Welch ein Anblick am Eingangstor: Autowracks türmen sich himmelhoch im Shredderwerk Herbertingen. Sie liegen bereit, um eine äußerst gefräßige Maschine zu füttern. Sie steht im Hintergrund, ein grünes Ungetüm, von dem zur ohrenbetäubenden Geräuschkulisse immer wieder Staub aufsteigt. 30 Sekunden, begleitet von Knirschen und Fauchen und Rauch: Dann ist das, was eben noch nach einem Personenwagen aussah, komplett in faustgroße Stücke zerlegt. Ein Autoleben hat endgültig geendet.
20 Stunden dauert es, um ein Auto zu bauen. In etwa. Vom Beginn der Rohkarosserie bis zum Bandablauf. Für große Fahrzeuge benötigt ein Hersteller mehr Zeit, für kleinere weniger. Manche Unternehmen sind produktiver, andere langsamer. Umgerechnet sind das 72.000 Sekunden. Da muten 30 Sekunden in Gegenrichtung als Rekordzeit an.
Zuende war das Leben des Personenwagens schon vor seiner Begegnung mit dem Shredder: Mit der Entscheidung, dass das Fahrzeug entsorgt und nicht weiterverkauft wird. Mit dem Abbauen der Teile, die eventuell für eine preisgünstige Reparatur eines anderen Mobils noch verwendet werden können, mit dem Abschrauben der Räder, dem Absaugen der Betriebsflüssigkeiten, dem Herausnehmen der Sitze, der Scheiben, der Verkleidungen, der Batterie.
Ein trauriger Anblick
Die Karosserie bleibt übrig, inklusive einiger noch montierter Restbestände, für die sich niemand interessiert. Schon das ist ein trauriger Anblick. Man könnte sich nun trösten, mit Sprüchen wie, dass der Ruhm der Welt eben vergehe, oder jedes Leben einmal enden müsse, oder dass Ende und Anfang zusammengehören und sowieso eins sind. Und doch: Ein Autoleben hat geendet. Wir wissen nicht, wo der Wagen, der gerade ziemlich zerknirscht tat, unterwegs war, bevor er seine letzte Fahrt in den Shredder antrat. Wen und was er transportierte. Welche Erlebnisse er mit sturem Kilometerzählen begleitete. Welche Unterhaltungen er beherbergte. Doch eins wissen wir: Er hat Mobilität zur Verfügung gestellt. Mindestens einem Besitzer, meist mehreren Besitzern, weitergereicht von Hand zu Hand.
SWH steht am Eingangstor: Shredderwerk Herbertingen. „Berge von Autowracks - Das Ende vieler Autoträume und der Beginn eines effektiven Recyclingprozesses“, so steht es in der Eigenbeschreibung, und so kann man es auch sehen. 80.000 Tonnen Leichtschrott - Waschmaschinen etwa - und Karossen werden hier jedes Jahr aufbereitet. Damit ist sie eine der größten Anlagen Deutschlands, seit 30 Jahren in Betrieb. Die Technik brachte der Unternehmer Jürgen Karle, Geschäftsführer der Karle Recycling GmbH und Mitbetreiber der Anlage in Herbertingen, aus dem Land der fast unbegrenzten Automöglichkeiten herüber: aus Amerika.
Die Karosserien erreichen das Shredderwerk Herbertingen auf Lastwagen und Bahnwaggons, ein eigener Gleisanschluss ist vorhanden. Auf den exaktem Gegenwegen gelangt der Schrott wieder hinaus. Detektoren überprüfen die Ladung auf Radioaktivität - nach der politischen Entsorgung des eisernen Vorhangs sei aus den östlichen Regionen Europas Schrott mit hohen Strahlenwerten exportiert worden. „Die kannten nichts“, meint Karle trocken. Heute würden Alarmglocken schrillen.
Eine rabiate Kammer ist das Herz der Apparatur. In ihr rotiert der Shredder - eine 25 Tonnen schwere Walze von rund einem Meter Durchmesser und zwei Meter Länge. In dieser an Achsen aufgehängt sind pendelnde Hämmer, jeder mit einem Gewicht von rund 90 Kilogramm. Ein Elektromotor versetzt die Walze mit 1.400 PS in 600 Umdrehungen pro Minute. Die Zahlen charakterisieren die wirkenden Kräfte. Nun wird es simpel und laut: Die Hämmer schwenken per Fliehkraft aus der Walzenoberfläche heraus und donnern auf den Schrott, vorgelegt von einem Förderband und an der Schlagstelle von zwei Zuführwalzen festgehalten.
Sie steuert der Shredderführer, der in einer Kabine zehn Meter über dem Geschehen hinter einer sehr stabilen Glasscheibe steht. Er ist Herr der Anlage und zugleich der Produktivität, denn hier wird etwas hergestellt: Schrott. Die Geräuschkulisse illustriert die Kraft. Sie ist infernalisch, trotz Gehörschutz. Ihr hält nichts Stand. Es geht um Zerstörung. Wie gesagt: 30 Sekunden pro Auto. Rund 600 Autos sind es pro Tag, überführt in faustgroße Stücke. Die Hämmer halten 14 Tage, dann sind sie verbraucht und werden getauscht.
Der Shredder ist freilich nur ein Teil der Anlage. Denn es geht ja um die Entsorgung. Und das bedeutet vor allem: Trennen der diversen Materialien. Direkt nach dem Shredder heben aus den noch fliegenden Teilen starke Sauganlagen leichtere Materialien wie etwa Kunststoffteile, Polsterstücke und Holzpartien heraus. Das übrige Konglomerat fällt auf ein Förderband. Es geht schnell voran: eine von zwei Elektromagneten aufgeladene Stahlwalze zieht alles Eisenhaltige vom Band. Ein technischer Trick sortiert dann die NE-Metalle („Nichteisen“) aus: Sie werden elektrisch positiv aufgeladen und von Magneten mit gleicher Ladung quasi aus dem Gemisch geschossen; spezielle Anlagen außerhalb des Geländes separieren dann Aluminium, Kupfer, Blei und Messing voneinander.
Ziel ist nicht nur die Trennung - es geht auch darum, die Produkte des Shredderwerks in homogener Größe zu erhalten. Denn das, was hier erzeugt wird, fließt zunächst auf Halden eindrucksvoller Dimension. Nur in Einzelfällen lässt sich im Riesenhaufen noch erkennen, welche Funktion beispielsweise ein Stahlstück zuvor ausübte. Und Farben - die Autowelt ist ja bunt - sind so gut wie garnicht mehr zu erkennen. Der Shredder hat ganze Arbeit geleistet und blanken Schrott produziert. Das ist so gewollt, denn er geht als Schüttgut wieder zurück in den Kreislauf. Die gesamte Branche sei ein großer Zulieferer der Stahlindustrie, sagt Karle, sie liefere jedes Jahr 30 Millionen Tonnen zur Wiederverwertung.
Für ihn sind die Fahrzeugkarosserien pures Ausgangsmaterial: Eine Recyclingquote von 85 Prozent sei gut zu erreichen, derzeit liege man sogar darüber. Bis zum Jahr 2015 muss freilich alles noch genauer werden, da sei eine „stoffliche Verwertung“ von 95 Prozent vorgegeben. Der zuführende Alltag im Shredderwerk wurde vor 30 Jahren bei der Eröffnung der Anlage bestimmt von jeweils 50 Prozent von Autokarosserien und von Leichtschrott - alles, was kleiner als ein Altauto ist und zu großem Teil aus Metall besteht. Heute betrage der Autoanteil 15 Prozent, und 85 Prozent seien Leichtschrott.
Zwei Stunden hat der Besuch in Herbertingen gedauert. Macht bei voller Kapazität der Anlage fast 150 Autos, die während dieser Zeit hätten geshreddert werden können. Eins nach dem anderen zur Unkenntlichkeit zerlegt, um die wertvollen Rohstoffe herauszulösen. Da ist es ein guter Trost, dass aus dem Schrott auch wieder schicke neue Autos entstehen.
Was wird aus den Carbonfahrzeugen?
klaus keller (klkeller)
- 22.10.2012, 21:23 Uhr
Schicke neue Autos??
wilhelmina geleick (georgine-neckshott)
- 22.10.2012, 17:09 Uhr