Home
http://www.faz.net/-gyb-xx3t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fahrtbericht Opel Meriva Gegenläufige Türen sind nicht alles

 ·  Opel hat den zweiten Meriva nicht nur kräftig wachsen lassen, sondern beschert ihm mit den gegenläufigen Türen auch ein Alleinstellungsmerkmal. Ob das reicht, sich gegen die Konkurrenz zu behaupten, muss sich zeigen.

Artikel Bilder (1) Video (1) Lesermeinungen (8)

Auf jeden Fall sind die Türen immer noch ein Hingucker auf jedem Supermarkt-Parkplatz, und ja, man steigt tatsächlich besser ein. Ältere Menschen bestätigen das, und wer kleinere Kinder noch in ihren Sitzen festschnallen muss, wird feststellen, dass man so viel leichter an den Nachwuchs heran kommt.

Der Komfort beruht auch darauf, dass die an der C-Säule angeschlagenen hinteren Türen fast im 90-Grad-Winkel öffnen, im übrigen fällt das Aussteigen leichter, auch in engen Parklücken. Man verlässt den Wagen nach vorn, nicht nach hinten. Nur muss man darauf achten, dass man nicht gleichzeitig mit dem Vordermann aussteigt, dann kann man sich in die Quere kommen.

Einen Pluspunkt für die Türen hat sich Opel auf jeden Fall verdient, und der eine oder andere wird den Meriva nur deswegen kaufen. Doch Opel hat für die zweite Generation noch weit mehr getan als nur die Türen anders anzuschlagen.

Länge
Vor allem ist der kompakte Opel kräftig gewachsen. Mit einer Länge von jetzt 4,30 Meter rückt er schon dem Zafira auf den Pelz, der aber seinerseits in der dritten Generation (kommt Ende 2011) abermals zulegen wird. Stehen der neue Meriva und der aktuelle Zafira nebeneinander, ist auf den ersten Blick gar nicht auszumachen, wer das größere Auto ist.

Kofferraum
Dem Meriva fehlt aber in jedem Fall die dritte Bank, und der Kofferraum ist nicht so groß, wie man angesichts des doch recht stattlichen Wagens vermuten würde – das Volumen beträgt 400 Liter, wenn die drei Einzelsitze im Fond ganz hinten stehen. Und auf die 400 Liter kommen, muss man noch den Boden herausnehmen, der eine ebene Fläche nach dem Umlegen der Sitze schafft.

Ohne ihn geht es hinter der Kofferraumkante 20 Zentimeter nach unten. Wer öfter Wasserkästen transportiert, sollte den Boden also drin lassen, wenn er diese Übung nicht als Fitnesstraining versteht. Opel verkauft dieses Detail geschickt als zweifach höhenverstellbaren Kofferraumboden. Die maximale Laderaumlänge beläuft sich auf 1,60 Meter; wer dachhoch belädt, hat ein Volumen von 1500 Liter zur Verfügung.

Platzangebot und Ablagen
Was den Familienmenschen ärgert, ist die Tatsache, dass selbst der Meriva wie viele Autos von heute eigentlich nur ein Viersitzer ist. Der einzelne Mittelplatz hinten ist etwas schmäler, wer dort mitfahren soll, hat eine extrem harte Lehne im Kreuz, dazu keinen Platz für die Füße, sobald im Opel „FlexRail“ montiert ist. Gemeint sind damit zwei Schienen zwischen den Vordersitzen, auf denen sich auf zwei Ebenen verschiedene Boxen und Behälter montieren und hin und her schieben lassen.

Die Schienen enden im Fußraum hinten, das System selbst kann auch von den Fondpassagieren genutzt werden. Es ist Serie in den Ausstattungsversionen Innovation (wie in unserem Testwagen) und Edition, für die Basisvariante Selection ist es nicht zu haben. Ohne FlexRail muss man mit viel zu kleinen Ablagen in den Türen (aber einem Platz für Anderthalbliter-Flaschen) und einem winzigen Handschuhfach auskommen.

Sitze
Die Fondsitze können um zehn Zentimeter verschoben werden, was das Kofferraumvolumen erhöht, aber Beinfreiheit gibt es dann nur noch, wenn Fahrer und Beifahrer gleichfalls vorrücken. Stehen die Sitze ganz hinten, ist auf jeden Fall für zwei genug Platz im Fond, beide äußeren Stühle können zudem für noch mehr Beinfreiheit noch etwas nach innen gerückt werden.

Aufpreis kosten Tischchen an den Rückseiten der Vordersitze, die gibt’s für 60 Euro im Funktionspaket zusammen mit Ablageboxen unter den Vordersitzen und einer 12-Volt-Steckdose im Laderaum. Bestellt man die sehr bequemen Ergonomie-Sitze (685 Euro) für vorn, entfällt diese Option. Zu den Überraschungen der Aufpreisliste gehört die fehlende Kopfstütze für den ungeliebten fünften Sitz (50 Euro), das horizontale Trenn-netz (140 Euro) und der „FlexFix“-Fahrradträger für nur 100 Euro (bei Innovation).

Dieses praktische Teil für zwei Bikes, das samt extra Beleuchtung (weil die Räder die Heckleuchten verdecken) unter dem Wagenboden hervorgeholt werden kann, kostet sonst 590 Euro extra. Es verträgt sich aber nicht mit dem Parkpilot (bei Edition und Selection 520 Euro) und auch nicht mit einem Notrad (60 Euro).

Ausstattung
Dennoch ist der Ausstattungsumfang bei Innovation und Edition sehr gut bis gut, das Basis-Modell hat zum Beispiel kein Radio und keine Klimaanlage, dort muss man die hinteren Seitenfenster kurbeln und sich mit Stahlrädern begnügen.

In den meisten Fällen bestellen die Opel-Kunden Edition, dann ist alles Wichtige dabei, Innovation bringt neben dem schon Erwähnten Kurvenlicht, Sitz- und Lenkradheizung, ein Lederlenkrad, verchromte Türgriffe, Nebelscheinwerfer und größere Alu-Räder (17 Zoll).

Der Preissprung zu Edition beträgt 1800 Euro, in dieser Ausstattung unser Meriva noch unter der 20.000-Euro-Marke geblieben. So aber liegt er weit darüber, auch wegen einiger weiterer Extras wie dem Navi-System (900 Euro), der Metallic-Lackierung (490 Euro) und dem schönen Panorama-Glasdach (650 Euro, ein konventionelles Schiebedach gibt es nicht).

Motoren
Hinsichtlich der Motorisierung lässt Opel dem Kunden die Wahl zwischen drei Benzinern und vier Dieselmotoren, wer eine Automatik will (sechs Stufen) muss den 1,7-Liter-Turbodiesel mit 74 kW (100 PS) nehmen. Unser Wagen war ein 1,4-Liter-Benziner, der sich noch mit dem Beinamen „Ecoflex“ schmückt und besonders sparsam sein soll. 88 kW (120 PS) lassen ansprechende Fahrleistungen erwarten, leider verzichtet Opel auf einen 6. Gang, der dem Sparen gewiss zuträglich wäre.

Verbrauch
Mit einem Durchschnittsverbrauch von 8,5 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer, erfahren bei kalter Witterung, kann man zufrieden sein, der Normverbrauch wurde jedoch um gut zwei Liter überschritten – das kennen wir von anderen Autos und zeigt abermals die Realitätsferne des Werts.

Beschleunigung
Das Triebwerk fühlt sich über das gesamte Drehzahlband hinweg etwas zugeschnürt an, ein sonderlich temperamentvolles Auto ist der Meriva nicht. Von einem Familienauto ist das aber auch nicht unbedingt zu erwarten, mit Geduld erreicht man auf dem Tacho die Marke 210, was echten 188 km/h entspricht. Für flottes Fortkommen gilt es, eifrig zu schalten, ein Elastizitätswunder ist der Motor nicht, 16,6 und 24,0 Sekunden im 4. und 5. Gang für den Spurt von 50 auf 100 km/h sind eher unterdurchschnittliche Werte.

Fahrverhalten
Was passt, sind das Fahr- und das Federungsverhalten, hier verdient sich der Opel gute Noten, als Fronttriebler stellt er niemanden vor Probleme, ESP hat man zudem in der Hinterhand. Dazu kommt eine Traktionskontrolle mit Motor- und Bremseingriff, die hilft bestens durch Schnee und Eis, Winterbereifung vorausgesetzt. Ein Komfortgewinn ist der in allen Modellen serienmäßige Berganfahr-Assistent. Die tempoabhängige Servolenkung arbeitet schön direkt, stets fühlt man sich als Herr der Lage, auch bei höheren Geschwindigkeiten auf der Autobahn.

Fazit
Nicht fragen darf man nach Innovationen wie Start-Stopp, hier hat Opel noch Nachholbedarf, im Corsa wird dieses System im Frühjahr zu haben sein. Die gegenläufigen Türen sind nicht alles beim Meriva. Aber diese Lösung hat so viel Charme, dass man über die eine oder andere Schwäche hinwegsieht. Mit normalen Türen wäre der Meriva nur einer unter vielen.

Daten und Messwerte

Empfohlener Preis 21.340 Euro
Preis des Testwagens 24.215 Euro

Vierzylinder-Benzinmotor, vier Ventile je Zylinder, Direkteinspritzung, 1364 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 88 kW (120 PS) bei 4800/min

Höchstes Drehmoment 175 Nm bei 1750/min, 90 Prozent davon ab 1400 bis 5000/min

Manuelles Fünfganggetriebe

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 4,29/1,81/1,67 Meter

Radstand 2,64, Wendekreis 11,50 Meter

Leergewicht 1285 (tatsächlich 1350) zulässiges Gesamtgewicht 1890, Anhängelast 1050 Kilogramm, Kofferraumvolumen 400 bis 1500 Liter

Reifengröße 225/45 R 17

Höchstgeschwindigkeit 188 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 12,0 s; von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 16,6/24,0 s

Verbrauch 7,8 bis 9,9 im Durchschnitt 8,5 Liter Super je 100 km; 143 g/km CO2 bei Normverbrauch von 6,1 Liter; Tankinhalt 64 Liter

Versicherungs-Typkl. HP , TK , VK

Garantie zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung, danach „lebenslange Garantie“ oder 160.000 km unter bestimmten Bedingungen. Wartung alle 30.000 km oder jährlich.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1959, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

Jüngste Beiträge