19.12.2008 · Der Perfektion des Fahrens und des Lebens so nahe wie kein anderer VW: Der Golf VI ist „Das Auto“. Er fährt im Schnittpunkt der meisten Wünsche und Ansprüche. Aber sein Konzept scheint ausgereizt, und er kann noch besser werden.
Von Wolfgang PetersEin neuer VW Golf ist nicht einfach nur ein neues Auto. Ein neuer Golf ist ein Ereignis. Dass die Welt des Autos zur- zeit nicht mit jener Ekstase auf den Golf VI reagiert, die bei den früheren Generationen üblich war, liegt nicht an ihm. Er verdiente jeglichen Applaus. Und doch erscheint es uns, als sei nach intensiver Alltagserfahrung doch ein Quentchen Zurückhaltung angebracht.
Wie nicht anders zu erwarten, öffnet VW für seinen jüngsten Golf auch sein Füllhorn an Technik, Ausstattung und Raffinesse. Nur so kann der Bestseller gegen die Konkurrenten bestehen, und der Kunde hat die Qual der Wahl. Schon aus diversen Ausstattungslinien, Benzin- oder Dieselmotoren und Getrieben sowie der Entscheidung für zwei oder vier Türen lassen sich Dutzende von Versionen konfigurieren. Dazu kommt noch die Liste mit den Sonderausstattungen. Man kann sich damit trübe Winterabende erhellen. Tatsächlich gibt es auch jene Variante, die zurzeit noch in Annoncen bevorzugt auftaucht: Golf Trendline mit zwei Türen und 59 kW (80 PS) aus dem Ottomotor für wohl sehr straff gerechnete 16.500 Euro.
Wolfsburg liefert nicht irgendeinen VW
Schon bei der nächsten Version, die sich nur durch den stärkeren Motor unterscheidet (75 kW/102 PS), werden 17.900 Euro gefordert. Die billigste Diesel-Variante kommt auf 20.625 Euro, und man sieht, dass ein gutes Auto nicht wirklich billig sein kann. Doch teuer wird der neue Golf erst, wenn man sich den Reiz feinerer Ausstattung und die Rassigkeit flotterer Motorisierung, nur in Verbindung mit dem Hightech-DSG-Getriebe, leistet: Die von uns bewegte Version begann bei 25.225 Euro und hangelte sich über zusätzliche zwei Türen (945 Euro) und das aufwendige Navi-System RNS 510 für 2110 Euro plus diversen Annehmlichkeiten auf 32.419 Euro. Kein Quantum Trost gibt es durch die Tatsache, dass die Konkurrenten des inneren Kreises nicht entscheidend billiger sind.
Aber Wolfsburg liefert dafür auch nicht irgendeinen VW, sondern den neuen Golf: Sein unschwer für die Zukunft zu vermutender Erfolg basiert auf jenen Eigenschaften, die alle seine Vorgänger auszeichneten. Der Golf hält sich im Fokus der Mobilitätsbedürfnisse der allermeisten Menschen auf. Er verbindet Funktionen und Freuden, bietet pragmatische Lösungen und pralle Liebschaften und treibt schneller als irgendein anderes Auto in dieser Klasse den Fortschritt voran. Auch mit dem Golf VI ist man jederzeit gut, unauffällig, geschmacksneutral und einigermaßen politisch korrekt und sozial akzeptiert unterwegs. Und doch entstehen bei der Beschäftigung mit ihm zwei Erkenntnisse, die ihn von seinen Vorgängern unterscheiden.
Ein Dokument des technischen Fortschritts
Das vom puristischeren und konsequenter gezeichneten Vorgänger mit der Nummer V prinzipiell übernommene Design-Grundmuster gerät allmählich an die Grenzen seiner Haltbarkeit. Es mag sein, dass der Golf V heute auf viele Betrachter langweiliger wirkt, aber seine formale Bedeutung zieht dieser außen nicht aus Bügelfalten, auf die man auch verzichten könnte, und innen nicht aus Chromrähmchen, deren tatsächlicher Nutzen nicht zu erkennen ist. Wenn in aufwendig gestalteter TV-Werbung die Exaktheit der Nähte im Leder der Sitzverkleidungen gepriesen wird, dann liegt die Vermutung nahe, es hapere bei den wirklich wichtigen Inhalten. Das ist natürlich nicht so, aber es zeigt, wohin die Attribute der Attraktivität des neuen Golf drifteten: Er sollte schöner werden, außen und innen.
Das wurde versucht und zum Teil erreicht, aber auf Kosten jener Eigenschaften, die zu den Stärken der früheren Golf-Generationen (auch der Nummer V) gehörten: Besonders im Innenraum entsteht durch Chrom, Alu-Einlagen und verspielt wirkende Kinkerlitzchen, durch viel zu kleine Bedientasten und durch von Nippes nicht mehr weit entfernten Applikationen der Eindruck eines pseudovornehmen Geschmacks, der sich an den Idealen des modernen, italienischen Großbürgertums orientiert. Man kann das in den Fernsehshows der Berlusconi-Senderkette sehr gut erkennen, wo alles funkelt und prallt. Aber ein VW Golf sollte eher ein Dokument des technischen Fortschritts und der Bescheidenheit sein. Da gibt es den Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“. Daraus entstehen dann Ortschaften, die zu Zeugnissen der Tüchtigkeit von Malern und Lackierern und der Leistungsfähigkeit von Geranienzüchtern werden. Wie schön soll unser Golf denn noch werden?
Fahrleistungen, die man als sportlich und klassensprengend einstufen darf
Natürlich gibt es keinen Zweifel daran, dass der neue Golf der beste Golf ist, den es bisher gab. Und dass er zu den drei besten Autos seiner Klasse zählt. Allererste Sahne ist das Siebengang-DSG-Getriebe. Keine andere Box schaltet besser, sanfter, schneller, unaufgeregter in allen Lebenslagen. Der relativ kleine 1,4-Liter-High-tech-Motor wird mit beispiellosem Aufwand auf eine Leistung gebracht, die unseren alten GTI zerrissen hätte: Es entstehen Fahrleistungen, die man als sportlich und klassensprengend einstufen darf. Im Hintergrund hält sich die Absicht versteckt, eigentlich üppige Zeichen der Sparsamkeit zu setzen. Das gelingt mit diesem von Kompressor und Turbolader unter Druck gesetzten und mit direkter Einspritzung gefütterten Triebwerk nicht in der von VW angepeilten Vollkommenheit: Der Normverbrauch nach 99/100/EG liegt bei exakt 6 Liter Superbenzin auf 100 km. Diesen Wert haben wir nie erreicht. Mit äußerster Zurückhaltung kamen wir auf 6,5 Liter. Auf unserer Prüfstrecke (je ein Drittel Stadt, Land und Autobahn) errechneten wir 7,1 bis 7,3 Liter, im Durchschnitt verbrauchten wir 8,4 Liter. Das ist ordentlich für die Leistungsklasse, aber ein Diesel ist sicher knauseriger.
Verarbeitung und Materialwahl sind tadellos, wenn man das alles denn so will, mehr Qualität kann man auch für mehr Geld kaum kaufen. Noch immer gibt es keine besseren Sitze in der ersten Reihe, nirgendwo gibt es Knarz- oder Klappergeräusche, alles wirkt und funktioniert auf den ersten Druck, Ablagen sind in ausreichender Menge vorhanden, die Instrumente fein beleuchtet, die Sitzposition des Fahrers ist schön austariert. Er hat alles gut im Griff, allerdings sind etliche Tasten und Druckknöpfe zu klein.
Dennoch bleiben Wünsche
Die Dinge des Fahrens könnten mit wenigen Ausnahmen kaum besser geboten werden. Direkt und nicht zu leichtgängig geht die Lenkung ans Werk, um das Schalten kann sich jeder manuell kümmern oder es der Automatik im DSG überlassen, die Bremsen sind leistungsstark und bieten einen wohldefinierten Druckpunkt. Ohne Überraschungen geht es durch Kurven, bis in hohe Geschwindigkeiten hinein ohne Tendenzen zum Abweichen, harsche Lastwechsel provozieren ein mildes Übersteuern. Federn, dämpfen und spurhalten kann man mit der adaptiven Fahrwerksregelung (925 Euro) aufpeppen.
Das führt zu jener Eigenschaft, die weit über die Golf-Klasse hinausreicht: Der VW Golf VI ist der Perfektion des Fahrens und des Lebens mit einem Automobil so nahe wie kein anderer VW vor ihm. Dennoch bleiben Wünsche: Das Auto wirft sich bei Schmuddelwetter das Heck mit Schmutz zu; die Kofferraumgröße ist nur ausreichend, beim Klappen der Rücksitzlehne gibt es eine Stufe, und auf nasser Fahrbahn drehen gern die Antriebsräder durch. Und weshalb das Auto den Beifahrerfußraum und den Boden vor der Fahrertür, aber nicht das Zündschloss beleuchtet, das muss man uns noch erklären. Aber wer ist schon wirklich perfekt.