01.11.2011 · Wäre der Verbrauch des Blue-Motion-Polos so gering, wie es Volkswagen verspricht, wäre das hervorragend. Doch die Pluspunkte dieses Kleinwagens liegen nicht beim Sparen.
Von Boris SchmidtÜber den Preis sind wir sofort gestolpert, auch weil Fiat zur Zeit den Konkurrenten Punto für 10.200 Euro auf den Markt wirft. Und in dem Italiener ist alles drin.
Unser Polo - die Basisversion Trendline - hatte weder Navigationssystem noch Zentralverriegelung mit Fernbedienung, keine elektrisch verstellbaren Spiegel und auch keine Klimaanlage. Die Rückbank ist nur ungeteilt umlegbar, ein Reserverad kostet 62Euro Aufpreis.
Zwar hinkt der Vergleich zwischen dem Punto mit 1,2-Liter-Benziner (51 kW/70 PS) und dem Polo mit 1,2-Liter-Diesel (55 kW/ 75 PS) etwas, aber die Tendenz sollte doch zu denken geben. Ja, der Punto hat nur zwei Türen, im Polo-Preis sind die 760 Euro für die Fondtüren enthalten - ebenso wie weitere Ausstattungsmerkmale, die sich zum Preis von 16.900 Euro aufaddieren.
Doch in der Welt der Kleinwagen wird mehr mit dem einzelnen Euro gerechnet als in den oberen Klassen. Ausnahmen wie der Fiat 500 oder der Mini bestätigen die Regel. Und einen Polo gibt es auch schon für 12.450 Euro, karg ausgestattet, mit einem 1,2-Liter-Benziner (44 kW/60 PS). Jeder muss für sich selbst entscheiden, doch geldwerte Vorteile erzielt man aus dem Kauf eines besonders sparsamen Blue-Motion-Polo gewiss nicht. Doch manchmal geht es auch beim Sparen um anderes, um Emotion zum Beispiel.
Für viele ist es einfach ein gutes Gefühl, ein besonders umweltverträgliches Auto zu fahren. Dank verbesserter Aerodynamik, dem „innovativen Motor“, Start-Stopp-Funktion, rollwiderstandsoptimierten Reifen und anderer Tricks wie Bremsenergie-Rückgewinnung braucht der 1,2-Liter-Motor nach Norm durchschnittlich nur 3,3 Liter Diesel auf 100 Kilometer - bei einer CO2-Emission von gerade einmal 87 g/km.
Doch noch sind wir kein Auto gefahren, das diesen Normwert, ermittelt unter Laborbedingungen, im Alltag erreicht hat. Auch der Polo fährt meilenweit daran vorbei. Im Durchschnitt 5,3 Liter Diesel sind gewiss nicht schlecht, aber deutlich über dem Versprechen, selbst wenn man den Wert für die Stadt (4,0 Liter) in Betracht zieht. Aber eine 4 vor dem Komma bei zurückhaltender Fahrweise halten wir für gut möglich. Unsere Werte, die zwischen 5,0 und 5,6 Liter schwankten, entstanden im gemischten Verkehr in Stadt und Land.
Der Motor ist ein Dreizylinder mit Common-Rail-Einspritzung und Turbolader. Er startet mit einigem Gepolter, wird aber später ruhiger und leiser. 75 PS und ein maximales Drehmoment von 180 Newtonmeter bei 2000 Umdrehungen lassen eigentlich muntere Fahrleistungen erwarten, doch werden die gewiss vorhandenen Möglichkeiten der Maschine von der zu langen Übersetzung des Getriebes (Kraftstoff sparen) konterkariert.
Schon der vierteGang ist für die Stadt fast zu lang, und selbst der zweite ist in manchen Situationen überfordert, etwa wenn man um eine Ecke fährt und es gleich bergauf geht. So kläglich wie dieser Polo ist noch kein Auto an unserer Bergprüfstrecke im Taunus gescheitert.
Es gilt dabei, eine bestimmte Strecke, ausgehend von Tempo 60 km/h, im höchsten Gang bergauf zu fahren. Erst im vierten klappte es. Jetzt kann man natürlich fragen, wozu die Kritik, dann schaltet man eben. Aber in diesem Polo hat man oft das Gefühl, im falschen Gang unterwegs zu sein. Dementsprechend schlecht sind die Werte für die Beschleunigung von 50 auf 100 km/h: Je nach Gang 15,1 oder 29,5 Sekunden.
Der Wert für den Sprint von 0 auf 100 ist mit 14,5 Sekunden gleichfalls eher mäßig, doch fürs Flitzen sind andere Polo-Modelle zuständig, der GTI etwa (22850 Euro, 1,4-Liter-Ottomotor, 132 kW/180 PS). Aber selbst mit dem kleinen Diesel kann man auf der Autobahn mitschwimmen. 173 km/h beträgt die Höchstgeschwindigkeit, der Motor dreht dann (im obersten Gang) nur mit 3500/min, der langen Übersetzung sei Dank. Bei Richtgeschwindigkeit sind es nur rund 2600/min.
Über jeden Zweifel erhaben ist das Fahrverhalten. Egal ob bei hohem Tempo auf der Autobahn oder bei der forcierten Fahrt über eine kurvige Landstraße, mit dem knapp vier Meter langen VW ist man stets Herr des Geschehens, er fährt sich völlig unproblematisch.
Freuen darf man sich zudem über eine exakte, zielgenaue Lenkung und einen für einen Kleinwagen feinen Fahrkomfort. Löcher in der Straße werden gut bis sehr gut ausgebügelt. Die Bremsen fügen sich ins positive Gesamtbild, wenn auch VW den schwächeren Polo-Versionen Scheibenbremsen hinten vorenthält. Bis zu einer Leistung von 66 kW (90 PS) gibt es nur Trommeln.
Befriedigend ist das Platzangebot auf der Rückbank. Auch große Menschen sitzen passabel und haben noch hinreichend Beinfreiheit, selbst wenn die vorderen Stühle ziemlich weit nach hinten geschoben sind. Für drei Hinterbänkler wird es natürlich eng, aber es ist nicht unmöglich, zu fünft im Polo unterwegs zu sein.
Weitere Fahrten wird man als Quintett nicht übernehmen, dafür ist der Kofferraum (280 Liter Volumen) zu klein. Das Umklappen der Rückbank erweitert das Volumen auf erfreuliche 952 Liter.
Wer zur optimalen Raumausnutzung zuvor die Sitzfläche hochstellt, ist erstens enttäuscht über die sich dann labbrig und dünn anfühlende Sitzfläche, und zweitens blickt man auf unlackierte Flächen. Das sieht einfach und billig aus.
Um die Lehne bewegen zu können, muss man umständlich an beiden Seiten links und rechts einen Hebel bedienen. Liegt sie dann, bleibt immer noch eine kleine Stufe auf der Ladefläche. Immerhin öffnet die Heckklappe schön weit nach oben, die Ladekante ist recht niedrig.
Bis auf die kleine Enttäuschung beim Umbau des Polo zum Kleintransporter gebührt der Funktionalität und dem Qualitätseindruck höchstes Lob. Die Vordersitze sind bequem, die Türen öffnen weit und schließen mit sattem Klang. Wenigstens sind elektrische Fensterheber vorn Grundausstattung, hinten muss gekurbelt werden.
Bei den Blue-Motion-Modellen ist dies auch nicht änderbar, es gilt eine abgespeckte Sonderausstattungs-Liste, die nur acht Positionen umfasst. Hintergrund: Zu viele Extras erhöhen das Gewicht, die Einstufung als 87-g/km-CO2- Auto wäre nicht haltbar.
Eine Klimaanlage ist aber zu bestellen, sie kostet in Kombination mit einem Radiosystem 940 Euro, das Radio allein gibt es für 490 Euro. Das Armaturenbrett ist übersichtlich gestaltet, Bedienen geschieht intuitiv, man findet sich sofort zurecht. Ablagen gibt es in ausreichender Menge, leider ist das Handschuhfach nicht abschließbar, ein ärgerliches Detail.
In der Stadt trumpft der Polo mit seinen relativ knappen Abmessungen auf. Zum Vergleich: Der Golf II war nur drei Zentimeter länger, der Golf I (1974 bis 1983) war aus heutiger Sicht ein Zwerg: 3,71 Meter. Für viele Kunden spielt der Polo heute auch die Rolle des einstigen Golf, er ist ein Auto für alle Gelegenheiten, das zwar überzeugt, aber seinen Preis hat. Qualität gab es noch nie umsonst. Der Abstand zur Konkurrenz gilt so im doppelten Sinne.
Preis 16.900 Euro
Preis des Testwagens 19.030 Euro
Dreizylinder-Dieselmotor mit Abgasturbolader, Common-Rail, vier Ventile je Zylinder, Hubraum 1199 Kubikzentimeter
Leistung 55 kW (75 PS) bei 4200/min
Höchstes Drehmoment 180 Nm bei 2000/min, 90 Prozent davon ab 1600 bis 2800/min
Manuelles Fünfganggetriebe
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 3,97/1,68/1,47 Meter
Radstand 2,47, Wendekreis 10,6 Meter
Leergewicht 1075, zulässiges Gesamtgewicht 1590, Anhängelast 1000 Kilogramm; Kofferraumvolumen 280 bis 952 Liter
Reifengröße 185/60 R15
Höchstgeschwindigkeit 173 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 14,1 s; von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 15,1/29,5 s
Verbrauch 5 bis 5,6, im Durchschnitt 5,3 Liter Diesel je 100 km; 87 g/km CO2 bei Normverbrauch von 3,3 Liter; Tankinhalt 45 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 13, TK 11, VK 10
Garantie 2 Jahre ohne Kilometerbegrenzung, 3 auf Lack, 12 gegen Durchrostung. Service nach Anzeige oder nach 2 Jahren