24.06.2010 · Endlich ist Cabrio-Zeit. Die Luft an sich heranlassen, über Landstraßen flanieren. Im neuen Cabriolet der E-Klasse soll man das auch zu viert besonders gut können, ohne dass es jemandem zu zugig wird.
Von Boris SchmidtMercedes-Benz hatte schon immer ein großes Herz für offene Autos. Selbst in Zeiten, in denen Cabriolets fast aus den Schaufenstern der Neuwagen-Händler verschwunden waren, hielt man dem SL die Treue. Heute, rund 40 Jahre später, könnte man an schönen Sonntagen fast glauben, jedes zweite Auto sei ohne Dach unterwegs.
Die Königin unter den Cabrios kommt seit dieser Saison aus Stuttgart: Es ist die offene Version der Mercedes-Benz E-Klasse. Keines ist größer, und keines gibt sich mehr Mühe, vier Personen jederzeit kommod unterzubringen. Jederzeit, also auch dann, wenn das Verdeck vollelektrisch nach 30 Sekunden unter seiner Klappe im Kofferraum verschwunden ist.
Aircap
Dafür hat man sich eigens den Aircap ausgedacht: Auf Knopfdruck fährt eine Art Spoiler aus der Oberkante der Windschutzscheibe, was zusammen mit einem (stets montierten) kleinen Windschott zwischen den beiden Kopfstützen der hinteren Sitze einen „Warmluftsee“ ergibt, der offenes Fahren ohne diese lästigen Windverwirbelungen bis rund 120 km/h möglich macht. Aircap kostet zusammen mit dem schon bekannten Airscarf, der warme Luft in den Nackenbereich pustet, 1250 Euro Aufpreis.
Windzug
Die Luftmütze bringt tatsächlich einiges an Komfort, wenn wir auch die Begeisterung in anderen Blättern, die über Autos schreiben, nicht ganz teilen können. Abgesehen davon, dass es reichlich widersprüchlich ist, erst ein Cabriolet zu bauen und dann alles zu tun, um den Wind draußen zu halten. Aircap schafft dies tatsächlich (hochgefahrene Fenster vorausgesetzt), auch im Fond ergibt sich eine spürbare Verbesserung.
Dafür aber hat man den hässlichen kleinen Windschott zu ertragen, der zudem der ohnehin schlechten Sicht nach hinten (vor allem bei geschlossenem Verdeck) nicht zuträglich ist. Und der ausgefahrene Spoiler auf der Scheibenkante ist keine Design-Meisterleistung, von innen sieht man ihn aber nicht. Echte Cabrio-Fans werden darauf verzichten und auch über das Angebot eines konventionellen Windschotts für die Rückbank (486 Euro als Zubehör) die Nase rümpfen.
Elektrisches Verdeck
Das elektrische Verdeck (drei Farben im Angebot) kann auch während der Fahrt (bis 40 km/h möglich) betätigt werden. Wer sich von außen anschauen will, wie die Mechanik arbeitet, um das hochwertige, mehrschichtige Stoffdach hervor- oder wegzuzaubern, nutzt die Fernbedienung.
Beim Einsteigen ist es ohnehin von Vorteil, zuvor das Dach zu öffnen. Bei geschlossenem Dach ist ein geschicktes Einfädeln nach hinten verlangt, auch wenn die vorderen Sitze elektrisch (aber sehr langsam) nach vorne rücken.
Platzangebot
Trotz der üppigen Ausmaße ist nicht viel Platz auf den beiden engen Einzelsitzen im Fond, zudem logiert man sehr steil. Besteht der 1,85-Meter-Mann am Steuer auf seiner üblichen Sitzposition, kann hinter ihm kein großer Erwachsener mehr bequem sitzen, die Beinfreiheit tendiert gegen null.
Es macht sich bemerkbar, dass der Radstand von Cabrio und Coupé gegenüber der Limousine um elf Zentimeter verkürzt wurde. Auch die Kopffreiheit ist bei geschlossenem Verdeck nicht üppig, das gilt sogar für die vorderen Passagiere, weil die Frontscheibe so weit nach hinten gezogen ist.
Der Kofferraum hat mit 300 oder sogar 390 Liter für ein Cabriolet ein ordentliches Format, im Boden ist Platz für ein Notrad (83 Euro Aufpreis). Serienausstattung ist dagegen eine kleine Durchreiche für Skier.
Preise
Obwohl es Mercedes-Benz inzwischen längst nicht mehr wagt, für alles und nichts Aufpreise zu verlangen, lässt sich der Endpreis mit vielen verführerischen Extras in große Höhen treiben. Das der Redaktion zur Verfügung gestellte Exemplar kam schließlich auf 72.145 Euro, bei einem Grundpreis von 54.621 Euro.
Für die 17.524 Euro Differenz bekommt man übrigens wunderbar erhaltene E-Klasse-Cabrios aus den neunziger Jahren, aber lassen wir das jetzt. Das günstigste Modell ist der 200 CGI (1,8 Liter Hubraum, Turbo-Benziner, 135 kW/184 PS) für 45.815 Euro. Das Cabrio ist jeweils rund 4500 Euro teurer als die entsprechende Coupé-Variante.
Motor
Der 350 CDI, mit dem die Redaktion gut 2000 Kilometer unterwegs war, ist einer von drei Dieseln im Cabrio-Angebot, dazu gibt es vier Benziner, alle bis auf das Topmodell E 500 (V8, 5,5 Liter Hubraum, 71.519 Euro) schmücken sich mit dem Beinamen „BlueEfficiency“, sollen also besonders sparsam mit Kraftstoff umgehen.
Den 350 CDI hatten wir zuletzt im Winter in der Limousine gefahren (Fahrtbericht: Mercedes-Benz E-Coupé 350). Unter der Haube arbeitet aber kein 3,5-Liter-, sondern „nur“ ein 3,0-Liter-V6-Motor (Turbo mit Direkteinspritzung, erfüllt EU 5), der mit seinen 170 kW (231 PS) und vor allem dem fulminanten Drehmoment von 540 Newtonmeter mit dem schweren 4,80-Meter-Wagen leichtes Spiel hat.
Allenfalls eine klitzekleine Anfahrschwäche lässt sich attestieren. Das Triebwerk geht eine wunderbare Kombination mit der nahezu perfekten Siebengang-Automatik ein, die über einen Wahlhebel in der Mittelkonsole bedient wird (in der Limousine am Lenkrad).
Geräusche
Dass Diesel und Cabrio nicht zusammengehören, ist ein altes Vorurteil, das längst widerlegt ist. Der Motor ist akustisch sehr zurückhaltend, selbst bei offener Fahrt stört er nie. Geschlossen bleibt es selbst bei hohem und höchstem Tempo (250 km/h Spitze) relativ leise.
Verbrauch
Was die Effizienz angeht, hatten wir mit der Limousine einen Mindestverbrauch von 6,6 Liter nach einer Sparfahrt auf der Autobahn mit maximal 120 km/h ermittelt. Der Gesamtschnitt betrug hier 9,2 Liter. Jetzt kamen wir mit dem Cabrio auf 8,8 Liter Diesel auf 100 Kilometer.
Fahrverhalten
Unterwegs gibt es sich sehr verwindungssteif, die Federung ist vielleicht einen Tick zu straff, der gesamte Habitus ist aber hinreichend sportlich (Parameterlenkung ist beim 350 CDI Serie). Der große Wendekreis stört etwas, am übrigen Fahr- und Bremsverhalten gibt es nicht das geringste Bisschen auszusetzen.
Sicherheitstechnik
Die viele innovative Technik der neuen E-Klasse (seit Frühjahr 2009) ist selbstverständlich auch im Cabrio zu haben. Vor allem „Distronic Plus“ (1855 Euro) ist zu empfehlen. So hält der Wagen bei Einsatz des Tempomaten (Serie) stets ohne Zutun des Fahrers den richtigen Abstand und bremst im Notfall von selbst.
Die Warnung (zunächst optisch, dann akustisch) vor zu geringem Abstand erfolgt auch, wenn das eigentliche System nicht aktiviert ist. Sollte es mal nicht reichen, verfügt der Mercedes über eine ganze Batterie von Airbags, und auch gegen einen Überschlag ist das Cabrio gerüstet.
Nicht zufrieden waren wir mit dem serienmäßigen Fernlichtassistenten. Der soll eigentlich dafür sorgen, dass der Gegenverkehr nicht geblendet wird. Verhindert aber manchmal die Benutzung der Fernscheinwerfer, weil die Elektronik offenbar Gegenverkehr wahrnimmt, den es nicht gibt.
Armaturen
Nicht jedem wird auch die eher nüchterne und kantige Gestaltung des Armaturenbretts gefallen. Die Verarbeitungsqualität hat sehr hohes Niveau. Die schlecht schließenden Türen sind ein Dauer-Minus bei Mercedes-Benz.
Fazit
Aber das sind Kleinigkeiten. Das große Cabrio ist sein Geld wert. Wer im offenen Wagen über Berlins Boulevards flaniert, für den glüht der Himmel besonders blau.
Daten und Messwerte
Empfohlener Preis 54.621 Euro
Preis des Testwagens 72.145 Euro
V-Sechszylindermotor, Common-Rail-Einspritzung, Turbolader, vier Ventile je Zylinder, 2987 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 170 kW (231 PS) bei 3800/min
Höchstes Drehmoment 540 Nm bei 1600 bis 2400/min, 90 Prozent davon ab 1300 bis 4200/min
Automatik-Getriebe mit sieben Stufen
Antrieb auf die Hinterräder
Länge/Breite/Höhe 4,70/1,79/1,40 Meter
Radstand 2,76, Wendekreis 11 Meter
Leergewicht 1770 (tatsächlich 1820), zulässiges Gesamtgewicht 2295, Anhängelast 1800 Kilogramm, Kofferraumvolumen 300 bis 390 Liter
Reifengröße 235/45 R 17
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 7,0 s
Verbrauch 8,5 bis 9,3, im Durchschnitt 8,8 Liter Diesel je 100 km; 189 g/km CO2 bei Normverbrauch von 7,2 Liter; Tankinhalt 66 Liter
Versicherungs-Typklassen HP 19 , TK 25, VK 26
Garantie zwei Jahre, vier Jahre Mobilitätsgarantie ohne Kilometerbegrenzung, bis 30 Jahre auf Durchrostung bei regelmäßigem Service, Intervall einmal jährlich oder alle 25.000 Kilometer