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Fahrtbericht Renault Latitude Viele Köche sind kein Garant für gutes Essen

 ·  In der oberen Mittelklasse ist Renault gescheitert. Nun wagen die Franzosen mit einem automobilen Wechselbalg einen neuen Anlauf. Zweifel am Erfolg sind angebracht. Dabei bietet der Latitude Luxusgefühl zu kleinem Preis.

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Die Avantgarde hat sich ergeben. Der Versuch des französischen Autoherstellers Renault, mit extravagantem Design in der oberen Mittelklasse gegen den Strom zu schwimmen, darf als gescheitert betrachtet werden. Renault Safrane, Vel Satis und der skurrile Avantime haben sich nicht durchgesetzt, die potentiellen Kunden greifen lieber zu Audi, BMW oder Mercedes. Phantasievolle Konzepte und phantastische Karossen mit dem Rhombus-Markenzeichen waren und sind bei der statusbewussten Klientel nicht gefragt.

Der französische Futurismus weicht jetzt einem global aufgestellten Pragmatismus und dieser hat einen Namen: Der Renault Latitude ist eng verwandt mit dem Samsung SM5, die Technik kommt von Renault-Nissan, die Franzosen haben sich mit kundiger Hand um die Europäisierung des Innenraums bemüht, das Design ist in Korea entstanden, wo die konservativ gekleidete Stufenheck-Limousine auch gebaut wird.

Motorversionen
Auf dem deutschen Markt wird der Latitude nur in der überaus komplett ausgestatteten Spitzenversion „Initiale“ offeriert, es stehen zwei Diesel (großer V6 und Zweiliter-Vierzylinder, beide von Renault) und ein Zweiliter-Benziner von Nissan zur Wahl.

Den besten Kompromiss zwischen Power und Preis bietet der kleinere Diesel im Latitude dCi 175 FAP Automatik. Renault hat beim Marktstart des Latitude zunächst kommuniziert, man werde das Auto nur im Leasingverfahren abgeben; das kann man den Renault-Händlern aber nicht vorschreiben, so dass es etliche direkte Verkaufsangebote gibt.

Preis
Dem von uns gefahrenen dCi 175 sind wir für schon rund 31.600 Euro begegnet, die große Dieselversion ist etwa 6000 Euro teurer, die Otto-Variante kommt auf knapp 26.000 Euro. Auf den ersten Blick sind das angesichts von äußerer Größe und innerer Ausstattung beinahe Sonderangebote.

Allerdings gibt es zum Wertverlust noch keine Angaben, er dürfte beträchtlich sein. So ist es vielleicht wirklich besser, den Latitude zu leasen, die ausprobierte Dieselversion kommt bei einer Laufzeit von 47 Monaten und einer Laufstrecke von 40.000 Kilometer auf eine Monatszahlung von 489 Euro, eine Sonderzahlung wird nicht gefordert, und man hat mit dem Wiederverkauf keine Scherereien.

Konzept
Dass ein international agierender Konzern aus den Komponenten verschiedener Marken ein neues Auto kreiert, ist nicht ungewöhnlich. Das erleben wir im VW-Konzern alle Tage (alter Audi A4 wird zum Seat Exeo, und Audi- oder VW-Motoren und -Plattformen laufen durch alle Marken), doch mit einem entscheidenden Unterschied: Jeder Mischling wird hier entschieden auf die jeweilige Markenidentität eingeschworen.

Beim Renault Latitude ist das nicht der Fall. Dabei ist der französisch-japanische Mittelklassewagen aus Korea kein wirklich schlechtes Auto. Aber Konzernchef Carlos Ghosn und seine Mannen aus der Rotstiftabteilung sollten nicht versuchen, uns einen unausgewogenen Wechselbalg als den Renault für die Zukunft zu präsentieren.

Design
Dass der Latitude statt Zeichen zu setzen wie eine Platitude wirkt, liegt an seiner Zeugung in der Konzern-Retorte. Wer allen Herzen dienen will, findet keinen Herren: Der zurzeit größte Limousinen-Renault trägt reichlich Chrom und Flitter, das Stufenheck soll eine konservative Klientel ködern, aber die sucht hier vergeblich nach dem prestigefördernden Inhalt einer Premium-Marke.

Das Design leiht sich hier den Kühlergrill, greift dort den dynamischen Abschluss der seitlichen Fensterpartie auf und probt den großen Auftritt mit fast fünf Meter Länge. Bei einem Radstand von 2,76 Meter erwartet man eine gewisse Großzügigkeit im Innenraum - und wird nicht enttäuscht.

Platzangebot
Hier, unter Dach und Fach, findet man auch die besten Eigenschaften des Latitude. Diese beginnen mit dem komfortablen Einstieg, setzen sich über die komplette Luxusausstattung mit etlichen seriös wirkenden Nobel-Akzenten fort und enden im gut geschnittenen, variablen Kofferraum. Dieser bietet eine Ladetiefe von rund 112 Zentimeter und kann durch einfach zu bewerkstelligendes Umklappen der Rückbanklehne (ein zu zwei Drittel) auf fast zwei Meter in der Länge erweitert werden. Die Breite des Kofferraums von etwa 1,30 Meter und eine Zuladung von 560 Kilo sind schöne Hinweise auf die Urlaubstauglichkeit des Latitude.

Instrumente
Vier Passagiere sind luftig untergebracht, für drei wird es hinten ein wenig eng, Bein- und Kopffreiheit gehen in Ordnung, und die vorderen Sitze sind ausreichend bequem sowie vielfältig verstellbar. Der Fahrer findet einen angenehm definierten Arbeitsplatz mit einem sympathischen Volant, gut abzulesenden Instrumenten, logisch plazierten Schaltern und einem griffigen Wählhebel für die Sechsgangautomatik vor. Der mit roter Nadel arbeitende Tacho gibt zu erkennen, dass er bereit wäre, auch noch bis zu 280 km/h anzuzeigen. Das ist freilich eine Illusion.

Verarbeitung
Dafür erwacht auf Tastendruck ein sogenannter Parfumeur, und ein Ionisator soll das Klima verbessern. Das halten wir alles für Unsinn, man hätte besser mehr Geld in die Tür- und Seitenverkleidung investiert, hier gibt es harten Kunststoff und öde Flächen. Sonst ist die Verarbeitung tadellos, die füllige und unübersichtlich gestaltete Karosserie (die Rückfahrkamera erleichtert allerdings Parkmanöver) ist frei von Verwindungen und lässt keine Knarzgeräusche entstehen. Die sich fast bis zum Schneesturm steigernde Klimaanlage leistet auch bei schwülem Sommerwetter ausgezeichnete Dienste, und an gut nutzbaren Ablagen herrscht kein Mangel.

Fahreigenschaften
Nun ist ein Auto aber ein mobiles Gerät, und damit kommt der Latitude in Kalamitäten. Zumindest dann, wenn man ihn nach deutschen Kriterien bewegt. Vielleicht hat man bei Renault nur vergessen, Lenkung, Antrieb und Fahrwerk auf europäisches Niveau zu bringen. Das offenbart der Latitude schon bei geringen Geschwindigkeiten, und man muss keineswegs rasen, um seine Dynamikmängel zu erleben.

Besonders unangenehm sind die bereits bei ruhiger Geradeausfahrt auftretenden Eigenbewegungen der Hinterachse. Für kurze Zeit scheint die mit Quer- und Längslenker sowie Stabilisatoren versehene Mehrlenkerachse in ihrer eigenen Welt zu leben. Für die Passagiere auf der Rücksitzbank entsteht daraus der intensiv erlebbare Eindruck, der Latitude wackele wie einst die Irma la Douce mit seinem Hinterteil.

Das hat keine negativen Auswirkungen auf die Fahrsicherheit, doch angenehm ist es auch nicht. Der Fronttriebler neigt zu entspannter, weil meist untersteuernder Kurvenfahrt, die leichtgängige Lenkung arbeitet präzise und fast ohne Antriebseinflüsse, auf schlechter Straße poltert die Hinterachse gerne.

Getriebe
Dass man mit dem Latitude eher gelassen fährt, als die Agilität zu suchen, liegt vor allem an der träge reagierenden Sechsgangautomatik. Sie schaltet mitunter unvermittelt herunter und folgt Befehlen übers Gaspedal mit ungebührlicher Verzögerung.

Motor
Der Vierzylinder-Turbodiesel ist eine unauffällig agierende und leise laufende Kraftquelle mit geringen Vibrationen. Sein Temperament hält sich mit ausreichenden Fahrleistungen in ebenso engen Grenzen wie sein Durst. Auf Sparfahrt kamen wir mit 6,9 Liter Diesel für 100 Kilometer aus und durften bei schneller Fahrt 9,5 Liter verheizen.

Fazit
Der Renault Latitude gehört zu einer neuen Spezies von Automobilen. Sie entsteht in den Rechnern der Kalkulatoren und nicht mehr auf den Wunschzetteln der Ingenieure. Aber wer ein geräumiges Auto mit sattester Ausstattung zum unschlagbar günstigen Preis sucht, der wird hier fündig. Und womöglich sogar glücklich. Ob dieser Zustand auch für Renault gilt, wagen wir eher zu bezweifeln.

Daten und Messwerte

Preis 31.600 Euro
Preis des Testwagens 31.600 Euro

Vierzylinder-Turbodieselmotor mit Common-Rail-Einspritzung, 1995 Kubik- zentimeter Hubraum

Leistung 127 kW (173 PS) bei 3750/min

Höchstes Drehmoment 360 Nm bei 2000/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1500 bis 3000/min

Getriebe-Automatik mit sechs Schaltstufen

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 4,90/1,83/1,48 Meter

Radstand 2,76, Wendekreis 11,2 Meter

Leergewicht 1695, zulässiges Gesamtgewicht 2180, Anhängelast 1500 Kilogramm, Kofferraumvolumen 477 Liter

Reifengröße 225/45 R 18 V

Höchstgeschwindigkeit 205 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 10,1 s

Verbrauch 6,5 bis 9,5 Liter, im Durchschnitt 8,5 Liter Diesel je 100 km; 170 g/km CO2 bei Normverbrauch von 6,5 Liter; Tankinhalt 70 Liter

Versicherungs-Typklassen noch nicht bekannt

Garantie drei Jahre, begrenzt auf 150.000 Kilometer, zwölf Jahre gegen Durchrostung, lebenslange Mobilitätsgarantie, Wartung nutzungsabhängig jeweils nach 30.000 Kilometer

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Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

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