23.12.2008 · Mit Autos wie dem neuen Opel Insignia braucht dem Rüsselsheimer Autobauer auf jeden Fall nicht bange vor der Zukunft zu sein. So wie er müssen künftig alle Fahrzeuge mit dem Blitz auf dem Kühler sein.
Von Boris SchmidtKann man in Zeiten wie diesen einen Fahrtbericht über einen neuen Opel schreiben, ohne die Krise zu erwähnen, in der die gesamte Branche und das deutsche Traditionsunternehmen dank ihrer maroden Mutter GM im Besonderen steckt? Wie Opel überleben kann, wenn es in Detroit tatsächlich zum Äußersten kommt, wird hinter den Kulissen gewiss schon verhandelt, dass Opel untergeht, ist unvorstellbar - doch das hat man vor 48 Jahren bei Borgward auch geglaubt.
Mit Autos wie dem neuen Insignia braucht Opel auf jeden Fall nicht bange vor der Zukunft zu sein, so wie er müssen künftig alle Fahrzeuge mit dem Blitz auf dem Kühler sein: qualitativ ansprechend, schick geformt, geräumig und mit Finessen versehen, die man (noch) nicht von Opel erwartet. Modernste, sparsame Motoren und eine übrige Technik auf hohem Niveau sind selbstverständlich Pflicht, sonst bräuchte man heute nicht mehr anzutreten.
Nun, fünf Benzin- und vier Dieseltriebwerke stehen seit Ende November zur Wahl, die Preisliste beginnt bei 22.700 Euro für das Modell mit einem 1,6-Liter-Motor und 85 kW (115 PS). Dafür gibt es wohlgemerkt ein Mittelklasseauto, das mit einer Länge von 4,83 Meter eigentlich der oberen Mittelklasse zuzurechnen ist. Der abgelöste Vectra war 22 Zentimeter kürzer.
Vorbildlicher Luftwiderstandswert
Doch nicht nur Größe zählt: Ohne Zweifel ist es Opel gelungen, die Limousine in ein Kleid zu stecken, das Frische und Dynamik ausstrahlt, der Luftwiderstandsbeiwert von 0,27 ist vorbildlich, und der Kunde hat die Wahl zwischen einem Kofferraumdeckel oder Heckklappe. Wobei selbst Experten die Unterschiede nicht auf ersten Blick erkennen. Der „5-Türer“ ist knapp 400 Euro teurer. Noch im Frühjahr 2009 wird es einen Kombi geben.
Das Modell, das der Redaktion 14 Tage zur Verfügung stand, war ein „4-Türer“, und er hatte den einzigen direkteinspritzenden Ottomotor unter der Haube, den es zurzeit im Insignia-Programm gibt. 162 kW (220 PS) und schöne 350 Newtonmeter Drehmoment aus vier Zylindern und zwei Liter Hubraum lassen einiges erwarten, und der Fahrer wird nicht enttäuscht, solange er nicht nach dem Verbrauch fragt.
Willig hochdrehende Maschine
Die Maschine dreht stets willig hoch, auch aus niedrigeren Drehzahlen. Sie fühlt sich gut an, klingt sonor und wird nie laut. Tempi jenseits der 240 km/h sind möglich. Das manuelle Sechsgang-Getriebe kann mit dem formidablen Motor nicht ganz mithalten. Zwar tritt sich die Kupplung leicht, doch beim Wechsel vom 1. in den 2. Gang ist immer ein gewisser Widerstand zu überwinden, auch beim Weg in den 3. Gang gibt sich das Getriebe irgendwie knochig, weiter rauf flutscht es dann prima - und die Übergänge stimmen alle.
Die großen Gänge sind niedriger als 1 übersetzt, so passiert es mitunter, dass man im 5. Gang fährt, obwohl man im 6. noch etwas mehr Drehzahl sparen könnte. Selbst in den hohen Gängen beschleunigt der Motor spürbar und kraftvoll. Wer nicht selbst schalten will, kann für 2050 Euro eine Automatik (6 Stufen) ordern.
Triebwerk nicht sparsam
Leider aber gehört das Triebwerk nicht zu den sparsamsten seiner Zunft. Der Schnitt von 10,9 Liter ist schlicht zu hoch, bewegt im normalen Alltag (Stadt, Land und Autobahn auf dem Weg ins Büro) waren es fast 12 Liter auf 100 Kilometer, die sich der Insignia genehmigte. Auf deutschen Autobahnstrecken mit einigen schnellen Stücken - auch in der Nähe der Höchstgeschwindigkeit - waren es gar 12,5 Liter. Der Bestwert von 8,6 Liter beruht auf einer Fahrt durch die streng tempolimitierte Schweiz.
Freilich darf man nicht vergessen, dass der Wagen während kalter Tage bewegt wurde und dass 220 Pferde gefüttert sein wollen. Aber den VW/Audi-2,0-Liter-Direkteinspritzer mit 200 PS fuhren wir im Sommer im etwas leichteren A3-Cabrio (mit Doppelkupplungsgetriebe) und kamen auf einen Schnitt von 9,9 Liter.
Für den Insignia 2.0 Turbo gibt Opel einen Stadtverkehrs-Verbrauch von 12,6 Liter an. Wenigstens hat der Tank mit 70 Liter Fassungsvermögen eine anständige Größe, an Reichweite mangelt es somit nicht, und auch die übrigen Talente des Insignia sind aller Ehren wert. Bei hohen Geschwindigkeiten auf der Autobahn fühlt sich der Wagen traumhaft sicher an, auf der Landstraße bringen ihn schnelle Kurvenkombinationen nicht aus der Ruhe, er bleibt stets neutral.
Guter Federungskomfort und präzise Lenkung
Das Fahrwerk agiert sehr ausgewogen, der Federungskomfort ist gut, die Lenkung ist präzise und findet das rechte Maß zwischen Leichtgängigkeit und Genauigkeit. Auch die Bremsen sind den Anforderungen jederzeit gewachsen.
Aber die Neigung der angetriebenen Vorderräder, bei nasser Straße und hoher Leistungsanforderung kurz durchzudrehen, ist ebenso wenig zu leugnen wie Antriebseinflüsse in der Lenkung in solchen Situationen. Doch für den Alltagsgebrauch sind solche „Schwächen“ allenfalls Marginalien.
Für jene, die es sportlich mögen, hat Opel noch das „FlexRide Premium-Fahrwerk“ im Programm (930 Euro Aufpreis, Serie bei „Sport“ und einigen Modellen), dann verfügt man über drei wählbare Fahrmodi, eine elektronische Dämpferregelung und eine geschwindigkeitsabhängige Servolenkung.
Womit wir bei den technischen Feinheiten des Insignia wären. Leider hatte „unser“ Auto weder dieses Fahrwerk noch das vieldiskutierte „Opel-Eye“ (525 Euro), das Verkehrsschilder (Tempolimits) lesen kann. Auch den Allradantrieb (2930 Euro extra) hätten wir gern geprüft.
Hohes Ausstattungsniveau
Generell ist das Ausstattungsniveau hoch. Schon die Basis ist hinsichtlich der gebotenen aktiven und passiven Sicherheits-Features à jour, dazu haben alle Insignia Klimaanlage, ein CD-Radio oder eine Zentralverriegelung mit Fernbedienung.
Aufsatteln kann man mit den Linien „Edition“, „Sport“ oder „Cosmo“. Dann bekommt man unter anderem eine elektrische Handbremse, einen Geschwindigkeitsregler, eine Klima-Automatik, ein Navigationssystem (!), Alu-Räder oder auch das adaptive Fahrlicht (nur bei Cosmo). Das kostet sonst 1250 Euro für Bi-Xenonscheinwerfer, Kurvenlicht und „automatisches Fernlicht“. Letzteres funktioniert tatsächlich sehr gut: Sobald Gegenverkehr kommt oder man in eine beleuchtete Stadt fährt, geht das große Licht aus.
Wir gratulieren Opel, dass es kein schlüsselloses Zugangssystem gibt, dagegen warten wir noch auf ein Start-Stopp-System, um etwas gegen den hohen Verbrauch zu tun, und auf einen Tempomat, der von selbst die Geschwindigkeit in Abhängigkeit zur Entfernung vom Vornewegfahrenden reguliert. Der dringend notwendige Parkpilot (die Sicht nach hinten ist durch das kleine Fenster miserabel) erfordert 520 Euro. Dafür sollte er nicht nur piepsen, sondern auch auf dem Navi-Schirm anzeigen, wo die Gefahr lauert.
Ganz nahe an den Premiumherstellern
Den größten Schritt nach vorne hat Opel zweifelsohne im Design gemacht. Das gilt für außen und innen. Mit der Verarbeitungsqualität, der Haptik und der Gestaltung des Armaturenbretts sowie der Bedienelemente ist man ganz nah dran an den Premiumherstellern, zudem sind die Vordersitze sehr bequem und bewähren sich auf langen Strecken.
Im Gegensatz zu anderen Opel-Modellen gibt es wieder eine analoge Kühlwasser-Temperatur-Anzeige, aber das rot unterlegte, digitale Feld in der Mitte zwischen Tacho und Drehzahlmesser wirkt etwas deplaziert, und Opel verpasst die Chance, dort zusätzlich die Anweisungen des Navigationssystems zu zeigen.
Mittelplatz als Notbehelf
Das Platzangebot auf der Rückbank wird mitunter kritisiert, wir aber finden es durchaus ausreichend, die Kopffreiheit geht für 1,85-Meter-Figuren noch in Ordnung. Jedoch ist wie bei fast allen Autos von heute der Mittelplatz nicht mehr als ein Notbehelf.
Über das Kofferraumvolumen von 500 Liter kann man nicht klagen, die Rückbanklehnen lassen sich asymmetrisch geteilt umlegen, es entsteht aber keine ebene Ladefläche. Auch im Insignia lässt sich Opel ein Reserverad bezahlen. Räder, die größer als 19 Zoll sind, passen nicht in die Mulde im Kofferraumboden.
Doch das sind Kleinigkeiten. Mit diesem Auto kann wieder alles gut werden für Opel. Der Mief aus den Zeiten Omega/Vectra ist raus, die Qualität stimmt, Opel hat wieder ein Auto, das Begehrlichkeiten weckt. Nur der hohe Verbauch stört, aber es gibt ja noch die Dieselmodelle. Ein Auto des Jahres eben.
Empfohlener Preis 34.405 Euro
Preis des Testwagens 37.366 Euro
Vierzylinder-Ottmotor (Turbo), vier Ventile je Zylinder, 1998 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 162 kW (220 PS) bei 5300/min
Höchstes Drehmoment 350 Nm bei 2000/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1800 bis 4500/min
Manuelles Sechsganggetriebe (Automatikgetriebe mit sechs Stufen: 2040 Euro)
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 4,83/1,86/1,50 Meter
Radstand 2,74, Wendekreis 11,4 Meter
Leergewicht 1428 (tatsächlich 1490), zulässiges Gesamtgewicht 2020, Anhängelast 1600 Kilogramm; Kofferraumvolumen 500 Liter
Reifengröße 235/45 R 18
Höchstgeschwindigkeit 242 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 8,0 s
Verbrauch 8,6 bis 12,5, im Durchschnitt 10,9 Liter Superbenzin je 100 km; 208 g/km CO2 bei Normverbrauch von 8,9 Liter; Tankinhalt 70 Liter
Versicherungs-Typklassen HP 15, TK 25,VK 21
Garantie sechs Jahre oder 150.000 Kilometer, 12 Jahre gegen Durchrostung und zwei Jahre Lackgarantie, 2 Jahre Mobilitätsgarantie. Service jährlich oder 30.000 Kilometer
Verbrauch?
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