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Fahrtbericht Mercedes-Benz E-Coupé Die automobile Schönheit ist in Gefahr

24.11.2009 ·  Es geht um die Rettung des unpraktischen Autos. Schönheit scheint nicht mehr gefragt, und Hedonisten taugen nicht als Zielgruppe. Aber Mercedes hält ein Genussmittel bereit, dessen Eleganz sich auf den zweiten Blick erschließt.

Von Wolfgang Peters
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Das unpraktische Auto gehört zu den bedrohten Arten: Das Coupé in seiner einstigen Vielfalt wird zum Nischenmodell. Von den deutschen Autoherstellern pflegen nur noch drei diese Bauform des bewussten Verzichts auf die Bequemlichkeit der Limousine und die Absage an den Sport.

Doch die Hoffnung lebt: Es gibt den Audi A5, BMW ist mit Dreier- und mit dem Sechser-Typ dabei und natürlich Mercedes-Benz: Das neue Coupé der jüngst präsentierten E-Klasse ist die Fortsetzung eines traditionell von der Marke gepflegten Bekenntnisses zum Hedonismus. Gleichzeitig ist es ein Beleg für die Genussfähigkeit der Schwaben. Diese geht ja weit über den bewussten Konsum von Röstaromen, vom Brett geschabten Teigwaren und Trollinger hinaus.

Ein Coupé darf praktisch, aber es muss nicht pragmatisch sein, es bietet automobilen Stil, doch es verzichtet auf „Lifestyle“, und seine Fahrer sind höfliche Menschen. Niemand benötigt es wirklich, aber es ist schön, dass es existiert.

Wenn man auf die Motorisierung achtet, dann gibt es beim Mercedes-Coupé fünf Versionen. Drei Benziner und zwei Dieselaggregate stehen zur Wahl. Die von uns jetzt ausprobierte Variante definiert sich mit „CGI“ als Ottomotor mit direkter Benzineinspritzung und logiert etwa in der Mitte des kleinen Coupé-Kaders.

Ob der Dieselantrieb wirklich zum Charakter dieses Coupés passt, werden wir später versuchen zu ergründen. Und wie der große Benziner-V8 mit dem kompakt dimensionierten Auto umgeht, ist eine Frage, auf die es wahrscheinlich recht scharfe Antworten gibt.

Für den Kauf dieses Mercedes-Coupés gibt es vor allem den Grund, dass man sich von der E-Limousine distanziert. Diese ist außerordentlich um einen seriösen, gleichzeitig aber jugendlich-unkonventionellen Auftritt bemüht. So kommt es zu einem Mangel an Souveränität, den die Marke bisher nicht gezeigt hat.

Abgleiten ins Unverbindliche

Das Coupé macht es unbekümmert besser und hat es leichter: Es kommt mit dem kürzeren Radstand der C-Klasse, mit dennoch nicht zu üppigen Überhängen und vor allem mit jener Eleganz, die sich sowohl aus den Proportionen als auch aus Details ergibt. Der bewusst eingesetzte Schmiss in der Flanke, die weich verlaufende Dachlinie und der schräge Heckabschluss, der einem Stufenheck kaum noch eine Chance lässt – das fügt sich zu einer höflichen Harmonie, die aber ins Unverbindliche abzugleiten droht.

Dem gebieten Front- und Heckansicht spontanen Einhalt: Vorn dominiert der markante Kühlergrill mit dem größten Stern außerhalb der Nutztierfamilie, die Doppelscheinwerfer sind kantige Erkennungszeichen. Die riesigen Leuchteinheiten am Heck sind gerade noch erträglich, aber nur, weil sie sich mit einem schrägen Akzent sportlich geben. Ein Tribut an die Eleganz ist die schlechte Übersichtlichkeit nach hinten.

Gefährliche Belastung des Rückens

Natürlich sind nur zwei Türen vorgesehen, da spielt Mercedes nicht herum, wenn es nicht gerade ein CLS ist. Das hat funktionale Nachteile. Die Türen sind 138 Zentimeter breit, das fordert geräumige Parkbuchten und fördert dennoch nicht die Bequemlichkeit beim Einsteigen. Zwar bewegen sich die Vordersitze automatisch nach vorn, aber sie räumen sich elektrisch bewegt sehr langsam aus dem Weg, und der Mensch auf dem Weg zum Rücksitz sollte wegen der niedrigen Einstiegshöhe und des schmalen Raums zwischen Sitz und Karosse über gewisse Reste an körperlicher Geschmeidigkeit verfügen.

Und wenn er hinten sitzt, wird er auch nicht wirklich glücklich. Denn die Kopffreiheit ist stark eingeschränkt, er hat zwar ausreichend Raum für die Knie, muss aber die Beine deutlich anwinkeln. Wobei es hinten ohnehin nur zwei Plätze gibt, das Coupé ist ein Viersitzer.

Aber mit reichlich Stauraum: Hinter dem beim Öffnen unerwartet heftig hochschnellenden Deckel (man kann die dafür zuständige Feder individuell justieren) gibt es eine 1,02 Meter tiefe und 1,10 Meter breite Höhle für junge Bären. Man kann dort auch Gepäck verstauen, aber die Ladeluke ist nur 44 Zentimeter hoch. Deshalb muss man sich weit vorbeugen, was zu einer gefährlichen Belastung des Rückens führt. Die hinteren Sitze sind mit einem Handgriff umgeklappt, dann ergibt sich eine Ladetiefe von 176 Zentimeter.

Geprotzt wird nicht

Für den Fahrer ist alles nach Art des Hauses angerichtet. Er hadert, wie seine Passagiere zwar mit unnötig hart gepolsterten und knapp geschnittenen Sitzgelegenheiten, findet sich aber trotz etlicher Druckknöpfe und -tasten rasch zurecht. Rätsel gibt es, aber man muss sie nicht lösen, weil die dahinter verborgene Funktion für das Fahren nicht wichtig ist.

Der Gurt wird dem Fahrer automatisch gereicht, das ist eine schöne Geste, die man abstellen oder der man zuvorkommen kann. Manche Armaturen wünschten wir uns größer, die Navigationsdarstellung ist gut plaziert, im zentralen Display treten mitunter rätselhafte Symbole auf, sie weisen auf Assistenzsysteme hin, eine hübsch gestaltete Tasse mit offenbar heißem Kaffee steht keineswegs für die Anwesenheit eines entsprechenden Automaten. Es geht wohl um eine Müdigkeitswarnung.

Die Materialwahl scheint fast immer gelungen (Ausnahme: Rückseite der Vordersitze mit hässlich-hartem Plastik verkleidet), alles wirkt hochwertig und ist gut verarbeitet, es gibt etliche praktische Ablagen, der Einrichtungsstil ist eher nüchtern, geprotzt wird nicht, und wenn, dann mit Hightech und mit Leistung.

Beeindruckende Fahrleistungen

Das erfährt vor allem der Fahrer: Das Coupé mag zwar Ausweis für Schönheit sein, das hindert seinen Hersteller aber nicht, den Fortschritt voranzutreiben. Dieser bemüht sich vorzugsweise um die dynamischen Dinge des Fahrens. So offenbart der 3,5-Liter-V6 zwar bei sehr niedrigen Drehzahlen eine gewisse Durchzugsschwäche, aber sie ist nicht dramatisch. Dabei bleibt die Maschine akustisch im Hintergrund, klingt allerdings bei 5000/min etwas angestrengt.

Diese Tourenbereiche muss man nicht aufsuchen, denn die sanft und schnell schaltende Siebengangautomatik hat den richtigen Gang schon zur Hand. Die Fahrleistungen sind beeindruckend, wir kamen in sieben Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h, und 250 km/h scheinen möglich, wegen der Winterreifen beschränkten wir uns auf 240 km/h.

Fortschritt, wie wir ihn lieben

Noch beeindruckender sind die Konsumgewohnheiten des laufruhigen Sechszylinders: Wir erreichten mehrmals Werte von 6,8 oder 7,0 und von 7,9 bis 9,0 Liter auf 100 Kilometer. Dabei sei nicht vergessen, dass dieses Coupé mit Besatzung immerhin rund 1,8 Tonnen wiegt. Auch der Durchschnittsverbrauch von 9,92 Liter liegt viele Technik-Entscheidungen und etliche Investitionsmilliarden unter jenen Werten, die man noch vor zehn Jahren für ein Auto dieses Kalibers zu verzeichnen hatte.

Das ist Fortschritt, wie wir ihn lieben: Der Benziner mit direkter Einspritzung läuft im sogenannten Schichtbetrieb, und das erlaubt ihm – wenn der Fahrer mitmacht und sich mit ruhiger Dynamik begnügt –, auf diese beinahe sensationellen Verbrauchswerte zu kommen. Und dann hat der Fahrer immer noch fast 300 PS in der Hinterhand.

Eleganz auf den zweiten Blick

Die Eigenschaften der Fahrsicherheit und des Komforts sind allesamt untadelig, die Bremsen gehen entschlossen ans Werk, die Lenkung ist eine mustergültige Ausführung zur Vorgabe des Coupé-Kurses, und lange Distanzen werden auch wegen der Abwesenheit bösartiger Windgeräusche bis etwa 160 km/h gern unter die Räder genommen.

Wenn die Schönheit des Autos in Gefahr gerät, dann muss sich dieses Coupé einmischen. Es trägt eine Eleganz, die sich erst auf den zweiten Blick erschließt. Aber dann hat man es schon gefahren, und der Genießer errechnet den Durchschnittsverbrauch, ist es zufrieden und weiß, er ist angekommen.

Daten und Messwerte

Empfohlener Preis 51.408 Euro
Preis des Testwagens 70.382 Euro

Sechszylinder-V-Motor, vier Ventile je Zylinder, Benzin-Direkteinspritzung, 3498 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 215 kW (292 PS) bei 6400/min

Höchstes Drehmoment 365 Nm bei 3000/min, mindestens 90 Prozent davon ab 2000 bis 6200/min

Siebenstufen-Automatik

Antrieb auf die Hinterräder

Länge/Breite/Höhe 4,70/1,79/1,40 Meter

Radstand 2,76, Wendekreis 11 Meter

Leergewicht 1664 (tatsächlich 1730), zulässiges Gesamtgewicht 2140, Anhängelast 1800 Kilogramm; Kofferraumvolumen 450 Liter

Reifengröße 235/45 R 17 W

Höchstgeschwindigkeit 250 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 7,0 s

Verbrauch 6,8 bis 10,3, im Durchschnitt 9,9 Liter Superbenzin je 100 km; 199 g/km CO2 bei Normverbrauch von 8,5 Liter; Tankinhalt 66 Liter

Versicherungs-Typklassen HP 19, TK 25, VK 25

Garantie zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung, 30 Jahre im Rahmen von Mobilo Life bei Mercedes-Service nach Vorschrift, Wartung alle 25.000 km oder jährlich

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Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

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