07.04.2009 · Renault ist nicht nur ein Hersteller von Massenware. Stets hatte man auch Autos für Ästheten und Individualisten im Programm. Mit dem neuen Laguna Coupé wird diese Tradition fortgesetzt, auch wenn es auf dem Kopfsteinpflaster holprig wird.
Von Boris SchmidtCoupés sind die Schöngeister unter den Automobilen. Meist abgeleitet von viertürigen Limousinen, bieten sie für mehr Geld weniger Platz, wird immer wieder gern geschrieben.
Und der Satz wird vom ewigen Wiederholen nicht falsch, folglich gilt er auch für das neue Renault Laguna Coupé. Man kann diese Binsenweisheit aber schlichtweg ignorieren und sich für dieses Auto entscheiden, weil man es schön findet.
Das viel zu breite Frontmaul
„Ist das ein Maserati?“, fragte der neunjährige Filius, als er den schnittigen Laguna zum ersten Mal sah. Er hätte auch nach Aston Martin fragen können, so gelungen ist die Form des Renault.
Nicht mögen kann man allenfalls das viel zu breite Frontmaul mit dem riesigen, aggressiv wirkenden Lüftungsgitter. Aber von der Seite und von schräg hinten sieht das Coupé einfach klasse aus. Punkt. Die gute Figur wird dem Wagen Kunden bringen, die sonst nie auch nur im Traum daran gedacht hätten, einen Renault zu kaufen.
Hohe passive Sicherheit
Dabei hat das Coupé noch andere Qualitäten. Von der Laguna-Limousine hat es die hohe passive Sicherheit geerbt (zehn Airbags, 36 von 37 Punkten beim Euro-NCAP-Crashtest), fünf Motoren stehen zur Wahl, und als besonderes Schmankerl gibt es eine Allradlenkung für die GT-Modelle.
Außerdem kann der flotte Laguna noch eine stets sehr gute Ausstattung in die Waagschale werfen. Mit einem Basistarif von 34.900 Euro ist das von der Redaktion bewegte Modell 2.0 Turbo GT die günstigste Möglichkeit, in den Genuss der Allradlenkung zu kommen.
Schalten macht richtig Freude
Unter der Haube stecken dann 150 turbogestärkte kW (204 PS) aus einem Vierzylinder-Ottomotor, kombiniert mit einem manuellen Sechsganggetriebe. Im etwas schlichter ausgestatteten Basismodell für 31.000 Euro gibt es nur 125 kW (170 PS), dafür aber eine Automatik. Außerdem ist ein 3,5-Liter-V6 als GT für 39.900 Euro zu haben, drei verschiedene Dieselvarianten zu Preisen von 30.300 Euro an stehen ebenfalls in der Liste.
Wir sind aber altmodisch und können uns immer noch nicht so recht mit einem Diesel in einem Coupé oder Cabriolet anfreunden. Und 300 Newtonmeter aus einem Zwei-Liter-Ottomotor, ist das vielleicht nichts? Zudem wären 204 PS vor Jahren noch für einen Sportwagen durchgegangen. Mit Leistung geizt der harmonisch laufende Motor tatsächlich nicht. Wer ihn fordert, kann in weniger als acht Sekunden von null auf 100 km/h beschleunigen, in der Spitze sind fast 240 km/h möglich.
Eine Automatik, die für dieses Modell nicht angeboten wird, haben wir zu keiner Zeit vermisst. Selbst schalten macht in Zeiten der immer mehr um sich greifenden Automaten mal wieder richtig Freude, und mit der leichtgängigen und präzisen Schaltung ist es auch kein Problem. Zudem ist der Motor sehr durchzugsstark, schaltfaul fahren ist möglich, wenn gewünscht. Die guten Werte für das Beschleunigen von 50 auf 100 km/h im 4. oder 5. Gang sind der beste Beweis dafür (siehe Kasten unten „Daten und Messwerte“).
Umfangreiche Mitgift
Der gefällige Motor hat jedoch eine Schwäche: Er ist nicht unbedingt sparsam. Wer ihm ordentlich die Sporen gibt, muss mit Verbräuchen bis zu elf Liter Superbenzin auf 100 Kilometer rechnen. Selbst die tempolimitierte Schweiz konnte den Spritbedarf nicht tiefer als 9,1 Liter drücken. Als Gesamtschnitt aus mehr als 2700 Kilometern ergaben sich 9,8 Liter auf 100 Kilometer. Damit kann man sich freilich arrangieren, man bekommt ja sonst einiges geboten.
Zum Beispiel die mehr als umfangreiche Mitgift. Schon bei „Dynamique“ sind Klimaautomatik, eine Audio-Anlage, Leichtmetallräder, Tempomat oder Bi-Xenonscheinwerfer serienmäßig, GT legt dann noch Leder, beheizbare Vordersitze, größere Räder (18 Zoll) und vieles mehr drauf. Wer dann noch für 950 Euro das „Luxe-Paket“ bestellt (elektrisch einstellbare Vordersitze mit Memory, Park-Pilot und Kurvenlicht), braucht sich nur noch Gedanken um die Außenfarbe (Metallic kostet 500 Euro extra), ein Navisystem (2000 Euro) sowie die Farbe der Lederpolsterung zu machen.
Es stehen Anthrazit, Grau, Tabac und Hellbeige zur Wahl. Mit Letzterem sieht der Innenraum sehr freundlich und hochwertig aus, allerdings sind helle Farben sehr pflegeintensiv. Der Testwagen, der noch keine 10.000 Kilometer gelaufen war, ließ schon erste Farbabnutzungen auf dem Fahrersitz erkennen.
Wohlfühlen mit Luxuscharakter
Dennoch, der luxuriös anmutende Innenraum trägt viel zum Wohlfühlen im Laguna Coupé bei, die Sitze sind bequem und nicht zu kurz oder zu weich, wie sonst so oft bei Renault. Mit der Bedienung gibt es keinerlei Probleme, bemängeln kann man allenfalls die leistungsschwache Sitzheizung, und das Ticken des Blinkers sollte angenehmer klingen. Der Fahrer blickt auf gut ablesbare, klassische Instrumente.
Eine kleine Überraschung ist der gar nicht so knappe Platz auf der für zwei Mitfahrer ausgelegten Rückbank. Während des Genfer Automobilsalons saßen oft drei F.A.Z.-Redakteure und ein freier Mitarbeiter frech-fröhlich im Coupé und sparten so Taxikosten.
Freilich logierten die Schmalen hinten und die Kräftigen vorn, aber der Renault ist mit nur geringen Einschränkungen ein echter Viersitzer - aber mit einer Länge von 4,64 Meter nun auch kein kleines Auto. Beim Einsteigen in den Fond fahren die Vordersitze nach dem Umlegen der Lehne automatisch elektrisch nach vorn, was Ungeduldigen immer zu lange dauert. Die Kopffreiheit hinten beträgt 82 Zentimeter.
Die Sich nach hinten ist schlecht
Leider hat der Laguna eine feste B-Säule (aber rahmenlose Seitenfenster), und die hinteren Seitenfensterchen sind starr. Da der Kofferraum ein Volumen von 423 Liter hat, könnte man auch zu viert ins Wochenende fahren. Statt eines Reserverads liegen ein kleiner 12-Volt-Kompressor und Reifendichtmittel im Kofferraumboden.
Wie es sich für ein klassisches Coupé gehört, hat der Renault einen separaten Kofferraum und keine große Heckklappe, eine Durchlademöglichkeit gibt es dennoch. Die Rückbank ist asymmetrisch geteilt, es entsteht eine nahezu ebene Ladefläche von 1,80 Meter Länge. Zu den coupéspezifischen Nachteilen gehört das flache Rückfenster, die Sicht nach hinten ist schlecht, dazu fehlt ein Scheibenwischer.
Straffe Federung
Nicht unbedingt typisch, aber bei Coupés oft zu finden: Um der Sportlichkeit noch mehr Ausdruck zu verleihen, werden sie zu straff abgestimmt. Das gilt auch für das Laguna Coupé. Schon mittelgroße Löcher auf der Straße bekommen die Insassen über Gebühr zu spüren.
Und noch etwas verdrießt einem die Freude am Fahren: Wie bei fast allen Fronttrieblern sind beim Laguna Antriebseinflüsse in der Lenkung zu kritisieren, zudem hat der Renault bei starkem Beschleunigen auf den ersten Metern mit Traktionsschwierigkeiten zu kämpfen, trotz serienmäßigem ASR.
Sehr gut und präzise arbeitet die generell elektronisch gesteuerte Servolenkung, und die Allradlenkung ist tatsächlich ein spürbarer Gewinn. Die (elektronisch gesteuerten) Hinterräder können bis zu 3,5 Grad ausschwenken, bis Tempo 60 geschieht das gegenläufig, was das Parken und Manövrieren leichter macht. Der Wendekreis beträgt nur 10,10 Meter.
Spuren hinterlassen
Bei schnellerer Fahrt lenken die Hinterräder mit, der Wagen reagiert direkter und spontaner. Das zahlt sich auf kurvenreichen Straßen aus, die der Laguna sicher im Griff hat, auch weil das ESP mit einer Untersteuerkontrolle dafür sorgt, dass man kaum von rechten Weg abkommt. Die Bremsen arbeiten tadellos, auch am Geradeauslauf gibt es nichts zu kritteln.
Ohne Frage, dieser Renault hat es mehr als verdient, im Markt nachhaltigere Spuren zu hinterlassen, als dies die so individuellen Außenseiter Vel Satis und Avantime getan haben. Wir sind ziemlich sicher, er wird es tun.
Empfohlener Preis 34.900 Euro
Preis des Testwagens 39.470 Euro
Vierzylinder-Turbo-Ottomotor, vier Ventile je Zylinder, 1998 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 150 kW (204 PS) bei 5000/min
Höchstes Drehmoment 300 Nm bei 3000/min, mindestens 90 Prozent davon ab 2100 bis 5200/min
Sechs-Gang-Schaltgetriebe (Automatik für dieses Modell nicht erhältlich)
Antrieb auf die Vorderräderund aktiv mitlenkende Hinterachse
Länge/Breite/Höhe 4,64/1,81/1,40 Meter
Radstand 2,69, Wendekreis 10,10 Meter
Leergewicht 1430 (tatsächlich 1500), zulässiges Gesamtgewicht 1923, Anhängelast 1300 Kilo; Kofferraumvolumen 423 Liter
Reifengröße 225/45 R18
Höchstgeschwindigkeit 236 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 7,8 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5./6. Gang in 9,5/12,7/17,6 s
Verbrauch 9,1 bis 10,8, im Durchschnitt 9,8 Liter Superbenzin je 100 km; 194 g/km CO2 bei Normverbrauch von 8,2 Liter; Tankinhalt 66 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 19, TK 24, VK 26
Gewährleistung drei Jahre oder 150.000 Kilometer, 12 Jahre auf Durchrostung, unbegrenzt auf Mobilität bei autorisiertem Service, Wartung alle 20.000 Kilometer
La(n)guna
marius meyer (mm_hh)
- 07.04.2009, 21:17 Uhr