis acht beim Tagesausflug und ideal für vier bei ausgedehnten Touren, kostet je nach Saison 260 bis 400 Euro am Tag. Die Ausrüstung - außer Notwendigem wie Beleuchtung, Zweit-Außenborder als Hilfsmaschine, Anker, Rettungsmitteln, GPS und Kartenplotter auch Annehmlichkeiten wie Eisbox, Musikanlage, faltbares Sonnendach, Frischwassertank, Badeleiter, Duschschlauch - ist umfangreich. Eine Toilette allerdings fehlt an Bord.
Zum Bewohnen ist solch ein Rib nicht gedacht, die eine oder andere Camping-Nacht mit Schlafsack vor Anker in der Bucht jedoch denkbar. Ansonsten sucht man sich eine Unterkunft an Land, vorzugsweise mit dazugehörigem Bootssteg. Auch ein Schlauchboottörn ist kein Sparurlaub. Der Familienvater, der für sich und seine Lieben alles allein zahlen muss, hat einiges zu stemmen. Teilen sich lauter Zahlende ein Boot, sieht die Sache anders aus. Wie bei jeder anderen Charterreise auch.
Stur geraudeaus macht weniger Spaß
Wir sammeln Meilen. 190 Seemeilen innerhalb von nur 48 Stunden - mehr hat uns Chronos, der Gott der Zeit, leider nicht gewährt. Takis nutzt sie intensiv, um die mit zwei Booten ausgestattete Gruppe aus Deutschland von den Vorzügen des Rib-Charterns zu überzeugen, was ihm mit der Hilfe von Zeus und seines Mitarbeiters Filippos sowie der Unterstützung von Dionysos, dem Gott des Weines und des Ouzo, auch ganz gut gelingt.
Der Verbrauch an Flüssigkeiten hält sich halbwegs im Rahmen, an Treibstoff für die beiden Suzukis sind jeweils rund 300 Liter (bei einem Preis von etwa einem Euro je Liter also rund 300 Euro) fällig. Wir kommen auf Spritkosten von 1,6 Liter je Seemeile bei spritziger Fahrweise.
Immer wieder bauen wir Slalomkurse und enge Kreise ein, denn für stures Geradeausfahren, die Reise auf kürzestem Wege, ist so ein Rib eigentlich zu schade.
Schnell dahingebrettert
Es gibt viel zu sehen, wir brettern hin: Nehmen auf Spetses ein leichtes Mittagessen zu uns, stoppen zum Fotografieren in einer Bucht der Insel Moni, trinken auf Hydra einen Kaffee, besuchen den Tempel der Aphaia auf Ägina. Hyperion bräunt die mit Lichtschutzfaktor 20 behandelte mitteleuropäische Haut, Chloris lässt es an den Küsten blühen, Hypnos gewährt uns einen ruhigen Schlaf auf Poros mit angenehmen Träumen, die uns Morpheus schickt, wir erwachen zur Zeit der Morgenröte, für die Eos zuständig ist, und Adonis höchstpersönlich scheint in Gestalt des unverschämt durchtrainierten Takis mit uns zu fahren.
An die temperamentvollen, gleichwohl gutmütigen Boote gewöhnen wir uns rasch, was den Autor schließlich vollkommen verwandelt: Er fühlt sich jetzt als Gott des Sprungs über die Heckwelle des vorausfahrenden Boots.
Informationen: Rent a Rib, 50 km Athina-Sounio, 7 Minos, Lakka Anavissiou, Telefon und Fax 00 30-22 91 03 63 86, info@rent-a-rib.gr, www.rent-a-rib.gr
Der Segler wendet sich mit Grausen ...
Wilhelm Demel (wilhelmdemel)
- 01.06.2009, 17:48 Uhr
Umwelt ausgeblendet
Dominik Metten (dobmid)
- 02.06.2009, 11:01 Uhr
Ja, das "fetzt"...
Christoph Grzimek (bobet)
- 02.06.2009, 13:36 Uhr
Es ist doch immer und überall das gleiche
Claus Behrens (chipin)
- 02.06.2009, 15:12 Uhr
Sanfter Tourismus ist das nicht.
Martin Allan (baziliscus)
- 03.06.2009, 00:53 Uhr