http://www.faz.net/-gy9-79emw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 02.06.2013, 07:00 Uhr

Falträder Zwei von völlig verschiedener Art

Faltrad ist nicht Faltrad - wie der Renner Tern Eclipse X20 und der Klassiker Brompton mit zwei Gängen zeigen. Es gibt gute Gründe für den Besitz von mehr als einem Faltrad.

von
© Pardey Tern Eclipse X20 aufgebaut neben dem gefalteten Brompton

Nicht wenige Hersteller erheben für ihre Falträder den Anspruch, dass diese sich wie „normale“ oder „große“ Fahrräder fahren lassen. Und alle sollen im Handumdrehen falt- und entfaltbar sein. Dass von diesen Prämissen ausgehend völlig verschiedene Fahrzeuge entstehen können, zeigt die folgende parallele Erprobung. Man verwechsele sie bitte nicht mit einem Vergleich, und es gibt so wenig einen Sieger nach Punkten wie im Wettrennen zwischen Hase und Igel. Das Brompton und das Tern Eclipse sind zwei auf grundverschiedene Art sehr gute Falträder, zwischen denen man sich eigentlich nicht entscheiden kann, weil sie alle beide höchst erstrebenswert sind.

Hans-Heinrich Pardey Folgen:

Das eine der beiden ist ein Modell aus einem großen Baukasten: Das Brompton ist ein britisches, über Jahrzehnte verfeinertes und ausgereiftes Faltrad, das die übliche Sitzposition und den Fahrkomfort des herkömmlichen Fahrrads mit einem besonders geringen Faltmaß vereinen will. Dieses lässt sich nur auf haargenau eine Weise erzielen: Man muss lernen, dieses Rad zu falten, angefangen von der richtigen Pedalstellung über die Reihenfolge der Ent- und Verriegelungs- und Faltvorgänge bis zur richtigen Position des Schnellspanners am Sattelrohr. Beachtet man das nicht, kann alles Mögliche schiefgehen. Hat man es aber einmal begriffen, dann lässt sich das Brompton geradezu märchenhaft schnell auf- und abbauen und wird im gefalteten Zustand ein kompaktes Durcheinander von Rohren und 16-Zoll-Rädern mit den Maßen 57 × 59 × 27 Zentimeter. Anmerkung dazu: Herstellerbilder zeigen dies in nahezu quadratischer Seitenansicht mit einer Sattelposition, die der Bequemlichkeit geschuldet verändert wurde. Dadurch fügt sich der Sattel auf der Abbildung nebenan nicht so perfekt ins Bild.

24581315 © Pardey Vergrößern Beim Brompton ginge in jeder Hinsicht viel mehr

Baukasten bedeutet: Man hat die Wahl zwischen dem Standard-Rahmen aus Stahl und einem durch Verwendung von Titan für Gabel und Hinterbau rund 700 Gramm leichteren in diversen Farben, zwischen vier verschiedenen Lenkerformen und Antrieben mit einem, zwei, drei oder sechs Gängen, wobei die Übersetzungen variiert werden können. Außerdem gibt es jede Menge Zusatzausrüstung: eine längere Sattelstütze genauso wie Taschen zum Verpacken des Rades oder den Gepäcktransport am Brompton. Entsprechend den Optionen variieren die Preise erheblich und beginnen bei rund 1000 Euro, die Titan-Modelle kosten rund das Doppelte. Das erprobte Rad ist für rund tausend Euro ein einfaches Modell mit zwei Gängen (Katalogtext: „Mehr brauchen Sie nicht für Fahrten in der Stadt.“), das nicht einmal eine feste Lichtanlage hat, die es selbstverständlich an anderen Modellen gibt. So könnte man sich das ge- und entfaltete und gefahrene Rad beispielsweise als Fahrrad auf einer Yacht vorstellen oder unter dem Bett eines Wohnmobils.

Das Tern Eclipse X20 rollt anders, als die Typenbezeichnung annehmen lässt, nicht auf 20-Zoll-Laufrädern, sondern auf Kinetix-Pro-Rädern der Größe 24 Zoll. Die Kettenschaltung (Sram Rival/Force) tauscht jedoch zweimal zehn Gänge. Vorn 14, hinten 16 Speichen helfen, das Gewicht zu reduzieren, das mit knapp 11 Kilogramm dem eines Fitnessbikes entspricht und dem eines Rennrads nahekommt. Genauso fährt sich dieses Faltrad für rund 1900 Euro auch: Mit dem Eclipse X20 kann man jederzeit an einer radsportlichen Jedermann-Veranstaltung teilnehmen. Man muss sich nur eine wirklich dichte Trinkflasche besorgen, denn die wird ziemlich flach auf dem Rahmen des Eclipse montiert.

Mehr zum Thema

Dass sein Faltmaß mit 89 × 76 × 42 Zentimeter entschieden größer als beim kompakten Brompton ausfällt, ist kein Wunder: Das Eclipse X20 ist einfach ein deutlich größeres Rad. Der Faltvorgang ist simpler als beim Brompton: Der vordere und der hintere Teil des Aluminiumrahmens werden seitlich aneinandergeklappt, woraufhin die Lenksäule umgelegt wird. Auch das geht schön schnell, und man muss nicht so viele Einzelheiten genau beachten. An den Komponenten des Eclipse gibt es nichts zu meckern; sie entsprechen dem Preis und dem angepeilten Verwendungszweck: Kurbelgarnitur FSA Goassmer Compact mit 50/34 Zähnen, V-Brakes Kinetix Pro, Schwalbe Kojak als Bereifung. Anders als beim Brompton, wo ein Pedal angeklappt wird und das andere bleibt, wie es ist, werden beim Eclipse die Pedale abgezogen. Dass man sie unbedingt beim Fahren mit einem nicht so leicht aufzuziehenden und wieder herunterzubekommenden Kunststoffring sichern sollte, wurde erlebt: Nicht blockiert, kann man die Ezy QR von MKS verlieren.

Hier wird die grundsätzliche Unterschiedlichkeit der beiden unvergleichbaren Räder deutlich: Das Brompton als solches (und in einer vollständigeren Konfiguration) ist ein Faltrad für den Berufspendler-Alltag, und zwar für einen, in dem, etwa beim Umstieg auf Bus oder Bahn, immer wieder gefaltet und entfaltet werden muss. Das Eclipse X20 hingegen ist ein Faltrad für den, der vielleicht für ein Fitnessbike nicht den nötigen Stellplatz hat oder der mit seinem Sportgerät im Kofferraum und auf dem Dachträger anreisen möchte. Es gibt gute Gründe für den Besitz von mehr als einem Faltrad.

Echte Maßarbeit

Von Hans-Heinrich Pardey

Die älteren Konfektionsgrößen des Fahrrads und vom Körpermaß abgeleiteten Empfehlungen sind längst aus der Mode gekommen. Viele Fahrräder werden heute mit den T-Shirt-Maßen S, M, L und XL offeriert. Mehr 2 3

Hinweis
Die Redaktion
Zur Homepage