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Fahrtbericht: Rolls-Royce Phantom Es ist doch nur ein Auto

28.11.2006 ·  Rolls-Royce ist nicht nur ein Auto, es ist der Inbegriff des automobilen Luxus. Bei dem Phantom ist das auch nicht anders. Zwar sind Kühler und Karosserie insgesamt etwas zu mächtig ausgefallen, aber dennoch bleibt das Fahrzeug ein Gesamtkunstwerk.

Von Boris Schmidt
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Es ist doch nur ein Auto. Aber was für eines: fast sechs Meter lang, rund drei Tonnen schwer. Und erst das Image: Noch immer gilt ein Rolls-Royce als Inbegriff des automobilen Luxus. Da kommt niemand heran, nicht Maybach und auch nicht Bentley. Fährt man mit ihm zu Hause vor, laufen die Nachbarn zusammen, und mindestens einer ruft: „Ich dachte, die Queen kommt.“ Dabei ist es doch nur ein Auto. Aber was für eines.

Seitdem BMW das Sagen über die Urmutter aller Nobelmarken hat, ist vieles anders geworden. Die einstige Schwester Bentley gehört jetzt VW, das ehemalige Firmengelände in Crewe auch. Gebaut werden die rollenden Schlösser nun von neuen Mitarbeitern in einer nagelneuen Fabrik im 350 Kilometer entfernten Goodwood. Doch sonst ist sich Rolls-Royce treu geblieben. Das einzige Modell, das zur Zeit angeboten wird, der Phantom, ist unverkennbar ein Rolls, wenn auch der Kühler wie das gesamte Auto allzu mächtig geraten ist. Unter dem vielen Blech steckt viel neue Technik, der neue (BMW-)Motor ist jetzt ein V-Zwölfzylinder, und die Leistung, früher arrogant mit „genügend“ angegeben, läßt sich in Zeiten von ECE-Papieren genau beziffern: 338 kW (460 PS) sind es, die aus 6,75 Liter Hubraum geholt werden.

Ein netter Gag sind die zwei Schirme

Doch die Motorleistung bleibt bei einem Rolls-Royce Nebensache. Hier geht es um das Auto als Gesamtkunstwerk. Einfach nur drin zu sitzen ist schon ein Erlebnis. Obwohl inzwischen 70 Prozent aller Kunden (in Amerika fast alle) ihren Rolls selbst fahren, ist nichts schöner, als in einem pilotiert zu werden, in der zweiten Reihe natürlich. Dorthin gehört eine Bank – nur Technokraten bestellen zwei Einzelsitze. Wir mögen es klassisch konservativ und haben es begrüßt, daß der zur Verfügung gestellte Wagen keinerlei Video-Monitore oder ähnlichen Schnickschnack hatte. Die Ausstattung unterscheidet sich daher kaum von einem 30, 40 Jahre älteren Modell: Im Fond ein bequemes Ledersofa, das an den Seiten umläuft, so daß man sich rechts und links fläzen, zu zweit aber einander zugewandt sitzen kann, nur getrennt durch die altmodisch aus der Rückenfläche hervorzuholende Lehne. (In der Mitte kann noch ein dritter Passagier sitzen.)

Aus dem Dach lassen sich rechts und links zwei Schminkspiegel hervorklappen, die Klapptische an den Rückseiten der Vordersitze sind aus feinstem Holz, wie (fast) alles im Auto, wenn es nicht aus vornehmem Leder oder edlem Metall ist. Leselampen gibt es genügend, und wie es sich gehört, ist die C-Säule innen mit Spiegeln verkleidet. Die Füße ruhen auf Schaffellen (Schuhe ausziehen!), eine Sitzheizung sowie eine eigene Regulierungsmöglichkeit für die Klimaanlage fehlen nicht. Die hinteren Türen öffnen gegenläufig; um sie bequem von innen schließen zu können, geschieht das auf Knopfdruck elektrisch. Ein netter Gag sind die zwei Schirme, die waagerecht in den hinteren Türen stecken und vom Personal hervorgeholt werden können, wenn die Herrschaften bei Regen aussteigen müssen.

Sitze bieten keinerlei Seitenhalt

Aber wie gesagt, heute fährt man seinen Rolls selbst, und auch das bereitet durchaus Freude, solange man nicht sportlich fahren will. Zunächst muß man sich aber den voluminösen Klubsessel elektrisch zurechtrücken, dafür muß etwas umständlich eine Klappe in der riesigen Mittelkonsole zwischen den vorderen Fauteuils geöffnet werden. Auch der Knopf für die Sitzheizung ist dort (aber außen) ungünstig plaziert, und ein Stilbruch ist die Griffmulde oben in der Türkante am Seitenfenster, die trotz Lederumfassung billig wirkt. Sie gilt es zu packen, wenn die riesigen vorderen Eingangsportale geschlossen werden sollen. Dort, wo man einen Griff vermutet, ist keiner, sondern nur dickes Polster, was dann bei geschlossenen Türen eine Armstütze ergibt.

Obwohl Rolls-Royce erfreulicherweise nicht jeder Mode nachläuft, wird der Wagen auf Knopfdruck gestartet, nachdem man den flachen „Schlüssel“ in ein kleines Fach links der Lenksäule geschoben hat. Hören kann man den Motor im Leerlauf kaum, die Zylinderchen säuseln vor sich hin, jetzt heißt es noch die Feststellbremse zu lösen (mit Knopf), den Wählhebel für die Automatik am Lenkrad nach unten zu ziehen (hoch ist rückwärts), und los kann’s gehen. Die erste Überraschung ist der unglaublich dünne Lenkradkranz, die zweite die relative Geschmeidigkeit, mit der sich der Koloß bewegt. Schaltrucke der Sechsstufenautomatik sind nicht zu spüren, der Wagen lenkt sich leicht und präzise. Die Sitzposition ist altertümlich aufrecht hinter dem vom Radius her großen Lenkrad, der Blick fällt über die unendlich lange Motorhaube und die Kühlerfigur, die wie ein guter Geist über allem zu schweben scheint und nur in Deutschland Emily genannt wird. Schließt man das Auto ab, verschwindet sie. Von Nachteil ist, daß die Sitze keinerlei Seitenhalt geben.

Lexicon-Audio-Anlage

Rein funktional betrachtet, ist die Übersichtlichkeit grottenschlecht. Den Schulterblick kann man sich schenken, da ist die dicke B-Säule vor, die Sicht nach schräg hinten rechts wird von der breiten C-Säule gestört (und die Spiegel irritieren), das Heckfenster ist sehr flach. Beim Parken helfen akustische Warnsignale. So einfach sich der Wagen in der Stadt auch fährt – selbst den Wendekreis hätten wir uns nachteiliger vorgestellt –, spätestens beim Abstellen hat man ein Problem: 5,83 Meter Auto bei 1,99 Meter Breite (ohne Außenspiegel) wollen untergebracht sein.

Das weiß man natürlich, bevor man sich so ein Schiff zulegt. Für einen Alltag, wie ihn der deutsche Wirtschaftskapitän kennt, wäre der Rolls vielleicht tauglich (Stromanschlüsse oder Monitore für den Fond können bestellt werden), und ums Parken kümmert sich der Chauffeur. Doch in Zeiten der Diskussion um zu hohe Gehälter ist ein Rolls-Royce als Dienstwagen politisch tatsächlich nur für die Queen tragbar, und die fährt Bentley. Rund 380 000 Euro kostet ein Phantom, je nach individuell zu bestimmender Ausstattung, rund 800 sind im vergangenen Jahr in der Welt verkauft worden. Daß ein Phantom im Schnitt nur 6000 Kilometer im Jahr gefahren wird, ist wahre Verschwendung. Mindestens das Zehnfache hätte er verdient, gleitet er doch sanft über die Straßen wie die „Queen Mary“ über die Weltmeere. Dabei kann aus dem Oceanliner ein flotter Kreuzer werden. In 5,9 Sekunden geht es von 0 auf 100, und erst bei 240 km/h ist Schluß. Doch so fährt man einen Rolls nicht. Man jagt ihn nicht über die Landstraße. Dort vermißt man nicht nur die manuelle Eingriffsmöglichkeit in die Automatik, er kann auch seine Größe nicht verleugnen. Auf der Autobahn sind 120 km/h einfach genug. Dafür muß der Motor nur zehn Prozent seiner Kraft abrufen, und die Lexicon-Audio-Anlage (17 Lautsprecher, auch im Boden) läßt hören, was sie kann. Lexicon stattet sonst nur Tonstudios aus.

Ein Reserverad gibt es nicht

Ach ja, der Verbrauch: 15,9 Liter Superbenzin im Schnitt auf 100 Kilometer sind in Anbetracht der bewegten Masse nicht die Welt. Mit den üblichen Maßstäben kann ein Rolls ohnehin nicht gemessen werden, Fragen nach Kurvenlicht, Abstandsregeltempomat, Keyless Go oder gekühlten Sitzen stellt der Kunde nicht, heißt es. Ein Maybach ist das technisch innovativere Auto. Der Rolls-Kunde will ein Armaturenbrett mit klassischen Instrumenten und Zugschaltern aus Metall – und bitte keine Kunststoffe. Das alles bekommt er. Auf Navigation muß nicht verzichtet werden, der Monitor verschwindet auf Knopfdruck, dann ist eine wunderbare Analog-Uhr die Zierde der klassischen Armaturen. Nebenbei sei noch bemerkt, daß der Rolls nicht piepst, wenn man unangeschnallt fährt, die Luftfederung perfekt ist und man für schlechte Wegstrecken die Karosserie heben kann. Ein Reserverad gibt es nicht, die Reifen haben Notlaufeigenschaften. Trotzdem ist der Kofferraum für die Größe des Autos zu klein, und Durchladen kann man nicht. So einen Firlefanz will Ihre Durchlaucht einfach nicht. Ein Rolls-Royce bleibt eben ein eher traditionelles Fahrzeug. Und das ist gut so.

Empfohlener Preis: 380.480 Euro
Preis des Testwagens: 420.550 Euro
Hubraum: V-Zwölfzylinder-Benzinmotor, 6749 Kubikzentimeter
Leistung: 338 kW (460 PS) bei 5350/min
Höchstes Drehmoment: 720 Nm bei 3500/min, 90 Prozent davon ab 1000 bis 4500/min
Sechsstufen-Automatikgetriebe
Antrieb auf die Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 5,83/1,99/1,63 Meter
Radstand: 3,57
Wendekreis: 13,8 Meter
Leergewicht: 2420 (tatsächlich 2460)
zulässiges Gesamtgewicht: 3050 kg
Anhängelast nicht typisiert
Kofferraumvolumen: 460 Liter
Reifengröße: PAX 265x790 R540A 111 W
Höchstgeschwindigkeit: 240 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 5,9 s
Verbrauch: 15,5 bis 17,4, im Durchschnitt 15,9 Liter Superbenzin je 100 km
Tankinhalt: 100 Liter
Versicherung nach individueller Vereinbarung
Vier Jahre Garantie ohne km-Begrenzung; in dieser Zeit kostenlose Wartung/Inspektion, Intervall je nach Benutzung (Service-Anzeige)

Preisvergleich:
167.504 Euro kostet dieses Modell der ehemaligen Rolls-Schwestermarke. Beinahe ein Sonderangebot.
Mit 370.852 Euro ist der technisch und optisch moderne Maybach auf dem Preisniveau des Rolls.
143.724 Euro kostet das Topmodell der S-Klasse und bietet mehr Leistung und kaum weniger Luxus.

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Jahrgang 1959, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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