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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fahrtbericht Mercedes-Benz ML 250 Hochsitz mit Hebelwirkung

 ·  2,1 Tonnen Leergewicht, fast drei Tonnen Anhängelast: Der Mercedes in der M-Klasse hat kolossale Ausmaße und Gewicht. Dafür fühlt man sich Innen aber auch sehr geborgen.

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© F.A.Z., Hersteller Fahrtbericht Mercedes-Benz ML 250: Hochsitz mit Hebelwirkung

Wie wäre es mit einem kleinen Scherz? Was haben ein Mercedes-Benz ML und ein Kühlschrank gemeinsam? Beide gibt es in Weiß, beide sind groß, in beide passt viel hinein, und beide haben die Effizienzklasse A.

Effizienzklasse? Tatsächlich haften an Neuwagen nun Gütesiegel wie an Gefriertruhen oder Waschmaschinen, nur dass im automobilen Bereich eine Eigenart gilt, die nicht zuletzt der Lobbyarbeit der deutschen Automobilindustrie zu verdanken ist. Das Effizienzsiegel wird auf Grundlage der CO2- Emissionen unter Berücksichtigung der Fahrzeugmasse ermittelt. So kommen selbst durstige Zeitgenossen in den Genuss günstiger Einstufungen, wenn sie nur schwer genug sind.

Der ML wuchtet leer 2,1 Tonnen auf die Waage, über die sich in der Basisversion erstmals ein 150 kW (204 PS) starker 2,1-Liter-Vierzylinderdiesel hermachen darf. Und weil er das in Verbindung mit dem fein arbeitenden Siebengang-Automatikgetriebe mit relativ bescheidenem Kraftstoffverzehr erledigt, steht dem Mercedes die zweitbeste Effizienzklasse A (es gibt darüber noch A +) zu.

Das war es denn aber auch mit den Gemeinsamkeiten zu Küchengeräten, denn selbst in der Farbgebung findet Mercedes seinen eigenen Weg. Die weiße Ware aus Stuttgart nennt sich Diamantweiß Bright Metallic und kostet 1963 Euro Aufpreis. Da läuft es einem doch kalt den Rücken herunter.

Offroad

Die in Amerika gefertigte M-Klasse ist eine feste Größe im Markt jener Geländewagen, die als SUV bezeichnet werden, was Sports Utility Vehicle heißt und einen Hinweis darauf gibt, auf welchem Untergrund sich das Fahrzeug die meiste Zeit bewegt. Dabei ginge diese dritte Generation ML tatsächlich als Geländegänger durch.

Seine Fähigkeiten jenseits des Asphalts sind beachtlich, auf einem abgesperrten Parcours stürzten wir uns (mit Offroad-Paket) 80 Prozent Gefälle hinunter. Wer schon mal mit Ski an einem schwarzen Hang gestanden hat, weiß, was das bedeutet.

Auch im Matsch beregneter Zufahrten zu Schule, Sportplatz oder anderen Fallen des Alltags kennt der allradgetriebene Mercedes kaum Grenzen. Doch dorthin wird er selten geführt werden, ein ML ist für den Einsatz in Manhattan oder Mainhattan gemacht. Im Dschungel der Stadt treten die üblichen Vor- und Nachteile dieser Kategorie zutage.

Platzangebot

Der jetzt frischer, flacher und breiter gezeichnete ML ist noch immer eine rollende Burg, eine, die Geborgenheit vermittelt und mit luftiger Geräumigkeit auf den vorderen wie auf den hinteren Plätzen auftrumpft. Allein der mittlere Ort hinten erfordert kleinere Einschränkungen.

Fahreigenschaften

Der ML bietet eine ausreichend leichtgängige Lenkung mit guter Rückmeldung, angenehm hohe Sitzposition und gute Übersicht, alles Dinge, die nicht nur Frauen schätzen. Fahrdynamisch hat er gegenüber seinem Vorgänger einen klaren Schritt nach vorne gemacht, etwas, das nicht nur Männer schätzen.

Karosserie

Dass der Aufbau sich in forschen Kurven zur Seite neigt wie ein Hochsitz im Sturmtief Andrea, lässt sich verschmerzen. Die Fahrsicherheit leidet darunter nicht. Auf einer Etappe rief unser der Geschwindigkeit zugeneigter Junior: „Hey, das ist ja wie im Karussell. Aber nicht, dass du das negativ schreibst. Ich finde das cool.“ Mercedes versucht dem mittels Wankausgleich (3689 Euro Aufpreis) entgegenzuwirken, doch der bringt andere Nachteile.

Das trotz optionaler Luftfederung mit Querfugen mäßig erfolgreich kämpfende Fahrwerk (es hängt auch von Felgengröße und Bereifung ab) wird auf selbigen nur noch unruhiger. Folgen mehrere Fugen hintereinander, schaukelt sich der Aufbau schon mal auf und braucht hernach zur Beruhigung etwa so viel Zeit wie Dortmund-Trainer Jürgen Klopp nach einem Abseitstor des Gegners.

Wir glauben, dass es ohne Wankausgleich und vielleicht sogar ohne Luftfederung an Bord ruhiger zugeht. Jedenfalls bis zur Ampel. Dort legt Start-Stopp die Maschine lahm, und beim Neustart schüttelt sich der Diesel, nicht unerträglich, aber auch nicht fein.

Innenraum

Ein- und Ausstieg gelingen ohne Verrenkung, das Ladeabteil ist gut zugänglich, fein ausgekleidet und ziemlich aufnahmefähig. Im Innenraum wartet eine tadellos verarbeitete und praktisch konzipierte Einrichtung samt gekühlter und beheizter Getränkehalter. Das Ambiente dürfte nach unserem Geschmack freilich gerne mehr Flair ausstrahlen. Der Informationsbildschirm ist nach oben gerückt und liegt nun besser im Blick.

Bedienung

Natürlich braucht auch dieser ML Platz. Parkhäuser oder Garagen in schnuckeligen Neubausiedlungen sind nicht sein bevorzugtes Terrain. Dann ist zielgenaue Handarbeit am angenehm kräftigen Volant vonnöten, und die Einparkpiepser vollführen ein fröhliches Konzert.

Als störend empfanden wir, dass der nach typischer Eigenart Scheibenwischer und Blinker beherbergende Hebel links vom Lenkrad nicht beleuchtet ist, weshalb Ungeübte im nächtlichen Regen zweimal hinschauen müssen.

Auch der Kranz um den Scheinwerferschalter liegt im Dunkeln. Dass der Hebel nach gefühlten 125 Jahren den Platz mit dem der Geschwindigkeitsregelung getauscht hat und nun oben seine Wirkung entfaltet, ist eine kleine Revolution, die wir als Vorteil werten.

Motor

Der gerne und ein wenig zu Unrecht als Taxi-Diesel verspottete Turbo-Vierzylinder ist fast so stark wie der ehemalige V6-Motor. Dennoch ist er nur dann erste Wahl, wenn Gründe der Ökonomie im Vordergrund stehen.

Er ist günstiger in der Anschaffung und etwas sparsamer im Verbrauch, aber rauher und müder als sein seidenweicher Kollege mit sechs Zylindern und drei Liter Hubraum, der unser Favorit ist.

Lautstärke

Freilich genügt der kleinere selbst in diesem Koloss von einem Auto zu angemessener Fortbewegung, sorgt für schönen Durchzug aus dem Drehzahlkeller und hält sich dank aufwendiger Dämmung akustisch so weit zurück, dass er trotz manch grummelndem Zwischenton kaum aufdringlich wird.

Nur wenn höhere Drehzahlen abgefordert werden, hört er sich angestrengt an. Man kann mit ihm gut leben, vor allem auf der Reise. Da befördert man die Tachonadel oben in die Mitte der Anzeige, dorthin, wo 180 steht, und lässt den ML entspannt laufen.

Verbrauch

Beide Diesel rüstet Mercedes-Benz mit SCR-Katalysator aus, wodurch sie die von 2014 an geltende Schadstoffnorm Euro 6 schon heute erfüllen. Sichtbar wird die Technik durch zwei Einfüllstutzen unter der Tankklappe. In den roten gehört Diesel, in den blauen Ad-Blue-Additiv. Die wässrige Harnstofflösung wird in den Abgasstrang eingespritzt. Dies geschieht so dosiert, dass der Tank nur alle 25.000 Kilometer aufgefüllt werden muss, was in der Regel die Werkstatt bei der Inspektion erledigt.

Wer einen Benziner möchte, kann zum ML 350 - jetzt mit Direkteinspritzung und 190kW (258) PS - greifen. Oder sich die schier unendliche Kraft des ML 63 AMG gönnen. Dann muss man sich freilich von den Verbrauchswerten des Diesel verabschieden. Im ML 250 ist unter Zügelung des Temperaments gar eine Sechs vor dem Komma möglich.

Im Durchschnitt erreichten wir 9,3 Liter auf einhundert Kilometer. Das ist weit entfernt von der Normangabe, aber angesichts der Größe und des gebotenen Komforts ein guter Wert. Schwindelig wird dem Interessenten eher beim Blick in die Preisliste. 54.978 Euro stehen dort als Einstieg, mit einem Strauß an Extras wie im Testwagen sind rasch 85.000 Euro überschritten. Da sollte auch die Einnahmen-Überschuss-Rechnung Effizienzklasse A haben.

Nächste Woche: Kia Rio 1.4 Edition 7

Daten und Messwerte

Preis 54.978 Euro
Preis des Testwagens 85 573 Euro

Vierzylinder-Turbodiesel, Common-Rail, 2143 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 150 kW (204 PS) bei 4200/min

Höchstes Drehmoment 500 Nm bei 1600 bis 1800/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1450 bis 2500/min

Siebengang-Automatik

Allradantrieb, elektronisch gesteuert

Länge/Breite/Höhe 4,84/1,93/1,79 Meter

Radstand 2,92, Wendekreis 11,8 Meter

Leergewicht 2150, zulässiges Gesamtgewicht 2950, Anhängelast 2950 Kilogramm; Kofferraumvolumen 690 bis 2010 Liter

Reifengröße 235/65 R 17

Von 0 auf 100 km/h in 9,0 s

Höchstgeschwindigkeit 210 km/h

Verbrauch 6,7 bis 10,5, im Durchschnitt 9,3 Liter Diesel je 100 km; 158 g/km CO2 bei Normverbrauch von 6,0 Liter; Tankinhalt 70 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 23, TK 29, VK 28

Garantie zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung inklusive Mobilitätsgarantie, Wartung alle 25.000 Kilometer oder jährlich

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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für „Technik und Motor“.

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