20.05.2011 · Minivans gelten als die idealen Autos für Raumsüchtige. Und wer so richtig viel Platz will, greift zum VW Sharan. Der verwöhnt die Familie mit einem riesigen Kofferraum und reichlich Beinfreiheit. Doch die Ausmaße haben entscheidende Nachteile.
Von Boris SchmidtWolfsburg hat nicht nur kompakte Vans, sondern auch Größeres im Angebot: den VW Sharan. Mit ihm war Volkswagen 1995 recht spät – wie so oft – in den Markt eingestiegen und hat dann das Modell sage und schreibe fünfzehn Jahre lang am Leben erhalten.
Jetzt ist der Neue da, der im übrigen nicht mehr baugleich mit dem Ford Galaxy ist. Die Kooperation ist beendet, einen neuen Galaxy gibt es schon etwas länger (Fahrtbericht: Ford Galaxy).
Ausmaße
Bei VW wird nicht gekleckert, sondern geklotzt: 22 Zentimeter hat der neue Sharan in der Länge zugelegt, auch die Breite ist um neun Zentimeter gewachsen. Mit 4,85 Meter bietet er nun ein wahres Gardemaß, über zu wenig Platz wird sich niemand beschweren.
In der Grundkonfiguration ist der Sharan jedoch nur ein Fünfsitzer mit drei einzelnen Plätzen in der zweiten Reihe. Dahinter erstreckt sich dann eine riesige Kofferabteilung mit einer Tiefe von 1,20 bis 1,35 Meter – je nachdem, wie weit man die Einzelsitze der zweiten Reihe verschiebt. Bei einer Breite von bis 1,10 Meter und einer Höhe bis zu einem knappen Meter wird das zur Verfügung stehende Litermaß fast vierstellig.
Kofferraum
Die maximale Länge des Laderaums beläuft sich nach dem Umlegen der Rücksitze (es ergibt sich eine Stufe) auf etwas mehr als zwei Meter. Legt man noch die Lehne des Beifahrersitzes um, darf man sich letztendlich über eine lieferwagen-ähnliche Maximalkapazität von 2340 Liter freuen. Das ist schon fast VW-Bus-Niveau. Über die Stufe im Laderaum muss man sich nicht lange ärgern, die hat sich erledigt, wenn der Sharan als Siebensitzer kommt und die hinteren Sitze umgeklappt werden. Dann ergibt sich eine ebene Fläche.
Siebensitzer
VW verlangt für die Erweiterung allerdings einen satten Preisaufschlag von 2015 Euro. Der hohe Betrag wird mit dem obligatorischen Einbau einer zweiten Klimaanlage begründet. Warum kann man nicht auf Wunsch darauf verzichten? Selbst als Siebensitzer verbleibt ein gar nicht so kleiner Kofferraum (300 Liter) mit einer Tiefe von 40 Zentimeter. Allerdings muss das Ladegut (wie auch beim Fünfsitzer) über eine 25 Zentimeter hohe Kante nach draußen geliftet werden. Auch dieser Höhenunterschied nivelliert sich nach dem Umlegen der Sitze.
Sechssitzer
Den Sharan kann man auch als Sechssitzer bestellen („nur“ 1815 Euro Aufpreis), dann ergibt sich wie in unsere Testwagen eine 2-2-2-Formation, der Innenraum fühlt sich großzügiger an. Die beiden mittleren Stühle haben Armlehnen rechts und links, sie lassen sich wie ein Vordersitz auch in der Neigung verstellen, und an ihren Rückseiten sind Tischchen. So freuen sich die Buben auf die große Fahrt an die Ostsee. Und das Einsteigen fällt dank der Schiebetüren (bislang hatte der Sharan Klapptüren) kinderleicht, vor allem wenn man diese dank Fernbedienung elektrisch öffnet. Gleiches gilt für die Heckklappe (840 Euro Aufpreis für beides).
Innenausstattung
VW hatte für unseren Wagen eine helle Innenausstattung gewählt, was sehr vornehm aussah, für Familien mit kleineren Kindern aber wohl kaum zu empfehlen ist. Kleine wie große freuen sich über das riesige gläserne Sonnendach, das fast bis zur dritten Reihe reicht und nicht nur eine helle Atmosphäre schafft, es lässt sich auch öffnen, wobei sich die vordere Dachhälfte über die hintere schiebt. Selbst bei maximaler Frischluftzufuhr zieht es in der zweiten Reihe nicht. Selbstverständlich wird das Dach elektrisch bewegt – wie alle vier Seitenfenster und der Sonnenschutz für das Glasdach, für das weitere 1340 Euro in der viel zu langen Aufpreisliste stehen.
Ablagen und Platzangebot
Dass der Sharan ein richtiges Familienauto ist, beweisen unter anderem die je nach Ausstattung bis zu 33 Stau- und Ablagefächer, selbst die beiden Mitfahrer in der letzten Reihe hat man nicht vergessen. Dort sitzt man übrigens kaum schlechter als in der zweiten Reihe, freilich sind hier die Seitenfenster starr. Man kann es nicht oft genug sagen: Beim Raum- und Platzangebot holt sich der Sharan eine glatte 1 ab.
Sicht
Doch damit kauft man sich auch einen Nachteil ein: Viele Mütter werden sagen: „Das Auto ist mir zu groß, zu schwer und zu unhandlich.“ Recht haben sie, unübersichtlich ist es dazu mit seinen dicken A- und C-Säulen, nicht umsonst bietet VW für 680 Euro einen Park-Assistenten nebst Rückfahrkamera. So kann frau/man automatisch einparken, auch längs. Das System funktioniert tatsächlich gut.
Reisequalität
Die gewisse Größe und Schwere leisten ihren Beitrag zu den ebenfalls sehr guten Reisequalitäten des Minivan. Auf langen Strecken sitzen die Passagiere fast gleich komfortabel, der Federungskomfort ist vorbildlich, wobei unser Wagen mit einer adaptiven Fahrwerksregelung ausgestattet war (1070 Euro). Es ist schön leise im Innenraum, der Geradeauslauf ist selbst bei hohem Tempo vorbildlich.
Motor
Wer öfter auf große Fahrt geht, sollte freilich nicht den kleinsten Motor ordern. Die Preisliste startet zwar schon bei 29.350 Euro (1,4-Liter-TFSI mit 110 kW/150 PS), unser Wagen war jedoch mit einem stämmigen Turbodiesel mit zwei Liter Hubraum bestückt. 125 kW (170 PS) sowie ein maximales Drehmoment von 350 Newtonmeter versprechen einiges, und Papa wird nicht enttäuscht.
Getriebe
Auch dann nicht, wenn abermals 2100 Euro in ein Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe (DSG) investiert wurden: Man muss sich nicht ums Schalten kümmern (zum Spielen gibt es kleine Paddel am Lenkrad) und fährt wie mit einer Automatik. Das DSG überzeugt uns jedes Mal wieder, sanft werden die Gänge gewechselt, auch das Zusammenspiel mit der serienmäßigen Start-Stopp-Automatik klappt gut. Geht es bergab, schaltet der Automat „intelligent“ herunter, welcher Gang gewählt wurde, kann man auf der übersichtlichen, klaren, aber etwas langweilig gestalteten Instrumententafel sehen. In der Stellung „Sport“ werden die Gänge weiter ausgedreht.
Lenkung
Tatsächlich kann man dem Sharan auf einer schnellen Landstraßentour eine gewisse Sportlichkeit nicht absprechen, trotz der 1,8 Tonnen, die auf den Rädern lasten. Er bewegt sich flink, die Servolenkung ist präzise, Einflüsse des Frontantriebs auf die Lenkung gibt es so gut wie keine. Für alle Übermütigen und die Notsituationen, die man nie erleben will, hat man in der Hinterhand noch ESP – und selbstverständlich ABS.
Bremsen
Die Bremsen verzögern angemessen, wir weisen aber darauf hin, dass die Kollegen des Fachmagazins „auto motor und sport“ ihnen bei der siebten Vollbremsung nacheinander ein spürbares Nachlassen der Verzögerungsleistung attestierten.
Tankuhr und Verbrauch
Das könnte ein Einzelfall sein, so wie die Tankuhr, wegen der wir um ein Haar liegengeblieben wären. Nach dem Aufleuchten der Warnleuchte fällt die Nadel, die sich vorher sehr langsam bewegte, plötzlich rasend schnell. Nach 30 Kilometer Fahrt hieß es nur noch fünf Kilometer Reichweite. In der Großstadt ist das kein Problem. Getankt haben wir dann 69,3 Liter – in einen 70-Liter-Tank. Apropos Tanken: 8,2 Liter Diesel auf 100 Kilometer im Durchschnitt mögen normal sein. Es ist aber wieder einmal deutlich mehr, als der Normverbrauch verspricht (5,8 Liter).
Preis
Deutlich mehr, als eine normale Familie bezahlen will, verlangt VW für den Sharan 2.0 TDI. 38.825 Euro sind schon happig, mit Extras summierte sich der Betrag auf 53.502 Euro. Über 100.000 DM für ein Familienauto? Sparfüchse wissen, der baugleiche Seat Alhambra ist rund 3000 Euro billiger und sogar eine Spur schicker im Design.
Zusammenfassung
Empfohlener Preis 38.825 Euro
Preis des Testwagens 53.502 Euro
Vierzylinder-Dieselmotor, Turboaufladung, vier Ventile je Zylinder, 1986 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 125 kW (170 PS) bei 4200/min
Höchstes Drehmoment 350 Nm bei 1750/min, 90 Prozent davon ab 1600 bis 3500/min
Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 4,85/1,90/1,75 Meter
Radstand 2,92, Wendekreis 11,90 Meter
Leergewicht 1730, zulässiges Gesamtgewicht 2370, Anhängelast 2200 Kilogramm, Kofferraumvolumen 300 bis 2340 Liter
Reifengröße 225/50 R 17
Höchstgeschwindigkeit 204 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 10,0 s
Verbrauch 7,5 bis 9,2 im Durchschnitt 8,2 Liter Diesel je 100 km; 154 g/km CO2 bei Normverbrauch von 5,9 Liter; Tankinhalt 70 Liter
Versicherungs-Typklassen HP 19, TK 22, VK 21
Garantie zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung, zwölf Jahre gegen Durchrostung, Wartung nach Intervallanzeige