30.06.2009 · Ob sich Opel mit dem Insignia am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht? Der Sports Tourer ist ein großer Wurf, doch setzt die Kombi-Version auf den Chic und vernachlässigt den Transport. Und im Detail fehlt der Feinschliff.
Von Wolfgang PetersDie schöne neue Welt von Opel heißt Insignia und macht die Schatten über der Marke zwar nicht vergessen, aber doch heller. Man hat sich rasch an diese Modellbezeichnung gewöhnt, es ist der Opel Rekord der Zukunft, und von dort grüßt der Sports Tourer die Gestrigen: Caravan war zwar gefüllt mit Emotionen und Erinnerungen, aber die sind Historie. Mit Wohnwagen, nickenden Dackeln auf der Hutablage und glücklichen Zwergen im Garten hat dieser Opel im Kleid des Lifestyle-Kombis nun wirklich nichts im Sinn. Er ist durchaus so etwas wie die letzte Chance.
Opel hatte nach dem Zweiten Weltkrieg zuerst auf Prestige, dann auf Pragmatismus gesetzt, hat jüngst mit dem sachlichen Vectra und dem von der Kundschaft nicht verstandenen Signum die falschen Wege gewählt und verwirklicht jetzt eine Eigenschaft des Autocharakters, die man viel zu lange vernachlässigt hatte: Opel ist mit seiner neuen Modellphilosophie (im Gegensatz zur wirtschaftlichen Realität) im Glamourdress auf dem Catwalk, will sich zu „Germany's new top model“ wandeln, setzt auf Stil und Lifestyle und bietet in dem neuen Insignia Kombi mehr Zierat als Zweckeigenschaften.
Das kann man mögen. Oder auch nicht. Denn beim Blick in die Modellhistorie zeigt sich, dass es Schickimicki nicht ohne Folgen gibt: Dem Sports Tourer wird ein Laderaumvolumen von 540 Liter bei aufrechter Sitzbank unter der Abdeckung zugeschrieben; klappt man die Rückbank um und holt man zur Kombiladung aus, dann sind es 1510 Liter.
Das klingt gut und ist nicht schlecht, aber im Vergleich zu einstigen Stauverhältnissen hinter dem Opel-Blitz als Markenzeichen wirkt es eher bescheiden und kann als Beleg für die neue Richtung gewertet werden: Der Vectra Caravan aus dem Jahr 2007 hielt die Werte 530 und 1850 bereit, und der Omega Caravan von 1993 kam auf 540 und 1850 Liter Stauvolumen. Der Insignia Sports Tourer peilt offenkundig nicht die gewerblichen Transportierer an, sondern möchte tatendurstige Familien und freizeitwütige Teile der Gesellschaft als Kunden gewinnen.
Diese rechnen aber nicht in Stau-Litern, sondern eher in Lade-Zentimetern, deshalb sind wir mit dem Maßband im Sports Tourer (wie in jedem Testwagen) herumgekrochen. In der Tiefe misst der Laderaum 106 Zentimeter, wenn die Rücksitze an ihrem Platz sind; klappt man diese mit zwei Handgriffen zusammen, dann gibt es eine Ladetiefe von fast 200 Zentimeter bis zur Rückseite der Vordersitze; unten öffnet die Ladeklappe die Luke auf einer Breite von 106 Zentimeter, um sich nach oben auf 81 zu verjüngen, die Höhe beträgt 71 Zentimeter.
Auf 70 Zentimeter kommt die Entfernung der Ladekante von der Straße, und nach innen liegt der Boden 34 Zentimeter niedriger als die Kante. Im Boden gibt es noch eine abgedeckte Vertiefung, die aber sehr flach ausgefallen ist. Zurrösen sind ebenso anwesend wie kleine Fächer in den Wänden des Kofferraums oder Schienen für ein Sicherheits-Stausystem.
Ein Muster an Unübersichtlichkeit
Dass nicht alles so fein gerichtet ist, wie es wirkt, zeigen wieder Maßband und der Augen-Blick. Die Höhe des Stauraums bis zur Abdeckung liegt bei nur 34 Zentimeter. Das ist zu wenig. Und der Abstand von der äußeren Kante der Prallfläche bis zum Beginn der Ladezone beträgt rund 40 Zentimeter. Das ist zu viel. Denn jedes Transportgut muss über diese Hürde gewuchtet werden, sie ist zudem nicht schützend verkleidet. Weil die voluminöse Heckklappe das gesamte Ende des Sports Tourers mit einer sehr schicken Geste umarmt, gibt sich der Opel hier eher charmant als pragmatisch.
Die neuen Kleider von Opel führen zu weiteren Malaisen: Der Fahrer sieht beim Blick zurück im Zorn über den Innenrückspiegel einen Tunnel hinter sich, an dessen Ende nur ein kleines Licht der Hoffnung leuchtet. Stellt man die hinteren Kopfstützen auf, ist die Rücksicht komplett versperrt. Die schöne Karosserie entpuppt sich als ein Muster an Unübersichtlichkeit. Aber zu ihren Meriten gehört die Abwesenheit von lästigen Windgeräuschen, die treten erst jenseits von 180 km/h auf.
Lethargische Arbeitsweise
Doch da hat sich längst der Motor in die erste Reihe der akustischen Auffälligkeiten gedrängt. Der 1,6-Liter-Vierzylinder gilt bei Opel als „Hochleistungsaggregat“, spezifischer Verbrauch und spezifische Leistung bieten Spitzenwerte, Euro 5 wird schon erfüllt, und Nennleistung sowie Drehmoment kann man sich nach der Papierform kaum schöner vorstellen.
Das klappt auch wunderbar, aber nur dann, wenn man im Alltag den Motor nicht höher als 4000 Umdrehungen in der Minute dreht. Selbst unter Vollgas im vierten, fünften oder sechsten Gang des vorzüglich (exakt definierte Positionen, kurze Wege, nicht zu viel und nicht zu wenig Kraftaufwand) zu schaltenden Getriebes legt die relativ kleine Maschine in dem großen Auto ihre lethargische Arbeitsweise nicht ab. Sie dreht unwillig hoch und ersetzt knapp unter 4000/min den Tachometer.
Ausflug ins Dröhnland
Bei diesem Ausflug ins Dröhnland ist man im sechsten Gang mit etwa 180 km/h unterwegs, eigentlich eine schöne Reisegeschwindigkeit auf freier Strecke - aber auf langer Distanz kaum auszuhalten. Bis zu dieser Touren-Marke lebt es sich sehr angenehm mit dem Motor: Er zieht gut durch, dreht ausreichend flink hoch - bis 4000/min - und klingt dabei auch noch größer, als er ist.
Offensichtlich sorgt sich die zuständige Elektronik mehr um den Verbrauch als um den Vortrieb. Wobei die Erfüllung beider Kriterien nur wenig befriedigen konnte: Wir verfeuerten je nach fahrerischem Einsatz zwischen 9,4 und 12,2 Liter Super auf 100 Kilometer und kamen auf einen Durchschnitt von 10,4 Liter.
Das ist zwar für einen ausgewachsenen Kombi ein guter Wert, hat aber mit dem, was die Normmessung verspricht (7,9 Liter), nichts zu tun. Im Alltag wird man diesen Insignia wohl mit 9 Liter fahren können. Dann muss man allerdings auf die strapaziösen Messungen der Fahrleistungen verzichten, die auch Vollgas vorsehen - und nur damit lassen sich die Nennwerte erreichen.
Intelligent wirkende Sturheit
Trotz seines Leergewichts von 1,6 Tonnen wirkt der Insignia agil, kommt flott aus den Ecken und hält sich auch in schnellen Kurven mit einer intelligent wirkenden Sturheit an den vorgegebenen Kurs, ohne zu tückischen Reaktionen - erkauft mit einer zu hart abgestimmten Hinterachse - zu neigen.
Großen Anteil an der Agilität hat die präzise arbeitende und nicht zu leichtgängige Lenkung. Sie ist frei von Antriebseinflüssen auf trockener Straße und bei moderatem Gaseinsatz. Wird es auch nur etwas rutschig oder übertreibt es der Fahrer in den unteren Gängen mit dem Beschleunigen, dann drehen die Vorderräder noch im zweiten Gang kurz durch, bevor sich die Elektronik einmischt. Der Sicherheit ist das nicht abträglich.
Kein Mangel an kleinen Mängeln
Im Fahrwerk, in der Karosserieverarbeitung und bei der hochwertigen Anmutung des mit zahlreichen Ablagen aufwartenden Innenraums macht Opel mit dem Insignia die größten Fortschritte. Enttäuscht hat uns der jetzt gefahrene, kleinere Turbobenziner, auch die größere, aufgeladene Maschine demonstrierte - wie bereits in einem Fahrtbericht beschrieben - unzeitgemäße Trinksitten.
An kleinen Mängeln im Detail ist kein Mangel: Die Seiten tragen keinen Flankenschutz; die aluähnlichen Einlagen im Innenraum sorgen für störende Reflexe; der Erste-Hilfe-Kasten sitzt an der Klappenrückwand, dort wird er bei einem Auffahrunfall sofort zerstört.
Wenn man Opel lässt, sollte man dort über manche Ungereimtheit im großen Wurf des Insignia Sports Tourer noch nachdenken. Dann wird es wieder so hell um die Marke, wie es Kapitäne, Senatoren und Diplomaten erwarten.
Empfohlener Preis 31.645 Euro (Edition)
Preis des Testwagens 32.785 Euro
Vierzylinder-Ottomotor, vier Ventile je Zylinder, Turbolader, 1598 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 132 kW (180 PS) bei 5500/min
Höchstes Drehmoment 230 Nm bei 2200/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1900 bis 5600/min
Manuelles Sechsganggetriebe (Automatikgetriebe nicht lieferbar)
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 4,91/2,08/1,52 Meter
Radstand 2,74, Wendekreis 11,4 Meter
Leergewicht 1618 (tatsächlich 1641), zulässiges Gesamtgewicht 2165, Anhängelast 1700 Kilo; Kofferraum 540 bis 1510 Liter
Reifengröße 225/55 R 17
Höchstgeschwindigkeit 223 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 9,7 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5./6. Gang in 12,3/14,8/21,4 s
Verbrauch 9,4 bis 12,2, im Durchschnitt 10,4 Liter Superbenzin je 100 km; 186 g/km CO2 bei Normverbrauch von 7,9 Liter; Tankinhalt 70 Liter
Versicherungs-Typklassen HP 17, TK 23, VK 21
Garantie 6 Jahre bis 150.000 Kilometer, auch auf Lack, 12 Jahre auf Durchrostung, 2 Jahre Mobilitätsgarantie, Wartung nach Intervallanzeige