15.05.2004 · Verarbeitung und Materialwahl treiben das Gewicht nach oben
Von Michael KirchbergerDer VW Golf der fünften Generation rüttelt mit tadelloser Verarbeitung und hochwertigem Interieur an den Schubladen der Autoklassen. Gerade noch kompakt, will er dem Anspruch höherer Kategorien genügen. Das bleibt freilich nicht ohne Wirkung auf den Preis und auf die Kauflust. Schon die Basisversion kostet 15 220 Euro, die zum 30. Geburtstag der Baureihe spendierte Klimaanlage als Serienausstattung (sonst 1225 Euro extra) kann beim Überweisen des Kaufpreises nur wenig trösten. Die zweitürige Version mit Grundmotorisierung und Comfortline-Ausrüstung kommt schon auf 16 850 Euro (Aufpreis für vier Türen 995 Euro), das läßt die Erwartungen steigen.
Die Form ist gefällig, aber nur mäßig aufregend, der 4,20 Meter lange Wagen ist eindeutig als Golf zu erkennen, wer Böses denkt, erkennt einen aufgeblasenen Polo. Die stämmige Linie, vor allem die auf fast 1,5 Meter gewachsene Höhe vermitteln einen soliden Eindruck. Innen geht es stabil in gleichem Stil weiter. Wie ein Bollwerk und unzerkratzbar wirkt der Armaturenträger, die graue Färbung des Kunststoffs ist so neutral, daß es fast schmerzt. Die Instrumente sind tagsüber passabel, bei Nachtfahrten wegen der blauen Beleuchtung nur mäßig gut ablesbar, alle Bedienungselemente sitzen am rechten Platz und erleichtern den Umgang mit dem Golf V erheblich. Die Phase des Kennenlernens und der Eingewöhnung vergeht in Sekundenschnelle. Die Verabredung mit dem neuen VW ist wie das Treffen mit einem guten alten Schulfreund, der es zu verhaltenem Wohlstand gebracht hat und immer noch manierlich und offen auftritt.
Der Golf paßt wie ein Maßschuh
Besonderes Lob bekommen die Sitze. Eine tiefe Sitzfläche und hohe, bis über die Schultern reichende Rückenlehnen mit straffer Polsterung geben besten Halt, in Kurven stützen sie sanft den Oberkörper, ohne ein Gefühl der Enge zu vermitteln. Der Golf paßt wie ein Maßschuh, die Einstellungen des Sitzes und des Lenkrads (in Höhe und Tiefe) sind ebenso leicht wie präzise und fein. Um in den Fond des Zweitürers zu gelangen, ist etwas Mühe aufzuwenden. Zwar ist der Platz hinten noch gut bemessen, aber auf dem Weg dorthin ist trotz der Easy-Entry-Funktion der Vordersitze ein Hauch sportlichen Ehrgeizes keineswegs hinderlich.
Der Kofferraum des neuen Golf ist im Vergleich zum Vorgänger größer geworden. 350 Liter, 20 Liter mehr als bisher, passen in das geradflächig verkleidete Gepäckabteil, nach dem Umklappen der Rückenlehnen können bis zu 1305 Liter Transportgut eingeladen werden. Für Sperriges läßt sich die Mittelarmlehne der Rückbank als Durchlademöglichkeit nutzen, dann können immer noch vier Passagiere auf Tour im Golf gehen.
Freude am flotten Fahren
Der Vierzylinder-Benziner springt schnurrend an, im Leerlauf tourt er im Flüsterton, kaum hörbar. Leichtgängig rastet der erste von fünf Gängen des manuell zu schaltenden Getriebes ein, harmonisch greift die Kupplung nach dem Tritt aufs Gaspedal, und munter sprintet der 1260 Kilogramm schwere Wagen los. Zumindest bis etwa 60 km/h kommen keine Zweifel an der Leistungsfähigkeit des 1,4-Liter-Triebwerks auf. Im Stadtverkehr ist der Klassenprimus gut unterwegs und meist vorn dabei. Die Karosserie ist allerdings nicht übersichtlich, beim Rangieren verläßt man sich gerne auf den Parkpilot am Heck (335 Euro Aufpreis), besonders nach hinten ist die Sicht eingeschränkt. Kopfstützen, die hohe Rückenlehne der hinteren Sitzbank und die üppigen C-Säulen der Karosserie behindern den Ausblick. Aber die Lenkung mit ihrem griffigen Volant ist bei langsamer Fahrt angemessen unterstützt, ihre Präzision schwindet bei zunehmendem Tempo keineswegs, und stets sind der direkte Kontakt und ein aussagekräftiges Gefühl für die Fahrbahn präsent. Deshalb kommt Freude am flotten Fahren auf, wenn der Golf ebenso flink wie präzise durch die Kurven gelenkt wird, Gaswegnehmen in der Biegung irritiert ihn ebensowenig wie Unebenheiten, die straffe Feder-Dämpfer-Abstimmung bügelt sie glatt und hält die Räder sicher am Boden. Nur kräftigste Stöße finden den Weg in den Innenraum, machen sich dann aber aufgrund der harten Sitzpolsterungen deutlich bemerkbar. Die Einflüsse des Antriebs auf die Lenkung bleiben unbemerkt, die aufwendige Hinterachs-Konstruktion führt die Räder in höchst sicherer Weise, der Abrollkomfort der 205/55 breiten, 16 Zoll großen Reifen läßt nichts zu wünschen übrig.
Vernehmliches Dröhnen begleitet die Kraftanstrengung
Beim zügigen Fahren auf der Autobahn offenbart der Basis-Golf dann seine Schwächen. 55 kW (75 PS) sind eben keine überschäumende Leistung, 126 Newtonmeter Drehmoment - sie liegen bei 3800 Umdrehungen in der Minute an - wollen sehr gezielt und bewußt eingesetzt werden, um das Einfädeln auf die Fernstraßen flüssig zu gestalten. Zwischen 2500 und 4000/min vermittelt das Maschinchen bis zum vierten Gang noch Spurtvermögen, im fünften oder bei höheren Drehzahlen wird Beschleunigen zum zähen Erlebnis und zum lauten obendrein. Denn vernehmliches Dröhnen begleitet die Kraftanstrengung, auf langen Strecken wirkt dies ermüdend. 14,7 Sekunden vergehen bei der Beschleunigung von 0 auf 100 km/h, das hohe Gewicht, es rührt von den Bemühungen um mehr Sicherheit, Komfort und Solidität her, fordert seinen Tribut. Die von uns ermittelte Höchstgeschwindigkeit lag bei 169 km/h, immerhin fünf km/h höher als von VW angegeben. Um auf das Spitzentempo zu kommen, braucht der Golf mit dem kleinsten Motor einen ordentlichen Anlauf, Steigungen zwingen zum Zurückschalten.
Das hochtourige Fahren schlägt sich dramatisch im Verbrauch nieder. 6,9 Liter Benzin soll der Golf 1.4 16V laut VW und Normmessung für 100 Kilometer verlangen. In der Eile des Alltags steht die acht eher vor dem Komma, der geringste Verbrauch wurde mit knapp sieben, das Maximum mit 9,1 Liter ermittelt. Als Durchschnittswert ergab dies 8,4 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer, was für diese Leistungsklasse deutlich zuviel ist. 55 Liter Vorrat faßt der Tank, ihn wirklich voll zu kriegen ist eine eher schwierige Übung. Nach dem ersten Abschalten der Zapfpistole sind weitere drei Liter einzufüllen.
Manche Extras nur in Kombination mit anderen Komponenten
Die Comfortline-Ausstattung ist praxisorientiert und funktional. Es gibt ein Ablagepaket mit Schubfächern unter den Vordersitzen, und eine Gepäckraumabdeckung mit Netz, Getränkehalter und eine Mittelarmlehne mit einem weiteren Behältnis sind ebenso an Bord. Beide Sitze vorn sind in der Höhe verstellbar, das "Licht und Sicht Paket" mit automatisch abblendendem Innenspiegel, Licht- und Regen-Sensor sowie die Geschwindigkeitsregelanlage zählen außerdem zur Comfortline-Ausstattung. Servolenkung, Zentralverriegelung und elektrische Fensterheber gehören gemeinsam mit sechs Airbags zur Grundausstattung des neuen Golf. Extra bezahlt werden müssen Dinge wie die Klimaautomatik (1525 Euro), Lederausstattung (1895 Euro), das Navigationssystem samt Audio-Anlage (1250 Euro), Leichtmetallräder (410 Euro) oder das elektrische Schiebedach (810 Euro) und Xenon-Licht (1020 Euro). Unangenehm, daß es manche Extras nur in Kombination mit anderen Komponenten gibt, eine Sitzheizung ist nur in Verbindung mit der teuren Lederausstattung zu haben.
Der Golf V schießt vielleicht über das Ziel hinaus. Gewiß nicht mit den Fahrleistungen der Basismotorisierung, wohl aber mit seinem Qualitätsanspruch und der Orientierung an Höherem. Der Urahn der Kompaktklasse verläßt das angestammte Terrain und will mit Autos der Mittelklasse um die Wette fahren. Es kann nicht verwundern, daß sich typische Interessenten für einen Kompaktwagen beim Blick in die Preislisten anderen Marken orientieren. Oder dem VW Polo Aufmerksamkeit zollen. Denn der könnte zum schärfsten Konkurrenten des neuen Golf werden. Als ob er nicht schon genug davon hätte.
Daten und Meßwerte
Empfohlener Preis 16 850 Euro Preis des Testwagens 21 455 Euro
Vierzylindermotor, 1390 Kubikzentimeter Hubraum, vier Ventile je Zylinder
Leistung 55 kW (75 PS) bei 5000/min
Höchstes Drehmoment 126 Nm bei 3800/min, 90 Prozent davon ab 2500 bis 4500/min
Erfüllt Euro 4
Manuelles Fünfganggetriebe
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 4,21/1,76/1,47 Meter
Radstand 2,51, Wendekreis 10,9 Meter
Leergewicht 1156 (tatsächlich 1260), zulässiges Gesamtgewicht 1740, Anhängelast 1000 Kilogramm; Kofferraumvolumen 350 bis 1305 Liter
Reifengröße 205/55 R 16 91 H
Höchstgeschwindigkeit 169 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 14,7 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 14,5/20,5 s
Verbrauch 6,9 bis 9,1, im Durchschnitt 8,4 Liter Super je 100 km; Tankinhalt 55 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 13, TK 23, VK 14
Vollkosten je km (bei 16 000 km/Jahr) 0,31 Euro