21.03.2006 · Hoher Kraftstoffverbrauch verdirbt den Spaß. Die neue Variante mit Dieselmotor ist der bessere Kauf.
Von Boris SchmidtSuzuki ist schon lange dort, wo andere sich erst jetzt einnisten wollen. Schon früh hat der japanische Hersteller verstanden, daß Autos auch etwas mit Spaß zu tun haben, der winzige LJ80 und später der Vitara waren in den achtziger und neunziger Jahren Garant für einen stetigen Erfolg in einer Nische, die zu dieser Zeit noch relativ unbeachtet war. Zwar waren die Suzukis von damals technisch biedere Hausmannskost, aber mit flotter Werbung, bunten Lacken und (halb-)offenen Varianten machten sie trotzdem Furore, besonders Damen mochten und mögen den Vitara.
Mit der neuen, dritten Generation des Vitara ist nun alles anders. Er ist jetzt ein Grand Vitara, ein Kabrio gibt es nicht mehr, nur noch eine kurze und eine lange Variante, wobei der kurze Zweitürer unsinnigerweise auch "Grand" genannt wird. Diesen Vitara hat die Redaktion schon bewegt (F.A.Z. vom 24.Januar), und wir hatten kaum Gutes zu berichten. Mit dem 1,6-Liter-Motor war der kleine Suzuki schlapp und durstig, das Platzangebot ist auf 4,05 Meter Länge bescheiden, der Federungskomfort dürftig.
Mit einem größeren Motor, zwei weiteren Türen und 40 Zentimeter mehr Außenlänge wird der Grand Vitara überzeugen, mutmaßten wir, die Hoffnungen erfüllten sich jedoch nur zum Teil. Gewiß, der 2,0-Liter-Motor mit seinen 103 kW (140 PS) bringt den großen Grand einigermaßen flott voran, ein Quell der Freude ist das Triebwerk jedoch nicht. Ähnlich wie das kleinere Aggregat wirkt es über weite Drehzahlbereiche wie zugeschnürt, nur wer beherzt das Gaspedal ganz durchdrückt, erfährt die vorhandene Drehfreude des Motors, die im 4. Gang bis zur Höchstgeschwindigkeit reicht. Mit maximal 171 km/h blieb der Suzuki 4 km/h unter der Werksangabe. Im 5. Gang entwickelt der Motor bei Endgeschwindigkeit etwas mehr als 5000 Touren und ist entsprechend laut. Ohnehin ist die Maschine kein Leisetreter, selbst bei Tacho 140 und 4100 Umdrehungen in der Minute empfindet man das Geräuschniveau als lästig. Auch mit der Elastizität ist es nicht weit her, mehr als 20 Sekunden vergehen, bis im großen Gang von 50 auf 100 km/h beschleunigt ist. Der allergrößte Nachteil des Triebwerks ist jedoch der immens hohe Verbrauch. Wir benötigten auf einer Etappe gar 14,2 Liter Superkraftstoff auf 100 Kilometer, weniger als 11,9 Liter waren es nie. Der Durchschnitt von 13,0 Liter ist indiskutabel. Aber er ist zu erklären: Der Wagen hat einen permanenten Allradantrieb und eine große Stirnfläche, besonders höhere Geschwindigkeiten jenseits der 80 km/h kosten Extra-Sprit, weil der Luftwiderstand im Quadrat der Geschwindigkeit steigt. Nur 7,6 Liter Normverbrauch gibt Suzuki für "außerstädtischen" Betrieb an. Davon darf man sich nicht täuschen lassen, ganz allgemein soll man sich immer am angegebenen Wert für den Stadtverkehr orientieren, dieser Prüfzyklus hat mehr Bezug zur alltäglichen Praxis. Die 11,6 Liter aus dem Datenblatt sind einigermaßen ehrlich, wir kamen im Regionalverkehr auf 12,5 Liter. Bei dem hohen Verbrauch ist es mit der Reichweite automatisch nicht weit her, trotz relativ großen 66-Liter-Tanks.
Sonst läßt sich über das Fahren mit dem Grand Vitara wenig klagen, der Wagen ist sehr übersichtlich, die Servolenkung ein guter Kompromiß zwischen Leichtgängigkeit und Präzision. Die Gänge sind etwas grob geführt, es gibt jedoch kein Vertun, die Kupplung tritt sich leicht. Mit seinem permanenten Allradantrieb ist der Grand Vitara in schnell gefahrenen Kurvenkombinationen stets auf der sicheren Seite, der Wagen bleibt lange neutral. Wohler würde man sich freilich fühlen, wenn man für Notsituationen noch ein ESP in der Hinterhand hätte. Dafür überzeugen die Bremsen. Weniger gefallen kann der Geradeauslauf in der Nähe der Höchstgeschwindigkeit, da wird der Suzuki etwas nervös. Bleibt der Federungskomfort, den hatten wir beim kurzen Vitara insbesondere bemängelt. Leider bekleckert sich auch der große Vitara in dieser Hinsicht nicht mit Ruhm. Von wegen "Länge läuft". Zwar lassen die technischen Voraussetzungen mit selbsttragender Karosserie und vier einzeln aufgehängten Rädern nicht mehr zu wünschen übrig - der alte Vitara hatte noch einen Rahmen und hinten eine Starrachse -, dennoch ist es mit dem Komfort nicht weit her. So ziemlich jede Straßenunebenheit bekommt die Besatzung zu spüren.
Allerdings bleiben keine Wünsche offen, wenn es ins Gelände geht. Mit seiner Allradtechnik ist der viertürige Grand Vitara allen Konkurrenten in der kleinen SUV-Klasse überlegen. Er hat nicht nur ein (elektrisch per Drehknopf) sperrbares Mitteldifferential, was vor allem auf Eis und Schnee Vorteile bringt, weil die Kraft stets 50 zu 50 verteilt wird, sondern als einziger auch ein Untersetzungsgetriebe. Dadurch läßt sich doppelt soviel Kraft auf die Räder schicken. Das braucht man nicht nur in schwierigen Geländepassagen. Mit 1,85 Tonnen hat der Vitara eine respektable Anhängelast.
Daß beim viertürigen Grand Vitara beim Platzangebot nichts anbrennt, durfte man erwarten. Vorne wie hinten sitzt man kommod, das Einsteigen fällt leicht. Auf der Rückbank genießt man genügend Bein- und Kopffreiheit, die Lehne der Bank läßt sich zudem in der Neigung verstellen. Und Kofferraum gibt es im Vergleich zum Zweitürer (168 Liter) reichlich: Knapp 400 Liter sind ein guter Wert. Wer mehr braucht, kann die Bank asymmetrisch geteilt nach vorne klappen. Leider ist sie ohne Werkzeug nicht gänzlich herauszunehmen, so bleiben hinter der zusammengefalteten und senkrecht stehenden Bank nur gut 1,20 Meter Ladefläche, ohne Bank wären es 40 Zentimeter mehr. Und das maximale Kofferraumvolumen von 1386 Liter würde um rund 150 Liter zunehmen. Im Kofferraumboden ist ein kleines Fach für Krimskrams, das Reserverad hängt außen an der nach rechts öffnenden Hecktür. Das ist hierzulande eher ein Nachteil, bedienen läßt sich der Vitara sonst kinderleicht, da gibt es nichts zu kritteln, der Fahrer sitzt gut und genießt die erhöhte Sitzposition wie in jedem SUV.
Kommen wir zur Paradedisziplin des Vitara, dem Ausstattungsumfang. Schon die Basisversion "Club" ist nicht von schlechten Eltern; bei Comfort (Aufpreis 2000 Euro) kommen ein CD-Radio mit Navigation (sonst ohne), ein Tempomat, "Keyless Start", 17-Zoll-Alufelgen (sonst 16er), Nebelscheinwerfer, beheizbare Außenspiegel und abgedunkeltes Glas im Fondbereich dazu. Klimaautomatik, vier elektrische Fensterheber, Zentralverriegelung mit Fernbedienung, elektrisch verstellbare Außenspiegel, ABS und sechs Airbags, Isofix auf den Rücksitzen und vieles mehr ist generell serienmäßig. Was es nicht gibt, ist neben ESP eine Lederausstattung. Und mancher Kunde wird vielleicht ein Schiebedach wollen. Es wird aber nicht angeboten. Auf der Aufpreisliste finden sich lediglich Metalliclack (420 Euro) und ein Automatikgetriebe (1300 Euro). Gelobt werden soll das Design. Der Vitara kommt jung und frisch daher und zieht nicht nur auf der Autobahn die Blicke auf sich. In dieser Hinsicht ist Suzuki ein großer Wurf gelungen.
Zwei Grand Vitara waren jetzt Gast in der Redaktion. Keiner hat wirklich überzeugt. Doch aller guten Dinge sind drei: Seit kurzem wird der viertürige Grand Vitara mit einem modernen Dieselmotor angeboten, er ist mit 27990 Euro in der Comfort-Version 1700 Euro teurer als der 2,0-Liter-Benziner. Dafür hat er aber auch ESP (und einen Partikelfilter). Nach 35000 Kilometern dürfte man den Preisunterschied wieder hereingefahren haben. Ob der 129-PS-Diesel endlich die passende Kraftquelle für den Vitara ist? Wir werden darüber berichten.