19.12.2011 · Das Rangieren im Range nach Gutsherrenart ist out. In ist die neue Bescheidenheit ohne Absage an die Lust am Luxus und mit dem Stil eines Lebens, das eigenen Wegen folgt. Dafür gibt es jetzt den modernsten Range Rover aller Zeiten: Der Evoque ist mehr als Evolution.
Von Wolfgang PetersTradition, das ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Bewahrung der Glut. Und diese Glut hat man bei Land Rover zur rechten Zeit nicht nur bewahrt, sondern mit dem Evoque kräftig neu entfacht.
Mit einem Design, das nur aus Extravaganzen besteht, das in Blöcke zerfällt und sich doch wieder zu einem Ganzen vereint. Der Evoque ist die Eminenz einer Coolness, die sich aus dem Selbstbewusstsein des Herausforderers speist.
Die Stylisten bei Land Rover hatten erkannt, dass sie weder mit einem geschrumpften Range noch mit einer langweiligen Teutonenkopie reüssieren würden. Irgendwie wussten wir schon immer, dass die Welt des noblen Kompakt-Geländewagens mehr sein musste als das kalte Eisen der Männer von gestern: Die angeblich zeitgeistigen deutschen SUVs (BMW X3, VW Tiguan, Audi Q3 und Mercedes-Benz GLK) wirken abgestanden wie kalter Earl Grey zu alten Ingwer-Keksen in einer ungeheizten Turnhalle.
Zur Unterfütterung des eigenen Mutes stellten die Evoque-Macher gleich zwei Versionen auf die Plattform des plötzlich fad wirkenden Land Rover Freelander. Der Evoque als "Coupé" (zwei Türen) ist eine beinahe extraterrestrische Erscheinung, die Limousine (vier Türen) ist über alle Versionen hinweg jeweils 1000 Euro billiger. Wer häufiger die Rücksitze belegt, und sei es nur mit edlen Einkaufstüten, der ist, wie wir mit dem jetzt gefahrenen Viertürer, besser dran.
Vier Vierzylindermotoren stehen zur Wahl, drei Diesel mit identischem Hubraum von 2179 Kubikzentimeter, aber in unterschiedlicher Konfiguration, und ein Benziner, der mit 177 kW (240 PS) und einem maximalen Drehmoment von 340 Newtonmeter ausreichend Temperament verspricht.
Eine einzige Variante hat Frontantrieb, sie ist die günstigste, billig ist "Pure" für 33.100 Euro nicht wirklich, aber die stärkste 4×4-Dieselvariante im SD4 mit 140 kW (190 PS) kommt in der Ausführung "Prestige" auf 46.700 Euro. Das ist selbst unter Berücksichtigung der kompletten Ausstattung und der souveränen Verarbeitung kein kleines Geld und ruft nach einer bewussten Entscheidung. Zumal natürlich niemand weiß, zu welchem Tarif man seinen Evoque nach drei Jahren wieder losschlagen kann.
Auch die viertürige Version ist der moderne Range für den Catwalk. Ein lässiges Model ohne Üppigkeit, aber mit ausgeprägtem Eigensinn für die andere Schönheit, und das kann nicht ohne Nachteile sein: Der Evoque ist neben diversen Lambos und dem Bugatti Veyron das Auto mit den größten toten Ecken (blind spots) und der miesesten Übersichtlichkeit (man kann aber mit einem Warnsystem teilweise Abhilfe schaffen). Vorn verschwinden fast kleine Landstriche hinter Dachpfosten und Außenspiegel, und die hinteren Fenster an der Seite und in der Heckklappe sind kaum größer als die Schießscharten von Bullwhinney Castle.
Allerdings gelingt der Einstieg vorn wie hinten ohne Verrenkungen, der Fahrer findet einen angenehm gestalteten Arbeitsplatz vor, der mit scharf abzulesenden Rundinstrumenten, mit Leder und edlen Materialien recht nachdrücklich Traditionspflege betreibt. Die Konsole zwischen den Sitzen ist ein mächtiges Möbelstück und die Schaltzentrale zur Bedienung des Evoque. Diese fordert freilich intensive Eingewöhnung.
Das beginnt bereits am griffigen und ein wenig groß geratenen Volant, der achtzehn Tasten feilhält, und setzt sich mit dem wirr und zögernd agierenden Navigationssystem fort. Auf dem Mitteltunnel geht es weiter, dort warten jene Schalterchen, die aus dem Catwalk-Auto den Kampfhund fürs Gelände machen: Putzige Symbolzeichnungen mit Schneekristall oder einer Tanne im Hohlweg oder einem prächtigen Exemplar aus der Familie der Opuntien weisen auf die Eignung des Evoque hin, auch einsam gelegene Eiscafés aufsuchen zu können.
Alle Sitze sind bequem und unterstützen sehr gut den Körper, hinten ist man auch in der Mitte relativ gut untergebracht (mit einer gerade noch ausreichenden Kopffreiheit), und hinter der klappbaren Rücksitzbank (ein Drittel zu zwei Drittel, aber nur die Lehne, ohne die Sitzfläche) gibt es ausreichend Stauraum.
Das gesamte Kofferabteil ist überaus sorgfältig ausgekleidet, es harren genügend Haken auf Spanngurte zum Fixieren des Gepäcks im Gelände. Unter dem Ladeboden wartet ein flaches Fach auf Kleinigkeiten. Wird die Rücksitzbank umgeworfen, wächst die Tiefe der Ladefläche von rund 80 auf etwa 170 Zentimeter, durch die große Heckklappe (Öffnung unten 98 und oben 80 Zentimeter breit und 90 Zentimeter hoch) wird Einladen zum Vergnügen, und schon kann die Expedition in die Freude am Fahren starten.
Denn der Evoque entfernt sich auch im Fahrverhalten von den üblichen Normen des Genres. Die Lenkung ist angenehm direkt und nicht zu leichtgängig, die Karosseriebewegungen beschränken sich auf ein leichtes Wanken in Kurven mit welligem Straßenbelag.
Weil das Fahrwerk nicht nur mit Einzelradaufhängung, sondern auch mit aufwendiger Konstruktion ans Werk geht, bietet der immerhin rund 1,9 Tonnen wiegende Evoque eine unerwartet hohe Agilität. Im zu zügig aufgesuchten Grenzbereich fühlt sich das Heck leichter an, aber einfaches Gaswegnehmen und eine diskrete Reaktion am Volant sorgen für Linientreue.
Gleichzeitig befriedigt er auch höhere Ansprüche beim Federungskomfort und hält ausreichendes, aber nicht überragendes Schluckvermögen bereit. So werden zum Beispiel Querfugen mit kräftigem Rumpeln quittiert.
Die vier Scheibenbremsen gehen intensiv und ausdauernd ihrer Tätigkeit nach, und der auf griffiger Fahrbahn unauffällig agierende permanente Allradantrieb sorgt für gute Traktion, wenn es glitschig wird. Kleinere Ausritte in das beinahe grundlose Spessartgeläuf meistert der stylische Evoque ohne Fehl und Tadel: Wie ordinär doch Schlammspritzer auf Orkney-Grey-Lack wirken können.
Dass der 2,2-Liter-Diesel ein vergleichsweise schnöder Vierzylinder ist, hat nicht gestört. Von 1800 bis etwa 3400/min fließt das maximale Drehmoment auf die Räder und bietet gute Voraussetzungen für ruhiges Fahren.
Nach dem Kaltstart und beim Hochdrehen lässt der Evoque für kurze Zeit den knurrenden Hofhund von der Kette. Dieser beruhigt sich dann bei etwa 2000/min in der sechsten Stufe des nicht ohne Hakeleien zu schaltenden Getriebes und verfällt in der Nähe von 120 bis 140 km/h in ein zufrieden klingendes Schnarchen.
Mit rücksichtsloser Kasteiung wurden Verbrauchswerte um 6,7 Liter für 100 Kilometer erzielt, Tempobolzen kostet 9,2, und der Durchschnitt von 8,7 ist kein Grund für ausschweifendes Lob. Der Diesel müsste sparsamer sein.
Dennoch fährt der Evoque einer rosigen Zukunft entgegen. Er ist das richtige Vehikel für die karrierebewussten Aufsteiger, und die Tradition seiner Herkunft adelt jeden, der sich bewusst von deutschen Modellen dieser Klasse abwendet.
Nächste Woche: Fahrtbericht-Bilanz
Empfohlener Preis 46.700 Euro
Preis des Testwagens etwa 56.000 Euro
Vierzylinder-Dieselmotor, vier Ventile je Zylinder, Abgasturbolader, Common-Rail-Einspritzung, Hubraum 2179 Kubikzentimeter
Leistung 140 kW (190 PS) bei 3500/min
Höchstes Drehmoment 420 Nm von 1800 bis 3500/min, 90 Prozent davon ab 1600 bis 3800/min
Permanenter Allradantrieb
Länge/Breite/Höhe 4,45/1,90/1,72 Meter
Radstand 2,66, Wendekreis 11,4 Meter
Leergewicht 1825, zulässiges Gesamtgewicht 2350, Anhängelast 1800 Kilogramm, Kofferraumvolumen 550 bis 1350 Liter
Reifengröße 225/65 R 17
Von 0 auf 100 km/h in 10,5 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5./6. Gang in 10,4/17,1/ 22,3 s
Höchstgeschwindigkeit 205 km/h
Verbrauch 6,7 bis 9,2, im Durchschnitt 8,7 Liter Diesel je 100 km; 149 g/km CO2 bei Normverbrauch von 5,7 Liter, Tankinhalt 58 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 24, TK 24, VK 22
Garantie drei Jahre oder 100.000 km; sechs Jahre gegen Durchrostung; Wartung nach jeweils 25.000 km oder jährlich