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Fahrtbericht Mercedes-Benz B 180 CDI Die neuen Tugenden verstehen lernen

08.01.2012 ·  Mercedes-Benz hat die B-Klasse umgekrempelt. Länger ist sie geworden, flacher und sportlicher, heißt es. Den Kunden hat man nicht gefragt. Dem Basismodell fehlt es etwas an Leistung, es ist alles andere als ein Sports Tourer.

Von Boris Schmidt
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© F.A.Z, Mercedes Fahrtbericht Mercedes B-Klasse: Die neuen Tugenden verstehen lernen

Die A-Klasse war einst eine Revolution im Hause Daimler. Ohne Not wagte man sich auf unbekanntes Terrain, und fast wäre alles an dem schwedischen Journalisten Robert Collin gescheitert, der den Bonsai-Benz Ende 1997 bei einem harmlosen Ausweichtest aufs Dach legte. Heute ist das fast vergessen, die Einschätzung eines Mercedes-Managers wenige Wochen später auf der Automesse in Detroit - "Wir werden gejagt bis ans Ende der Zeit" - hat sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil. Die A-Klasse wurde doch noch ein Erfolg, und wer A sagt, muss auch B sagen: 2004 schickte man einen größeren, aber immer noch kompakten Minivan ins Rennen, der zwar wie alles aus Stuttgart sehr teuer war, aber dennoch vom Kunden sehr gut angenommen wurde. 2011 (bis Ende November) war die scheidende B-Klasse mit reichlich 27 000 Zulassungen Nummer 3 bei den Minivans hinter dem VW Touran (fast 52 000) und dem Opel Meriva (gut (38 000), aber vor dem Ford Focus C-Max (fast 25 000).

Offenbar sprach die schnörkellose Form die Käufer an, und in dieser Hinsicht muss jetzt bei der zweiten Generation des B-Mercedes umgelernt werden. Er ist nicht nur neun Zentimeter länger und vier Zentimeter flacher als bisher, die Frontpartie bis zur A-Säule hängt wie ein Fremdkörper am Rest des Wagens, und über die ellipsoide Gestaltung der Scheinwerfer lässt sich auch streiten. Zwar versöhnt das klassisch-konservative Heck eben jenen k. k.-Kunden, bei uns fällt die Form aber dennoch durch.

Ein talentierter Minivan mit zwei Sitzreihen

In Stuttgart ist man aber fest überzeugt, dass die Kunden jetzt einen neuen sportlichen Anspruch haben, und man spricht bei der B-Klasse offiziell von einem "Sports Tourer" (nennt Opel seine Kombis nicht so?). Wenigstens stellt Mercedes die B-Klasse nicht so völlig auf den Kopf wie die kommende A-Klasse, deren Ankündigung als sportliches Kompaktauto à la Golf GTI sofort die Gebrauchtwagenpreise für die jetzige steil nach oben schnellen ließ.

Die neue B-Klasse bleibt dagegen erst einmal ein talentierter Minivan mit zwei Sitzreihen, der familientauglich ist, solange man nicht drei Kindersitze auf der Rückbank unterbringen muss. Das geht nämlich nicht, ohnehin ist der Mittelplatz im Fond wie in fast jedem Auto nicht viel mehr als ein Notbehelf. Sonst kann man sich über das Platzangebot in der zweiten Reihe nicht beschweren. Die Beine kommen gut unter, den Kopf kann man hoch tragen. Der Einstieg erfolgt durch weit öffnende Türen, leider kosten die Klapptische an der Rückseite der Vordersitze, auf die Kinder großen Wert legen, mercedes-typisch Aufpreis (226 Euro zusammen mit einigen anderen Details). Die Rückbank ist asymmetrisch geteilt klappbar, es entsteht aber keine ebene Ladefläche, weil ein Versteifungsrohr, an dem auch die Halterungen für die Kindersitze festgemacht sind (Isofix), quer über den Wagenboden läuft.

Für 77 Euro Aufpreis gibt es ein "Laderaumpaket" mit dann erhöhtem Boden, das auch den Niveau-Unterschied zwischen der unteren Heckkante und dem eigentlichen Boden aufhebt. Wer die 77 Euro sparen will, muss Ladegut immer über eine rund 15 Zentimeter hohe Kante nach draußen lupfen. Im Übrigen ist unter dem tiefen Boden noch ein weiteres Staufach für Krimskrams, Tirefit oder den Subwoofer wie bei unserem Testwagen. Ein Ersatzrad kann man nicht bestellen, aber Runflat-Reifen. Der gesamte Laderaum (ordentliche 488 Liter Volumen) ist schön verkleidet, rechts und links in den Seitenwänden gibt es noch zwei Staufächer. Wenn man sie öffnet, blickt man auf etliche Kabelstränge, die völlig ungeschützt ihrer Funktion nachkommen müssen.

Frisch gestylt

Eine Abdeckung für den Laderaum muss man nicht extra bezahlen, aber der Luxus, sich zumindest gegen Aufpreis die Heckklappe elektrisch öffnen zu lassen, ist nicht zu haben. Jetzt könnte man der B-Klasse ihre mangelnde Variabilität vorwerfen, aber für 672 Euros hat Daimler das Easy-Vario-Plus-System parat. Dann ist die Rückbank verschiebbar, es gibt eine Armlehne, und die Beifahrerlehne kann nach vorn gelegt werden. Das maximale Ladevolumen für die B-Klasse als Zweisitzer beträgt dann 1545 Liter.

Auf den Vordersitzen kommen Mama und Papa (können wir uns einen Außendienstler mit einer B-Klasse vorstellen?) sehr gut unter, etwas anderes darf man auch nicht erwarten. Das Armaturenbrett ist frisch gestylt, das geht zugegebenermaßen schon in Richtung Sport. Der Schirm für das Navi (oder das serienmäßige Audio-System) ist riesengroß und wirkt wie ein aufgepfropfter Fremdkörper.

Für die Bedienung hat sich Mercedes-Benz bei der B-Klasse mit Automatik für einen Getriebewählhebel am Lenkrad entschieden, wir mögen das. Im Testwagen war statt eines manuellen Sechsgang-Getriebes eine Siebengang-Doppelkupplungsbox installiert (2166 Euro Aufpreis, Tempomat inklusive), die klaglos funktionierte. Sogar das automatische Starten und Stoppen vor der roten Ampel klappte prima. Wer nicht will, dass der Motor ausgeht, muss nicht ganz so fest aufs Bremspedal drücken. Im Übrigen schaltete das Getriebe weich und kaum merklich.

Angedichtete Tugenden

Allzu viel Kraft an die Vorderräder zu schicken gibt es ohnehin nicht, der B 180 CDI markiert in Sachen Leistung die Basis, 80 kW (109 PS) hat heute jeder bessere Kleinwagen, Rennen fahren kann man mit dem B 180 nun wirklich nicht. Das muss auch nicht sein, gewiss, und eine Höchstgeschwindigkeit von 190 km/h reicht für ein Familienauto, viel wichtiger ist das relativ üppige Drehmoment des Diesels, das für eine gute Beschleunigung von unten heraus sorgt. Aber mehr als Mitschwimmen im Verkehr ist kaum möglich, was an dieser B-Klasse "sportstourig" sein soll, hat sich uns nicht erschlossen. Vielleicht meinen die Stuttgarter die Möglichkeit, ein Sportfahrwerk zu bestellen und damit dem recht passablen Federungskomfort zu Leibe zu rücken. Dass der Wagen mit seiner sehr direkten und dynamischen Lenkung sehr gut zu beherrschen ist und sich auch in Kurven lammfromm verhält, setzen wir ebenso wie perfekte Bremsen voraus. Aber niemand kauft sich ein Auto wie die B-Klasse, wenn er sportlich fahren will.

Will er sparen, läge er schon eher richtig. Ohne große Passivität an den Tag zu legen, kamen wir auf den einzelnen Etappen meist auf Verbräuche zwischen sechs und sieben Liter auf 100 Kilometer. Genau 6,0 Liter waren es auf einer Fahrt durch die tempolimitierte Schweiz.

Beim Basispreis haben die Kalkulatoren aus Stuttgart ebenfalls den Rechenstift angesetzt. Die neue B-Klasse ist billiger als die alte und kostet als 180 CDI 27 578 Euro, und das bei guter Ausstattung (vier elektrische Fensterheber, Klimaanlage, Zentralverriegelung und vieles mehr). Dennoch muss man aufpassen, nicht zu sehr den Verführungen der Aufpreisliste zu verfallen. Unser Wagen kam auf einen Endpreis von 44 762 Euro. Größer Einzelposten war das Navi für mehr als 3000 Euro.

Die neue B-Klasse ist gewiss ein gutes Auto, doch die Tugenden, die Stuttgart dem Modell andichtet, muss man erst noch verstehen lernen. Das Jahr ist ja noch jung.

Empfohlener Preis 27 578 Euro
Preis des Testwagens 44 752 Euro
Vierzylinder-Reihenmotor, Diesel, vier Ventile je Zylinder, Turbo, Hubraum 1796 Kubikzentimeter
Leistung 80 kW (109 PS) bei 3200 bis 4600/min
Höchstes Drehmoment 250 Nm von 1400 bis 2800/min, 90 Prozent davon ab 1200 bis 3500/min
Doppelkupplungsgetriebe, 7 Stufen
Frontantrieb Länge/Breite/Höhe 4,36/1,56/1,79 Meter
Radstand 2,27, Wendekreis 11 Meter
Leergewicht 1400, zulässiges Gesamtgewicht 2030, Anhängelast 1200 kg, Kofferraumvolumen 486 bis 1545 Liter
Reifengröße 195/65 R 15
Von 0 auf 100 km/h in 11,05 s
Höchstgeschwindigkeit 190 km/h
Verbrauch 6,0 bis 8,1, im Durchschnitt 6,8 Liter Diesel je 100 km; 122 g/km CO2 bei Normverbrauch von 4,6 Liter, Tankinhalt 50 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 17, TK 21, VK 20
Garantie zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung, 30 Jahre gegen Durchrostung bei regelmäßiger Wartung in autorisierten Werkstätten. Wartung nach Anzeige.

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Jahrgang 1959, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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