13.04.2010 · Wenn Klein-Marie oder ihr Brüderchen Maximilian ein Auto malen sollen, was kommt dabei heraus? Ein Nissan Cube. Oder zumindest etwas ganz Ähnliches. Doch in Japan ist er beliebt und soll nun auch in Deutschland Fuß fassen.
Von Gerold LingnauMeine Güte, was ist das für ein Ding? Vom Zeichenpapier der Kinder heruntergesprungen oder vom Computerschirm eines durchgeknallten Designers? Keine Aufregung: Es ist ein Auto aus seriösem Haus, und ein erfolgreiches dazu. Nur (noch) nicht bei uns in Deutschland.
In Japan liebt man es schon seit acht Jahren und jetzt in seiner dritten Generation. Und Nissan hat sich entschlossen, nun auch den rechts fahrenden Teil der Menschheit mit dem Cube zu beglücken, jenem Auto, dessen Name so sehr Programm ist wie bei kaum einem anderen. Tokios Yuppies halten ihn sich als Haustier – doch ob es auch in Berlin jemals dazu kommen wird?
Noch ist die hiesige Auto-Gemeinde traumatisiert von Fiats Multipla (vor dem Facelift). Doch Vergleiche mit ihm tun dem Nissan unrecht. Bei ihm ist, anders als beim Italiener, der ungewöhnliche Stil mit eiserner japanischer Beharrlichkeit durchgehalten worden, von Stoßfänger bis Stoßfänger – und so ergab sich eine Ansehnlichkeit, die vom Geradlinigen lebt und von der Erinnerung daran, dass auch Limousinen einmal für aufrechte Insassen gebaut wurden und nicht für Schlangenmenschen.
Design
Die Kastenform des Cube ruft wach, was man in Zeiten immer knapper werdenden Straßenraums von einem Auto verlangen darf: seine Stellfläche optimal in Volumen umzusetzen. Alle die modischen Torheiten von heute, lange Überhänge, flache Windschutzscheiben, abfallende Dächer, ansteigende Gürtellinien und „starke Schultern“, die eine Karosserie außen breit und innen schmal machen – der Cube führt sie sämtlich ad absurdum. Und er beweist, dass ein rational konzipiertes Auto dennoch Emotionen wecken kann, und sei es die Freude seines Besitzers, ein Nonkonformist zu sein.
Innenraum
Es gibt kaum einen Kleinwagen (und das ist der Nissan noch, mit weniger als vier Meter Länge), der so groß, ja geradezu mächtig wirkt und der innen auch hält, was er außen verspricht. Zumindest im Passagierraum: Vorn wie hinten nimmt man in dem Viertürer nach mühelosem Einstieg auf etwas weich gepolsterten Sitzen bequem Platz, man darf lange Beine haben, Sitzriese sein und selbst monströse Hüte aufbehalten.
Ein (festes) Glasdach, mit einem verschiebbaren Sonnenschutz in Reispapier-Art, sorgt für Lichtblicke auch an trüben Tagen. Im Fond gibt es keinen störenden Tunnel, aber für drei Erwachsene taugt er mit seiner Breite nicht. Dafür kann man recht frei hinausschauen, wie auch der Fahrer eine nur wenig eingeschränkte Sicht genießt. Für alle Insassen wirkt sich die Kubus-Form in einem opulenten Raumgefühl aus, keine Spur von der Höhlen-Anmutung so vieler Autos von heute.
Instrumente und Ablagen
Und die vielleicht größte Überraschung: keine Extravaganzen im Innenraum, etwa bei den Instrumenten, die hübsch sind, aber funktionell nicht schwächeln. Die einzige ins Auge fallende Skurrilität ist eine „Fluffy-Matte“ aus Langflor-Teppichboden hoch oben auf dem Armaturenbrett. Wozu das Ding taugt, haben wir nicht ergründet, aber gelegentlich unsere Brille darauf rutschsicher abgelegt. Auch ohne sie konnten wir im Innenraum ein glattes Dutzend Dosen- und Flaschenhalter entdecken. Merkwürdige Trinksitten haben sie, die Japaner.
Kofferraum
Der Dumme bei so ausgeprägter Passagier-Verhätschelung ist der Kofferraum. Er entspricht der Konzeption des Cube als Stadt- und nicht als Reisewagen. 260 Liter Inhalt sind kein ernst zu nehmendes Angebot, auch nicht die 410 Liter, die sich laut Nissan als Resultat des Klappens der geteilten Rückbanklehne ergeben – wohl nur bis zur Fensterlinie, nicht dachhoch gerechnet.
Bei dieser Vergrößerung entsteht eine Stufe von sage und schreibe 30 Zentimeter Höhe. Immerhin kann man die Fondbank um bis zu 24 Zentimeter längs verschieben und so den Kofferraum stufenlos erweitern. Statt einer Heckklappe hat der Cube eine veritable Hecktür, die erfreulicherweise an der richtigen Seite, nämlich links, angeschlagen ist und so das Laden vom Straßenrand aus erlaubt.
Rechts lässt sie Platz für ein zusätzliches Fenster, das dem Fahrer das Peilen nach hinten erleichtert. Weniger erfreulich sind die hohe Ladekante auch nach innen und ein Witz von Kofferraumabdeckung, ein flattriger, umständlich einzuknöpfender Fetzen.
Fahrverhalten
Jetzt aber endlich fahren im Cube. Und da zeigt er sich erwartungsgemäß sportlichen Ambitionen wenig verpflichtet. Kurven liebt er nicht grenzenlos, und das zeigt er ihnen mit deutlichem Untersteuern, einer spürbaren Lastwechselreaktion und ausgeprägter Seitenneigung der Karosserie. Aber er bleibt immer auf der sicheren Seite und lässt sich schlimmstenfalls spät, aber heftig vom ESP zur Ordnung rufen.
Seitenwind beeindruckt ihn vor allem bei schneller Autobahnfahrt; unter Windgeräuschen müssen seine In-sassen aber schon jenseits von 80 km/h leiden. Gut schlägt sich die Bremsanlage, auch unter erschwerten Bedingungen.
Der Federung kann man keine übertriebene Härte vorwerfen, dafür allerlei Schaukelbewegungen auf unebenem Geläuf. Sie antwortet mit ausreichender Geschmeidigkeit auf Stöße aller Art, neigt erst im äußersten Fall zum Durchschlagen und poltert auch nur sachte, wenn sie eines der grassierenden Schlaglöcher dieses Winters erwischt. Insgesamt ist sie menschenfreundlicher als der heutige Durchschnitt.
Motor
Wenn’s um den Motor geht, ist die Wahl schnell entschieden: ein Benziner, ein Diesel, unterschiedlicher Hubraum (1,6/1,5 Liter), gleiche Leistung (81 kW/110 PS). Uns hatte man den Ottomotor überlassen, aber wir hätten lieber den anderen gehabt. Denn abgesehen von seinen guten Manieren bei niedrigen Drehzahlen machte der Vierzylinder wenig Freude.
Unter 4000 Umdrehungen je Minute wirkt er kraftlos, und darüber erhebt er ein zunehmendes Gebrüll, das anhaltendes Schnellfahren zur Last werden lässt. Das hohe Gewicht von 1260 Kilogramm und die lang übersetzten Getrie-begänge tragen zum Temperamentmangel bei, selbst im vierten Gang vergehen 15 Sekunden beim Beschleunigen von 50 auf 100 km/h, im fünften Gang sind es fast 23.
Aus dem Stand dorthin sprintet der Cube in 11,4 Sekunden. Dass seine Gestalt dem Fahrtwind viel Widerstand entgegensetzt, beweisen die Höchstgeschwindigkeit von – an der Motorleistung gemessen – kargen 172 km/h und vor allem der Verbrauch, der auf der Autobahn zügig in die Zehn-Liter-Region strebt. Im Schnitt benötigten wir 8,1 Liter Super je 100 Kilometer, und das wirft den einzigen anhaltenden Schatten auf das Projekt Cube.
Preis und Ausstattung
Nissan versieht sein neues Angebot mit einem deftigen Lifestyle-Aufschlag: 18.000 Euro für den Benziner (und noch 2000 mehr für den Diesel) sind eine Menge Geld. Dafür gibt es eine ordentliche Serienausstattung, zu der zum Beispiel sechs Airbags, Klimaanlage, Geschwindigkeitsregler, vier elektrische Fensterheber und ein CD-Radio nebst MP3- und Bluetooth-Schnittstellen gehört.
Dazu gibt es drei Aufpreispakete, die man aber nur via Ochsentour erwerben kann: Das nächstvornehme kriegt man bloß, wenn man auch das vorige bestellt hat. So muss man sich über das Zen-Pack für 650 Euro (Klimaautomatik, Licht- und Regensensor, schlüsselloser Zugang und Start) und das Iki-Paket (ebenfalls 650 Euro, Leichtmetallräder, hinten stärker getönte Scheiben) bis zur Krönung hochdienen, dem Kaado-Pack (850 Euro), das ein Navigationssystem nebst Rückfahrkamera sowie die unsägliche Kofferraumabdeckung beschert. Mit dieser Preispolitik macht sich Nissan wohl keine Freunde – das muss der Cube schon ganz allein schaffen.
Daten und Messwerte
Empfohlener Preis 18.000 Euro
Preis des Testwagens 20.600 Euro
Vierzylinder-Ottomotor, vier Ventile je Zylinder, 1598 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 81 kW (110 PS) bei 6000/min
Höchstes Drehmoment 153 Nm bei 4400/min, mindestens 90 Prozent davon ab 2900 bis 5500/min
Manuelles Fünfganggetriebe (stufenloses Automatikgetriebe 1500 Euro)
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 3,98/1,70/1,67 Meter
Radstand 2,53, Wendekreis 10,2 Meter
Leergewicht 1190 (tatsächlich 1260), zulässiges Gesamtgewicht 1700, Anhängelast 1000 Kilogramm; Kofferraumvolumen 260 bis 410 Liter
Reifengröße 195/55 R 16 88 H
Höchstgeschwindigkeit 172 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 11,4 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 14,9/22,8 s
Verbrauch 6,7 bis 8,5, im Durchschnitt 8,1 Liter Super je 100 km; 151 g/km CO2 bei Normverbrauch von 6,6 Liter; Tankinhalt 52 Liter
Versicherungs-Typklassen HP 16, TK 19, VK 21
Garantie 3 Jahre bis 100.000 km, auch auf Lack, 12 Jahre gegen Durchrostung, Mobilitätsgarantie unbegrenzt bei autorisiertem Service, Wartung alle 30.000 km oder jährlich
Geschmacksfrage
Ottmar Heinrich (HeadCup)
- 13.04.2010, 21:13 Uhr