01.10.2008 · Zur Oberklasse hin werden die Käufer immer wählerischer. In Tschechien kaufen sie dann nicht gerade häufig ein. Dabei würde sich ein Blick nach Osten lohnen. Der neue Skoda Superb übertrifft seinen Vorgänger an Länge, Breite und vor allem an Ansehnlichkeit.
Von Gerold LingnauDas waren noch Zeiten, als man wusste, was „superb“ heißt, und es auch spitzlippig mit „ü“ auszusprechen verstand. Heute sagt man „super“ oder, ganz modern, „supi“, und das Wort „superb“ findet man nur noch im Prospekt des traditionsreichen tschechischen Autoherstellers Skoda, der inzwischen zu Volkswagen gehört und das Adjektiv schon 1934 erstmals für eines seiner Produkte benutzte. Im Jahr 2001 ließ er die Modellbezeichnung wiederaufleben, und heute schmückt sie die zweite Auflage des Größten der Marke, der eng mit dem VW Passat verwandt ist.
Diese Abkunft propagiert die selbstbewusste (und sehr erfolgreiche) tschechische Tochter freilich nicht gern, und in der Tat ist der Superb II von seinem Wolfsburger Halbbruder zumindest in allen nichttechnischen Belangen weiter entfernt denn je. Auch seinen Vorgänger übertrifft er an Länge, Breite und vor allem an Ansehnlichkeit: Mit seinen ruhigen, angenehm konservativen Linien orientiert er sich bewusst an der Oberklasse, in die er zumindest nach dem Nutzraum fast schon gehört. Zwei wesentliche Unterschiede sieht man nicht auf den ersten Blick. Zum einen trägt der Superb seine Motoren jetzt quer und nicht mehr längs eingebaut: Damit folgt er dem beim Passat schon 2005 vollzogenen Wandel. Zum anderen ist er das erste Auto der Welt, bei dem man die Wahl zwischen Kofferraumdeckel und Heckklappe hat - und zwar nicht unumkehrbar beim Kauf, sondern jeden Tag aufs Neue.
Ein riesiger Kofferraum
Skoda hat die höheren Kosten seines TwinDoor genannten Heckabschlusses nicht gescheut, bei dem man mit einem kurzen Griff zur Unterseite des Deckels nicht nur ihn, sondern zugleich auch das Rückfenster hochschwingen lassen und so auch sehr sperriges Gut einladen kann. Nichts ist nämlich in der Oberklasse so verpönt wie eine nach schnödem Nutzwert riechende Heckklappe - vor allem beim deutschen Käufer. Im Superb hat man sie, wenn man sie braucht, und kann sie doch im Bedarfsfall verleugnen.
Keine Frage, dass die Klappe die praxisgerechtere Lösung ist als der Deckel, zumal dieser ziemlich eng geraten ist und der riesige Kofferraum 1,10 Meter weit ins Wageninnere hineinreicht. Seine gigantischen 565 Liter Inhalt lassen sich noch um 1100 vergrößern, wenn man die geteilte Rückbanklehne umlegt: Dann hat man zwar keine ebene Ladefläche, aber immerhin eine 1,93 Meter lange. Von Nachteil ist in jedem Fall die hohe Ladekante, von Vorteil die Anwesenheit eines vollwertigen Reserverads unter dem Kofferraumboden, der seinerseits faltbar und sogar herausnehmbar ist und dann eine sonst versteckte Zwischenetage ins Gesamtvolumen einbezieht.
Keine Experimente bei den Bedienungselementen
Mit dem Luxus geht es im Innenraum weiter. Er offenbart sorgsame Materialwahl ebenso wie tadellose Verarbeitung. Aber auch die Platzverhältnisse heben den Superb aus dem Feld der 4,80-Meter-Autos heraus. Im Fond genießt man geradezu unverschämt viel Freiheit: Fast 80 Zentimeter minimaler Knieraum erlauben entspanntes Lümmeln, 94 Zentimeter Kopfhöhe das Aufbehalten selbst ungewöhnlicher Hüte. Allerdings ist auch hier der dritte Passagier ein Stiefkind, das mit viel zu wenig Schenkelauflage und einem Gebirge von Mitteltunnel zwischen den Beinen leben muss. Vorn hat man es besser auf den mit einer Leder-Alcantara-Kombination bezogenen Sesseln, wenn man ihnen ihre überraschend geringe Breite nachsieht. Selbst sehr lange Fahrer können sich angenehm hinter dem Lenkrad einrichten.
Keine Experimente hat Skoda bei den Bedienungselementen gemacht, die Instrumente sind leicht ablesbar und vernünftig beleuchtet, am Lenkrad sind der Bordcomputer sowie Funktionen von Telefon und Radio zu befehligen. Der Farbbildschirm des optionalen Navigationssystems ist jedoch ziemlich tief angebracht. Ablagen gibt es ausreichend, und für die Sicherheit sorgen nicht weniger als sieben Airbags, die für 290 Euro Aufpreis noch um zwei weitere seitlich im Fond ergänzt werden können. In der Top-Version Elegance serienmäßig ist ein - bei der Ambition-Ausstattung 990 Euro kostendes - System aus Bi-Xenon-Scheinwerfern „mit situationsabhängiger Steuerung“ plus dynamischem Kurvenlicht, das die Nacht wahrhaft zum Tage macht. Und alle Wetterunbilden lässt die Zweizonen-Klimaautomatik vergessen, allerdings nicht ganz zugfrei und oft mit anhaltendem Gebläselärm.
Ein bäriges Drehmoment von 250 Newtonmeter
Wer zur Oberklasse schielt, muss auch Federungskomfort bieten: Da verpasst der Superb die Bestnote, denn er ist straffer abgestimmt als erwünscht. Schon auf kleine Unebenheiten spricht er oft recht holprig an, dafür schluckt er grobe zur Zufriedenheit aller Insassen und bereitet ihnen auch auf langen Bodenwellen kein Ungemach. Leise sind die Radaufhängungen indes nicht, es gibt Polter- und unschöne Abrollgeräusche, die nicht zum Anspruch des Superb passen. Standesgemäß ist dagegen das Fehlen lästigen Windlärms bei schneller Fahrt.
Die 2,76 Meter Radstand des Skoda - noch fünf Zentimeter mehr als beim VW Passat - sichern souveränen Geradeauslauf, ohne die Handlichkeit in Kurven zu gefährden. Das leichte Untersteuern des Fronttrieblers (man kann in Verbindung mit drei Motorisierungen auch Allradantrieb bekommen) ist mit der präzisen elektromechanischen Lenkung jederzeit spielerisch zu beherrschen, unerwartete Reaktionen muss man nicht befürchten, und schlimmstenfalls mischt sich spät, aber rechtzeitig das ESP ein. Auch die Bremsanlage lässt in keinem Punkt zu wünschen übrig.
Aus dem reichhaltigen Motorenangebot von Volkswagen stehen für den Superb je drei Benziner und Diesel zur Verfügung. Ein rundum passender Antrieb ist das Mittelstück der ersten Gruppe, jener 1.8 TSI, der es wie im Passat dank Turbolader auf 118 kW (160 PS) und ein bäriges Drehmoment von 250 Newtonmeter schon bei 1500 Umdrehungen je Minute bringt. Er macht dem nicht eben leichten Skoda - unser Exemplar wog leer 1560 Kilogramm - gehörig Beine.
Der Makel liegt beim Verbrauch
Dabei begeistert vor allem das praxisgerecht kraftvolle Beschleunigen auch in den oberen der serienmäßig sechs Gänge: In nur knapp 17 Sekunden gelingt sogar im lang übersetzten 6. Gang der Zwischenspurt von 50 auf 100 km/h, im 4. Gang sind es weniger als zehn Sekunden. 8,5 Sekunden verstreichen für den Standard-Sprint von 0 auf 100 km/h, und mit den 222 km/h Höchstgeschwindigkeit kann man nicht weniger zufrieden sein. Stirnrunzeln dagegen an anderer Stelle: Ein Durchschnittsverbrauch von 10,2 Liter Super je 100 Kilometer ist heute selbst für ein Kaliber wie den Superb ein Makel. Er beweist ein weiteres Mal, dass der Appetit der Direkteinspritzer-Turbos von VW bei schnellem Landstraßen- und erst recht Autobahntempo steiler steigt, als dem auf Sparsamkeit sehenden Fahrer lieb sein kann. Wenigstens ist der 60-Liter-Tank auf solchen Durst eingerichtet.
Der Superb 1.8 TSI ist in den drei Ausstattungsstufen Comfort (24.990 Euro), Ambition (27.990 Euro) und, wie hier, Elegance (31.240 Euro) zu haben. Schon ein Passat Trendline mit dem gleichen Motor kostet fast so viel wie der Ambition, und der ist weit besser ausgestattet. Im Elegance kann man das Serien-Outfit schon verschwenderisch nennen, doch Vorsicht: Selbst dann ist die Aufpreisliste noch sehr verlockend - bis zu einem Endpreis von knapp 36.000 Euro bei unserem Wagen. Man kann aber auch für 13.000 Euro weniger schon Superb fahren, und dazwischen liegen viele individuelle Möglichkeiten.
Kein Fortschritt
Dr. Andreas Frick (Hephaistos)
- 01.10.2008, 16:44 Uhr
superb >>> super b (super class B)
Harald HEINZ (willer3)
- 01.10.2008, 19:11 Uhr