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Fahrtbericht Porsche 911 Carrera S Das schnelle Leben der Kuscheltiere

14.04.2005 ·  Der neue 911 Carrera S ist ein Sportwagen mit noch besseren Eigenschaften. Und dabei ist er ein ganz authentischer Porsche geblieben.

Von Wolfgang Peters
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Porsche hat goldene Jahre hinter sich. Aber zur Zukunft seiner Produkte gibt es zwei Fragen: Welche Dosis der Droge 911 vertragen die Kunden noch bis 2010? Und: Mit wieviel Porsche kann (will?) die deutsche Gesellschaft überhaupt noch leben? Auf die erste Frage gibt der neue Porsche 911 Carrera S überzeugende Antworten. Für die Klärung der zweiten sind nebulöse gesellschaftliche Entwicklungen zuständig. Wir pflegen da keinen übermäßigen Optimismus.

Beständig ist die Veränderung

Die jüngste Generation des ältesten deutschen Auto-Erfolgs haben wir jetzt so intensiv, wie es nur irgendwie ging, gefahren. Wir hatten schöne Erlebnisse dabei und konnten Erinnerungen auffrischen: Man fühlt sich mit einem 911 besser als ohne ihn. Er hat auch wohltuende Einflüsse auf die körperliche Erscheinung nach langen Fahrten. Man freut sich über die Fähigkeit zum aufrechten Gang. Der 911 bestätigte frühere Erkenntnisse, öffnete Augen und Geist für neue Erlebniswelten und machte den Weg frei für Erfahrungen, die sonst von automobilem Zivilisationsmüll verschüttet sind. Vor allem aber zeigt der neue Carrera Werte, die unvergänglich sind. Und er demonstriert, daß nur die Veränderung das Beständige in diesem Moment des irdischen Daseins ist. Diese kurze Zeitspanne sollte man nicht vertun mit Aufenthalten in den Fahrzeugen des öffentlichen Nahverkehrs.

Es gibt eine große Menge der Porsche-Klientel, die im Herzen wie Kinder ist. Die können sich nicht von ihrem Kuschelhasen trennen, obwohl es rundum modernere und hygienischere Spielgefährten gibt. Denn Kinder hassen Veränderungen. Sie wollen, daß alles so bleibt, wie es ist. Ihre Welt saust ohnehin mit hoher Geschwindigkeit um sie herum, da wird das Stofftier zum Angelpunkt. Der Porsche-Fahrer ist da ganz ähnlich. Seine Neigung zum Verharren liegt an seinem Hang zum zügigen Ortswechsel und ist nicht begründet in der Ablehnung von Neuem. Er weiß einfach, daß es für ihn nichts Besseres gibt.

Diesem Anspruch freilich steht der Rest der Gesellschaft mitunter mehr als skeptisch gegenüber. Sie hat sich allerlei Neuerungen ausgedacht, die zu leiseren, langsameren, bequemeren, zu sichereren und schadstoffärmeren Vehikeln führen müssen. Daneben gibt es eine technische Bewegung in der Welt, die sich als Fortschritt bezeichnet. Selbst Porsche-Fahrer, denen der (jetzt designte und mit feststehendem Bart versehene) Zündschlüssel wie eine gutartige Wucherung aus der linken Hand gewachsen ist, sind davon nicht unberührt geblieben. Weil sich auch der Hersteller diesen Bewegungen nicht verweigern konnte, kam der Porsche 911 mit der Typenzahl 996. Gleichzeitig aber haben die Burschen bei Porsche den Grund ihres Erfolgs nicht nur erkannt, sondern diese Erkenntnis auch in Handeln umgesetzt: Ein Porsche muß ein authentisches Produkt sein. Dann ist es unerheblich, ob er zwei oder vier Türen hat, ob er durchs Gelände watet, ob sein Motor mit Luft oder Wasser gekühlt wird. Deshalb gibt es jetzt den 911 Typ 997, und dieser existiert prima neben dem großen Cayenne, und er nimmt dem kleineren Boxster nicht den Schinken von der Semmel, und dieser wiederum wird künftig sonnig leben neben einem frechen, neuen, leichten, kleineren Sportwagen, der sein wird wie das Glitzern der Forelle im Gebirgsbach. Der Typ 997 ist wie alle 911 vor ihm die Klammer für diese allmählich entstehende Modellfamilie. Und er verbindet alle Zeiten zu einem großen Zukunftsmodell.

Langstreckentauglich

Dazu gehört vor allem, daß der neue Carrera tauglicher ist für lange Strecken. Die Karosserie ist etwas gewachsen, sie wirkt unwesentlich fülliger, die Frontpartie ist wieder puristischer, der Rücken wirkt, als sei er nur knapp verborgen unter einem Kleid aus Seide. Für längere Distanzen steht trotz des unverändert kurzen Radstands etwas mehr Raum für zwei Menschen zur Verfügung, die geschätzte Intimität dieser Passagierkapsel wird davon nicht gestört. Der Kofferraum ist immer noch klein, vorn kann man 135 Liter einfüllen, hinter den Vordersitzen die Lehnen der Notplätze klappen, dann sind dort zwei Kleidersäcke unterzubringen. Weil auch in einem Porsche die Liste der (vermeintlichen?) Annehmlichkeiten immer länger wurde, ist er nicht mehr so einfach zu bedienen wie einst. Die Mittelkonsole trägt eine Unzahl winziger Drucktasten, man kann mehr verstellen, als man eigentlich will. Die ineinandergeschachtelten Instrumente sind leidlich gut abzulesen, für bestimmte Werte gibt es aus Gründen, die wir nicht ergründen können, die identische Information auch noch digital. Geblieben ist diese unverwechselbare Ausstrahlung von Solidität, von Konzentration (daran ändern auch die Verwirr-Schalter nichts) und von Hochwertigkeit, die man nicht mit Leder herbeitapezieren kann.

Bequem sind die Sitze, allerdings nicht weich gepolstert, sondern eher von straffer Schmiegsamkeit. Sie sind vielfältig zu modifizieren, und der Fahrer greift nun an einen Volant, der sich ebenfalls verstellen läßt. Im Fußraum geht es wie immer bei Porsche eng zu, die stehenden Pedale fordern eine etwas andere Bewegung, und Schaltung sowie zielgenaue Lenkung wollen mit mehr Kraft bedient werden, als man vom Alltagswagen gewohnt ist. Auch die Kupplung ruft nach einem kräftigen Beinchen. Beim Sechsganggetriebe kann man ultimative Präzision vermissen, mitunter tun sich Knorpel auf den Wegen zwischen den Positionen auf, und das Zusammenspiel von Kuppeln, Schalten und Einsatz der Motorkraft fordert Konzentration vom Fahrer. Die Bremsen sind hervorragend, sie verzögerten auch beim zehnten Versuch so wie am Beginn.

Ruhigere Fahrt

Die Verbesserungen im Fahrwerk sind ein weiterer Grund für die höhere Langstreckentauglichkeit. Der Carrera ist natürlich kein wirklich komfortables Auto geworden. Das muß ja nicht sein. Unebenheiten in der Fahrbahn werden besser geschluckt als in allen früheren Modellen, Querrinnen führen immer noch zu Stößen bis in den Innenraum, aber nicht mehr zu Ruppigkeiten. Die Federwege haben eine deutlich angenehmere Wirkung, die Dämpfer gehen erst bei wirklich hohem Tempo ihren Geschäften mit harschen Reaktionen nach. Geblieben ist die Empfindlichkeit bei Seitenwind. Ungeachtet gewisser Pump-Bewegungen des Vorderwagens auf welliger Fahrbahn ist die Straßenlage jetzt erste Klasse, über Lastwechselreaktionen muß nicht mehr geklagt werden. Dennoch fordert der Carrera bei hohem Tempo hohe Konzentration; diesen Porsche engagiert zu bewegen ist anstrengender als ein M5 von BMW oder ein E 500 von Mercedes. Aber er ist viel sicherer zu fahren. Denn unser Wagen enthielt nicht nur die adaptiven Sportsitze mit verstellbaren Seitenwangen (2800 Euro Aufpreis), sondern auch das Sport-Chrono-Paket (750 Euro), das auf Befehl des Fahrers alle elektronischen Helferlein in den sportiven Wachzustand versetzt. Alles, einschließlich des elektronischen Stabilitätsprogramms und der ABS-Regelung, scheint dann mehr auf den Fahrer zu vertrauen. Und der Motor wetzt die Messer schärfer.

Das abermals erstarkte Aggregat wechselt drehzahlabhängig die Tonarten. Es kennt sanftes Schnarchen und süßes Schnaufen ebenso wie das Knurren und Kläffen von tausend hungrigen Hunden. Es zieht enorm durch bei niedrigen Drehzahlen, und es verleiht dem Auto fast schon Flügel bei hohen Touren. Zudem kann man sehr sparsam damit unterwegs sein. Der Tank ist zu klein geraten.

Das Phänomen Porsche ist noch mehr als einst keine Frage des schnellen Fahrens oder des schönen Prestiges. Es ist in letzter Konsequenz die Konzentration auf das Wesentliche, auf das Erreichen der eigenen Leidensfähigkeit. Doch jetzt gehört auch das Kuscheln dazu.

Nächste Woche: Opel Astra Caravan 1.9 CDTi (110 kW) Cosmo; weitere Artikel unter www.faz.net/Fahrtberichte

Quelle: F.A.Z., 12.04.2005, Nr. 84 / Seite T3
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Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

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