27.10.2005 · Der VW Polo ist ein erwachsener Kleinwagen zu einem sehr ausgewachsenen Preis
Von Wolfgang PetersDer kleine VW Polo ist eine beständige Größe in seinem Segment. Und er nimmt eine Sonderstellung ein. Er wird in mannigfaltigen Motor- und sanft überarbeiteten Karosserieversionen seit 2001 in dieser Form gebaut, er ist jüngst wieder renoviert worden und gilt unter Kennern als qualitätsträchtige Alternative zum größeren VW Golf. Seine Besonderheit ist der Preis: Die von uns jetzt bewegte Variante mit der Comfortline-Ausstattung kostet nach der allerjüngsten Preisliste 15 225 Euro. Weil sich dazu noch ungefähr 5000 Euro in Form von Sonderausstattung gesellten, war eine Summe von insgesamt 20 121 Euro zu errechnen. Das ist manchem sein Ganzes, und dennoch hatte niemand in diesem Polo den Eindruck, er bade nun in einem Pfuhl aus sündhaftem Luxus.
Das liegt vielleicht auch am Auftritt des nach seiner wohl letztmaligen Überarbeitung immerhin fast vier Meter langen VW. Die Form ist nach wie vor ohne jeden Schnörkel, allein die Leuchten vorn und hinten sind nun schicker geschminkt, der Polo hat einen Teil seiner Unschuld verloren, man traut ihm jetzt das zu, was er schon immer konnte. Die Silhouette und die Flankenlinien sind wie einst im Herbst 2001, und das ganze Auto ist von einer Ernsthaftigkeit, wie man sie nur an herbstlich-feuchten Abenden mit dem "Schimmelreiter" als Lektüre im Aufenthaltsraum eines vom qualmenden Torffeuer unvollkommen beheizten Gasthofs erwarten darf. Der VW Polo kommt damit serienmäßig, auch im Sommer. Und das ist vielleicht seine eigentliche Stärke: dieses unaufgeregte Verlassen der kleinlichen Dimensionen, ohne deshalb gleich völlig den Rahmen der Klasse zu sprengen. Das Bewahren der willkommenen Eigenschaften des Kompakten bei gleichzeitiger Alltagstauglichkeit für die Erledigung jeglicher Fahrten zwischen Büro, Bungalow und Baumarkt. "Mehr sein als scheinen" ist bei diesem VW das Motto. Auch wenn es etwas teurer kommt.
Der happige Preis führt also wenig offen zur Schau getragenes Prestige heran. Dafür um so höhere innere Werte. Dazu zählt vor allem die eher bewahrend als beschleunigend gezeichnete Karosserie, die mit ihren ruhigen Linien mancher Aufgeregtheit schon die Spitze nimmt. Auch Inneneinrichtung, Möblierung und Tapezierung der Passagierzelle gefallen. In aller Regel jedenfalls, nur nicht in unserem Testwagen. Der hatte sein Inneres in eine entsetzlich empfindliche Helligkeit getaucht, schon die Exkremente einer einzigen Ephemerida ließen Sitzbezüge und Verkleidungsmaterial wie beschmutzt vom Unrat einer Müllhalde wirken. Wir waren immer am Putzen und doch nie zufrieden mit dem Ergebnis.
Die Raumverhältnisse des VW Polo haben von der Überarbeitung nicht profitiert. Sie sind aber auch nicht schlechter geworden. Im Kofferraum gibt es ein Volumen von knapp 280 Liter. 68 Zentimeter mißt der Stauraum in der Tiefe, in der Breite maximal 98. Bis zur Abdeckung sind es in der Höhe 52 Zentimeter, und wenn man die Sitzbank umklappt, dann könnte man auf dieser Ladefläche die verdorbene Tochter eines Indianerhäuptlings in eine katholische Jugendherberge schmuggeln. (Kleine Randnotiz: abgewandeltes Zitat, woraus?)
Der Fahrzeugschein definiert den Polo als Fünfsitzer. Zu viert sitzt man besser und zu zweit am besten - wenn die beiden vorn sitzen. Dort ist man großzügig untergebracht, und keiner weiß, weshalb man sich ein größeres Auto antun sollte. Die Sessel sind hart gepolstert, sie unterstützen den Körper gut und führen seine Wärme ausreichend zügig ab. Man sitzt auch deshalb besser vorn, weil man diese Sitzgelegenheiten prima erreichen kann. Die Türen öffnen weiter als nötig, wenn man nicht gerade versucht, sich nach hinten durchzuwursteln. Kindern fällt das leicht, Jugendliche sehen es als interessante Übung, und alle Älteren fürchten sich davor, jemals den Rückweg nach draußen antreten zu müssen. Dem kann man mit vier Türen abhelfen, der Aufpreis beträgt 800 Euro. Verarbeitung und Materialwahl sind (abgesehen von der Farbgebung) zu loben, und auch die für den Fahrer nötigen Funktionen und Bedienungseinheiten halten sich dort auf, wo er sie vermutet. Die elektrohydraulisch unterstützte Zahnstangenlenkung arbeitet mit guter Präzision und ist frei von Antriebseinflüssen. Die Bremsen mit ABS und elektronischer Bremskraftverteilung gehen energisch und ausdauernd ans Werk. Das konventionell konfigurierte Fahrwerk hält den handlich agierenden, frontgetriebenen Polo sicher auf der Bahn, in zu schnell angegangenen Kurven bremst er sich über die Vorderräder schiebend von selbst ab. Wer dann abrupte Lastwechsel provoziert, wird mit einem sehr sanft ausbrechenden Heck konfrontiert. Das läßt sich ohne feuchte Hände gut parieren. Dennoch sollte VW das ESP irgendwie mit in das ansonsten vorbildlich geschnürte seriemäßige Sicherheitspaket einbinden, schließlich gibt es durchaus Situationen, in denen das Stabilitätsprogramm helfend eingreifen könnte. Federn und Dämpfer agieren wie in einem deutlich erwachseneren Auto, allerdings gerät die Komforteinheit auf schlechten Straßen rasch an ihre Grenzen, man muß hin und wieder mit Stuckern und Stoßen leben.
Der von uns bewegte Polo 1.4 TDI kam mit dem stärkeren von zwei zur Wahl stehenden Dreizylinder-Dieselmotoren. Sie sind im Hubraum mit 1422 Kubikzentimeter identisch, bieten aber aufgrund innermotorischer Maßnahmen unterschiedliche Leistungen. Man muß sich nicht für die gefahrene Version mit 59 kW (80 PS) entscheiden, für viele Einsatzzwecke genügen auch 51 kW (70 PS), ohne daß sich gravierende Nachteile erkennen ließen. Allerdings gibt sich die stärkere Variante in allen Situationen kräftiger: Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit sind ausreichend, allerdings tritt beim Akzelerieren aus niedrigen Drehzahlen im großen Gang (die Fünfgangbox agiert unauffällig) eine lähmend spürbare Antrittsschwäche auf, erst wenn der Turbolader genügend Druck macht, dann legt die Maschine willig zu. Auf langer Strecke bescheidet man sich mit etwa 150 km/h und meidet das Toptempo von 175 km/h aus zwei Gründen: Die kleine Maschine knurrt bis etwa 3000/min mit der freundlichen Saturiertheit eines erfahrenen Postbotenjägerhundes vor sich hin. Darüber jedoch legt sie alle Zurückhaltung ab und wird so laut und unangenehm, wie wir das von einem Dreizylinder-Pumpe-Düse-Diesel eigentlich auch erwartet hatten. Diese Maschine kann beim Thema Laufkultur und Geräuschentwicklung den kleinen Common-Rail-Dieseln von Opel/Fiat oder Renault nicht mehr den Kraftstoff reichen, diese schnurren, der VW-Diesel schimpft. An ihm ist die jüngere Gegenwart mit ihren Komfortforderungen vorbeigezogen. Auch im Leerlauf regt sie intensive Vibrationen an und wird beim Beschleunigen so aufdringlich wie ein Verkäufer von Rendite-Immobilien. Dann greift man lieber zum kleinsten 1,2-Liter-Ottomotor. Diese wenig erbaulichen Motormanieren werden durch das Verbrauchsverhalten aufgewogen. An einem guten Tag des Müßiggangs kamen wir auf etwa vier Liter Diesel für 100 Kilometer, in Zeiten der Hektik entstanden fast sieben, im Durchschnitt begnügte sich der Polo 1.4 TDI mit 5,8 Liter. Da fehlt zwar der Partikelfilter, aber die Verbrauchswerte sind zu loben.
Der VW Polo hat sich zu einer veritablen Alternative zum größer gewordenen Golf entwickelt. Allerdings wird der Polo von zwei Richtungen her gebremst: Sein Preis liegt beinahe auf dem Niveau des größeren Bruders, und er wird attackiert vom kleineren Nachwuchs. Der heißt Fox und ist ein ausgefuchster Mini mit pfiffigem Auftritt. Dagegen wirkt auch der renovierte Polo wie von gestern.
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