05.10.2011 · Der Tiguan ist ein beliebter Alleskönner, der sich in der Großstadt wohler fühlt als im Abseits des Geländes. Volkswagen hat ihn renoviert und die Latte noch höher gelegt. Dann darf man auch an Kleinigkeiten mäkeln.
Von Holger AppelVolkswagen wird nachgesagt, spät auf einen Markt zu kommen, dann aber denselben abzuräumen. Wenn es dafür eines Beispiels bedürfte, hier wäre eines: der Tiguan. Seit 2007 gibt es den kompakten Geländewagen (siehe: Der Nachzügler ist auf der Überholspur), der einer jener Sorte ist, die vornehmlich für die Straße konzipiert ist und deshalb SUV (Sports Utility Vehicle) genannt wird.
Obwohl vor allem japanische Hersteller lange vor ihm um die Gunst der Kundschaft gebuhlt haben, hat er rasch die Hitliste der Zulassungsstatistiken gestürmt. Nun hat Volkswagen die zweite Generation losgeschickt, die sich nur mit Mühe von der ersten unterscheiden lässt. Das ist der Fluch der guten Tat. Wie soll bloß der Nachfolger eines so erfolgreichen Modells aussehen? VW spricht zwar vom "neuen Tiguan", hat sich aber doch nur für eine dezente Modellpflege entschieden.
Design
Die Front folgt der Mode und trägt nun die im Konzern angesagten Gesichtszüge. Sie sind ernster als zuvor, schlecht sieht das nicht aus, aber auch nicht originell. Für Tagfahrlicht ist eine halbwilde LED-Schlange zuständig.
Die Heckleuchten sind ebenfalls angepasst worden, und im Innenraum empfängt den Fahrer nun jenes Cockpit, das auch in anderen Volkswagen oder Seat seinen Dienst versieht. Das kann man als einfallslos empfinden, doch so ist auch der Finanzvorstand zufrieden. An der Bedienbarkeit gibt es sowieso wenig auszusetzen.
Innenraum
Was nach Öffnen der Tür auffällt, erklärt zu einem guten Teil die Erfolgswelle, auf der die Wolfsburger schwimmen: der Qualitätseindruck. Hochwertig und passgenau ist der Tiguan eingerichtet und schick dazu, wenn ein paar Leckereien an Bord sind.
Man fühlt sich wohl, die Materialien schmeicheln den Sinnen, nichts knistert, das ist Oberklasseniveau. Die Vielzahl der gut nutzbaren Ablagen erfreut jeden Tag, das Lenkrad steht nach unserem Geschmack indes ein wenig zu hoch. So ist die Sitzposition zwar gut, aber nicht so entspannt wie erwartet.
Liebe zum Detail zeigen Aufmerksamkeiten wie der Kilometerzähler, dessen Ziffern rotierend wechseln und aussehen wie früher die sich drehenden mechanischen Rädchen. Da liegt der Gedanke nahe: Wer sich um solche Dinge Gedanken macht, der wird sich auch mit dem (unsichtbaren) Rest des Autos Mühe gegeben haben.
Kofferraum
Das ist auch so. Meistens. Zum Beispiel wünschten wir uns einen bequemer zu erreichenden Knopf am Heckdeckel und eine tiefere Ladekante, dann könnten wir den auf der Geburtstagsliste der Tochter stehenden hippen Drehsessel Tirup von Ikea lockerer in das Frachtabteil wuchten.
Dortselbst ist alles bestens. Mit zwei Handgriffen räumt sich die asymmetrisch geteilte Rückbank aus dem Weg, dann ist auf einer leicht ansteigenden Ebene reichlich Platz. Tirup passt hinein, Tochter zufrieden, Vater also auch. Aufgestellt lässt sich die Rückbank zudem verschieben, und die Lehnen der kommoden Rücksitze können in der Neigung verstellt werden. So besteht die Wahl zwischen Koffer- und Knieraum, obgleich beide ohnehin nicht ärmlich ausfallen.
Lautstärke
Die Fahrkultur ist im Vergleich zum Vorgänger besser geworden, doch noch immer wünschten wir uns einen leiseren Motor. Auch Wind- und Abrollgeräusche könnten geringer sein. Der Zwei-Liter-Diesel, den es in Leistungsstufen zu 110, 140 und 170 PS gibt und uns in der höchsten zugeführt wurde, kann seine Arbeitsweise zu keiner Zeit verbergen, in der Kälte der Nacht schon gar nicht.
Bei Vollgas freut man sich über den lang ausgelegten sechsten Gang, der das Drehzahlniveau nervenschonend senkt. Vierzylinderdiesel sind eben etwas laut und rauh, mag man einwenden, und im Vergleich zu anderen ist der VW dezent. Das mag stimmen. Doch passt das nicht recht zu der durch Ausstattung und Auftreten selbst so hoch gelegten Latte.
Verbrauch
Immerhin geht der Kraftstoffverbrauch in Ordnung. Unter Volllast auf der Autobahn meldet der Bordcomputer zwar erschreckende 17 Liter, doch im Durchschnitt flossen alle 100 Kilometer nur 8,4 Liter Diesel aus dem Tank. Damit sind rund 750 Kilometer Reichweite drin.
Beschleunigung
Mit ihren 125 kW (170 PS) bietet die Maschine gute Fahrleistungen, die voll ausreichend sind. Auf den letzten Schritten Richtung Höchstgeschwindigkeit geht es etwas zäh voran, aber der Tiguan ist ja als Reise- und Verteilerauto der in Großstadtrandlage wohnenden Kleinfamilie gedacht. Und nicht zum Rasen.
Fahrverhalten
Das vertrüge sich ohnehin mäßig mit der von einer immer größer werdenden Schar von Autofahrern geschätzten hohen Sitzposition und auch nicht mit der hoch aufbauenden Karosserie. Sie neigt sich in schnell genommenen Kurven deutlich zur Seite, die mächtigen Reifen im optionalen Format 235/50 R 18 wimmern früh um Gnade, weshalb es der Pilot meist ruhiger angehen lässt, obwohl das kommod und gutmütig ausgelegte Fahrwerk bis auf einige unverdauliche Querfugen natürlich mehr vertrüge.
Auf was wir verzichten könnten: Die Unterschiede der möglichen Einstellungen Comfort, Normal und Sport sind im Alltag vernachlässigbar. Ein Spektakel ist die Einparkautomatik, die nicht nur längs funktioniert, sondern auch quer. Man sollte dabei ein wenig auf die Geduld seiner Mitmenschen vertrauen, denn mit dem System braucht der geübte Fahrer länger als ohne. Wem jedoch das Abstellen in einer Lücke, die kaum größer als das Auto ist, schwerfällt, der wird sich über den Assistenten freuen. Er kostet 755 Euro.
Preis
Ja, der VW ist relativ teuer, doch er bietet einiges fürs Geld. Und er macht sogar noch mehr her. Auf der Straße sprach uns jemand auf das in Veneziengrün-Perleffekt lackierte Auto an, gleich nachschiebend, dass er sich selbiges sowieso nicht leisten könne, weil er keine 80.000 Euro habe.
So schlimm ist es nicht, aber unser mit allerlei Annehmlichkeiten bis hin zum ebenso schönen wie riesigen Glasschiebedach ausgestattete Testwagen erforderte immerhin stolze 47.200 Euro. Es geht auch günstiger. Nicht weniger als 31 Varianten bietet VW an (Ausstattungen nicht mitgerechnet), deren Vielfalt in etwa so übersichtlich ist wie der Dschungel, in den der Tiguan niemals fahren wird.
Ausstattungsvarianten
Die kleineren Motoren gibt es nicht mit Automatik. Auch der kräftigste Diesel ist nur mit Sechsgang-Schaltgetriebe zu haben, Start-Stopp-Automatik gibt es hier nicht. Wer die wünscht oder das formidable Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe haben möchte, der muss sich mit dem 140-PS-Diesel begnügen, der mit mehr als 50 Prozent Anteil die beliebteste und wohl auch harmonischste Antriebsquelle ist - oder einen Benziner wählen.
Der mittels einer elektrohydraulischen Lamellenkupplung (Haldex) gesteuerte Allradantrieb wird nur in den gehobeneren Varianten geboten. Neu ist die elektronische Differentialsperre XDS, die 205 Euro extra erfordert. Freilich gelingt der Einstieg in die Tiguan-Welt auch mit Frontantrieb, dann wiederum aber nur mit Schaltgetriebe. Uff, das verstehe, wer will. Aber es ist fast egal. Welchen Tiguan man auch nimmt, er ist eine gute Wahl.
Nächste Woche: Fiat 500 Twinair
Empfohlener Preis 32.700 Euro
Preis des Testwagens 47 200 Euro
Vierzylinder-Dieselmotor mit Abgasturbolader, Common-Rail-Einspritzung, 1968 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 125 kW (170 PS) bei 4200/min
Höchstes Drehmoment 350 Nm von 1750 bis 2500/min, 90 Prozent davon ab 1700 bis 3600/min Permanenter Allradantrieb Sechsgang-Schaltgetriebe
Länge/Breite/Höhe 4,43/1,81/1,70 Meter
Radstand 2,60, Wendekreis 12 Meter,
Leergewicht 1695, zulässiges Gesamtgewicht 2240 Kilogramm, Anhängelast 2200 Kilogramm, Kofferraumvolumen 470 bis 1510 Liter Reifengröße 235/55 R 17
Von 0 auf 100 km/h in 8,9 s, von 50 auf 100 im 4./5./6. Gang in 10,7/16,2/28,0 s Höchstgeschwindigkeit 201 km/h
Verbrauch 7,9 bis 8,7, im Durchschnitt 8,4 Liter Diesel je 100 km; 158 g/km CO2 bei Normverbrauch von 6 Liter; Tankinhalt 64 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 20, TK 23, VK 20
Garantie zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung, drei Jahre auf den Lack, zwölf Jahre gegen Karosseriedurchrostung, Mobilitätsgarantie