Mit einem einzigen Trumpf in der Hand gewinnt keiner ein Spiel, geschweige denn den Markt. Deshalb musste Fiat den seit Herbst 2007 neuen, nach gut fünf Jahren noch immer robust erfolgreichen und spielerisch liebenswerten Cinquecento nicht nur mit diversen Motoren bis zum Abarth-Niveau aufrüsten und zu einem Mezzo-Cabrio modifizieren.
Mit einigen Griffen in die Regale, mit etwas Feuer für die Ingenieure und mit zwei Anrufen im hauseigenen Centro Stile kreierte Konzernchef Sergio Marchionne eine größere Dimension im nicht ganz so kleinen Format: Der 500L nutzt sowohl den Mythos der historischen Zahl als auch den Schwung der Neuinterpretation, und er fügt etliche Elemente aus dem familiären Lifestyle sowie hübsche Talente für den Alltag hinzu.
Design
Ein Schock-Erlebnis, wie es der ohne Rücksicht auf die empfindsame Natur der Nutzer gezeichnete und konzipierte Multipla im Jahr 1998 auslöste, mochte Fiat seinen Kunden wohl nicht noch einmal zumuten. Eine praktische Extravaganz sind die vorderen Dreiecksfenster mit ihren Gabelholmen, doch die pummelige Gestalt mit den massiven Schutzleisten an den Seiten und den Prallflächen vorn und hinten soll solide wirken und für Vertrauen werben.
Ein Nachteil: Die im Design ähnlichen Planken werden weder am Bug noch am Heck um die Rundung herumgezogen, dabei kommt es gerade hier häufig zu Parkremplern. So wie er aussieht, wurde der 500L nicht im Computer entworfen, sondern beim Bäcker gebacken: Er ist zwar nicht aus Lebkuchen zusammengefügt, aber doch mit der Üppigkeit eines Panettone gesegnet. Unter der Kuchenform verbergen sich allerdings viele jener Eigenschaften, die für die angepeilten Zielgruppen wirklich zählen.
Platzangebot
Familien, Freizeitmenschen und Fitness-Fans mit Transportbedürfnissen sind beim 500L an der richtigen Adresse. Schon die äußeren Abmessungen und die ausladenden Formen lassen ahnen, wie es drinnen aussieht. Da ist Platz für alle und für alles.
Vorn und hinten steigt man ohne Verrenkungen ein und nimmt Platz auf hübsch eingekleideten, aber leider zu weich gepolsterten Sitzen mit geringem Seitenhalt. Die Sitzflächen sind zu kurz geraten, und auch die jeweilige Lehnenbreite vorn ist den teutonischen Schultern der Väter nicht recht gewachsen. Zierliche Mütter freilich dürften sich von den Fiat-Sitzen eher umarmt fühlen.
Klaustrophobische Gefühle kommen nirgends auf, zumal viel Luft nach oben ist, da nimmt man gern noch das Nachbarskind von der Schule mit. Aber für die dritte Kopfstütze hinten werden 60 Euro extra verlangt. Ohne Kinderverschickung ist der 500L rasch in einen zweisitzigen Transporter zu verwandeln, die Sitzbank lässt sich in Längsrichtung flott um etwa dreizehn Zentimeter verschieben, man kann wahlweise nur die Lehne oder die Lehne plus Sitzfläche in einem kompakten Block nach vorn klappen.
Kofferraum
Das gibt bei der zweiten Möglichkeit einen guten Schutz gegen nach vorn verrutschendes Transportgut, beansprucht aber Stauraum, das Mobiliar rückstandsfrei herauszunehmen ist nicht vorgesehen. Auch gibt es in keinem Fall eine durchgehend ebene Ladefläche, doch der Beifahrersitz ist ebenfalls auf Variabilität eingestellt, so dass sich sehr lange Gegenstände durchladen lassen.
Die Ladekante liegt freundliche 66 Zentimeter über dem Straßenniveau, und der Kofferraum bietet mit seinem Zwischenboden eine Höhe von 53 und ohne Einlage von 68 Zentimeter. Die über Stehhöhe aufschwingende Heckklappe gibt ein fast 100 Zentimeter breites Tor frei.
Verarbeitung
Da haben sich die Innenarchitekten schon Mühe gegeben, sagt der Fahrer beim Blick auf die wohnliche Gestaltung mit Zweifarbigkeit sowie einem Hauch von Buntheit in der Easy-Ausstattung und nimmt am Volant Platz. Die Karosserie erweist sich als übersichtlich, vor allem dank der erhöhten Sitzposition.
Mit Verarbeitung und Kunststoffqualität ist er zufrieden, registriert etliche gut nutzbare Ablagen, nimmt bei winterlicher Kälte die rasch reagierende Sitzheizung (70 Euro) zur Kenntnis und ist erfreut über die Entscheidung, in der Aufpreisliste die spontan tätige und zuverlässig arbeitende Klimaautomatik mit Pollenfilter (300 Euro) angekreuzt zu haben. Weniger zufrieden ist der Fahrer mit den schlecht ablesbaren, grauen Instrumenten, den kleinen Tasten unter dem Radio und den zu tief positionierten Drehschaltern für die Klimatisierung in der Mittelkonsole.
Fahrverhalten
Die Zufriedenheit mit den statischen Tugenden des 500L wird allerdings beim Aufrufen seiner dynamischen Talente beeinträchtigt. Es fehlt ihm an Agilität im Fahrverhalten und an motorischer Spritzigkeit. Alles Eigenschaften, die man ohne zu zögern früher allen Fiat-Autos zugeordnet hätte.
Das hat sich geändert, die Familie der Gegenwart wird im Dienste der Sparsamkeit zum betulichen Fahren angehalten. Doch der 500L entfernt sich zu sehr vom aktiven Fahren: Die nur wenig vom Antrieb beeinflusste Lenkung und die präzise Fünfgangschaltung gehen zwar prima von der Hand, aber der kleine Diesel arbeitet knurrend, wirkt unlustig, und das Fahrwerk geht zwar komfortabel, aber ohne Begeisterung und mit geringer Kurvenlust ans Werk.
Federung und Dämpfung sind komfortabel ausgelegt, das führt zu angenehmem Abrollen, selten dringen Unebenheiten bis in die Sitze durch, und die Fahrgeräusche werden bis in die Nähe von 130 km/h gut unterdrückt.
Lenkung
Beim Einlenken und beim Absolvieren von Kurven jeglicher Art untersteuert der Fiat sehr stark, was im Prinzip wegen der höheren Sicherheit richtig ist, aber die Fiat-Ingenieure haben es damit wohl übertrieben. Man kann die Kurvenwilligkeit zwar durch abrupte Lastwechsel erhöhen, aber diese Übung ist nicht ratsam. Wer auf der Fahrt zur strengen Kindergärtnerin noch zwei Minuten rausholen muss, überlegt sich besser rechtzeitig eine gute Ausrede.
Motor
Wenn man den Diesel mitleidlos tritt und treibt, kommt man durchaus voran, aber es macht keinen Spaß. Das liegt auch daran, dass der 500L kein Leichtgewicht ist. Immerhin bringt er rund 1,4 Tonnen auf die Waage, und dafür sind 62 kW so eben ausreichend (allerdings hat Fiat schon eine stärkere Dieselversion im Köcher).
Verbrauch
Freudlos verläuft auch die Berechnung des Verbrauchs, allerdings wurde das Trinkverhalten von Schnee und Eis negativ beeinflusst. Minimal kamen wir auf 5,2 Liter für 100 Kilometer mit sehr viel Streicheleinheiten für das Gaspedal. Der Durchschnittskonsum wird bei freundlicheren Temperaturen wohl etwa anderthalb Liter niedriger liegen, aber auf das Erreichen des Normverbrauchs darf man nicht setzen.
Fazit
So überzeugt der Fiat 500L vor allem ob seiner inneren Werte. Einen Fiat hätte früher niemand wegen der praktischen Eigenschaften gekauft. Die 1500er, die 127er, die Unos und das Fiat Coupé waren heiße Alternativen zur deutschen Einheitsware. Heute will Fiat mit einem defensiv veranlagten Raumriesen locken, der allerdings zwischen Küche und Kindergarten als Trumpf gelten kann. Hausmänner werden ihn lieben.
Nächste Woche: Porsche Cayenne S Diesel
Empfohlener Preis 19.100 Euro
Preis des Testwagens 22.340 Euro
Vierzylinder-Diesel, vier Ventile je Zylinder, Abgasturbolader, Hubraum 1248 Kubikzentimeter
Leistung 62 kW (85 PS) bei 3500/min
Höchstes Drehmoment 200 Nm bei 1500/min, 90 Prozent davon von 1400 bis 3100/min
Manuelles Fünfganggetriebe
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 4,15/1,78/1,66 Meter
Radstand 2,61, Wendekreis 11,0 Meter
Leergewicht 1390, zulässiges Gesamtgewicht 1875, Anhängelast 1000 Kilogramm, Kofferraumvolumen 400 bis 1310 Liter
Reifengröße 195/65 R15 91H
Höchstgeschwindigkeit 165 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 14,9 s; von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 13,1/20,9 s
Verbrauch 5,2 bis 8,0, im Durchschnitt 7,2 Liter Diesel je 100 km; 110 g/km CO2 bei Normverbrauch von 4,2 Liter, Tankinhalt 47 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 18, VK 21, TK 18
Garantie 2 Jahre ohne km-Begrenzung, 8 Jahre gegen Durchrostung; Wartung alle 35 000 km oder 2 Jahre
expotenzielle Gewichtzunahme bei Autos
Georg chmielarz (chmili)
- 08.02.2013, 17:00 Uhr
Jammerschade
Joachim Schneider (doctormorris)
- 08.02.2013, 16:40 Uhr
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René Artois (Rene_Artois)
- 07.02.2013, 16:06 Uhr
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- 07.02.2013, 15:10 Uhr