11.04.2006 · Das Coupé sucht seine Identität zwischen Sport und Luxus.
Von Gerold LingnauSchön sein ist Pflicht für ein Coupe: Das rechtfertigt zum Teil den höheren Preis. Ausnahmen sind allenfalls Sportcoupes zugestanden und nur selten mit Erfolg verbunden - man denke etwa an den geschlossenen Z3 von BMW. PSA, der Peugeot-Citroen-Konzern, geht mit seinen Coupes der 4er-Baureihe kein Risiko ein. Das 406-Derivat, vom Turiner Designer Pininfarina gezeichnet, war eine klassische Schönheit: Kein bezahlbares Coupe war zu seiner Zeit so makellos ansehnlich. Der Nachfolger auf 407-Basis, seit Januar am Markt, ist nicht von italienischer Abkunft, sondern französisch-hausgemacht. Das hat ihn zwar nicht geradezu häßlich geraten lassen. Aber er ist doch in der Gefahr, in der bei PSA derzeit betriebenen stilistischen Inzucht seine Sonderstellung einzubüßen. Er wirkt elegant, ist aber nicht unverwechselbar - das neue große Peugeot-Maul am weit überhängenden Bug setzt sogar einen ästhetisch zweifelhaften Akzent. Wie derzeit alle Peugeots, ist auch das 407 Coupe aus Furcht vor Langweiligkeit ein wenig zu grell geschminkt. Das muß man mögen - oder sich anderweitig umsehen.
Ernsthafter werden die Einwände, wenn vermeintliche Schönheit zu Lasten der Funktion geht. Da hat ein Coupe zwar größere Freiheiten als eine Limousine oder gar ein Van, aber die äußersten Grenzen der Vernunft darf es auch nicht überschreiten. Das 407 Coupe provoziert Einwände vor allem im Frontbereich. Die Windschutzscheibe ist - ohne Notwendigkeit den CC-Modellen von Peugeot nachempfunden - so flach gestellt, daß die starken vorderen Dachsäulen zum Sichthindernis werden. Es gibt Verkehrssituationen, in denen sich große Fahrzeuge dahinter regelrecht verstecken, und auch beim Abbiegen muß man stets mit einer gefährlichen Einschränkung des Blickfelds kalkulieren. Gegenüber solchen funktionellen Nachteilen verblassen jene, die coupetypisch sind und einem Mitglied dieser Gattung kaum angekreidet werden können. Da geht es zum Beispiel um den Zustieg zu den hinteren Sitzen (der Peugeot ist nur für vier Personen zugelassen), der zwar vom elektrischen Vorrücken der Vordersitze beim Klappen ihrer Lehnen erleichtert wird, insgesamt jedoch ein umständliches Unterfangen bleibt. Auch die knappe Kopfhöhe im Fond kann nur konstatiert, nicht aber bemängelt werden. Bei den Raumverhältnissen muß man allerdings in Rechnung stellen, daß das 407-Coupe die Länge einer E-Klasse von Mercedes-Benz erreicht hat, das sind 20 Zentimeter mehr als der Vorgänger. Der Kofferraum ist dabei nur minimal größer geworden (400 statt 390 Liter). Schlecht zu beladen ist er außerdem, denn das Coupe hat keine Heckklappe, sondern einen knapp bemessenen Deckel und darunter eine sehr hohe Bordkante. Man kann das Gepäckvolumen immerhin vergrößern: Der Sitz läßt sich aber nur im ganzen umlegen, die Lehne dagegen in zwei ungleichen Teilen. Das gibt es zwar auch anderswo, aber hier rät die Betriebsanleitung dringend davon ab, allein die Lehne zu klappen. Warum bitte hat man sie dann überhaupt geteilt?
Nun wird niemand ausgerechnet ein Coupe als Transporter oder Familienkutsche mißverstehen, zumal die erlaubte Zuladung des 407 - bei unserem Exemplar 320 Kilogramm - selbst für einen Viersitzer sehr bescheiden ist. Die wahre Bestimmung eines solchen Autos konzentriert sich auf die vorderen Sitze. Ihre zwei Benutzer sind ausgezeichnet untergebracht, auf großen, elektrisch einstellbaren Sesseln und, in der teureren von zwei Ausstattungsversionen mit Namen Platinum, auf Lederbezügen. Leder kann man sich gegen Aufpreis auch ans Armaturenbrett wünschen, dort geht es aber einen seltsamen Mix mit glattem Kunststoff ein. Die Instrumente sind groß und prima im Blick; an der Tachoskala fällt die französische Marotte auf, die "ungeraden" Zehner - 10, 30, 50 und so weiter - hervorzuheben. Keine nationalen Eigenheiten gibt es bei den Bedienungselementen. Ablagen sind genug vorhanden, und nicht nur im vorderen Bereich. Eine Zweizonen-Klimaautomatik haben alle 407 Coupes serienmäßig, sie macht ihre Sache gut.
Die dynamische Form des Peugeot täuscht nicht: Er ist auch ein stark motorisiertes Auto. Das ist nötig, denn unser Wagen war mit 1810 Kilogramm Leergewicht ein schwerer Brocken. Schon der Einstiegs-Vierzylinder leistet 120 kW (163 PS), der Sechszylinder-Benziner 155 kW (211 PS). Aber ein besonderes Maß an Fahrfreude schenkt der Sechszylinder-Dieselmotor, den sich PSA mit der Ford-Gruppe teilt und der das derzeit angenehmste Triebwerk seiner Art ist - nicht übertroffen selbst von Acht- und Zehnzylindern. Ein besonderer Genuß ist schnelles Autobahnfahren: Nicht nur, weil das Coupe da flott vorankommt (225 km/h Höchstgeschwindigkeit), sondern wegen der fast völligen Abwesenheit von lästigen Wind- und Motorgeräuschen. So legt man selbst längste Strecken entspannt zurück. Der Motor, selbstverständlich mit Partikelfilter, ist obligatorisch mit einem Sechsstufen-Automatikgetriebe kombiniert, das ihn trefflich ergänzt. Es handelt adaptiv, so daß manuelle Eingriffe selten notwendig sind und der Sport-Modus zu nichts taugt außer zur Erhöhung des Verbrauchs. Der ist, mit unserem Durchschnitt von 9,5 Liter Diesel je 100 Kilometer, für die Fahrleistungen und das Gewicht des Wagens angemessen. Auf freier Autobahn muß man freilich mit 11 bis 12 Liter rechnen, doch der 67-Liter-Tank erübrigt allzu häufige Nachfüllpausen. In 9,2 Sekunden stürmt das Coupe ohne akustisch wahrnehmbare Anstrengung von 0 auf 100 km/h, in nur 6,7 Sekunden mit Kickdown von 50 auf 100 km/h. Im Drehmoment übertrifft der Diesel den Sechszylinder-Benziner um die Hälfte: Das macht seine Souveränität aus. Seine angenehmen Manieren sind eine wunderbare Zugabe.
Weniger gut erzogen gibt sich der Peugeot in Sachen Fahrkomfort. Hier hat man an ihm zu sehr das Sportliche betont: Federung und Dämpfung sind straff, wenn nicht gar hart abgestimmt, Straßenunebenheiten der schlimmeren Kategorie nehmen die Insassen weit stärker wahr, als sie es in einem Luxus-Coupe erwartet hätten. Mit Poltern oder gar Durchschlagen reagieren die Radaufhängungen aber nicht. Dem Fahrverhalten kommt diese Auslegung natürlich eher zugute. Das große Auto läßt sich zwar nicht spielerisch, aber leicht genug bewegen, in Kurven drängt es nicht mit dem Bug nach außen, sondern folgt gehorsam dem Lenkeinschlag. Das ESP, das sich nur im untersten Geschwindigkeitsbereich abschalten läßt, braucht bloß selten zu intervenieren und tut das spät, dann aber konsequent. Winterglatte Straßen meistert der Peugeot mit Bravour - trotzdem schön zu wissen, daß die Vorkehrungen für die passive Sicherheit (etwa mit sieben Airbags) komplett sind. Auf hohem Niveau agieren auch die Bremsen.
Das Peugeot-Coupe gibt es in den Ausstattungsstufen Sport und Platinum, die Preisdifferenz beträgt 3100 Euro. Für den Platinum-Diesel bedeutet das 38 400 Euro, auf den Cent gleich wie der Sechszylinder-Benziner mit Automatik. Über Sport hinauszugehen lohnt allenfalls wegen des adaptiven Kurvenlichts der ohnehin serienmäßigen Bi-Xenon-Leuchten, der Einparkhilfe vorn und des automatisch abblendenden Innenspiegels. Den Rest - bessere Audioanlage, Leder, elektrisch einstellbare Vordersitze mit Fahrer-Memory und einiges Dekorative - muß man nicht unbedingt haben. Zumal der Nachbar es sowieso nicht bemerken wird.