15.06.2006 · Das Kooperationsprodukt mit Fiat stammt aus Ungarn
Von Gerold LingnauEin japanisch-italienisches Gemeinschaftsprodukt wird in Ungarn hergestellt - und keiner wundert sich darüber. So weit ist es mit der Globalisierung bereits gekommen. In der Autoindustrie bandelt inzwischen schon (fast) jeder mit (fast) jedem an, und spätestens die schiere Not diktiert die Zusammenarbeit, wenn es gilt, das Programm in alle nur denkbaren Nischen auszudehnen. Fiat wollte endlich einen SUV, also einen Soft-Geländewagen, anbieten können, war aber so klamm, daß nur eine Kooperation mit Arbeits- und Kostenteilung in Frage kam. Als Partner bot sich Suzuki an, der japanische Auto- und Motorradproduzent, der viel Erfahrung im Kleinwagenbau und mit dem Allradantrieb mitbrachte. Die gemeinschaftliche Anstrengung führte zum Modell-Doppelpack Fiat Sedici/Suzuki SX4. Als Fertigungsstätte eignete sich das (auch für den japanischen Konkurrenten Subaru arbeitende) Suzuki-Werk in Esztergom - an der Donau nördlich von Budapest. Und die beiden Neuen starten nun in den Markt.
Eigentlich sind die Zwillinge nicht einmal SUVs, sondern sogenannte Crossovers oder bloß etwas hochbeinige kleine Kombis. Während sich aber Fiat entschieden hat, seinen Sedici nur mit Allradantrieb zu verkaufen (wohl um benachbarte Modelle im Programm nicht zu stören), bietet Suzuki den SX4 auch als Fronttriebler an. Der Preisunterschied beträgt hier immerhin 2500 Euro, und so wird mancher Käufer, der seine Ambitionen schon mit dem etwas abenteuerlustigen Aussehen des Suzuki erfüllt sieht, auf die Allrad-Option verzichten. Wer dennoch 4x4 kauft, erwirbt keine Billiglösung. Der Hinterradantrieb schaltet sich über eine elektrische Lamellenkupplung automatisch zu, wenn vorn der Schlupf überhandnimmt - aber nur dann, wenn man vorher einen Kippschalter von "2WD" auf "4WD" gestellt hat. Die dritte Option des Schalters heißt "4WD Lock", sie bewirkt das Sperren des Mitteldifferentials und damit eine je hälftige Kraftverteilung auf die beiden Achsen. Das ist aber nur auf losem oder glattem Untergrund ratsam, sonst gibt es spätestens in Kurven materialquälende Verspannungen im Antriebsstrang. Bei mehr als nur ganz geringer Geschwindigkeit wechselt der SX4 daher selbsttätig vom Lock- in den normalen 4WD-Status zurück. Trotz seiner 19 Zentimeter Bodenfreiheit (ein VW Golf zum Beispiel hat nur 13) ist der 4x4-Suzuki noch kein Geländewagen. Aber auf unbefestigten Straßen und Wegen oder winterglatten Fahrbahnen kommt er jedenfalls besser zurecht als alle Fronttriebler.
Die vom Turiner Meister Giugiaro gezeichnete Karosserie mit knapp Golf-Länge (4,10 Meter) wird von Fiat und Suzuki unterschiedlich dekoriert. Sie ist von jener gescheiten Pfiffigkeit, die funktionelle Pflichten nicht mißachtet und zugleich nett und modern wirkt. Vier Türen sind Standard, und eine große, aber nicht weit genug hochschwingende Heckklappe schafft Zugang zu einem leider unterentwickelten Kofferraum: 270 Liter sind arg wenig für die Außenlänge, und mehr als magere 1045 Liter sind auch nicht herzustellen, wenn man die Rückbank und ihre Lehne faltet (das ist in zwei ungleichen Teilen möglich) und das entstehende Paket etwas umständlich mit einem Riemen am Stengel der vorderen Kopfstütze festmacht. Nicht sehr ladefreundlich ist die Höhe der Bordwand; der Sack Rasendünger muß erst 76 Zentimeter hochgehoben und dann wieder 18 Zentimeter abgelassen werden - ach du armes Kreuz! Und allzu schwer dürfen die Einkäufe auch nicht sein, denn als erlaubte Zuladung ergaben sich bei unserem SX4 nur 365 Kilogramm.
Angesichts des bescheidenen Kofferraumvolumens erwartet man auskömmliche Innenraum-Verhältnisse, und die gibt es auch - mit kleinen Einschränkungen. Fahrer über 1,80 Meter würden gern noch ein bißchen weiter zurückrücken. Daß sie es nicht können, erfreut die Hintensitzenden, die befriedigenden Knieraum vorfinden und mit der Tiefe ihrer Bank ebenso wie mit deren Höhe über dem Wagenboden - wichtig für Langbeinige - gewiß einverstanden sind. Die Karosseriehöhe von 1,58 Meter bedeutet bequemen Einstieg auf alle Plätze. Während aber die Mitreisenden gute Aussicht genießen, werden dem Fahrer wichtige Teile des Blickfelds durch die nach Van-Art sehr schräg stehenden vorderen Dachsäulen versperrt. Da nützen auch die Dreiecksfensterchen zwischen Vordertür und Frontscheibe wenig bis nichts. Die Instrumente sind wohltuend konventionell, nur die rote Beleuchtung fällt aus dem Rahmen. Zu den unnötigen Dingen zählen die Momentanverbrauchsanzeige in einem hochgesetzten Display in Armaturenbrettmitte - da hätten wir lieber einen echten Bordcomputer mit Durchschnittsverbrauch-Berechnung - und der schlüssellose Zugang mit lächerlich winzigen Ver- und Entriegelungsknöpfen an Türen und Heckklappe. Auch gestartet werden kann ohne Einführen des Schlüssels, aber mit der gewohnten Drehbewegung am Schloß; ein separater Starterknopf fehlt erfreulicherweise.
Während die beiden Ottomotoren im SX4 (1,5 und 1,6 Liter Hubraum) von Suzuki eingebracht wurden, stammt der 1,9-Liter-Turbodiesel mit Common-Rail-Einspritzung und Partikelfilter aus Fiat-Beständen. Er ist nicht gerade ein Sanfter - bis in mittlere Drehzahlen nagelt er hörbar -, aber er läuft auch bei niedrigen tadellos rund und entwickelt kräftigen Schub. Dabei unterstützt ihn das kurz übersetzte Sechsganggetriebe, das sich sehr exakt, aber recht knochig schaltet. Die oberste Stufe ist auch auf der Landstraße zu gebrauchen, doch vor allem autobahngerecht: So wird die Höchstgeschwindigkeit von 184 km/h mit nur wenig mehr als 3500 Umdrehungen je Minute erreicht. Ist Durchzug gefragt, verläßt man sich lieber auf die nächstunteren Gänge; von 50 auf 100 km/h geht es im 4. Gang in spritzigen 9,8 Sekunden, im 5. in 15,5. Auf den Verbrauch waren wir gespannt: Hohe Karosserie, 1425 Kilogramm Leergewicht, zusätzliche Allradmechanik - das hätte ins Auge gehen können. Aber die 7,4 Liter Diesel je 100 Kilometer, die als Durchschnitt herauskamen, sind bei diesen Vorgaben völlig im Rahmen.
Was ein robustes Auto sein will, braucht eine robuste Federung - und um ein Haar hätte es Suzuki damit übertrieben. Der SX4 reagiert auf Unebenheiten aller Art ziemlich grob, schon kleine rufen erhebliche Vertikalbewegungen der Karosserie hervor. Auch der Abrollkomfort ist eher rustikal. Insgesamt ist es zwar zu ertragen, aber noch härter hätte man die Radaufhängungen nicht abstimmen dürfen. Wenig problematisch ist das Fahrverhalten, bis auf eine deutliche Seitenwindempfindlichkeit. Ein ESP ist allerdings erst für den Herbst angekündigt, Aufpreis 300 Euro. Schon vorhanden sind sechs Airbags und zwei Isofix-Kindersitzhalterungen. Die Bremsen verzögern gut und mit Biß, bleiben aber von harter Beanspruchung nicht unbeeindruckt.
Der teuerste SX4, wie wir ihn fuhren - Diesel, Allrad, Ausstattungslinie Comfort -, kostet nicht gerade bescheidene 20 990 Euro. Aber die Serienausstattung kann sich sehen lassen: Außer der zuschaltbaren Klimaanlage, vier elektrischen Fensterhebern, Leichtmetallrädern und Nebelscheinwerfern gehört dazu ein CD-Radio und ein veritables Navigationssystem. Aufpreispflichtig bleibt nur die Metallic-Lackierung mit maßvollen 345 Euro. So kann also der fröhliche Wettbewerb SX4-Sedici um den deutschen Kunden losgehen - mal sehen, wer Sieger wird.