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Fahrtbericht Mini Coupé Der Krug geht so lange zum Brunnen...

17.01.2012 ·  Irgendjemand hat dem Mini ordentlich aufs Dach geschlagen. So jedenfalls wirkt das neue Mini Coupé, dass die Kurven frisst, aber in der Praxis durchfällt.

Von Boris Schmidt
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© F.A.Z., Hersteller Fahrtbericht Mini Coupé: Der Krug geht so lange zum Brunnen...

Als wir dem Mini Coupé zum ersten Mal auf offener Straße begegneten, sind wir mächtig erschrocken. Gleich drei davon fuhren im Konvoi durch Frankfurt, und sie sahen alle so aus, als hätte man ihnen mit einer Faust aufs Dach geschlagen. Nun, Schönheit liegt im Auge des Betrachters, aber unter einem harmonischen Coupé stellen sich 95 Prozent der Autofans etwas anderes vor.

Mini-Varianten

Warum die Mini-Macher aus München nun auch noch eine fünfte Variante (nach Mini normal, Clubman, Cabriolet und Countryman) aus dem Hut zaubern mussten, ist schnell erklärt. Offenbar schätzt Mini die Begeisterung für den Kleinwagen, dessen Urmodell aus dem fabelhaften Weinjahrgang 1959 stammt und das zu den wenigen Autos gehört, die ihren Nachfolger (Mini Metro) überlebten, hoch ein.

So hoch, dass noch weitere Varianten folgen werden. Der Roadster ist schon beschlossene Sache, er kommt noch in diesem Jahr auf den Markt. In Genf auf der Automesse im März wird ein Mini Cargo gezeigt, der aber wohl kaum mehr als ein Clubman ohne Fenster ist. Dazu ist ein Mini-Mini so gut wie sicher, es fehlt dann noch ein Pick-up. Und möglich wäre schließlich auch noch eine Limousine.

Achtung: Hier wie beim Pick-up oder dem Clubman gibt es historische Vorbilder. Als Limousinen auf Mini-Basis mit angehängtem Kofferraum und geändertem Frontgrill wurden in den sechziger Jahren der Wolseley Hornet und der Riley Elf verkauft. Vor allem in südlichen Märkten könnte eine Limousine tatsächlich von Interesse sein. In Indien ist Mini erst seit diesem Jahr präsent, auch dort muss ein „richtiges“ Auto einen Kofferraum haben. Und unvergessen bleibt das Fun-Mobil Mini Moke, das nach allen Seiten offen war. Wenn wir uns nicht verzählt haben, wäre mit so einem Mini das Dutzend voll. Eigentlich ein schönes Ziel für die Mini-Macher.

Platzangebot

Doch zurück zum Coupé. Einen Roadster auf Coupé-Basis kann man sich ja noch gefallen lassen, in der geschlossenen Variante kauft man sich für 2600 Euro Aufpreis im Vergleich zu dem normalen Mini nur Nachteile ein: Neben der Form sind dies das Fehlen der hinteren Sitze und die schlechte Übersichtlichkeit.

Von einem Roadster erwartet man nicht mehr als zwei Sitze, von einem immerhin 3,76 Meter langen Wagen aber eigentlich schon. Coupé-Befürworter verweisen gern auf den großen Kofferraum (unter einer riesigen Klappe). Doch das ist relativ. Es sind auch im Coupé nur 280 Liter. Es könnte mehr sein, aber weil Mini den Roadster schon im Entwurf berücksichtigte, ist das Volumen durch eine eingezogene Versteifungswand beschränkt.

Wenigstens gibt es eine kleine Klappe in der Mitte, so dass man zum Beispiel eine Sackkarre im Coupé transportieren kann. Und es entsteht eine Ablagemöglichkeit hinter den zwei Vordersitzen, die sich deshalb auch nach vorne klappen lassen. Was es nicht gibt, ist ein Not- oder Reserverad, der Mini läuft auf Runflat-Pneus.

Sicht

Hat man sich mit dem Fehlen der Möglichkeit, gelegentlich mal mit mehr als einem weiteren Mitfahrer unterwegs zu sein, angefreundet, kommt das nächste Ärgernis: Man sieht unheimlich schlecht im Mini Coupé. Nach hinten durch das nach unten gezogene Dach sowieso, aber auch nach vorne, weil die Frontscheibe (noch) niedriger ist als im Normalo-Mini.

Wen es tröstet: Im Ur-Mini ist es noch schlimmer. Der hatte aber wenigstens nicht so breite A-Säulen. Und als ob die Sicht nicht schon schlecht genug wäre, fährt bei Tempo 80km/h automatisch ein Spoiler aus, der die Rücksicht aus der ohnehin schon winzigen Heckscheibe abermals verschlechtert. Und weil das Dach so gewölbt ist, fehlt auch die Option Schiebedach.

Innraumdesign

Genug gemeckert? Nein. Das Armaturenbrett ist das gleiche wie in den anderen Modellen. Es ist an Verspieltheit nicht zu überbieten, man fühlt sich wie in einer fahrenden Jukebox (Audio-Anlage mit HiFi-Lautsprechersystem von Hamann/Kardon für 1730 Euro Aufpreis), und der mittig angeordnete größte Tacho in der Automobilgeschichte ist einfach ein Krampf. Nicht einmal die Geschwindigkeit lässt sich vernünftig ablesen, so dass der Blick immer auf die digitale Geschwindigkeitsanzeige fällt oder fallen muss. Die ist in den Drehzahlmesser integriert, der einzeln schön im Blickfeld liegt, also dort, wo Instrumente hingehören.

Fummelig zu bedienen sind auch die Knöpfe unter dem XL-Pizza-Tacho. Hier und nicht in den Türen sitzen die Schalter für die elektrischen Fensterheber. Aber vielleicht sind wir für einen Mini einfach zwanzig Jahre zu alt, die Söhne (12 und 17 Jahre) fanden den Wagen einfach Spitze.

Nicht beschweren kann man sich über die beiden Sitze, sie sind bequem und bewähren sich auf langen Strecken, das Lenkrad liegt gut in der Hand, die Rechte fällt wie von selbst auf den Schalthebel.

Motorvarianten

Eine Automatik wird im Spitzenmodell „John Cooper Works“ nicht angeboten, wohl aber in den drei anderen Motorvarianten (Cooper und Cooper S sowie Cooper Diesel). Die Benziner holen aus dem gleichen, bescheidenen Hubraum von 1598Kubikzentimetern 90 oder 135 kW (122/183 PS). Der Diesel hat 2,0 Liter Hubraum und bietet 105 kW (143 PS). Im JCW dürfen es 155 kW (211 PS) sein, die an die Vorderräder geschickt werden.

Fahrverhalten

Die kommen da auch fast immer an. Nichts anderes als zackiges, schneidiges, eben minitypisches Fahrverhalten hatten wir erwartet, und die Erwartungen werden nicht enttäuscht. Im tief geduckten Coupé geht es wahrscheinlich noch eine Spur knackiger zu als in einem „herkömmlichen“ Mini.

Die Lenkung ist zielgenau und hilft, Kurven regelrecht zu fressen. Bei allem Gewusel um die Ecken bleibt der Mini lange neutral. Es ist schon bewundernswert, was die Fahrwerks-Ingenieure da geleistet haben.

Leiden muss der Fahrkomfort. Ein Sänfte kann und will der Mini nicht sein, aber dafür bringt ihn auch nichts in welligen Kurven aus der Ruhe. Nur wer die Gesetze der Physik völlig missachtet, wird das Coupé aus der Bahn werfen können. In der Bahn bleibt es auch nach brachialen Vollbremsungen, und der Fahrer staunt, wie relativ kurz der Bremsweg ist. Auch mehrfaches Verzögern lässt die Bremsen nicht ermüden.

Getriebe

Mit zur Fahrfreude bei trägt selbstverständlich das Sechsgang-Getriebe, das sich leicht schalten lässt. Die Gänge liegen eng beieinander, so dass sich für jede Anforderung die richtige Übersetzung findet.

Oder anders ausgedrückt: Es spielt kaum eine Rolle, in welchem Gang man aufs Gas drückt, kräftig beschleunigt wird immer: So liegen die Beschleunigungswerte für unseren Test von 50 auf 100 km/h in den großen Gängen (4./5./6.) nur um wenige Sekunden auseinander (siehe Daten und Messwerte).

Motorleistung

Die Höchstgeschwindigkeit des Coupés liegt bei 240 km/h, was wir wegen montierter Winterreifen nicht überprüfen konnten. Praktisch ist die Möglichkeit, sich eine beliebige Tempo-Warnung zu setzen. Auch bei hohen Geschwindigkeiten auf der Autobahn bleibt der Mini ruhig bei der Sache.

Dank des sechstenGanges ist das Drehzahlniveau nicht zu hoch, bei 140 Tacho liegen 3500 Umdrehungen an, der Drehzahlbegrenzer greift bei 6500/min ein. Fazit: Mächtig Spaß macht das Mini-Fahren auch im Coupé. Das haben wir nicht anders erwartet.

Verbrauch

In Anbetracht der Fahrleistungen mag ein Durchschnittsverbrauch von 9,1 Litern noch akzeptabel sein, aber sparsam ist das JCW-Coupé nicht.

Preis

Und natürlich ist es auch nicht billig. Schon der Grundpreis ist üppig, unser Testwagen hatte für 5860 Euro Sonderausstattung an Bord, wobei einiges Geld für Kosmetik draufging, zum Beispiel 190Euro für die beiden Zierstreifen, die über das Auto laufen. Ein Navigationssystem kostet relativ moderate 740 Euro. Zum Glück ist der Tacho so groß, dass man die Karte innerhalb seines Runds zeigen kann.

Fazit

Ob Mini mit dem Coupé den Bogen überspannt hat, wird wie immer der Markt zeigen. Der Krug geht eben nur so lange zum Brunnen, bis er bricht. Wahrscheinlich steht dem Coupé eine Karriere als gefragter Exot bevor, so wie dem einstigen BMW Z3 Coupé, das von Autofans gern als Turnschuh tituliert wird. Dazu passt doch die Baseball-Kappe, die das Mini Coupé verkehrt herum auf seiner Karosserie trägt.

Nächste Woche: Mercedes-Benz ML 250 Diesel

Daten und Messwerte

Empfohlener Preis 31.500 Euro
Preis des Testwagens 37.360 Euro

Vierzylinder-Reihenmotor, vier Ventile je Zylinder, Doppelturbo, Hubraum 1598 Kubikzentimeter

Leistung 155 kW (211 PS) bei 6000/min

Höchstes Drehmoment 280 Nm von 1850 bis 5600/min, 90 Prozent davon ab 1700 bis 5900/min

Manuelles Getriebe, 6 Gänge

Frontantrieb

Länge/Breite/Höhe 3,76/1,68/1,39 Meter

Radstand 2,47, Wendekreis 10,30 Meter

Leergewicht 1160, zulässiges Gesamtgewicht 1455, Anhängelast nicht geprüft,

Kofferraumvolumen 280 Liter

Reifengröße 205/45 R 17

Von 0 auf 100 km/h in 6,5 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5./6. Gang in 7,2/8,8/11,1 s

Höchstgeschwindigkeit 240 km/h

Verbrauch 8,9 bis 9,2, im Durchschnitt 9,1 Liter Super je 100 km; 165 g/km CO2 bei Normverbrauch von 7,1 Liter, Tankinhalt 50 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 16, TK 22, VK 19 Garantie zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung, Service nach Intervallanzeige

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Jahrgang 1959, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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